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George Dickel No. 12 Tennessee Whiskey Titel

Kurz und bündig – George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Der George Dickel No. 12 Tennessee Whisky (man beachte die Schreibweise des letzten Worts) ist der zweite große Destillateur von Whiskey im US-Bundesstaat Tennessee, neben dem allgegenwärtigen Jack Daniel’s. Trotz all der Häme, die Jacky-Trinker oft abbekommen, kann ich persönlich gut mit den höheren Qualitäten jenes Herstellers leben und bin daher besonders gespannt, wie sich ein anderer Produzent, der ja einen recht ähnlichen Produktionsprozess mit Sour Mash und Lincoln-County-Verfahren aufweist, im Vergleich schlägt.

Die Farbe ist mit Zuckerkulör gestaltet, sagt daher nichts über den Inhalt aus. Manchen Herstellern geht es nur um die Konsistenz der Farbgebung über Batches hinweg, ich weiß, dennoch ist es ein Produktionsschritt, den ich für unnötig und nicht im Sinne des Verbrauchers halte. Man hat jedenfalls ein dunkles Kupfer mit orangenen Reflexen gewählt.George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Geruch: Oh, das gefällt mir außerordentlich. Sehr fruchtig nach Birne, Banane, Pflaume. Ahornsirup. Butterkekse. Ich habe eine seltsame Assoziation zu Pfannkuchen mit Sahne. Ein minimalster Anflug von Lack. Ich kriege gar nicht genug davon, daran zu riechen – ein echtes Highlight, der angenehmste Spirituosengeruch, den ich seit sehr langer Zeit in der Nase hatte.

Der Geschmack ist dann aber nicht so süß, wie die Nase einem weismachen will. Eigentlich geht der Dickel No. 12 sogar eher ins Trockene, leichte. Ihm fehlt erkennbar etwas an Volumen, er wirkt trotz vieler Aromen wässrig. 45% sind sehr gut eingebunden, praktisch kein Brennen, Zwacken oder Kratzen ist spürbar – ja, dieser Tennessee Whiskey ist wirklich „smooth“. Pflaumen, Rosinen, Birne, die Fruchtnote bleibt erhalten, und eine gewisse honigwürzige Grundsüße. Sehr viel Vanille rundet das ganze ab, die wohl durch die 4 Jahre Reifedauer (diese Zahl steht aber nirgends auf dem Etikett) entsteht.

Der Abgang ist sehr kurz, warm und dabei immer weich, aber recht trocken. Ein mildglühender Nachhall klingt noch eine kleine Weile aus dem Rachen hoch, doch dann ist der Whisky schnell wieder verschwunden.

Wem Tennessee Whiskeys grundsätzlich zusagen, und wer ein Freund von Jack Daniel’s Old No. 7 ist, muss sich den George Dickel No. 12 ganz sicher anschauen – er ist der bessere der beiden großen Whiskeyhersteller dieses Bundesstaats, kostet aber in Deutschland auch rund das Dreifache. Dieses Kurzbesprechung basiert daher auf einem 10cl-Sample.

Die Sprache gehört zum Charakter des Whiskeys – Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In der globalen Spirituosenwelt tauchen immer wieder Produkte auf, mit deren Namen wir leider allzuoft monoglotten Deutschen bei der Aussprache Probleme haben. Man muss nicht ganz so weit gehen wie die völlig abstrusen Namen bei manchen Rums (Uitvlugt?!?) oder Scotches (Glen Garioch?!?), die selbst Sprachprofis in beinahe unlösbare Schwierigkeiten bringen – manchmal sind es selbst traditionelle angloamerikanische Vornamen, bei denen es schon hapert. Der Schauspieler Elijah Wood beispielsweise wird in deutschen Medien wahlweise auf unterschiedliche Art falsch ausgesprochen. Hier daher die einzig korrekte, gültige Lautkombination zur Referenz.

Dieser Artikel soll nun natürlich nicht über Herr-der-Ringe-Darsteller handeln, sondern über amerikanischen Whiskey. Doch natürlich profitiert der Konsument und mögliche Käufer des Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey auch davon, wenn er weiß, wie man die Buchstaben auf dem Etikett korrekt in Lauten wiedergibt, nämlich genau so, wie den Frodo-Mimen.

Wer sich auch nur ansatzweise über Bourbons informiert, stolpert immer wieder über diesen amerikanischen Whiskey. Nun ist es schon allein etwas begeisternd, dass man einen Bourbon 12 Jahre lang reifen lässt (nur 2 Jahre sind gesetzlich für Straight Bourbons vorgeschrieben) – wenn er dann auch noch so wunderbar rund und würzig ist, dann wird der Traum jedes Whiskey-Freunds wahr.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Normaletikett

Die Nase ist großartig. Während man bei vielen Bourbons nur das Karamell vorausahnt, vielleicht ein bisschen Eiche, springt einem hier schon die Kraft in den Riechkolben; Vanille ist natürlich dominant. Eine leichte Zitrusnote. Etwas Salz. Man sollte ihn eine Weile offen stehen lassen, dass sich die gröbsten, durchaus vorhandenen Lackgerüche verflüchtigen.

Nach dem ersten Schluck will ich den Elijah Craig dann gar nicht mehr rauslassen – würziger Karamell, Shortbread, Orange, dabei nie scharf oder brennend. Der Elijah Craig ist trotz eines recht süßen, weichen Antrunks nicht anbiedernd schmeichlerisch, sondern schon eher was für die Freunde des Deftigen, um so mehr, je länger man ihn im Mund hält. Dichter Körper, cremiges Mundgefühl, eine volle Breitseite.

