Artificial Intelligence, der Leser, und dieser Blog

AI hat gewonnen

tldr; AI-Verdichtung nimmt den Contentblogs die Zugriffe. Content-Konsumgewohnheiten ändern sich immer mehr. Auch schlimmerdurst ist von beiden betroffen, und ich erkläre die Änderungen, die in Zukunft hier deswegen passieren werden.

Jeder Entwickler großer Codebases mit mehr als trivialkomplexer Struktur kennt den Vorgang. Das erste, was man morgens tat, war Stackoverflow zu öffnen, denn man wird im Laufe des langen Bugfixing- und Entwicklungstags in ein Problem laufen, das man nur durch Nachdenken nicht wirklich lösen können wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderes dasselbe Problem schon hatte und sogar eine Lösung, oder zumindest einen klugen Hinweis liefert, ist aber hoch, und stackoverflow.com war die Plattform dafür. Die Zeiten haben sich geändert, Stack Overflow kollabiert. Die Gründe? Zu wenig neuer Content, schwindende Besucherzahlen, eine Änderung der Arbeitsweise eines modernen Entwicklers. Eine Kette aus Entwicklungen, die die AI-Revolution mit sich bringt.

Ich bin doppelt davon betroffen, denn auch ich als Softwareentwickler muss mich dem anpassen. Neuen Code schreiben tut man eh nicht mehr, und auch Bugfixing ist bei Claude besser aufgehoben, Stack Overflow habe ich seit Monaten nicht mehr aufgerufen. Die andere, zweite Seite ist mein Blog über Spirituosen, der aktuell denselben Weg geht wie Stack Overflow. Ich habe neulich von einem Statistiker gehört, dass sich unabhängige Webseiten in Zeiten von AI-Scrapern grundsätzlich warm anziehen werden müssen – dass 95% der Menschen sich völlig ausreichend informiert fühlen, wenn sie die drei, vier Sätze der KI-Zusammenfassung in Google lesen, und die Links darunter, und selbst die Quellenangaben, ignorieren.Tatsächlich spüre ich in meinen Blogstatistiken diesen Effekt deutlich, es werden über die letzten 12 Monate immer weniger Hits, die Zugriffszahlen gehen zurück, konstant im (langsamen) Abwärtstrend. Das Jetpack-Modul zeigt mir nur die Treffer menschlicher Leser an, und die Statistik gibt mir ehrlich zu denken. Der Löwenanteil der bestehenden Treffer kommt über die Google-Suche – wenn Google bald aufhört, überhaupt noch klickbare Links zu präsentieren und sich komplett auf die AI-Summary konzentriert, wird dies noch schlimmer werden. Ich bin, nach Gesprächen mit Kollegen und Bekannten, nicht der einzige, dem das gerade so passiert. Ich schreibe das nicht alles Google zu, denn ich stelle oft fest, dass zum Beispiel bei Facebook, wo ich eine Kurzversion der Einleitung meiner Artikel poste, oft nachgefragt wird „und, wie fandest du den Rum?“, oder ein Kommentar kommt, bei dem klar ist, dass der Artikel selbst nicht gelesen wurde – obwohl direkt darunter der Link ist, in dem alles ausführlich beschrieben wird. Es besteht seit langem kein Interesse mehr daran, sich etwas selbst zu erarbeiten, sondern alle wollen es auf einen Blick serviert bekommen (den Tag tldr; gibt es ja nicht erst seit gestern), und dahingehend macht Google dann alles richtig.

Ich will die AI oder die veränderten Content-Konsumgewohnheiten nicht verteufeln oder nur die Kulturpessimismuskarte spielen. Ich sehe die Vorteile, die gerade diese neuen Technologien bringen können, zu deutlich (und das Titelbild dieser Geschichte habe ich mir auch generieren lassen, und bin belustigt, was herausgekommen ist). Und da gleichzeitig die echten Menschen im Generellen nicht mehr die Geduld für diese nun von der AI gemachte intellektuelle Verdichtungsarbeit haben, und dazu offensichtlich sowieso weniger Interesse an im Speziellen meinen text- und formulierungsdichten Beiträgen, muss ich auch selbstkritisch sein, und wähle ich eine Strategie, bei der ich weiterhin tun kann, weswegen ich meinen Blog gestartet hatte – für mich selbst ein Tastingtagebuch zu führen – und spare mir meine offensichtlich nur noch als Machine-Learning-Input nützlichen Sammlungen von Hintergrundinformationen, Erklärungen zu Kategorien, Aufrufe zur Transparenz und Qualität, und die Reiseberichte. Der moderne Spirituosenkonsument ist eh bereits jetzt viel aufgeklärter, als er es vor über 10 Jahren war, als ich das Schreiben hier anfing, und ich bilde mir ein, ein bisschen dazu beigetragen zu haben.

Change is good, eines meiner Lebensmottos, sich wegducken und verweigern bringt einen ja nicht weiter. Also ändere ich meine Herangehensweise an meinen Blog. Er wird nicht so laberig wie früher sein. Die wöchentliche Veröffentlichung von zwei Artikeln ändere ich zu einem grob getakteten Sammelartikel, in dem ein paar bunt gemischte Produkte, die ich in einem gewissen Zeitraum probiert habe, kurz beschrieben werden. Es wird, nach über 10 Jahren, eh mal Zeit für frischen Wind im Blog, und damit kann ich das elend lange Backlog gleich mitaufräumen. Ich gehe also nicht weg, verfolge die Situation gespannt und genieße weiterhin gute Destillate, Biere und… Nein, die zwei Beispiele müssen reichen, sonst sagt man mir nach, das sei ein AI-generierter Text. Und wenn die AI-Blase platzen sollte, überdenke ich das alles hier vielleicht nochmal, wobei sogar dann die „alte Welt“ nicht zurückkehren wird, eine Leselust wird sich nie wieder einstellen, dazu gibt es zu viele Video-Marktschreier bei YouTube, die ihre persönliche Meinung als Objektivität und Unabhängigkeit verkaufen und damit genug Leute in ihrem Wunsch nach polarisierenden, einfach konsumierbaren „Wahrheiten“ befriedigen. Die Geschwindigkeit, in der sich in der Welt gerade alles in beliebige Richtungen dreht und wendet, macht Voraussagen aber sowieso volatil. Worüber ich mir nie unklar bin: Mit einem guten Rum oder Obstbrand bleibt man gelassen, wen es interessiert, was ich dafür so trinke, weiß ja, wo man mich weiterhin findet. Und für ein echtes, ehrliches Gespräch bin ich eh immer zu haben. Und wer es bis hierher geschafft hat, mitzulesen, dem gebe ich beim nächsten Treffen gerne ein Bier aus.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

Ein Kommentar zu “Artificial Intelligence, der Leser, und dieser Blog

  1. Der Preis der Plug&Play Generation. KI Wissen ersetzt das angelesene Halbwissen aus Illustrierten.
    Wissen ist Macht, nichts Wissen macht Dank KI auch nichts mehr aus.
    Fundiertes Wissen ist unötiger Ballast und wird als „Unsicherheit“ mit der Materie abgetan.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrem Blog Stärke und Durchhaltevermögen. Ich lese ihn und nehme Ihr fundiertes Wissen gerne an.
    Herzlichst
    Wolfgang

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