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Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Kurz und bündig – Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Auch bei Spirituosen gibt es große und kleine Geschwister – vielleicht kennt der eine oder andere Bourbon-Freund unter meinen Lesern den durchaus schwer erhältlichen, raren George T. Stagg. Bei dieser Verkostung des kleinen Bruders dieses Schwergewichts, des Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey, haben wir die dritte Charge („third batch“) eines Small-Batch-Whiskeys aus dem Hause Buffalo Trace vor uns. Dafür werden Whiskeys mit einem Alter von um die 8 und 9 Jahren miteinander verblendet und in Fassstärke in die Flaschen gefüllt; jeder Batch hat dadurch eine eigene Charakteristik. Ein 10cl-Sample bildet die Basis für den heutigen Verkostungsversuch.

Die Farbe strahlt regelrecht, ein warmes, glühendes Kupfer, das schon fast ins braunrote übergeht. Im Glas bewegt sich der Stagg Junior wie ein Senior, langsam, gemächlich, schwer und ölig. Rein optisch ist das einer der schönsten Whiskeys, die ich bisher gesehen habe. Man sieht – man muss nicht kältefiltern oder färben (beides geschieht hier nicht), um ein spektakuläres Endergebnis zu erhalten.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Geben wir ihm zunächst in voller Stärke eine Chance. Bei 66,05% ist das für mich persönlich grenzwertig.

Nach dem Eingießen ins Verkostungsglas stößt einem erstmal eine scharfe Lösungsmittelnote ein Messer ins Gesicht. Ich lasse ihn daher zunächst mal einige Minuten offen atmen. Leider verschwindet sie dennoch nicht wirklich; darüber hinaus bleibt auch eine gewisse Essignote, die es der darunter liegenden Vanille schwer macht, nach vorne zu kommen – die Nase kann mit dem Auge in keinster Form mithalten.

Im Antrunk ist erst eine schwere, dichte Süße erkennbar, ein voller und wuchtiger Körper, etwas Salzigkeit. Im Verlauf entsteht eine gewisse, kantige und würzige Schärfe nach Pfeffer und Chili, sehr viele Tannine, eine starke Adstringenz sorgt für ein trockenes Mundgefühl. Kandiszucker, Vanille und das wars dann aber auch schon – Power ohne Ende, aber keine Tiefe oder Komplexität. Der Abgang des Stagg Jr ist feurig heiß und dabei leider aromatisch nur sehr kurz. Wirklich richtig enttäuschend kurz.

Zwei Teelöffel Wasser kommen nun dazu. Die Nase bekommt eine lakritzige Note, und etwas cognachaftes. Im Geschmack liegt immer noch Alkohol und Lack stark in Front, Eiche dazu, aber Vanille und Schokolade bekommen nun wenigstens eine Chance. Der Nachhall verlängert sich um einiges. Er verliert durch das Wasser kaum an Volumen, fühlt sich immer noch ölig und schwer an: Ein Whiskey, dem Wasser sehr, sehr gut tut, den man eigentlich nur so vernünftig genießen kann. Alternativ macht er sich dann doch recht gut in einem Old Fashioned.

Fazit – Buffalo Trace hat definitiv spannendere und reizvollere Whiskeys im Portfolio – insbesondere, wenn man den aufgerufenen Preis von aktuell rund 100€ in Betracht zieht, würde ich eher diese anderen Bourbons empfehlen als den unausgereiften Stagg Jr.

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Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Titel

Die süße Jugend – Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky

Viele Spirituosenhersteller sind aktuell mit Volldampf dabei, ihr Portfolio umzustellen. Neudesigns von Flaschen und Etiketten gehören dabei zu den offensichtlichsten, gleichzeitig aber belanglosesten Aktivitäten. Stärker interessiert uns Freunde des gereiften Genusses, dass auch Altersangaben immer mehr dieser Lust am Wandel zum Opfer fallen. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist, dass ein zunehmendes breites Interesse an gereiften Spirituosen auch über Expertenkreise hinaus, insbesondere bei Bourbon und Scotch, dazu führt, dass einfach nicht mehr genug Sprit in der entsprechenden Alterskategorie da ist, um diese Abfüllungen mit dem jeweiligen Alter auszeichnen zu können. So lässt man die Zahl fallen, schreibt einen klugen Spruch stattdessen aufs Etikett („kunstvoll gereift“ oder so etwas) und erfindet in bester Storytelling-Manier die Geschichte, dass es ja um den Geschmack geht, und dass das Alter das unwichtigste am Whisky überhaupt sei. Schön und gut, diese Ausrede hat ja auch einen wahren Kern, doch da gleichzeitig nicht die Preise gesenkt werden, obwohl man ja nun weniger aufwändig hergestellten Whisky verkauft, zeigt, dass hier auch ulteriore Motive ausgelebt werden können.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt der Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky. Hier wurde einfach ein aus meiner persönlichen Sicht ehrlicheres Vorgehen gewählt: Man füllt halt jüngere Brände ab, um den Markt zu entlasten, gibt diesen aber trotzdem eine Altersangabe, und geht dabei sogar unter die bei Scotch magische 12-Jahres-Grenze. Taugt dieser vergleichsweise junge Whisky dazu, Vorurteile diesbezüglich abzubauen? Kann er eventuell sogar ein Ersatz für älteren Whisky sein?

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky FlascheDie Farbdesigner dieses jüngsten aller Highland-Park-Whiskys haben sich für Ocker entschieden. Ich erwähne es oft, weil es meines Erachtens einfach ein Missstand ist und bleibt – das Färben von Spirituosen wird erst aufhören, wenn wir als Konsumenten fähig dazu sind, den Dreisatz „dunkel = alt = Qualität“ aufzugeben, der eh noch nie gestimmt hat. Bis dahin wird Scotch im Standardfall mit E150 koloriert und die Farbe sagt nichts über den Inhalt aus.

Das Auge trinkt hier also nicht so wirklich mit, dafür darf die Nase aktiviert werden. Milde Zitrusaromen wie Mandarinen, vergorener Traubensaft, Heu. Man ahnt schon etwas Alkohol, für 40% hält es sich aber in Grenzen. Ein leichter, heller Körper.

Der Geschmack des Highland Park 10 Years ist dann im ersten Moment überraschend kräuterig, grasig, holzig, wird dann im Verlauf aber immer süßer und süßer, bis diese Dimension den Mundraum komplett ausfüllt und alles andere verdrängt. Toffee, Sahne und Butterkuchen, das ist mir fast schon ein bisschen zu plump, weil ein Ausgleich für diese breite Weichheit fehlt. Da ist kaum etwas anderes als leicht vanillige, cremige Süße. Komplexität sieht anders aus.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Glas

Im mittellangen Abgang kann man höchstens, wenn man mühevoll danach sucht und etwas Fantasie hat, Rauch entdecken. Für mich ist der Abgang des Highland Park 10 mildbitter, trocken und erneut etwas holzig-grasig, bleibt dabei aber seinem grundsätzlich sehr weichzarten, buttrig-süßen Charakter treu. Leicht salzige Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge liegen, zusammen mit einem etwas mentholigen, langen Nachhall.