Im Abgang kommt dann noch eine leichte Salznote, dazu Trockengebäck und eine recht brutale Holzigkeit zum Vorschein, die sich das abschließende Geschmacksbild mit der wuchtig-tiefen Vanille teilt. Feurig heiß und glühend läuft er die Kehle hinunter, zeigt hier zum ersten Mal seine üppigen 47% Alkohol, und lässt bei adstringierender Trockenheit dann dennoch viele Restaromen noch sehr lange im Mundraum zurück.

Das ist ein fetter Kentucky Straight Bourbon, den ich gern pur trinke. Ein 3cl-Glas reicht auf eine halbe Stunde. Schnuppern und schlürfen, da braucht man nichts anderes und ist 30 Minuten im Whiskey-Himmel.

Doch auch in Cocktails macht sich dieser Bourbon gut, insbesondere natürlich in solchen, in denen er eine Hauptrolle spielt. Man probiere daher einfach mal einen Elderflower Old Fashioned, in dem die Würze des Elijah Craig gegen die Süße des Holunderlikörs wunderbar ankämpft. Alternativ, wenn man nicht so sehr auf die blumige Komponente steht, empfehle ich eine leichte Variation des Dilbert’s Dilemma, in dem ein Bierlikör für die Süße sorgt.

Dilbert’s Dilemma


Dilbert’s Dilemma
2 oz Bourbon Whiskey (z.B. Elijah Craig 12 years)
½ oz Bierlikör (z.B. Saarfürst Brauerfeuer)
Diese Zutaten im Rührglas auf Eis verrühren.
Das Gästeglas mit…

¼ oz Orangenlikör (z.B. Cointreau)
…ausspülen, dann die gerührte Mixtur dazugeben.

Mit einer Orangenzeste dekorieren.
[Rezept leicht adaptiert nach Good Booze]


Die Flasche ist eine Erwähnung wert – im Glas integriertes Logo, massiv, schwer, da hat man was in der Hand. Ein sehr gelungener, breiter Ausguss, mit einem fetten Plastikdeckel auf dem Korkstopfen: die gesamte Verarbeitung wirkt wertig. Wenn man dann noch mit einem Spezialetikett auftrumpfen kann, das einem als Mitglied der Bardstown Whiskey Society zugesendet wird, ist der Wow-Faktor nochmal ein bisschen größer.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Spezialetikett

Man sieht auf dem Spezialetikett allerdings auch schon eine Änderung, die im aktuellen Produktionsklima von Whisky und Whiskey unausweichlich scheint – die Altersangabe „12 Jahre“ verschwindet vom Etikett, und wird durch das generische „Small Batch“ ersetzt. Laut Hersteller ändert sich nichts am Rezept; einige Kenner in diversen Foren bescheinigen dem NAS-Craig aber doch einen leicht schwächeren Charakter. Wer also die Chance hat, sich noch eine der Flaschen mit Altersangabe zu sichern, bevor die NAS-Welle, die in den USA bereits begonnen hat, nach Deutschland schwappt, sollte dies tun – in vielen Fachmärkten stehen sie noch herum.

Ob nun 12 Jahre oder NAS – der Elijah Craig bleibt ein Benchmark-Bourbon. Wer wissen will, wie ein guter Bourbon schmeckt, probiert diesen hier. Jeder Cent ist gut investiert. Ich lasse immer einen Tropfen im Bart hängen, für später.

Jack Daniel's Sinatra Select Tennessee Whiskey

Kurz und bündig – Jack Daniel’s Sinatra Select Tennessee Whiskey

Ich bin ein Fan von Frank Sinatra, ich mochte ihn schon immer. Eine der großartigsten männlichen Stimmen, dazu ein Leben, das mit seinen Aufs und Abs fasziniert. Er war kein Engel und kein Kind von Traurigkeit, war gut Freund mit der Mafia, Alkoholiker und hatte mit dem Rat Pack ein paar Buddies, von denen jeder Mann nur träumen kann. Am Ende wurde er mit einer Flasche seines Lieblingsgetränks, Jack Daniel’s Whiskey, begraben – ihm zu Ehren bringt der wichtigste Destiller von Tennessee Whiskey eine Sonderedition heraus: Den Jack Daniel’s Sinatra Select Tennessee Whiskey. Schauen wir ihn uns passend zu ein paar Ausschnitten aus seinen Songs kurz an.

Jack Daniel's Sinatra Select Tennessee Whiskey Sample

I close my eyes and just see pretty colors… in diesem Fall ist es ein schönes, dunkles, kräftiges Bernstein mit stellenweise fast schon weißen Reflexen. Der Whiskey liegt passend schwer und ölig im Glas, hinterlässt langsam ablaufende Beine.

I’m sure that if I took even one sniff… Man erkennt zwar direkt den typischen Banane-Geruch der anderen Produkte des Herstellers, gleichzeitig ist da aber auch viel mehr Vanille, viel mehr Eiche, einfach mehr von allem. Sehr dicht, kräftig und rund. Ein klarer Fortschritt selbst zum von mir geschätzten Jack Daniel’s Single Barrel.

