Ich gebe zu, ich bin botanisch ein echter Laie. Es interessiert mich aber durchaus, was man so wachsen sieht, am Wegesrand, im Wald, und überall, wo ich eine mir unbekannte Pflanze sehe, versuche ich herauszufinden, um was es sich handelt. Und manchmal lese ich auch einfach einen Namen, oder probiere einen Geist auf Basis einer Pflanze, und recherchiere dann, was das eigentlich ist. So ging es mir beim Edelbrennerei Dirker Geist von der Gundelrebe. Arno Dirker ist ja bekannt dafür, dass er nichts, was irgendwo wächst, ungebrannt lassen kann, und mit seiner Tätigkeit somit gleichzeitig was für die Schnapskultur in Deutschland als auch für die Aufrechterhaltung lokaler Pflanzen tut.
Ich lese also mal beim Nabu nach, was der Arno da für uns eigentlich vergeistet hat. Ein Alternativname für die Gundelrebe ist auch Gundermann – „der aromatische Gundermann zeigt seine Vorzüge in der Hausapotheke und in der Küche. Für seine Heilwirkung wurde er bereits von den Römern und Germanen geschätzt, in der Küche kann er so manchem faden Salat eine feine Würze verleihen.“ Und wenn ich die dazu mitgelieferten Bilder anschaue, denke ich mir, ja, das habe ich tatsächlich schonmal gesehen; das nächste Mal stecke ich mir auch was davon in den Mund und probiere es, ohne Kenntnis der Eigenschaften ist es ja nicht unbedingt ratsam, einfach so Pflanzenteile zu konsumieren. Ich trinke den Geist erstmal also, ohne den Rohstoff selbst geschmacklich zu kennen, aber wie ich die Produkte von Arno bisher kennenlernen konnte, wird es eine genaue Abbildung sein. Und nun ins Glas damit, bevor das Verzehrempfehlungsende im Jahr 2028 erreicht ist!
Klar und fehlerfrei, man könnte meinen, eine minimalste Tönung zu sehen, das liegt aber wohl eher an meinem Verkostungsglas. Beim Drehen desjenigen spürt man eine leichte Viskosität, die aber die Lebendigkeit kein bisschen einschränkt.
Nun, der Duft, ich habe ja gesagt, dass ich hier nur beschreiben kann, was ich rieche, nicht, ob das der Geruch der Glechoma hederacea ist. Das ist so ein Beispiel für etwas, was wirklich exotisch wirkt, obwohl aus der nahen Gegend kommt. Da ist überreife Mandarinenschale, Kamille, abgestandener Pfefferminztee, ein Hauch Matcha. Leichte Harztöne und etwas Süßholz vielleicht, und getrockneter Beifuß. Eine Idee Salbei erkenne ich noch, und ganz mild Oregano und Thymian. Man sieht, ein wirkliches Kräutersträußchen, das uns da in flüssiger Form entgegenkommt. Die Aromen sind alle kräftig in ihrer Vielformigkeit, schön blütig und frisch, mit einer Tendenz zum Grünen.
Am Gaumen kommt der Gundelrebengeist sehr sanft an, weich in der Textur, sehr abgerundet und mild, ein Kennzeichen des Handwerks von Arno Dirker, da ist keine Spitze und keine Ecke da, wirklich insgesamt zart und dennoch voll. Die Aromen liegen fein darin, nun etwas individueller, deutlich weniger mit Vergleichen beschreibbar, finde ich – die ganzen Alternativkräuter, die ich oben aufgezählt habe, passen am Gaumen nicht mehr in der Form. Der Geschmack ist nun minziger, frischer, noch viel grüner, blattstieliger und erinnert mich sehr deutlich an weiche, leicht lakritzige Zitronenmelisse. Der Abgang ist würzig und pikant, mittellang, und hinterlässt eine leicht kribbelnde, immer herber werdende Bittere am Gaumen.
Ich kann hier keine Empfehlung aussprechen, wer das mögen könnte oder nicht. Das ist ein dermaßen individueller Brand, dass man ihn probieren muss, um zu wissen, ob der was für den persönlichen Geschmack ist. Ich finde ihn handwerklich hervorragend gemacht, und man erkennt die Persönlichkeit des Brenners in ihm: das muss man sich trauen, sowas zu vergeisten, und es dann so gut zu machen, dass jeder sich fragt, warum eigentlich nicht.
Für einen derartigen Geist gibt es natürlich keine vorgefertigte Cocktailrezeptur zu finden, da muss man selbst tätig werden. Aber während der Verkostung des Gundelrebengeists ist mir immer wieder Lust auf einen Gin Tonic entstanden, und irgendwie fühlt sich das richtig passend an – die Aromen von Wacholder, Gundelrebe und Tonic sind wie füreinander gemacht. Darum theoretisiere ich auch nicht lange und mache mir einen Gundermann Tonic. Easy und schmackhaft, und die Gundelrebe kommt richtig gut durch.
Gundermann Tonic
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml Gundelrebengeist
6oz / 120ml Tonic
Auf Eis bauen. Mit etwas Zitronenmelisse oder Gundermann dekorieren.
[Rezept nach Helmut Barro]
Die Flasche ist in ihrer Form natürlich besonders und gefällt mir, das hatte ich auch schon bei anderen Destillaten von der Edelbrennerei Dirker angesprochen. Es ist immer gut, wenn man den Hersteller schon an der Flasche erkennt, und ich erinnere einfach nochmal dran, dass es ein Rücknahmesystem gibt, wenn sie geleert ist.
Was bleibt hängen? Sicherlich die Erfahrung, dass, wenn handwerklich gut gemacht, es sogar ganz unscheinbare Kräuter zu einem hochwertigen, unterhaltsamen Destillat schaffen können. Und dass man die Augen für solche Unikate offen halten sollte, ab und zu über den Tellerrand des Üblichen hinausblicken. Das Portfolio der Edelbrennerei Dirker bietet dafür einen guten Übungsspielplatz, denn der Geist von der Gundelrebe ist dort nur eine der Dinge, die ein Spirituosenentdecker finden kann um diese Welt zu explorieren.