Ein Cocktail, der die verblüffende Offenheit der Prohibitionszeit bezüglich Zutaten zeigt, ist der The Modernista. Hier das Rezept aus Ted Haighs wunderbarem Cocktailbuch. Scotch und lakritziger Absinth kämpfen in dieser unbeschreiblichen Melange um die Vorherrschaft. Fehlt eigentlich nur noch Chartreuse, um das Chaos komplett zu machen. Der Rum geht, egal welcher es ist, total unter gegen die aromatische Urgewalt der beiden Starspieler. Das ist ein Cocktail, der heute in einer Cocktailbar niemals serviert wird, er ist zu extrem – doch vor knapp 100 Jahren mochte man diese seltsame Komplexität; ich weiß nicht, ob ich die damalige Zeit, die sowas verrücktes schätzen konnte, oder die heutige Zeit, die nichts mit derartiger Experimentierfreudigkeit anfangen kann, bejammern soll.

The Modernista


The Modernista
2 oz Highland Park 10 Single Malt Scotch Whisky
½ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Appleton Estate Extra 12)
1 Teelöffel Absinthe (z.B. Jade Nouvelle-Orléans)
½ oz Swedish Punsch
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. The Bitter Truth Orange Bitters)


Neulich hatte ich mich über Flaschengrößen ausgelassen und betont, dass ich es sehr schätze, wenn ein Hersteller kleinere Produktgrößen anbietet. Der Highland Park 10 Years ist nun dahingehend eine Ausnahme, dass er ausschließlich in einer „halben Flasche“, also 35cl, angeboten wird. Mir persönlich kommt das entgegen, wenn es nach mir ginge, wäre das die Standardgröße für alle Spirituosen.

Die Flasche selbst ist darüberhinaus schön gestaltet – mit breiten Schultern und großem Ausgussloch, und gleichzeitig elegant schmal in der Tiefe, und dabei doch schwerem Glasgewicht. Der Naturkorken in Zusammenspiel mit dem Holzdeckel mit dem Highland-Park-Logo macht selbst aus der kleinen Flasche ein hochwertiges Produkt, das man gern betrachtet und in der Hand hält. Der schwarze, angenehm zurückhaltend gestaltete Karton komplettiert das ganze aufs positivste.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Flaschenseite

Wer einen süßen, unkomplizierten schottischen Whisky sucht, wird hier fündig. Wer etwas mehr Komplexität will, muss auf die längergelagerten Scotches dieses Herstellers zurückgreifen, alles kann so ein Whisky dann halt doch nicht – insgesamt zeigt der Highland Park 10 Years aber, dass Alter nicht alles ist und man auch schon 10-jährigen Single Malt finden kann, der nicht wild, kratzig und ungestüm ist; noch ein Vorurteil, das endlich abgebaut werden kann.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey Titel

Vorsicht vor Empfehlungen – Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Vielleicht kennt der eine oder andere das – man hat einen im Bekanntenkreis, der sich etwas mit Spirituosen auskennt, und aus gegebenem Anlass hätte man gern eine Flasche eines guten Tropfens gekauft. Also fragt man den Bekannten, was er so empfehlen würde, sieht, dass es die Empfehlung auch noch gerade im Blitzangebot bei einem großen Onlinegemischtwarenladen gibt, und schlägt dann voller Vertrauen zu. Am besonderen Tag öffnet man dann mit Freunden und Freuden die Flasche, und stellt fest, dass der Inhalt einem dann doch nicht so besonders zusagt. Eine Enttäuschung sondergleichen.

Das ist das Schicksal des Kenners: der eigene Geschmack ist halt dann doch nicht wirklich übertragbar. Man kann Qualität, ein gutes Preisleistungsverhältnis oder eine hübsche geschenktaugliche Präsentation empfehlen, aber ob es dann dem glücklichen Empfänger auch wirklich schmeckt, das bleibt dem Schicksal überlassen und ist selten vorhersehbar.

So ging es mir, als ich einem Kollegen, der mich nach meiner Meinung über Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey fragte – klar, toller Stoff, schlag zu, so in etwa waren wohl meine Worte. Nach einiger Zeit erhielt ich dann die etwas pikierte Rückmeldung, dass der Whiskey nicht wirklich gut angekommen war: die tiefgehende Analyse lautete „hat nicht geschmeckt“. Die Flasche war trotzdem nur noch zu einem Drittel voll, also kann man den Probanden nicht vorwerfen, sie hätten es nicht zumindest versucht. Immerhin kam ich so in den unerwarteten kostenlosen Genuss des ordentlichen Rests, der übrig geblieben war.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Farblich erkennen wir sehr dunklen Bernstein mit orangenen Reflexen. Der Baker’s Bourbon ist ein Straight Bourbon, daher ist künstliche Nachfärbung ausgeschlossen; hier hat man den (leider seltenen) Fall, dass man schon von der Optik her erahnen kann, wohin der Geschmack später gehen wird. Der Whiskey liegt sehr ölig im Glas, mit sehr langsam ablaufenden Beinen.

Der Geruch ist eine bunte Mischung aus Aromen, die auf dern ersten Blick kaum zusammenpassen. Etwas Lack. Honig. Vanille. Etwas Menthol.  Etwas Bacon. Ein Hauch Rauch. Und über allem brutal viel Eiche – sehr viel mehr, als die 7 Jahre Reifezeit in neuen Fässern aus amerikanischer Eiche das normalerweise liefern. Interessanterweise passen sich die Aromen dann doch in ein rundes Gesamtbild ein.

Der Geschmack ist voll, weich und super-„smooth“ (um mal das Buzzword, das viele Kenner inzwischen hassen, zu bemühen), trotz der 53,5% Alkohol. Der Körper ist leicht dünn. Insgesamt ist der Baker’s Bourbon nicht so süß, wie erwartet, im Gegenteil: er bleibt sogar sehr trocken, und leicht blumig, fast schon parfümig. Im ersten Moment überraschend, weil anders als die meisten anderen Bourbons; in der Folge aber äußerst elegant, erinnert fast etwas an Cognac. Wenn man den Marketingaussagen von Beam trauen darf, ist ein spezieller Hefestamm für diesen besonderen Geschmack verantwortlich. Der Abgang ist sehr lang, leicht bitter, trocken, nussig. Er bleibt auch im Nachhall sehr lang feurig, voller Chili, Pfeffer und Eiche, sowie Menthol.

Ich muss den Testern, die meiner Empfehlung gefolgt sind, das Eingeständnis machen: Beim Baker’s haben wir ein durchaus ungewohntes Geschmacksbild für einen Bourbon aus der Beam-Reihe vor uns. Das ist für mich aber keineswegs ein Mangel, im Gegenteil – es ist schön zu sehen, dass auch im hochstandardisierten Bourbonbereich eine weite Spannbreite an Aromenprofilen möglich ist.

Für mich ist der Baker’s in seiner Eleganz ein idealer Purgenuss. Dennoch, wer mich kennt, weiß, dass mich das nicht davon abhält, solche Produkte auch in Cocktails zu kippen. Der Thigh High Boots ist eine schöne, kräftige Mixtur mit extrem viel Körper und einer dichten Aromenstruktur, in dem die hohe Alkoholprozentzahl des Baker’s dafür sorgt, dass die schweren Bitterkomponenten nicht überhand nehmen.