With every wine you taste… Ich bin etwas überrascht: Nach dieser üppigen, tollen Nase hätte ich einen ähnlich schweren Körper erwartet. Doch man findet einen eher leichten Whiskey vor, klar, sauber, eher in die trockene und elegante Richtung als die wuchtig-dunkelschwere. Er wirkt schon fast etwas dünn, bleibt dabei eher auf der süßlichen Seite mit sehr viel Vanille. 45% Alkoholgehalt weist der Sinatra Select auf, ein paar Prozente mehr hätten ihm aromatisch erkennbar gut getan.

And now, the end is near… Der Abgang ist mittellang, helltönig, sehr warm, trocken und adstringierend. Am Ende taucht die Banane dann sehr präsent wieder auf und zeigt deutlichst, wessen Kind dieser Whiskey ist. Er hat dabei aber auch eine nicht zu unterschätzende Pfefferschärfe. Nachhall findet dann allerdings praktisch nicht statt, der Gaumen ist arg schnell wieder frei von Aromen.

Dieses Kurzreview beruht auf einem 5cl-Sample dieser Spirituose; die 700ml-Flasche schlägt immerhin mit rund 110€ (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels) zu Buche, da will man schon vorher mal probieren.

It Was A Very Good Year... War es das? Von allen Jack Daniel’s-Whiskeys ist dieser tatsächlich einer derer, die ich am gelungensten finde. Allerdings frage ich mich doch, ob der Unterschied zum Single Barrel dann die Verdreifachung des Preises wert ist – für mich sicherlich nicht, doch wer das Geld erübrigen kann, und Fan des Herstellers oder von The Voice  ist, kann zugreifen und wird aller Voraussicht nach nicht enttäuscht, obwohl man für das Geld ganz andere Aromenkaliber bekommt.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Titel

Man lernt nie aus – Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey

Man darf sich als wahrer Spirituosenfreund nie von seinen Gewohnheiten, Vorurteilen und dem eingebildeten Wissensstand dazu verleiten lassen, bequem zu werden. Gewiss ist es ehrenwert, beispielsweise einem Bourbon, den man entdeckt hat und der einem gefällt, Loyalität zu erweisen und sich auf ihn zu konzentrieren – doch man verbaut sich dabei die Chance, noch großartigere Produkte zu entdecken; oder ganze Gruppen von Bränden, die man aus obigen Gründen ausgelassen hatte.

Mir ging das so mit irischem Whiskey. Dünkelhaft hielt ich ihn lange Zeit für den uninteressanten, buckligen Verwandten des edlen Scotches und des hübschen Bourbons. Wie üblich lag das an fehlender Erfahrung mit dem Gold der Grünen Insel. Was tut man dagegen? Man besucht eine Schulung und lernt. Ein guter Freund ermöglichte mir die Teilnahme an einem kleinen Seminar, abgehalten vom deutschen Schnapsguru Jürgen Deibel. Wer die Chance hat, an einem Termin, den er abhält, teilzunehmen, sollte nicht zögern: Deibel ist wirklich unterhaltsam und erzählt interessante Fakten, ohne trocken zu werden (im wahrsten Wortsinne, und die Zuhörer bleiben auch nicht trocken).

Welt der Whiskys Urkunde

Natürlich konzentrierte sich diese Verkostung mit Vortrag auch auf den strahlenden Scotch, doch für mich persönlich waren die irischen Whiskeys die Stars an diesem Tag; vielleicht auch, weil es so unerwartet kam. Der Ire, der mich sozusagen von einem Moment zum nächsten zum Fan irischen Whiskeys machte, war der Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey. Und als ob das nicht schon genug der Überraschungen wäre, haben mir meine Bürokollegen zum Geburtstag dann sogar eine Flasche dieses Whiskeys geschenkt, so dass ich sie heute hier vorstellen kann. Danke erneut dafür, werte Kollegen (selbst, obwohl ich auf der Grußkarte als „alter Heini vom Büro“ bezeichnet wurde)!

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Flasche

Die sehr ölige, schwere Konsistenz sorgt für langsam abfließende Beine. Tatsächlich überzeugt der Black Barrel durch die strahlende, kräftige Bernsteinfarbe, die von sich aus zu leuchten scheint. Ein wirklich ausgesprochen attraktives Äußeres.

Er reifte in zweifach ausgebrannten Ex-Bourbon-Fässern, und das riecht man mehr als deutlich, wenn man die Nase vorsichtig ans Glas hält. Vanille, sehr hell und süß, mildfruchtig, aber auch eine schöne würzige Komponente nach Kardamom ist vorhanden. Erkennbar holzig ist dieser Jameson darüberhinaus, ich erwähne das nochmal explizit, obwohl die Fassbehandlung das schon jedem klarmachen sollte.

Geschmacklich übertrifft er dann noch meine durch diese Anfänge eh schon recht hohen Erwartungen: sehr mild, weich und flauschig. Dicht und voluminös, ohne dabei zu wuchtig zu werden. Viel Vanille, das erinnert mich in dieser Konsequenz deutlich an Bourbon, viel Trockenobst, Rosinen, Datteln.  Sehr süß, wahrscheinlich die Arbeit des Grain-Whiskey-Anteils in diesem Blend, aber mit unterschwelliger Würze, wie Kandiszucker und Honig, was die Süße auffängt und in ein unglaublich rundes, perfekt komponiertes Gesamtgeschmacksbild einbettet – hier scheint dann der Pot-Still-Anteil durch.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Glas

Am Ende taucht noch etwas Pfeffer auf, aber selbst das ist mild und fein. Der Abgang ist insgesamt warm und sehr angenehm, bei mittlerer bis kurzer Länge. Ein deutlicher Eisenton schwingt im Nachklang.

