Rückkehr nach Lissabon – Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve

Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve Titel

Es ist in Kürze soweit – meine zweite Reise nach Portugal steht an. Es geht diesmal erst ein paar Tage nach Lissabon, reiner Urlaub ohne Spirituosenbezug, mit ein paar Freunden, und danach von dort weiter zum Rum Festival auf die Insel Madeira. Mein erster Besuch in Lissabon hat mir sehr gefallen, eine wirklich ausgesprochen schöne Stadt, die unterschwellig gefühlt zwar ihre besten Tage hinter sich hat, aber weiterhin mit einer atemberaubenden Architektur und tollen Sehenswürdigkeiten punktet. Der Lebensstil dort fühlt sich außerdem sehr entspannt an, etwas, was ich immer genieße und mich daran erfreue, insbesondere, wenn diesmal kein Terminstress oder Verkostungsarbeit drohen. Wie bereitet man sich auf so eine Reise vor? Indem man endlich mal den Likör, den man bei der letzten Reise mitgebracht hatte, verkostet und vorstellt: den Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve. Wird auch ehrlich Zeit.

Ginja, oder Ginjinha (was nichts mit Gin zu tun hat), ist eine traditionelle Spezialität der Stadt, ich bin an der Bar, die es seit 1840 in Familienbesitz gibt, vorbeigelaufen und habe dort die klassische Variante „auf die Hand“ im Stehausschank probiert. Der Blended Reserve, den ich heute zeige, stammt nicht aus Lissabon, sondern aus Óbidos, einem Ort nördlich von Lissabon. Es ist eine besondere Variante und eine limitierte Auflage, 5000 Flaschen wurden erzeugt, Nummer 2054 habe ich zuhause. Er hat mit 20% einen höheren Alkoholgehalt als üblich, und wird, das ist der Clou, 12 Monate in französischer und amerikanischer Eiche gereift, was ihn herber und weniger süß machen soll, eine Eigenschaft, die meinem Geschmack durchaus entgegenkommen würde. Die Sauerkirschen für diesen Likör wurden 2017 geerntet, abgefüllt wurde er 2020, und schon 6 Jahre später probiere ich ihn für meine Leser!

Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve

Die Farbe ist auf den ersten Blick fast schwarz, in den Lichtreflexen und bei Gegenlicht sieht man aber ein tiefes Rubinrot, das auch kristallklar ist und wirklich wie ein Edelstein leuchtet. Am Flaschenboden sieht man, wenn man die Flasche von unten anschaut, auch noch ganze Kirschen liegen – ich gehe davon aus, dass die Farbe natürlich entstanden ist, da auch keine Farbstoffe angegeben sind. Für einen Likör wirkt die Flüssigkeit lebendig, erstmal nur wenig viskos, doch beim Drehen bleiben üppige Filmartefakte an der Glaswand.

Auch die Nase scheint sofort recht natürlich. Da ist kein sich aufdrängendes künstliches Kirscharoma, wie man es woanders her kennt, sondern ein tiefes, fruchtfleischiges und durchaus auch steiniges Aroma, sehr direkt Sauerkirschen, die ganze Frucht. Ein paar florale Beitöne kommen dazu, und eine durchaus gewürzige Komponente, die das über einen Sirup oder ein Glas eingelegter Kirschen hinaushebt; ein Hauch Kardamom, ein bisschen Muskatnuss, und etwas sanftes, aber effektives Holz. Das hat richtig viel Charme, weil es erwachsener wirkt als viele Massenmarkt-Kirschliköre, auch wenn ich rein von der Nase her noch nicht wirklich von hoher Komplexität sprechen will.

Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve Glas

Die Textur ist auch am Gaumen eher leicht, hat zwar Charakter, aber keine echte Breite oder Tiefe. Die einem Likör angemessene Süße ist gut ertragbar, nicht pappig, und durch die natürliche Säure der Kirschen recht gut ausbalanciert. Und nochmal verwende ich das Wort „natürlich“, denn tatsächlich hat man hier wirklich schöne, echte Kirscharomen, richtig voll und kräftig, dabei aber auch mit einer knackigen Frische, wie die Frucht eben sein soll. Ein Hauch Stein ist dabei, aber wirklich nur minimalst in Form von einer Idee von weicher Mandel, viel stärker ist der Eindruck von Holzreifung, der aber die Frische und Fruchtigkeit nie angreift, sondern erst im Nachgang ein bisschen Herbe und Trockenheit ins Gesamtbild bringt. Der Abgang ist kurz, fruchtig, mildbitter, und sogar fast ein bisschen pikant, hinterlässt auch dann keine Klebrigkeit, sondern eine angenehme, sehr dezente Wärme.

Diesen Likör kann man wirklich pur schlürfen und genießen, der ist hervorragend balanciert und präsentiert die Sauerkirsche in einer wunderbaren Form, reif und edel, und ohne jede Künstlichkeit. Großartig und ein kleines, in dieser Form wirklich unerwartetes Juwel.


Die Regelung bei Rezepten ist oft ähnlich – erstmal werden die härteren Zutaten erwähnt, dann Liköre, sogar wenn sie mengenmäßig gleichberechtigt sind. Darum wird der Gin vor dem Kirschlikör genannt im Xanthia, auch wenn er aromatisch kaum eine Chance gegen die Liköre hat. Wie üblich verwende ich grüne Chartreuse auch in Rezepten, die nach der gelben Variante verlangen – der Drink wird dadurch herbaler und griffiger, etwas, was gar nicht schadet, wenn zwei Drittel aus Likören bestehen, und der Mariquinhas hilft bei dieser Sache ebenso.

Xanthia Cocktail

Xanthia
¾oz / 23ml Dry Gin
¾oz / 23ml Kirschlikör
¾oz / 23ml Chartreuse jaune
2 Spritzer Abbotts Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche habe ich bei der Rückreise von Lissabon vor ein paar Jahren im Duty-Free-Shop mitgenommen. Eine knuffige Flaschenform mit einem recht aufsehenerregenden Echtkorken macht was her, diese seltsamen Kartons mit Durchblick mochte ich eigentlich nie, sie werden in praktisch allen Fällen einfach entsorgt, denke ich, denn im Gegensatz zu echten Kartons oder Dosen ist der dekorative Aspekt überhaupt nicht gegeben, wenn die Flasche mal raus ist.

Vergleicht man diesen Likör mit den beliebten Massenmarkt-Platzhirschen hierzulande, wie zum Beispiel Eckes Edelkirsch, ist das gar kein Wettbewerb, da liegen tatsächlich Welten in Qualität, Aromatik und Ausführung dazwischen. Der eine ist dünn, sprittig, aromenarm; der Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve ist eine Spirituose, die alles in jeder Beziehung besser macht. Und zwar nicht in Details, sondern massiv. Ich lege diesen Likör jedem ans Herz, der Kirschen mag.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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