Thigh High Boots


Thigh High Boots
2 oz Bourbon (z.B. Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Zimtsirup
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Campari
½ oz Amaro (z.B. Ramazotti)
3 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach T.J. Lynch]


Kurz etwas zu den Rahmenbedinungen – der Baker’s Bourbon ist Teil der Small-Batch-Familie des Herstellers Beam, zu der auch Booker’s, Basil Hayden’s und Knob Creek gehören. Der Name ist abgeleitet von Baker Beam, dem Großneffen des Firmengründers. Zur Zeit sind zwei Abfüllungen in Deutschland auf dem Markt, die sich äußerlich durch unterschiedliche Flaschenformen auszeichnen. Die „alte“ Abfüllung ist in einer recht klassischen Flasche, die man sonst oft von Wein kennt, unterwegs (im Foto unten rechts zu sehen); eine „neuere“ Abfüllung ist in einer eher typischen Spirituosenflasche beheimatet (im Foto links). Gleich markant bleiben das prägnante „B“ auf dem Etikett, sowie die schwarze Wachsschicht, die den Flaschenhals bedeckt.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey alte und neue Flasche

Kleine Anekdote am Schluss – der Kollege, der mir die Restflasche überlassen hat, hatte dann doch noch eine zweite Flasche gekauft. Für ihn ist dieser Bourbon immer noch etwas ungewohnt, und falls es jemand anderem ähnlich ergeht wie ihm: Der Elijah Craig, eine andere Empfehlung, die ich im gab, mundet ihm dafür umso besser. Mit beiden macht man aus meiner Sicht nichts falsch, aber Geschmäcker sind halt verschieden (und damit werfe ich 2€ ins Phrasenschwein).

George Dickel No. 12 Tennessee Whiskey Titel

Kurz und bündig – George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Der George Dickel No. 12 Tennessee Whisky (man beachte die Schreibweise des letzten Worts) ist der zweite große Destillateur von Whiskey im US-Bundesstaat Tennessee, neben dem allgegenwärtigen Jack Daniel’s. Trotz all der Häme, die Jacky-Trinker oft abbekommen, kann ich persönlich gut mit den höheren Qualitäten jenes Herstellers leben und bin daher besonders gespannt, wie sich ein anderer Produzent, der ja einen recht ähnlichen Produktionsprozess mit Sour Mash und Lincoln-County-Verfahren aufweist, im Vergleich schlägt.

Die Farbe ist mit Zuckerkulör gestaltet, sagt daher nichts über den Inhalt aus. Manchen Herstellern geht es nur um die Konsistenz der Farbgebung über Batches hinweg, ich weiß, dennoch ist es ein Produktionsschritt, den ich für unnötig und nicht im Sinne des Verbrauchers halte. Man hat jedenfalls ein dunkles Kupfer mit orangenen Reflexen gewählt.George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Geruch: Oh, das gefällt mir außerordentlich. Sehr fruchtig nach Birne, Banane, Pflaume. Ahornsirup. Butterkekse. Ich habe eine seltsame Assoziation zu Pfannkuchen mit Sahne. Ein minimalster Anflug von Lack. Ich kriege gar nicht genug davon, daran zu riechen – ein echtes Highlight, der angenehmste Spirituosengeruch, den ich seit sehr langer Zeit in der Nase hatte.

Der Geschmack ist dann aber nicht so süß, wie die Nase einem weismachen will. Eigentlich geht der Dickel No. 12 sogar eher ins Trockene, leichte. Ihm fehlt erkennbar etwas an Volumen, er wirkt trotz vieler Aromen wässrig. 45% sind sehr gut eingebunden, praktisch kein Brennen, Zwacken oder Kratzen ist spürbar – ja, dieser Tennessee Whiskey ist wirklich „smooth“. Pflaumen, Rosinen, Birne, die Fruchtnote bleibt erhalten, und eine gewisse honigwürzige Grundsüße. Sehr viel Vanille rundet das ganze ab, die wohl durch die 4 Jahre Reifedauer (diese Zahl steht aber nirgends auf dem Etikett) entsteht.

Der Abgang ist sehr kurz, warm und dabei immer weich, aber recht trocken. Ein mildglühender Nachhall klingt noch eine kleine Weile aus dem Rachen hoch, doch dann ist der Whisky schnell wieder verschwunden.

Wem Tennessee Whiskeys grundsätzlich zusagen, und wer ein Freund von Jack Daniel’s Old No. 7 ist, muss sich den George Dickel No. 12 ganz sicher anschauen – er ist der bessere der beiden großen Whiskeyhersteller dieses Bundesstaats, kostet aber in Deutschland auch rund das Dreifache. Dieses Kurzbesprechung basiert daher auf einem 10cl-Sample.

Die Sprache gehört zum Charakter des Whiskeys – Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In der globalen Spirituosenwelt tauchen immer wieder Produkte auf, mit deren Namen wir leider allzuoft monoglotten Deutschen bei der Aussprache Probleme haben. Man muss nicht ganz so weit gehen wie die völlig abstrusen Namen bei manchen Rums (Uitvlugt?!?) oder Scotches (Glen Garioch?!?), die selbst Sprachprofis in beinahe unlösbare Schwierigkeiten bringen – manchmal sind es selbst traditionelle angloamerikanische Vornamen, bei denen es schon hapert. Der Schauspieler Elijah Wood beispielsweise wird in deutschen Medien wahlweise auf unterschiedliche Art falsch ausgesprochen. Hier daher die einzig korrekte, gültige Lautkombination zur Referenz.

Dieser Artikel soll nun natürlich nicht über Herr-der-Ringe-Darsteller handeln, sondern über amerikanischen Whiskey. Doch natürlich profitiert der Konsument und mögliche Käufer des Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey auch davon, wenn er weiß, wie man die Buchstaben auf dem Etikett korrekt in Lauten wiedergibt, nämlich genau so, wie den Frodo-Mimen.

Wer sich auch nur ansatzweise über Bourbons informiert, stolpert immer wieder über diesen amerikanischen Whiskey. Nun ist es schon allein etwas begeisternd, dass man einen Bourbon 12 Jahre lang reifen lässt (nur 2 Jahre sind gesetzlich für Straight Bourbons vorgeschrieben) – wenn er dann auch noch so wunderbar rund und würzig ist, dann wird der Traum jedes Whiskey-Freunds wahr.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Normaletikett

Die Nase ist großartig. Während man bei vielen Bourbons nur das Karamell vorausahnt, vielleicht ein bisschen Eiche, springt einem hier schon die Kraft in den Riechkolben; Vanille ist natürlich dominant. Eine leichte Zitrusnote. Etwas Salz. Man sollte ihn eine Weile offen stehen lassen, dass sich die gröbsten, durchaus vorhandenen Lackgerüche verflüchtigen.

Nach dem ersten Schluck will ich den Elijah Craig dann gar nicht mehr rauslassen – würziger Karamell, Shortbread, Orange, dabei nie scharf oder brennend. Der Elijah Craig ist trotz eines recht süßen, weichen Antrunks nicht anbiedernd schmeichlerisch, sondern schon eher was für die Freunde des Deftigen, um so mehr, je länger man ihn im Mund hält. Dichter Körper, cremiges Mundgefühl, eine volle Breitseite.

Im Abgang kommt dann noch eine leichte Salznote, dazu Trockengebäck und eine recht brutale Holzigkeit zum Vorschein, die sich das abschließende Geschmacksbild mit der wuchtig-tiefen Vanille teilt. Feurig heiß und glühend läuft er die Kehle hinunter, zeigt hier zum ersten Mal seine üppigen 47% Alkohol, und lässt bei adstringierender Trockenheit dann dennoch viele Restaromen noch sehr lange im Mundraum zurück.