Irischer Whiskey im Allgemeinen ist ein gemütlicher Cocktailspieler, der sich ohne jede Schwierigkeit in jede Rezeptur einfügt, die nach Whiskey (durchaus auch Bourbon!) verlangt. Sein schönes Volumen gibt Kraft und Tiefe an Mixturen. Tatsächlich ist der Black Barrel im speziellen darin so gut, dass er ideal auch den Partner für eine interessantes Duo geben kann: Ein Pickleback mag sich für den einen oder anderen grausig anhören, aber diese Shot-Mischung funktioniert überraschend gut und sorgt für gute Laune!

Pickleback


Pickleback
1 Shot Jameson Black Barrel Irish Whiskey
½ Shot Gurkenlake mit einer kleinen Essiggurke
In separaten Shotgläsern servieren.
Zuerst den Whiskey, dann direkt die Gurkenlake trinken.

[Rezept nach unbekannt]


Die dunkelgrüne Flasche wird in einem aufklappbaren, stabilen Karton mit innen rund aufgespannter Einlage geliefert – hochwertig gemacht, das ganze, und mir gefällt die schwarzgoldlastige Gestaltung sehr. Wer auf klassisch-traditionelle Präsentation eines Whiskey steht, wird hier voll bedient, und das für den mäßigen Preis von rund 30€. Für mich persönlich ein Augenöffner und ein idealer Einstieg in die Welt des irischen Whiskeys – wer auf der Suche nach einem Whiskey ist, den man in jeder Gemütslage abends zum Entspannen von einem harten Tag langsam vor sich hin schlürfen kann, der nicht über- oder unterfordert, sondern einfach eine, wie man heute sagt, brilliante Drinkability hat, der muss nun nicht weiter suchen.

Original Floyd's 55 Moonshine Titel

Der Hinterhof hat ausgedient – Original Floyd’s 55 Moonshine

Vor kurzem jährte sich ein großer, gewichtiger Feiertag für alle, die sich für die Barwelt interessieren: Der Repeal Day. Am 05. Dezember 1933 endete in den Vereinigten Staaten von Amerika die Prohibition, und das Land, das 13 Jahre gezwungenermaßen im Krieg mit dem Teufel des Alkohols gewesen war, ergab sich wieder dem Suff. So ganz auf dem Trockenen hatte es aber eigentlich auch in diesen Jahren nie gelegen: Alkoholschmuggler sorgten mit kanadischem Whisky für die Stillung des allerschlimmsten Dursts, und Schwarz- und Geheimbrenner mussten sich eh nie Sorgen um Nachschub mit Hochprozentigem machen.

Letztere sind bis heute natürlich weiterhin aktiv, und produzieren einen ungereiften Schnaps, der in den USA passend zur allgemeinen Herstellungsuhrzeit Moonshine genannt wird, vorbei an Zoll- und anderen Regierungsbehörden. Original Floyd’s 55 Moonshine trägt den vielversprechenden Untertitel des „stärksten legalen Moonshine der Welt“. Über die Sinnhaftigkeit dieser Aussage kann man trefflich streiten – „legaler Moonshine“ ist schon ein Oxymoron, und da die Kategorie des Moonshine nur eine informelle, ungeregelte ist, gibt es auch keine Grenzen, an die man sich als Brenner halten müsste, weswegen das Attribut der höchsten Alkoholstärke auch willkürlich ist. Wenn man etwas deutlicher werden will:  Wir haben hier eigentlich keinen Moonshine vor uns, sondern eine Form des White Dog, oder Whiskey New-make. Braucht man demzufolge aber auch keine Angst davor zu haben, hier einem wilden Fusel, der blind macht und für Organversagen sorgen wird, aufzusitzen?

Original Floyd's 55 Moonshine Flasche

Über die Farbe des klaren Brands brauchen wir uns natürlich nicht zu unterhalten. Interessanter ist da die Konsistenz – leicht ölig und schwer. Der Geruch ist dann noch viel spannender. Fruchtig, grasig, süßholzig, Tabak, mineralisch mit Anflügen nach feuchtem Beton, eine Aromatik, die ich viel ansprechender finde, als es die Worte und Vergleiche vielleicht ausdrücken.

Auch im Antrunk schießt erstmal die sehr fruchtige Getreidenote vor, dicht und kräftig und sehr körpervoll. Süß und warm wirkt der Floyd’s 55 im Mundgefühl, nach dem ersten Gewöhnungsschluck auch mild und breit: Die namensgebenden 55% Alkohol spürt man kaum. Auch hier ist Beton zu schmecken, und holzige Tabaksnoten. Im Abgang wird es dann doch noch ein bisschen frecher. Er ist sehr lang, feurig, grasig, zungenspitzenbetäubend, trocken und mit erkennbarem Eisenton am Ende, der extrem lange vorhält.

Die Hersteller dieses ungereiften Whiskeys berufen sich auf einen geheimnisvollen „Floyd“, der als Brenner illegalen Alkohols in den amerikanischen Ozark Mountains einen fast schon mystischen Ruf haben soll. Um das Geschmackserlebnis auch in Deutschland verfügbar zu machen, wurde das Originalrezept, das ein paar mutige Explorateure auf ihrer US-Reise von Floyd einsammelten, in Bayern nachgebrannt – legal natürlich.

