Transnistrien ist aktuell nur wenigen Menschen ein Begriff, und wenn sie es kennen, dann wahrscheinlich hauptsächlich aus wenig erbaulichen Nachrichten über die politische Lage dort; Russland nimmt schon lange mehr oder weniger öffentlich Einfluss dort, das Land liegt wahrscheinlich, wenn die Ukraine einverleibt wurde, als nächstes auf dem Schlachtblock des imperialistischen Nationalismus Russlands, mit einer ähnlichen Argumentation – die russische Minderheit muss geschützt werden vor den drogenabhängigen, schwulen Nazis, die aktuell im Westen an der Macht sind, und das geht nur, wenn man das Land zu Mutter Russland zurückführt. Nun, wir wollen hier auch andere Seiten von Transnistrien, der Region in der Republik Moldau (auch oft Moldawien genannt), zeigen, und das tun wir nun mit dem Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged. „Kvint“ ist ein Akronym, das sich aus den russischen Wörtern „коньяки, вина и напитки Тирасполя“ (Kon’iaki, vina i napitki Tiraspol’ia) zusammen, die übersetzt sehr prosaisch sind: Weinbrand, Wein und Getränke aus Tiraspol. 1897 wurde die Firma gegründet, da ist also Tradition drin, und heute produziert die Firma 20 Millionen Flaschen dieser diversen alkoholischen Spezialitäten.
„Divin“ ist ein in Moldau geschützter Begriff, der die früher oft verwendete Bezeichnung „Kon’iaki“ ersetzt, nachdem die französischen Inhaber der Appellation Cognac entsprechende Maßnahmen gegen die Verwendung ergriffen haben. Die Herstellung ist entsprechend dennoch klar an der „Cognac-Methode“ orientiert; mit dem Einsatz weißer Weintrauben, einer doppelten Destillation, einer Einstellung auf 40% Alkoholgehalt und einer aufwändigen Arbeit in der Verblendung. Es handelt sich also um einen Blend/Cuvée aus vielen separat gereiften Einzeldestillaten; wichtig dafür ist, dass die „20 Jahre“ auf dem Etikett auf dem Rücketikett noch mit dem Schlüsselwort „mindestens“ aufgewertet werden. Die Zutatenliste enthält noch das weniger erbauliche Wort „Zuckersirup“, wobei ich mir nicht sicher bin, ob die automatisierte Übersetzung (mein moldawisch/russisch reicht nicht aus, um das wirklich mit Sicherheit feststellen zu können) hier nicht doch eher „Zuckerkulör“ meint (dies wird genutzt für die einheitliche Farbgebung, wie bei fast allen dunklen Spirituosen). Auf der Homepage der Seite werden manche der Weinbrände mit 7-10g/L Zuckergehalt angegeben; man hat also wahrscheinlich eine leicht gesüßte Spirituose vor sich. Nun aber mal schauen, was transnistrischen Weinbrand sensorisch so ausmacht!
Die Farbe ist üppig und stark, ein dunkles rotbraun, zwischen Siena und Pariser Rot einzuordnen. Es wird Zuckerkulör zum gleichmäßigen Einstellen dieser Farbe verwendet. Beim Drehen des Glases findet man eine dazu passende Viskosität, richtig schwer bewegt sich die Flüssigkeit, bildet dabei ein dickadrige Fläche an der Glaswand, die lange haftet.
Für so eine scheinbar exotische Spirituose muss man beim Geruch erstmal sicherlich die sehr hohe Typizität feststellen, das riecht sich ganz klassisch nach Weinbrand, wie wir ihn auch aus Frankreich, Deutschland und Italien kennen. Die Frucht wirkt hier herb, deutlich vom Holz dominiert, mit ein paar lackigen Tönen, die Zeit in Holzfässern macht sich sehr bemerkbar, fühlt sich aber nicht überaltert oder wirklich verholzt an – eine gewisse Frische bleibt vorhanden, leicht in Richtung Anis und Koriander tendierend. Piment finde ich, dazu eine dunkle Sauerkirschennote, mit Offenstehzeit kommt diese dunkle Frucht immer stärker zum Tragen, wird ergänzt durch Trockenpflaume und hellem Sumatra-Tabak.
Im Mund kommt der Kvint XO sehr rund und texturell fett an, die Öligkeit schmiegt sich zunächst breit an den Gaumen und unterfüttert das durch angenehme, sehr natürliche Süße, die eventuelle leichte Süßung ist zumindest gut gemacht Die holzigen Töne dominieren hier zunächst, da findet man viele herbe, balsamische Eindrücke, die sich dann mit Süßholz und ganz dezenter Kräuterfrische kombinieren. Letztere nehmen im Verlauf zu, wenn sich der Brand ins Trockene dreht, und ganz milde Wärme den Gaumen zum leichten Kribbeln bringt. Hier blühen dann die Trockenfrüchte auf, kandierte Datteln, herber Honig, reife Kirschen, dunkle, schweraromatische Trauben. Kühl klingt er dann aus, leicht eukalyptisch, mit sehr lange anhaftenden traubigen Fruchtnoten, ergänzt durch unterschwellige, grüne Kräuter. Im etwas bitteren Abgang spürt man vielleicht etwas zuviel Holzkontakt.
Dennoch bleibt ein ausgesprochen positives Endbild – der Kvint XO wirkt sehr angenehm im Mundgefühl und ist aromatisch interessant, dabei erwachsen und ausgereift. Hier muss man sich nicht hinter den großen Traditionsnachbarn aus anderen Ländern verstecken, das ist eine großartige Spirituose, aus einem Land, von dem man sonst nicht so viel hört.
Im Mount Vernon braucht es einen Brandy, der sich nicht vor die Kirscharomatik drängt, aber gleichzeitig es noch schafft, präsent zu sein. Der Kvint XO macht das erstaunlich gut, passt sehr gut zur fruchtig-trockenen Atmosphäre dieses Drinks. Das Rezept mag sich auf den ersten Blick extrem süß anhören, mit dem Sherry und dem Kirschlikör, doch insgesamt wirkt am Ende sehr balanciert und findet genug Möglichkeiten, die Süße abzufedern.
Mount Vernon
1oz / 30ml Brandy
1oz / 30ml Kirschwasser
¾oz / 23ml Grapefruit-Saft
½oz / 15ml PX Sherry
½oz / 15ml Cherry Heering
Auf Eis shaken. Mit Cocktailkirschen dekorieren.
[Rezept nach Jim Meehan]
Besonders schön ist natürlich die Präsentation hier – die schwungvolle, rundliche Flasche, dazu ein sehr edel gestaltetes Etikett und ein echter Korken unter einem leicht protzigen Plastikaufsatz. Sieht gut aus, liegt gut in der Hand, macht einen hochwertigen Eindruck, der zum Inhalt passt.
Ich glaube, es wird deutlich – man muss trotz der ungewohnten Herkunft und der vielen kyrillischen Buchstaben auf dem Etikett keine unglaublich exotische Spirituose erwarten. Man bekommt stattdessen einen ausgereiften, traditionsreichen und handwerklich makellos gemachten Weinbrand in europäischem Stil, der jeder Hausbar gut steht, vor allem, wenn man die Kategorie grundsätzlich mag und trotzdem was neues probieren will. Ich möchte am Ende ausdrücklich meinem Kollegen Klaus danken, der mir diese Flasche zukommen ließ – ich hoffe, er fordert sie nicht zurück, wenn er hier erfährt, dass der Inhalt echt gut ist.