Das ist ein fetter Kentucky Straight Bourbon, den ich gern pur trinke. Ein 3cl-Glas reicht auf eine halbe Stunde. Schnuppern und schlürfen, da braucht man nichts anderes und ist 30 Minuten im Whiskey-Himmel.

Doch auch in Cocktails macht sich dieser Bourbon gut, insbesondere natürlich in solchen, in denen er eine Hauptrolle spielt. Man probiere daher einfach mal einen Elderflower Old Fashioned, in dem die Würze des Elijah Craig gegen die Süße des Holunderlikörs wunderbar ankämpft. Alternativ, wenn man nicht so sehr auf die blumige Komponente steht, empfehle ich eine leichte Variation des Dilbert’s Dilemma, in dem ein Bierlikör für die Süße sorgt.

Dilbert’s Dilemma


Dilbert’s Dilemma
2 oz Bourbon Whiskey (z.B. Elijah Craig 12 years)
½ oz Bierlikör (z.B. Saarfürst Brauerfeuer)
Diese Zutaten im Rührglas auf Eis verrühren.
Das Gästeglas mit…

¼ oz Orangenlikör (z.B. Cointreau)
…ausspülen, dann die gerührte Mixtur dazugeben.

Mit einer Orangenzeste dekorieren.
[Rezept leicht adaptiert nach Good Booze]


Die Flasche ist eine Erwähnung wert – im Glas integriertes Logo, massiv, schwer, da hat man was in der Hand. Ein sehr gelungener, breiter Ausguss, mit einem fetten Plastikdeckel auf dem Korkstopfen: die gesamte Verarbeitung wirkt wertig. Wenn man dann noch mit einem Spezialetikett auftrumpfen kann, das einem als Mitglied der Bardstown Whiskey Society zugesendet wird, ist der Wow-Faktor nochmal ein bisschen größer.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Spezialetikett

Man sieht auf dem Spezialetikett allerdings auch schon eine Änderung, die im aktuellen Produktionsklima von Whisky und Whiskey unausweichlich scheint – die Altersangabe „12 Jahre“ verschwindet vom Etikett, und wird durch das generische „Small Batch“ ersetzt. Laut Hersteller ändert sich nichts am Rezept; einige Kenner in diversen Foren bescheinigen dem NAS-Craig aber doch einen leicht schwächeren Charakter. Wer also die Chance hat, sich noch eine der Flaschen mit Altersangabe zu sichern, bevor die NAS-Welle, die in den USA bereits begonnen hat, nach Deutschland schwappt, sollte dies tun – in vielen Fachmärkten stehen sie noch herum.

Ob nun 12 Jahre oder NAS – der Elijah Craig bleibt ein Benchmark-Bourbon. Wer wissen will, wie ein guter Bourbon schmeckt, probiert diesen hier. Jeder Cent ist gut investiert. Ich lasse immer einen Tropfen im Bart hängen, für später.

Jack Daniel's Sinatra Select Tennessee Whiskey

Kurz und bündig – Jack Daniel’s Sinatra Select Tennessee Whiskey

Ich bin ein Fan von Frank Sinatra, ich mochte ihn schon immer. Eine der großartigsten männlichen Stimmen, dazu ein Leben, das mit seinen Aufs und Abs fasziniert. Er war kein Engel und kein Kind von Traurigkeit, war gut Freund mit der Mafia, Alkoholiker und hatte mit dem Rat Pack ein paar Buddies, von denen jeder Mann nur träumen kann. Am Ende wurde er mit einer Flasche seines Lieblingsgetränks, Jack Daniel’s Whiskey, begraben – ihm zu Ehren bringt der wichtigste Destiller von Tennessee Whiskey eine Sonderedition heraus: Den Jack Daniel’s Sinatra Select Tennessee Whiskey. Schauen wir ihn uns passend zu ein paar Ausschnitten aus seinen Songs kurz an.

Jack Daniel's Sinatra Select Tennessee Whiskey Sample

I close my eyes and just see pretty colors… in diesem Fall ist es ein schönes, dunkles, kräftiges Bernstein mit stellenweise fast schon weißen Reflexen. Der Whiskey liegt passend schwer und ölig im Glas, hinterlässt langsam ablaufende Beine.

I’m sure that if I took even one sniff… Man erkennt zwar direkt den typischen Banane-Geruch der anderen Produkte des Herstellers, gleichzeitig ist da aber auch viel mehr Vanille, viel mehr Eiche, einfach mehr von allem. Sehr dicht, kräftig und rund. Ein klarer Fortschritt selbst zum von mir geschätzten Jack Daniel’s Single Barrel.

With every wine you taste… Ich bin etwas überrascht: Nach dieser üppigen, tollen Nase hätte ich einen ähnlich schweren Körper erwartet. Doch man findet einen eher leichten Whiskey vor, klar, sauber, eher in die trockene und elegante Richtung als die wuchtig-dunkelschwere. Er wirkt schon fast etwas dünn, bleibt dabei eher auf der süßlichen Seite mit sehr viel Vanille. 45% Alkoholgehalt weist der Sinatra Select auf, ein paar Prozente mehr hätten ihm aromatisch erkennbar gut getan.

And now, the end is near… Der Abgang ist mittellang, helltönig, sehr warm, trocken und adstringierend. Am Ende taucht die Banane dann sehr präsent wieder auf und zeigt deutlichst, wessen Kind dieser Whiskey ist. Er hat dabei aber auch eine nicht zu unterschätzende Pfefferschärfe. Nachhall findet dann allerdings praktisch nicht statt, der Gaumen ist arg schnell wieder frei von Aromen.

Dieses Kurzreview beruht auf einem 5cl-Sample dieser Spirituose; die 700ml-Flasche schlägt immerhin mit rund 110€ (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels) zu Buche, da will man schon vorher mal probieren.

It Was A Very Good Year... War es das? Von allen Jack Daniel’s-Whiskeys ist dieser tatsächlich einer derer, die ich am gelungensten finde. Allerdings frage ich mich doch, ob der Unterschied zum Single Barrel dann die Verdreifachung des Preises wert ist – für mich sicherlich nicht, doch wer das Geld erübrigen kann, und Fan des Herstellers oder von The Voice  ist, kann zugreifen und wird aller Voraussicht nach nicht enttäuscht, obwohl man für das Geld ganz andere Aromenkaliber bekommt.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Titel

Man lernt nie aus – Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey

Man darf sich als wahrer Spirituosenfreund nie von seinen Gewohnheiten, Vorurteilen und dem eingebildeten Wissensstand dazu verleiten lassen, bequem zu werden. Gewiss ist es ehrenwert, beispielsweise einem Bourbon, den man entdeckt hat und der einem gefällt, Loyalität zu erweisen und sich auf ihn zu konzentrieren – doch man verbaut sich dabei die Chance, noch großartigere Produkte zu entdecken; oder ganze Gruppen von Bränden, die man aus obigen Gründen ausgelassen hatte.

Mir ging das so mit irischem Whiskey. Dünkelhaft hielt ich ihn lange Zeit für den uninteressanten, buckligen Verwandten des edlen Scotches und des hübschen Bourbons. Wie üblich lag das an fehlender Erfahrung mit dem Gold der Grünen Insel. Was tut man dagegen? Man besucht eine Schulung und lernt. Ein guter Freund ermöglichte mir die Teilnahme an einem kleinen Seminar, abgehalten vom deutschen Schnapsguru Jürgen Deibel. Wer die Chance hat, an einem Termin, den er abhält, teilzunehmen, sollte nicht zögern: Deibel ist wirklich unterhaltsam und erzählt interessante Fakten, ohne trocken zu werden (im wahrsten Wortsinne, und die Zuhörer bleiben auch nicht trocken).

