Neulich erst hatte ich bei einem Brand den Unterschied zwischen einem Weinbrand und einem Traubenbrand diskutiert, mit dem Seitenhinweis, dass man echte Traubenbrände nicht so häufig finden kann wie Wein- oder Tresterbrände. Dabei, so habe ich festgestellt, mag ich die starken Aromen eines solchen Volltraubenbrands durchaus sehr, er geht im Vergleich zu den anderen beiden Kategorien deutlich mehr in die Obstbrandrichtung, und ein guter Obstbrand, naja, was soll ich da noch sagen, das ist wahrscheinlich die tollste Spirituose, die es auf der Welt gibt. Nun, ein paar Wochen später stehe ich hier und stelle wieder mal einen Traubenbrand vor – den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka, den ich von meinem letzten Ungarnurlaub mitgebracht hatte. Schlüsseln wir erstmal den fremdartigen Namen auf.
Panyolai ist der Name der Brennerei, Elixír nennen sie ihren Feinbrand. Szőlő heißt letztlich einfach „Traube“, und Irsai Olivér ist die Rebsorte (da die Ungarn Vor- und Nachnamen auch umgekehrt notieren, kennt man sie in Deutschland vielleicht eher unter der Bezeichnung Oliver Irsay). Die weiße Rebsorte mit leichtem Muskataroma ist eine ungarische Kreuzung und in den Regionen der ehemaligen Habsburgmonarchie beliebt – und so findet sich natürlich schnell ein Brenner in Ungarn, der diese Trauben zu einem Pálinka verarbeitet. Bei Panyolai Szilvórium, so der vollständige Firmenname, machen sie seit 2002 Pálinkas, und die erkennbare Flaschenform findet man in vielen Sorten überall in den Läden in Budapest. Der hier vorgestellte Brand ist mit 43% Alkoholgehalt abgefüllt.
Die kristallklare Erscheinung und die deutliche Öligkeit habe ich so erwartet, das entspricht der Typizität eines Pálinka. In einem Verkostungsglas schwenkt sich das sehr angenehm, man betrachtet gern den dicken, schlierigen Film, der sich über die ganze Glaswand bildet, bevor er sich aufspaltet und gemächlich abläuft.
Währenddessen hat man schonmal die Gelegenheit, die Nase ins Glas zu halten. Da kommt einem eine vollfruchtige Attacke entgegen, richtig kräftig traubig, da bin ich nun aber doch überrascht worden. Grün, leicht malzig, leicht hefig, ein bisschen tresterig – aber die Traubenfrucht dominiert doch am Ende voll, und auch der Muskatduft kommt erkennbar durch. Frisch und doch auf seine eigene Art schwerduftend, mit einem winzigen Anteil von Ethanol, wenn man ganz tief schnuppert. Doch jener zwickt nicht, sondern gehört mit zum runden Bouquet, das mir sehr gefällt und in seiner Expressivität beeindruckt.
Zunächst spürt man am Gaumen eine dichte Textur, weich, voll und kräftig strukturiert. Das wirkt hier gar nicht mehr so grün und frisch, sondern mehr würzig und starksüß, mit einem krassen Volumen, das sich über den ganzen Mundraum ausbreitet. Die Süße ist wirklich heftig, wirkt dabei aber natürlich und fruchtig, überhaupt nicht pappig, und wird durch einen kleinen Säureanteil etwas abgefedert. Im Verlauf kommt insbesondere die Würze immer stärker zum Tragen, das geht fast ins Gewürzige über, mit Eindrücken von geröstetem Karamell, Zimt und etwas Kokosnussschale, sowie Muskat. Weiterhin bleibt aber die Traubigkeit schön im Vordergrund, sehr aromatisch und vollmundig, mit einem Alkoholgehalt, der das ideal unterfeuert und den Mund leicht aufwärmt. Der Abgang ist sehr lang, getragen von der feinen, eleganten Wärme, die die Schwere mildert; eine wirklich spannende, angenehme, aber durchaus wuchtige Struktur, die am Ende in Aromen von Rose, Pfingstrose, Hagebutte und etwas Zitronengras mündet.
Bei Pálinka ist normal die klare, manchmal etwas harte Linie ein bestimmendes Element, hier geht man eher auf in Dichte und Trinkigkeit. Ein wirklich sehr spannender Brand, voller Kraft im Gesamtkörper, dabei immer noch auf eine paradoxe Art feingliedrig in den Details. Sehr hübsch, das trinkt sich wirklich gut und gefällt, wenn man sich darauf einlässt, und wenn man Brände wie Pisco mag, wird man den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő ebenso fest ins Herz schließen können, da bin ich mir sicher.
Die eben angesprochene aromatische Verwandheit zu Pisco machte es mir doch einfacher, ein Rezept zu finden, das zu diesem Brand richtig gut passt. Man ersetze einfach im The Artist’s Muse den Pisco durch die gleiche Menge an Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka. Wunderbar spielt die erhöhte, direktere Traubigkeit in die Hände der Pfirsichfrucht und der Bittere des Enzians – hier ergänzen sich die Zutaten wirklich spektakulär.
The Artist’s Muse
1oz / 30ml Pisco
1oz / 30ml Enzianlikör
½oz / 15ml Pfirsichlikör
¾oz / 23ml Zitronensaft
⅓oz / 10ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Maggie Eckl]
Die Halbliterflasche hat Wiedererkennungswert, das hatte ich zu Beginn ja schon angesprochen – sie steht in der Tradition der hohen, sehr schlanken Flaschen, die überall auf der Welt scheinbar für Obstbrand gesetzt sind, hat aber doch ein bisschen Schwung bekommen. Edel und angenehm zurückhaltend zeigt sich das Etikett, das auch als kleinen Kniff auf der Rückseite einen ungarischen Sinnspruch zeigt. Der Plastikkorken zieht sich leicht und verbirgt dabei sogar eine gut funktionierende Ausgießhilfe.
Da es demnächst wieder einen kleinen Ausflug nach Ungarn geben wird, bin ich mir sicher, dass ich noch eine Flasche dieses Brenners mitbringen werde. In Ungarn ist Pálinka gar nicht mal teuer, auch der sehr hochwertige, insbesondere, wenn man das Preisleistungsverhältnis betrachtet – vielleicht springen also sogar zwei Flaschen raus.


