Koriander und Orangenschale sind natürliche Zutaten, die gerade in belgischen Bieren sehr gerne eingesetzt werden. Ich kenne genug Reinheitsgebotsanhänger, die sich wegen derartiger Zutaten echauffieren, die hochindustrialisierten Beigaben in vielen deutschen Bieren, die nach Reinheitsgebot gebraut sind, aber geflissentlich ignorieren. Jeder, der sich hier angesprochen fühlt, sollte sich fragen, ob es nicht besser ist, mehr Zutaten zu erlauben, die dann aber natürlich sind, und stattdessen die ganzen Industriehilfsmittel zu verbieten, wenn man schon die Verbotsschiene fahren muss. Zumindest den falschen Mythos des RHGs sollte heutzutage aber niemand mehr glauben, das ist reines Produktmarketing ohne Hintergrund. Um zu prüfen, dass Bier auch mit Koriander und Orangenschalen toll schmecken kann, stelle ich heute das Binchoise Artisanal Belgian Ale aus der gleichnamigen Brasserie La Binchoise vor.
Ich habe den Kronkorken gelöst, und mir kam fast die halbe Flasche des Biers im Strahl entgegen – das war das krasseste Gushing, das ich bisher erlebt habe, also Vorsicht! Mit im Glas ist dann auch ziemlich viel bröckelige Hefe gelandet (das Bier ist unfiltriert). Das trübt das Bier im Wortsinn ein, das Kupfer bleibt dennoch ansatzweise durchscheinend, und der Schaum ist sehr fein (der, der auf der Küchenzeile gelandet ist, war das übrigens auch).
Der Geruch ist getreidig, mit leicht zitrusfrischen Spitzen, ohne wirklich fruchtig zu wirken. Ein leicht metallischer Ton ist dabei, und die Hefe nimmt man auch wahr. Ansonsten bleibt das Binchoise unauffällig für die Nase, weder Orangenschale noch Koriander kann ich erschnuppern.
Im Mund hat man dann die typische, schöne Textur eines belgischen Dubbels, mit viel Cremigkeit und weichen Rundungen, die durch rezente Frische aufgeleichtert wird. Gute Bittere zeigt sich dazu ziemlich schnell, im Verlauf zunehmend, bis sie im Abgang fast etwas im Rachen kratzt. Leichte Gewürznoten nach Nelken und Muskatnuss schmeckt man, doch Getreide ist klar dominant, selten erlebe ich das in dieser Konsequenz, und die Hefe steht dem kaum in etwas nach – das fühlt sich im Mund fast wie Brotteig an. 6,2% Alkoholgehalt sind typisch und geschmacklich nicht störend erkennbar. Der Abgang ist mittellang und weiterhin von diesen letzten Eindrücken getragen. Auch hier: Koriander und Orangenschale ist kaum wahrnehmbar für mich, zweiteres höchstens durch die zestige Bittere.
Ein süffiges Bier, wie gesagt deutlich vom Basismaterial getragen, etwas, was ich durchaus zu schätzen weiß. Nichts dramatisches, außer dem Gushing natürlich, aber sehr angenehm zu schlürfen – bei der nächsten Flasche passe ich mehr auf, dann hab ich auch mehr im Glas nachher.