Welt der Whiskys Urkunde

Natürlich konzentrierte sich diese Verkostung mit Vortrag auch auf den strahlenden Scotch, doch für mich persönlich waren die irischen Whiskeys die Stars an diesem Tag; vielleicht auch, weil es so unerwartet kam. Der Ire, der mich sozusagen von einem Moment zum nächsten zum Fan irischen Whiskeys machte, war der Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey. Und als ob das nicht schon genug der Überraschungen wäre, haben mir meine Bürokollegen zum Geburtstag dann sogar eine Flasche dieses Whiskeys geschenkt, so dass ich sie heute hier vorstellen kann. Danke erneut dafür, werte Kollegen (selbst, obwohl ich auf der Grußkarte als „alter Heini vom Büro“ bezeichnet wurde)!

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Flasche

Die sehr ölige, schwere Konsistenz sorgt für langsam abfließende Beine. Tatsächlich überzeugt der Black Barrel durch die strahlende, kräftige Bernsteinfarbe, die von sich aus zu leuchten scheint. Ein wirklich ausgesprochen attraktives Äußeres.

Er reifte in zweifach ausgebrannten Ex-Bourbon-Fässern, und das riecht man mehr als deutlich, wenn man die Nase vorsichtig ans Glas hält. Vanille, sehr hell und süß, mildfruchtig, aber auch eine schöne würzige Komponente nach Kardamom ist vorhanden. Erkennbar holzig ist dieser Jameson darüberhinaus, ich erwähne das nochmal explizit, obwohl die Fassbehandlung das schon jedem klarmachen sollte.

Geschmacklich übertrifft er dann noch meine durch diese Anfänge eh schon recht hohen Erwartungen: sehr mild, weich und flauschig. Dicht und voluminös, ohne dabei zu wuchtig zu werden. Viel Vanille, das erinnert mich in dieser Konsequenz deutlich an Bourbon, viel Trockenobst, Rosinen, Datteln.  Sehr süß, wahrscheinlich die Arbeit des Grain-Whiskey-Anteils in diesem Blend, aber mit unterschwelliger Würze, wie Kandiszucker und Honig, was die Süße auffängt und in ein unglaublich rundes, perfekt komponiertes Gesamtgeschmacksbild einbettet – hier scheint dann der Pot-Still-Anteil durch.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Glas

Am Ende taucht noch etwas Pfeffer auf, aber selbst das ist mild und fein. Der Abgang ist insgesamt warm und sehr angenehm, bei mittlerer bis kurzer Länge. Ein deutlicher Eisenton schwingt im Nachklang.

Irischer Whiskey im Allgemeinen ist ein gemütlicher Cocktailspieler, der sich ohne jede Schwierigkeit in jede Rezeptur einfügt, die nach Whiskey (durchaus auch Bourbon!) verlangt. Sein schönes Volumen gibt Kraft und Tiefe an Mixturen. Tatsächlich ist der Black Barrel im speziellen darin so gut, dass er ideal auch den Partner für eine interessantes Duo geben kann: Ein Pickleback mag sich für den einen oder anderen grausig anhören, aber diese Shot-Mischung funktioniert überraschend gut und sorgt für gute Laune!

Pickleback


Pickleback
1 Shot Jameson Black Barrel Irish Whiskey
½ Shot Gurkenlake mit einer kleinen Essiggurke
In separaten Shotgläsern servieren.
Zuerst den Whiskey, dann direkt die Gurkenlake trinken.

[Rezept nach unbekannt]


Die dunkelgrüne Flasche wird in einem aufklappbaren, stabilen Karton mit innen rund aufgespannter Einlage geliefert – hochwertig gemacht, das ganze, und mir gefällt die schwarzgoldlastige Gestaltung sehr. Wer auf klassisch-traditionelle Präsentation eines Whiskey steht, wird hier voll bedient, und das für den mäßigen Preis von rund 30€. Für mich persönlich ein Augenöffner und ein idealer Einstieg in die Welt des irischen Whiskeys – wer auf der Suche nach einem Whiskey ist, den man in jeder Gemütslage abends zum Entspannen von einem harten Tag langsam vor sich hin schlürfen kann, der nicht über- oder unterfordert, sondern einfach eine, wie man heute sagt, brilliante Drinkability hat, der muss nun nicht weiter suchen.

Original Floyd's 55 Moonshine Titel

Der Hinterhof hat ausgedient – Original Floyd’s 55 Moonshine

Vor kurzem jährte sich ein großer, gewichtiger Feiertag für alle, die sich für die Barwelt interessieren: Der Repeal Day. Am 05. Dezember 1933 endete in den Vereinigten Staaten von Amerika die Prohibition, und das Land, das 13 Jahre gezwungenermaßen im Krieg mit dem Teufel des Alkohols gewesen war, ergab sich wieder dem Suff. So ganz auf dem Trockenen hatte es aber eigentlich auch in diesen Jahren nie gelegen: Alkoholschmuggler sorgten mit kanadischem Whisky für die Stillung des allerschlimmsten Dursts, und Schwarz- und Geheimbrenner mussten sich eh nie Sorgen um Nachschub mit Hochprozentigem machen.

Letztere sind bis heute natürlich weiterhin aktiv, und produzieren einen ungereiften Schnaps, der in den USA passend zur allgemeinen Herstellungsuhrzeit Moonshine genannt wird, vorbei an Zoll- und anderen Regierungsbehörden. Original Floyd’s 55 Moonshine trägt den vielversprechenden Untertitel des „stärksten legalen Moonshine der Welt“. Über die Sinnhaftigkeit dieser Aussage kann man trefflich streiten – „legaler Moonshine“ ist schon ein Oxymoron, und da die Kategorie des Moonshine nur eine informelle, ungeregelte ist, gibt es auch keine Grenzen, an die man sich als Brenner halten müsste, weswegen das Attribut der höchsten Alkoholstärke auch willkürlich ist. Wenn man etwas deutlicher werden will:  Wir haben hier eigentlich keinen Moonshine vor uns, sondern eine Form des White Dog, oder Whiskey New-make. Braucht man demzufolge aber auch keine Angst davor zu haben, hier einem wilden Fusel, der blind macht und für Organversagen sorgen wird, aufzusitzen?

Original Floyd's 55 Moonshine Flasche

Über die Farbe des klaren Brands brauchen wir uns natürlich nicht zu unterhalten. Interessanter ist da die Konsistenz – leicht ölig und schwer. Der Geruch ist dann noch viel spannender. Fruchtig, grasig, süßholzig, Tabak, mineralisch mit Anflügen nach feuchtem Beton, eine Aromatik, die ich viel ansprechender finde, als es die Worte und Vergleiche vielleicht ausdrücken.

Auch im Antrunk schießt erstmal die sehr fruchtige Getreidenote vor, dicht und kräftig und sehr körpervoll. Süß und warm wirkt der Floyd’s 55 im Mundgefühl, nach dem ersten Gewöhnungsschluck auch mild und breit: Die namensgebenden 55% Alkohol spürt man kaum. Auch hier ist Beton zu schmecken, und holzige Tabaksnoten. Im Abgang wird es dann doch noch ein bisschen frecher. Er ist sehr lang, feurig, grasig, zungenspitzenbetäubend, trocken und mit erkennbarem Eisenton am Ende, der extrem lange vorhält.