Nun kann ich die blumige Geschichte natürlich nicht wirklich verifizieren, doch das soll dem ganzen Genuss keinen Abbruch tun. Viele Sprithersteller erfinden Legenden für sich und ihr Produkt, und solange nicht gelogen und betrogen wird, kann ich mit etwas Flair und Storytelling sehr gut leben. Im Endeffekt will ich dann aber über die Story hinaus doch wissen, was ich da im Glas habe. Leider sind die Hersteller dieses deutschen Produkts genauso geheimnisvoll wie es der amerikanische Pate ist; das mag zum Zielimage passen, für mich als Freund der Transparenz bei Spirituosen ist es eher lästig. Gerne würde ich mehr über die Basiszutaten, die Destillierweise und die Lagerung erfahren. Daher habe ich mich an den nordbayerischen Brenner gewendet mit meinen Fragen, und Antworten erhalten.

Beim Floyd’s 55 handelt es sich um ein Destillat aus gemälzter Gerste, die hierfür mit Buchenholz und Torf getrocknet wird. In einer klassischen Pot Still wird doppelt destilliert, nur der Heart Cut wird behalten. In Edelstahlbehältern wird der Brand gelagert, bevor er zur Abfüllung mit Quellwasser auf 55% rückverdünnt wird. Man sieht, da ist nichts mehr amateurhaftes, hinterhofiges im Prozess – das ist eine hochwertige Qualitätsspirituose, hergestellt auf handwerklich professionellem Niveau. Die oben angesprochene Angst vor Fuselstoffen ist damit vom Tisch.

Ein Brand wie der Floyd’s 55 ist ein durchaus interessanter Ersatz für andere weiße Spirituosen in Cocktails; Vodka, Korn oder auch Obstbrand gegen ihn auszutauschen ist ein Leichtes. Die Originalfassung des hier gezeigten The Bitter Moonshiner verlangte beispielsweise eigentlich nach weißem Barbados-Rum. Mit Floyd’s 55 und einem doppelten Amaro-Einsatz bekommt dieser Cocktail eine ganz eigene, sehr blumig-kräuterige Note, die auf den ersten Schluck gewöhnungsbedürftig scheint – mit fortschreitendem Konsum aber immer interessanter und leckerer wird.

The Bitter Moonshiner


The Bitter Moonshiner
1½ oz Original Floyd’s 55 Moonshine
¼ oz John D. Taylor’s Velvet Falernum
½ oz Fernet Branca
½ oz Cynar
1 Spritzer Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Mit Eis shaken.
[Rezept abgewandelt nach Inu a Kenas Originalrezept „The Bitter Bajan“]


Wir kennen inzwischen professionelle Produkte, die in einem Einweckglas abgefüllt werden, um sich den Anruch des im Hinterhof in das, was gerade da ist, als Behältnis Abgefüllten zu geben. Hier unterscheidet sich das in zweierlei Hinsicht von vielen Konkurrenzprodukten – erstens hat man hier ein Glas mit Griff, das man nachher gut als rustikales Cocktailglas wiederverwenden kann, und zweitens fehlt leider ein Ausgießer, der einem helfen würde, aus einer so großen Glasöffnung eine halbwegs vernünftige Dosis in ein kleines Trinkglas auszuschütten, ohne die Hälfte daneben zu leeren.

Original Floyd's 55 Moonshine Rückseite

Aber ich will mich nicht wirklich über so ein Fehlen beschweren – wer schon zu etepetete ist, ein bisschen Verlust beim Umschütten zu riskieren, ist vielleicht eh nicht in der passenden Zielgruppe für einen Moonshine. Ich empfehle aber trotzdem eine Pipette, um den Schnaps ins Trinkglas zu transportieren.

Insgesamt ist der Floyd’s 55 ein schönes Gesamtpaket für den an ungewöhnlichen Spirituosen Interessierten. Bei 18€ für 375 Milliliter bewegen wir uns für diese Art der Trendspirituose auch in einem im Vergleich zur amerikanischen Konkurrenz üblichen Preisgefüge; erhältlich ist er im DMAX-Onlineshop.

Offenlegung: Ich danke dem DMAX-Shop für die kostenfreie Zusendung eines Glases des Original Floyd’s 55 Moonshine.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Titel

Die Riesen von Albion – Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky

Die Natur war dem Menschen von Anfang an voller Rätsel. Der aufkeimende menschliche Verstand, nach einigen Fortschritten in Bezug auf Jagdtechnik schnell nicht mehr ausgelastet mit den banalen Problemen des alltäglichen Überlebens, versuchte sich die Phänomene um ihn herum zu erklären, ihnen einen Sinn zu geben. Er erkannte das Leben und den Willen in sich, und suchte dies dann entsprechend auch in seiner Umwelt, egal, ob es sich um Tiere, Pflanzen, das Wetter oder Steine handelte. Wenn dann noch ein besonders spektakuläres Naturwunder wie der Giant’s Causeway seinen Weg kreuzte, waren die Erklärungsversuche schnell voller übernatürlicher Wesen – denn offensichtlich konnte es kein Mensch gewesen sein, der diese höchstseltsame, ungewöhnliche Steinformation an der nordirischen Küste angelegt hatte, und von sich aus entstanden sein konnte es natürlich auch nicht. Nein, nur Riesen wären dazu in der Lage, so eine beeindruckende Struktur in die Landschaft zu hauen. Und so entstand die Legende  des irischen Riesen Finn MacCool und seiner Rivalität mit seinem schottischen Nachbarn Benandonner.