Die Hersteller dieses ungereiften Whiskeys berufen sich auf einen geheimnisvollen „Floyd“, der als Brenner illegalen Alkohols in den amerikanischen Ozark Mountains einen fast schon mystischen Ruf haben soll. Um das Geschmackserlebnis auch in Deutschland verfügbar zu machen, wurde das Originalrezept, das ein paar mutige Explorateure auf ihrer US-Reise von Floyd einsammelten, in Bayern nachgebrannt – legal natürlich.

Nun kann ich die blumige Geschichte natürlich nicht wirklich verifizieren, doch das soll dem ganzen Genuss keinen Abbruch tun. Viele Sprithersteller erfinden Legenden für sich und ihr Produkt, und solange nicht gelogen und betrogen wird, kann ich mit etwas Flair und Storytelling sehr gut leben. Im Endeffekt will ich dann aber über die Story hinaus doch wissen, was ich da im Glas habe. Leider sind die Hersteller dieses deutschen Produkts genauso geheimnisvoll wie es der amerikanische Pate ist; das mag zum Zielimage passen, für mich als Freund der Transparenz bei Spirituosen ist es eher lästig. Gerne würde ich mehr über die Basiszutaten, die Destillierweise und die Lagerung erfahren. Daher habe ich mich an den nordbayerischen Brenner gewendet mit meinen Fragen, und Antworten erhalten.

Beim Floyd’s 55 handelt es sich um ein Destillat aus gemälzter Gerste, die hierfür mit Buchenholz und Torf getrocknet wird. In einer klassischen Pot Still wird doppelt destilliert, nur der Heart Cut wird behalten. In Edelstahlbehältern wird der Brand gelagert, bevor er zur Abfüllung mit Quellwasser auf 55% rückverdünnt wird. Man sieht, da ist nichts mehr amateurhaftes, hinterhofiges im Prozess – das ist eine hochwertige Qualitätsspirituose, hergestellt auf handwerklich professionellem Niveau. Die oben angesprochene Angst vor Fuselstoffen ist damit vom Tisch.

Ein Brand wie der Floyd’s 55 ist ein durchaus interessanter Ersatz für andere weiße Spirituosen in Cocktails; Vodka, Korn oder auch Obstbrand gegen ihn auszutauschen ist ein Leichtes. Die Originalfassung des hier gezeigten The Bitter Moonshiner verlangte beispielsweise eigentlich nach weißem Barbados-Rum. Mit Floyd’s 55 und einem doppelten Amaro-Einsatz bekommt dieser Cocktail eine ganz eigene, sehr blumig-kräuterige Note, die auf den ersten Schluck gewöhnungsbedürftig scheint – mit fortschreitendem Konsum aber immer interessanter und leckerer wird.

The Bitter Moonshiner


The Bitter Moonshiner
1½ oz Original Floyd’s 55 Moonshine
¼ oz John D. Taylor’s Velvet Falernum
½ oz Fernet Branca
½ oz Cynar
1 Spritzer Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Mit Eis shaken.
[Rezept abgewandelt nach Inu a Kenas Originalrezept „The Bitter Bajan“]


Wir kennen inzwischen professionelle Produkte, die in einem Einweckglas abgefüllt werden, um sich den Anruch des im Hinterhof in das, was gerade da ist, als Behältnis Abgefüllten zu geben. Hier unterscheidet sich das in zweierlei Hinsicht von vielen Konkurrenzprodukten – erstens hat man hier ein Glas mit Griff, das man nachher gut als rustikales Cocktailglas wiederverwenden kann, und zweitens fehlt leider ein Ausgießer, der einem helfen würde, aus einer so großen Glasöffnung eine halbwegs vernünftige Dosis in ein kleines Trinkglas auszuschütten, ohne die Hälfte daneben zu leeren.

Original Floyd's 55 Moonshine Rückseite

Aber ich will mich nicht wirklich über so ein Fehlen beschweren – wer schon zu etepetete ist, ein bisschen Verlust beim Umschütten zu riskieren, ist vielleicht eh nicht in der passenden Zielgruppe für einen Moonshine. Ich empfehle aber trotzdem eine Pipette, um den Schnaps ins Trinkglas zu transportieren.

Insgesamt ist der Floyd’s 55 ein schönes Gesamtpaket für den an ungewöhnlichen Spirituosen Interessierten. Bei 18€ für 375 Milliliter bewegen wir uns für diese Art der Trendspirituose auch in einem im Vergleich zur amerikanischen Konkurrenz üblichen Preisgefüge; erhältlich ist er im DMAX-Onlineshop.

Offenlegung: Ich danke dem DMAX-Shop für die kostenfreie Zusendung eines Glases des Original Floyd’s 55 Moonshine.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Titel

Die Riesen von Albion – Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky

Die Natur war dem Menschen von Anfang an voller Rätsel. Der aufkeimende menschliche Verstand, nach einigen Fortschritten in Bezug auf Jagdtechnik schnell nicht mehr ausgelastet mit den banalen Problemen des alltäglichen Überlebens, versuchte sich die Phänomene um ihn herum zu erklären, ihnen einen Sinn zu geben. Er erkannte das Leben und den Willen in sich, und suchte dies dann entsprechend auch in seiner Umwelt, egal, ob es sich um Tiere, Pflanzen, das Wetter oder Steine handelte. Wenn dann noch ein besonders spektakuläres Naturwunder wie der Giant’s Causeway seinen Weg kreuzte, waren die Erklärungsversuche schnell voller übernatürlicher Wesen – denn offensichtlich konnte es kein Mensch gewesen sein, der diese höchstseltsame, ungewöhnliche Steinformation an der nordirischen Küste angelegt hatte, und von sich aus entstanden sein konnte es natürlich auch nicht. Nein, nur Riesen wären dazu in der Lage, so eine beeindruckende Struktur in die Landschaft zu hauen. Und so entstand die Legende  des irischen Riesen Finn MacCool und seiner Rivalität mit seinem schottischen Nachbarn Benandonner.

„And it’s absolutely a true story“, das glaubt man selbst heute sofort, wenn man es sieht, denn auch wir modernen Menschen haben Schwierigkeiten, eine rationale Erklärung für diese beeindruckende Landschaft zu finden. Das südliche Ende des Damms von Finn MacCool beginnt im nordirischen County Antrim, und er erstreckte sich nach der Legende fast gerade nordwärts bis zu Fingal’s Cave auf der unbewohnten schottischen Insel Staffa, wo man sehr ähnliche Gesteinsformationen wie in Antrim finden kann – wenn das mal kein eindeutiger Beweis für die Legende ist!

Dieser unterhaltsamen Legende zu Ehren schafft der saarländische Whiskytower eine kleine Whisky-Miniserie, entsprechend Giant’s Causeway genannt, die diese Verbindung zwischen Schottland und Irland wieder aufleben lassen soll. Begonnen wird auf der schottischen Seite – da auf dem winzigen Staffa allerdings keine Destille steht, suchten sie sich das nächstbeste aus der nahen Umgebung aus: die Insel Islay liegt auf der Strecke. Somit finden wir in der Flasche des Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky einen schottischen Single Malt aus der Destillerie Caol Ila. Wer sich fragt, wie man diesen gälischen Namen richtig ausspricht, ist in guter Gesellschaft, es gibt keine verbindliche Sprechweise: Die „Kuh Laila“ ist eine gute Annäherung, für manche vielleicht eher die „Kuh Lila“.