„And it’s absolutely a true story“, das glaubt man selbst heute sofort, wenn man es sieht, denn auch wir modernen Menschen haben Schwierigkeiten, eine rationale Erklärung für diese beeindruckende Landschaft zu finden. Das südliche Ende des Damms von Finn MacCool beginnt im nordirischen County Antrim, und er erstreckte sich nach der Legende fast gerade nordwärts bis zu Fingal’s Cave auf der unbewohnten schottischen Insel Staffa, wo man sehr ähnliche Gesteinsformationen wie in Antrim finden kann – wenn das mal kein eindeutiger Beweis für die Legende ist!

Dieser unterhaltsamen Legende zu Ehren schafft der saarländische Whiskytower eine kleine Whisky-Miniserie, entsprechend Giant’s Causeway genannt, die diese Verbindung zwischen Schottland und Irland wieder aufleben lassen soll. Begonnen wird auf der schottischen Seite – da auf dem winzigen Staffa allerdings keine Destille steht, suchten sie sich das nächstbeste aus der nahen Umgebung aus: die Insel Islay liegt auf der Strecke. Somit finden wir in der Flasche des Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky einen schottischen Single Malt aus der Destillerie Caol Ila. Wer sich fragt, wie man diesen gälischen Namen richtig ausspricht, ist in guter Gesellschaft, es gibt keine verbindliche Sprechweise: Die „Kuh Laila“ ist eine gute Annäherung, für manche vielleicht eher die „Kuh Lila“.

Unabhängige Abfüller sind immer mehr im Kommen; die Individualität der kleinen Abfüllmengen wird in einer Zeit, in der handwerklich hergestellte Craft-Ware mehr und mehr an Beliebtheit gewinnt, sehr geschätzt. Auch Whiskytower füllt unabhängig ab: 100 Flaschen wurden in Schottland aus einem einzelnen Ex-Bourbon-Fass gezogen.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Flasche

Bei Scotch ist Zuckerkulör als Färbemittel erlaubt; man sieht aber schon in der Flasche, dass darauf hier dankenswerter Weise verzichtet wurde, ebenso wie auf Kühlfiltration – im Gegensatz zu den meisten offiziellen Caol-Ila-Abfüllungen. Das blasse Mais- bis Gelbgold ist nun mal die Farbe eines ungefärbten Whisky; wir Verbraucher sollten uns irgendwann dran gewöhnen, dass „braune“ Spirituosen meist eben nicht „dunkelbraun“ sind und der Farbe weniger Gewicht zuweisen.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Geruch, zunächst mal ohne Wasserzusatz. Sehr fruchtig, Orangenschale, Mandarine. Erst dann islay-typisch phenolisch, doch zurückhaltender als viele andere Islay-Scotches. Ein gewisser Erdgeruch, den man von gereiftem Grappa kennt, gibt eine Dichte. Schokoladig, und nussig im Hintergrund. Rauch riecht man, wenn man die Nase vom Glas zurückzieht. Tatsächlich erinnert mich dieser Scotch auch geschmacklich dann etwas an Grappa. Diese Toffee-Trester-Note, auch die erdige Note ist schmeckbar, viel Vanille, etwas Heu. Zunächst schmeichelt eine sehr milde Süße mit viel Milchschokolade und Banane, die sich im Verlauf in eine leichte orangige Fruchtsäuerlichkeit wandelt, bis am Ende nichts mehr von der Süße da ist. Dieser Geschmacksverlauf ist wirklich spannend.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Glas

Im Abgang ziept er etwas, aber nicht unangenehm. Salz. Ingwer. Dezentes Chili. Grapefruit. Ein kühlender Effekt an Zungenseite und warm im Rachen. Am Ende viel Schokolade, vielleicht sogar Mousse au Chocolat. Ein voller, milder Rauchklang bleibt dann noch sehr lange im Mundraum hängen – das gefällt mir sehr. Insgesamt ein wirklich schöner, dabei aber noch vergleichsweise zurückhaltender Islay-Whisky, dem man seine stellenweise jugendliche Frechheit und den eher leichten, fast schon dünnen Körper aufgrund seiner aromatischen Eigenschaften gern verzeiht.

Bei respektablen 48% kann man auf Wasser verzichten, doch schadet es natürlich nie, einen Scotch mit ein paar Tropfen Wasser etwas zu bändigen. Für den Giant’s Causeway Islay sorgt Wasser nur für eine leichte Milderung der Hitze – sein Charakter bleibt erhalten, er verändert sich kaum. Die Schokolade kommt vielleicht noch etwas mehr zum Vorschein.

Die Altersangabe bei Whiskys ist nicht mehr selbstverständlich, NAS-Whiskys auf dem Vormarsch. Hier entschied man sich aber, das Alter anzugeben: 9 Jahre hat er auf dem Buckel, wenn man die Abfülldaten genau anschaut, sind es sogar beinahe 10 Jahre. Das Etikett ist diesbezüglich informationsfreigiebig – destilliert wurde der Whiskytower Giant’s Causeway Islay am 25.09.2006, abgefüllt am 10.08.2016. Auch die Fassnummer ist angegeben. Vorbildlich, die Limitierung auf 100 Flaschen hätte ich noch gern erwähnt gesehen.

The Whisky Tower Giant's Causeway Islay Etikett

Lange Zeit galt Scotch als nicht cocktailkompatibel. Zu eckig, zu kantig, zu speziell, passt sich nicht an. Dieses Vorurteil stammt aus einer Zeit, in der süße, liebliche, fruchtige Cocktails, bei denen man den Alkohol nicht herausschmecken durfte, beliebt waren. Heute, wo wilde Clairins, rauchige Mezcals und torfige Scotches auch in der Bar ankommen, und salzig-rauchig-umami-Geschmäcker endlich als interessant akzeptiert werden, muss natürlich auch dieses Tabu fallen. Wer sich den Penicillin Cocktail gönnt, erlebt, dass man jahrelang was verpasste, als man Scotch bei Cocktails auf die Ersatzbank gesetzt hatte – denn gerade ein so wuchtiger Geselle wie der Giant’s Causeway Islay sorgt für ordentlich Spaß in so einer Mixtur.

Penicillin


Penicillin Cocktail
1½ oz Islay Single Malt Scotch Whisky (z.B. Whiskytower Giant’s Causeway Islay)
1 oz Scotch Whisky (z.B. Bunnahabhain 12)
½ oz Ingwerlikör (z.B. King’s Ginger)
¾ oz Zitronensaft
3 Teelöffel leicht verdünnter Honig

Alle Zutaten auf Eis shaken. Mit kandierter Frucht garnieren.
[Rezept nach Simon Diffords Variante eines Originals von Sam Ross]


Neulich erst hatte ich mich darüber ausgelassen, dass so mancher Spirituosenhersteller mehr Wert auf eine gute Story als auf seine Produktqualität legt – heutzutage kaufen viele Verbraucher nicht mehr nur das Produkt, sondern wollen einen unterhalterischen Mehrwert dazugeliefert, ein Gesamterlebnis über den reinen Geschmackseindruck hinaus serviert bekommen. Im Allgemeinen sollte man diesem Trend vorsichtig skeptisch gegenüberstehen, wenn aber beides gut gemacht ist, und der Inhalt die Story anregte und nicht umgekehrt, dann können solche Storytelling-Ansätze einen netten, unterhaltsamen Rahmen spannen, in dem wir uns daran erinnern können, dass das (idealerweise gemeinsame) Trinken eines guten Tropfens schon immer auch einen erzählerischen Charakter hatte, und wir uns über die Kultur des Trinkens freuen sollten, die über die Aromatenchemie und das Marketing weit hinausgeht und älter ist als alle Verkostungs- und Gourmetansätze. Und das gelingt mit dem Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky ganz hervorragend – so dass ich mich sehr auf den zweiten Whiskey dieser Miniserie, dann natürlich aus Irland stammend, freue.

Offenlegung: Ich danke Whiskytower für das Bereitstellen einer halben Flasche dieses Whiskys als Verkostungssample.

Glenfiddich IPA Experiment Titel

Es lebt! Es lebt! Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky

It was on a dreary night of November that I beheld the accomplishment of my toils. With an anxiety that almost amounted to agony, I collected the instruments of life around me, that I might infuse a spark of being into the lifeless thing that lay at my feet. It was already one in the morning; the rain pattered dismally against the panes, and my candle was nearly burnt out, when, by the glimmer of the half-extinguished light, I saw the dull yellow eye of the creature open; it breathed hard, and a convulsive motion agitated its limbs.

 

So dramatisch wie in Frankenstein, or the Modern Prometheus geht es bei nur wenigen Experimenten zu. Der Schweizer Victor Frankenstein bastelt sich sein Monster aus chemischen und alchemischen Zutaten und erweckt es zum Leben. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass mit dem Leben auch Anforderungen an den Erschaffer entstehen; das Wesen verfolgt seinen Schöpfer und verlangt Antworten auf seine Fragen. Doch will der Wissenschaftler plötzlich nichts mehr mit seiner Kreatur zu tun haben, und das Experiment wird zur Tragödie…

Nun gibt es durchaus auch Experimente in der Spirituosenbranche, die ähnlich tragisch verlaufen und die man besser im Labor gelassen hätte. Da werden Brände gequält mit Zutaten, dass einem das Grauen kommt. So mancher Rum oder Whisky werden in schlimmsten Schnapsversuchsreihen manipuliert, bis man nur noch zusammen mit Victor Frankenstein ausrufen kann:

Oh! No mortal could support the horror of that countenance.

Ist der Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky auch eine ähnliche Monstrosität wie das unbenannte Wesen, das Frankenstein erschaffen und zum Leben erweckt hatte?

Glenfiddich IPA Experiment Flasche

Wir wollen uns mal langsam an dieses Produkt herantasten. Dass Whiskys in Fässern allerlei Herkunft gereift und gefinisht werden, ist ja allgemein üblich und bekannt. Ex-Bourbon-Fässer sind die Standardware; abgelegte Fässer aus der Madeira-, Sherry-, und Portherstellung beliebt, da sie durch die im Holz gespeicherten Aromen der Vorbewohner einen ganz eigenen, im Endprodukt klar erkennbaren Touch an den Whisky abgeben.