Unabhängige Abfüller sind immer mehr im Kommen; die Individualität der kleinen Abfüllmengen wird in einer Zeit, in der handwerklich hergestellte Craft-Ware mehr und mehr an Beliebtheit gewinnt, sehr geschätzt. Auch Whiskytower füllt unabhängig ab: 100 Flaschen wurden in Schottland aus einem einzelnen Ex-Bourbon-Fass gezogen.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Flasche

Bei Scotch ist Zuckerkulör als Färbemittel erlaubt; man sieht aber schon in der Flasche, dass darauf hier dankenswerter Weise verzichtet wurde, ebenso wie auf Kühlfiltration – im Gegensatz zu den meisten offiziellen Caol-Ila-Abfüllungen. Das blasse Mais- bis Gelbgold ist nun mal die Farbe eines ungefärbten Whisky; wir Verbraucher sollten uns irgendwann dran gewöhnen, dass „braune“ Spirituosen meist eben nicht „dunkelbraun“ sind und der Farbe weniger Gewicht zuweisen.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Geruch, zunächst mal ohne Wasserzusatz. Sehr fruchtig, Orangenschale, Mandarine. Erst dann islay-typisch phenolisch, doch zurückhaltender als viele andere Islay-Scotches. Ein gewisser Erdgeruch, den man von gereiftem Grappa kennt, gibt eine Dichte. Schokoladig, und nussig im Hintergrund. Rauch riecht man, wenn man die Nase vom Glas zurückzieht. Tatsächlich erinnert mich dieser Scotch auch geschmacklich dann etwas an Grappa. Diese Toffee-Trester-Note, auch die erdige Note ist schmeckbar, viel Vanille, etwas Heu. Zunächst schmeichelt eine sehr milde Süße mit viel Milchschokolade und Banane, die sich im Verlauf in eine leichte orangige Fruchtsäuerlichkeit wandelt, bis am Ende nichts mehr von der Süße da ist. Dieser Geschmacksverlauf ist wirklich spannend.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Glas

Im Abgang ziept er etwas, aber nicht unangenehm. Salz. Ingwer. Dezentes Chili. Grapefruit. Ein kühlender Effekt an Zungenseite und warm im Rachen. Am Ende viel Schokolade, vielleicht sogar Mousse au Chocolat. Ein voller, milder Rauchklang bleibt dann noch sehr lange im Mundraum hängen – das gefällt mir sehr. Insgesamt ein wirklich schöner, dabei aber noch vergleichsweise zurückhaltender Islay-Whisky, dem man seine stellenweise jugendliche Frechheit und den eher leichten, fast schon dünnen Körper aufgrund seiner aromatischen Eigenschaften gern verzeiht.

Bei respektablen 48% kann man auf Wasser verzichten, doch schadet es natürlich nie, einen Scotch mit ein paar Tropfen Wasser etwas zu bändigen. Für den Giant’s Causeway Islay sorgt Wasser nur für eine leichte Milderung der Hitze – sein Charakter bleibt erhalten, er verändert sich kaum. Die Schokolade kommt vielleicht noch etwas mehr zum Vorschein.

Die Altersangabe bei Whiskys ist nicht mehr selbstverständlich, NAS-Whiskys auf dem Vormarsch. Hier entschied man sich aber, das Alter anzugeben: 9 Jahre hat er auf dem Buckel, wenn man die Abfülldaten genau anschaut, sind es sogar beinahe 10 Jahre. Das Etikett ist diesbezüglich informationsfreigiebig – destilliert wurde der Whiskytower Giant’s Causeway Islay am 25.09.2006, abgefüllt am 10.08.2016. Auch die Fassnummer ist angegeben. Vorbildlich, die Limitierung auf 100 Flaschen hätte ich noch gern erwähnt gesehen.

The Whisky Tower Giant's Causeway Islay Etikett

Lange Zeit galt Scotch als nicht cocktailkompatibel. Zu eckig, zu kantig, zu speziell, passt sich nicht an. Dieses Vorurteil stammt aus einer Zeit, in der süße, liebliche, fruchtige Cocktails, bei denen man den Alkohol nicht herausschmecken durfte, beliebt waren. Heute, wo wilde Clairins, rauchige Mezcals und torfige Scotches auch in der Bar ankommen, und salzig-rauchig-umami-Geschmäcker endlich als interessant akzeptiert werden, muss natürlich auch dieses Tabu fallen. Wer sich den Penicillin Cocktail gönnt, erlebt, dass man jahrelang was verpasste, als man Scotch bei Cocktails auf die Ersatzbank gesetzt hatte – denn gerade ein so wuchtiger Geselle wie der Giant’s Causeway Islay sorgt für ordentlich Spaß in so einer Mixtur.

Penicillin


Penicillin Cocktail
1½ oz Islay Single Malt Scotch Whisky (z.B. Whiskytower Giant’s Causeway Islay)
1 oz Scotch Whisky (z.B. Bunnahabhain 12)
½ oz Ingwerlikör (z.B. King’s Ginger)
¾ oz Zitronensaft
3 Teelöffel leicht verdünnter Honig

Alle Zutaten auf Eis shaken. Mit kandierter Frucht garnieren.
[Rezept nach Simon Diffords Variante eines Originals von Sam Ross]


Neulich erst hatte ich mich darüber ausgelassen, dass so mancher Spirituosenhersteller mehr Wert auf eine gute Story als auf seine Produktqualität legt – heutzutage kaufen viele Verbraucher nicht mehr nur das Produkt, sondern wollen einen unterhalterischen Mehrwert dazugeliefert, ein Gesamterlebnis über den reinen Geschmackseindruck hinaus serviert bekommen. Im Allgemeinen sollte man diesem Trend vorsichtig skeptisch gegenüberstehen, wenn aber beides gut gemacht ist, und der Inhalt die Story anregte und nicht umgekehrt, dann können solche Storytelling-Ansätze einen netten, unterhaltsamen Rahmen spannen, in dem wir uns daran erinnern können, dass das (idealerweise gemeinsame) Trinken eines guten Tropfens schon immer auch einen erzählerischen Charakter hatte, und wir uns über die Kultur des Trinkens freuen sollten, die über die Aromatenchemie und das Marketing weit hinausgeht und älter ist als alle Verkostungs- und Gourmetansätze. Und das gelingt mit dem Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky ganz hervorragend – so dass ich mich sehr auf den zweiten Whiskey dieser Miniserie, dann natürlich aus Irland stammend, freue.

Offenlegung: Ich danke Whiskytower für das Bereitstellen einer halben Flasche dieses Whiskys als Verkostungssample.

Glenfiddich IPA Experiment Titel

Es lebt! Es lebt! Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky

It was on a dreary night of November that I beheld the accomplishment of my toils. With an anxiety that almost amounted to agony, I collected the instruments of life around me, that I might infuse a spark of being into the lifeless thing that lay at my feet. It was already one in the morning; the rain pattered dismally against the panes, and my candle was nearly burnt out, when, by the glimmer of the half-extinguished light, I saw the dull yellow eye of the creature open; it breathed hard, and a convulsive motion agitated its limbs.

 

So dramatisch wie in Frankenstein, or the Modern Prometheus geht es bei nur wenigen Experimenten zu. Der Schweizer Victor Frankenstein bastelt sich sein Monster aus chemischen und alchemischen Zutaten und erweckt es zum Leben. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass mit dem Leben auch Anforderungen an den Erschaffer entstehen; das Wesen verfolgt seinen Schöpfer und verlangt Antworten auf seine Fragen. Doch will der Wissenschaftler plötzlich nichts mehr mit seiner Kreatur zu tun haben, und das Experiment wird zur Tragödie…

Nun gibt es durchaus auch Experimente in der Spirituosenbranche, die ähnlich tragisch verlaufen und die man besser im Labor gelassen hätte. Da werden Brände gequält mit Zutaten, dass einem das Grauen kommt. So mancher Rum oder Whisky werden in schlimmsten Schnapsversuchsreihen manipuliert, bis man nur noch zusammen mit Victor Frankenstein ausrufen kann:

Oh! No mortal could support the horror of that countenance.

Ist der Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky auch eine ähnliche Monstrosität wie das unbenannte Wesen, das Frankenstein erschaffen und zum Leben erweckt hatte?

Glenfiddich IPA Experiment Flasche

Wir wollen uns mal langsam an dieses Produkt herantasten. Dass Whiskys in Fässern allerlei Herkunft gereift und gefinisht werden, ist ja allgemein üblich und bekannt. Ex-Bourbon-Fässer sind die Standardware; abgelegte Fässer aus der Madeira-, Sherry-, und Portherstellung beliebt, da sie durch die im Holz gespeicherten Aromen der Vorbewohner einen ganz eigenen, im Endprodukt klar erkennbaren Touch an den Whisky abgeben.

Der Glenfiddich IPA Experiment macht das Naheliegende zum richtigen Zeitpunkt – die Craftbierbewegung ist in vollem Gange, die alten britischen Bierstile wie Pale Ale und India Pale Ale erleben eine globale Renaissance. Da fragt man sich eigentlich, warum es so lange dauerte, dass eine Destille auf die Idee kommt, ihren Malt Whisky in einem Ex-Bierfass zu finishen. Nach der unbekannten Reifezeit (dieser Scotch gehört zu den aktuell viel auftretenden NAS-Veröffentlichungen, die keine Altersangabe mehr aufweisen) konnte der Whisky so also noch 3 Monate in einem Fass nachreifen, das vorher ein extra für diesen Zweck gebrautes IPA der Speyside Craft Brewery in Forres, bei Inverness, enthielt. British Challenger ist die Aromahopfensorte, die das Bier mit einer Fruchtigkeit ausstattet, die dann an den Whisky übergehen soll. Soviel zum Bier, und zu den Fässern, aber was ist mit dem Wasser des Lebens selbst?

Glenfiddich IPA Experiment Glas

Betrachten wir es erstmal im Glas: Sonnenblumengold, mit leicht grüngelben Reflexen. Ganz gewiss weit davon entfernt, ein hässliches Monstrum zu sein, im Gegenteil. Die Beine gibt es aber nur zögerlich ab; diese sind dann dünn und langsamfließend.

A strange multiplicity of sensations seized me, and I saw, felt, heard, and smelt at the same time; and it was, indeed, a long time before I learned to distinguish between the operations of my various senses.

Wir sollten uns bei der Verkostung nicht wie Frankensteins Kreatur von den Sinneseindrücken verwirren lassen – wir trennen die Optik von der Olfaktorik. Letztere bietet uns abgestandenes Bier, Honig, mildes Orangenfleisch, Vanille, Banane. Frisch eingegossen ist da eine recht stechende Alkoholnote, die wir erstmal verfliegen lassen müssen.

Der erste Schluck weiß dann aber direkt zu gefallen. Sehr süß, ausgeglichen durch eine spritzige Zitrusnote. Eine gewisse hintergründige medizinische Charakteristik gibt Komplexität. Süßholz. Keinerlei Rauch oder Torf, dafür ein Anflug von Kräuterwiese, nein, eigentlich nur der Wind, der darüber streicht, denn der IPA Experiment hat einen sehr leichten Körper. Ich würde sagen – ein typischer Speyside Single Malt mit einem sehr hellen, fruchtigen Charakter. Persönlich erkenne ich nicht viel des Biers, aber dafür tatsächlich IPA-typische Aromahopfennoten. Im kurzen Abgang wird es dann würziger – Ingwer, weißer Pfeffer, und supertrocken. Stark adstringierend; eine angenehm glühende feine Mentholnote bleibt noch etwas.

I am alone and miserable; man will not associate with me; but one as deformed and horrible as myself would not deny herself to me.

Das Monster ist vielleicht etwas arg pessimistisch in seinem Ausblick auf seine soziale Zukunft. Der Glenfiddich IPA Experiment muss das natürlich nicht sein, denn ich kann ihn mir sehr gut als wunderbaren Partner in scotchbasierten Cocktails vorstellen. Dennoch mache ich hier und heute eine Ausnahme und gebe kein Cocktailrezept an, einfach, weil ich auf einen typisch schottischen Gebrauch hinweisen möchte, den ich in dem Jahr, das ich in Glasgow verbrachte, sehr zu schätzen lernte, und der dem Scotch eine ebenbürtige Partnerin gegenüberstellt, wie sie Frankensteins Schöpfung so sehr ersehnte: Das hauf an a hauf, also ein kleines Glas Scotch und dazu ein halbes Pint Bier. In Deutschland sagt man dazu Herrengedeck. Und was wäre dem kaledonischen Bierfass-Experiment mehr angebracht als ein fassgereiftes, schottisches Ale, wie das Innis & Gunn Oak Aged IPA?

Hauf an a hauf


Hauf an a hauf
1 Dram Scotch Whisky (z.B. Glenfiddich IPA Experiment)
½ Pint Schottisches Bier (z.B. Innis & Gunn Oak Aged IPA)


Die Präsentation ist durchweg gelungen – die für Glenfiddich übliche Dreiecksform findet sich in der stabilen, hübsch zurückhaltend mit Braun und Kupfer gestalteten Dose, als auch in der massiven, dunkelbraunen, fast blickdichten Flasche mit Naturkorken wieder. Die aufgeklebten Briefmarkenstiletiketten lassen viel Glas frei, so dass der aufs Glas gedruckte Hirschkopf wunderbar zur Geltung kommt. Insgesamt sehr wertig und ansprechend.

Glenfiddich IPA Experiment Dreiecksform

Würde das Whisky-Experiment, könnte es sprechen, auch die Master Distiller bei Glenfiddich anklagen, wie es das Monster bei Frankenstein tat?

„Cursed, cursed creator! Why did I live?“

Nein. Vielleicht würde es fragen, warum es für das Gebotene so relativ teuer verkauft werden muss, oder warum es nicht mit 46% statt 43% erschaffen werden konnte; doch das sind keine tiefen Sinnesfragen, sondern mehr Luxusprobleme. Der Glenfiddich IPA Experiment ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass nicht alle Versuche mit Horror, Mord und Verzweiflung enden müssen. Hätte sich Victor Frankenstein statt seiner Labors doch lieber eine Destille zugelegt, und hätte seine schöpferische Energie ins Brennen und Reifen gerichtet – ihm wäre viel Leid erspart geblieben, und wir hätten mehr interessante, unterhaltsame Whiskys wie diesen hier.