Der Glenfiddich IPA Experiment macht das Naheliegende zum richtigen Zeitpunkt – die Craftbierbewegung ist in vollem Gange, die alten britischen Bierstile wie Pale Ale und India Pale Ale erleben eine globale Renaissance. Da fragt man sich eigentlich, warum es so lange dauerte, dass eine Destille auf die Idee kommt, ihren Malt Whisky in einem Ex-Bierfass zu finishen. Nach der unbekannten Reifezeit (dieser Scotch gehört zu den aktuell viel auftretenden NAS-Veröffentlichungen, die keine Altersangabe mehr aufweisen) konnte der Whisky so also noch 3 Monate in einem Fass nachreifen, das vorher ein extra für diesen Zweck gebrautes IPA der Speyside Craft Brewery in Forres, bei Inverness, enthielt. British Challenger ist die Aromahopfensorte, die das Bier mit einer Fruchtigkeit ausstattet, die dann an den Whisky übergehen soll. Soviel zum Bier, und zu den Fässern, aber was ist mit dem Wasser des Lebens selbst?

Glenfiddich IPA Experiment Glas

Betrachten wir es erstmal im Glas: Sonnenblumengold, mit leicht grüngelben Reflexen. Ganz gewiss weit davon entfernt, ein hässliches Monstrum zu sein, im Gegenteil. Die Beine gibt es aber nur zögerlich ab; diese sind dann dünn und langsamfließend.

A strange multiplicity of sensations seized me, and I saw, felt, heard, and smelt at the same time; and it was, indeed, a long time before I learned to distinguish between the operations of my various senses.

Wir sollten uns bei der Verkostung nicht wie Frankensteins Kreatur von den Sinneseindrücken verwirren lassen – wir trennen die Optik von der Olfaktorik. Letztere bietet uns abgestandenes Bier, Honig, mildes Orangenfleisch, Vanille, Banane. Frisch eingegossen ist da eine recht stechende Alkoholnote, die wir erstmal verfliegen lassen müssen.

Der erste Schluck weiß dann aber direkt zu gefallen. Sehr süß, ausgeglichen durch eine spritzige Zitrusnote. Eine gewisse hintergründige medizinische Charakteristik gibt Komplexität. Süßholz. Keinerlei Rauch oder Torf, dafür ein Anflug von Kräuterwiese, nein, eigentlich nur der Wind, der darüber streicht, denn der IPA Experiment hat einen sehr leichten Körper. Ich würde sagen – ein typischer Speyside Single Malt mit einem sehr hellen, fruchtigen Charakter. Persönlich erkenne ich nicht viel des Biers, aber dafür tatsächlich IPA-typische Aromahopfennoten. Im kurzen Abgang wird es dann würziger – Ingwer, weißer Pfeffer, und supertrocken. Stark adstringierend; eine angenehm glühende feine Mentholnote bleibt noch etwas.

I am alone and miserable; man will not associate with me; but one as deformed and horrible as myself would not deny herself to me.

Das Monster ist vielleicht etwas arg pessimistisch in seinem Ausblick auf seine soziale Zukunft. Der Glenfiddich IPA Experiment muss das natürlich nicht sein, denn ich kann ihn mir sehr gut als wunderbaren Partner in scotchbasierten Cocktails vorstellen. Dennoch mache ich hier und heute eine Ausnahme und gebe kein Cocktailrezept an, einfach, weil ich auf einen typisch schottischen Gebrauch hinweisen möchte, den ich in dem Jahr, das ich in Glasgow verbrachte, sehr zu schätzen lernte, und der dem Scotch eine ebenbürtige Partnerin gegenüberstellt, wie sie Frankensteins Schöpfung so sehr ersehnte: Das hauf an a hauf, also ein kleines Glas Scotch und dazu ein halbes Pint Bier. In Deutschland sagt man dazu Herrengedeck. Und was wäre dem kaledonischen Bierfass-Experiment mehr angebracht als ein fassgereiftes, schottisches Ale, wie das Innis & Gunn Oak Aged IPA?

Hauf an a hauf


Hauf an a hauf
1 Dram Scotch Whisky (z.B. Glenfiddich IPA Experiment)
½ Pint Schottisches Bier (z.B. Innis & Gunn Oak Aged IPA)


Die Präsentation ist durchweg gelungen – die für Glenfiddich übliche Dreiecksform findet sich in der stabilen, hübsch zurückhaltend mit Braun und Kupfer gestalteten Dose, als auch in der massiven, dunkelbraunen, fast blickdichten Flasche mit Naturkorken wieder. Die aufgeklebten Briefmarkenstiletiketten lassen viel Glas frei, so dass der aufs Glas gedruckte Hirschkopf wunderbar zur Geltung kommt. Insgesamt sehr wertig und ansprechend.

Glenfiddich IPA Experiment Dreiecksform

Würde das Whisky-Experiment, könnte es sprechen, auch die Master Distiller bei Glenfiddich anklagen, wie es das Monster bei Frankenstein tat?

„Cursed, cursed creator! Why did I live?“

Nein. Vielleicht würde es fragen, warum es für das Gebotene so relativ teuer verkauft werden muss, oder warum es nicht mit 46% statt 43% erschaffen werden konnte; doch das sind keine tiefen Sinnesfragen, sondern mehr Luxusprobleme. Der Glenfiddich IPA Experiment ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass nicht alle Versuche mit Horror, Mord und Verzweiflung enden müssen. Hätte sich Victor Frankenstein statt seiner Labors doch lieber eine Destille zugelegt, und hätte seine schöpferische Energie ins Brennen und Reifen gerichtet – ihm wäre viel Leid erspart geblieben, und wir hätten mehr interessante, unterhaltsame Whiskys wie diesen hier.

Koval Millet Single Barrel Whiskey Titel

Im Käfig oder auf dem Fensterbrett? Koval Millet Single Barrel Whiskey

Ich bin eigentlich in jedem Geschäft, das Lebensmittel anbietet, immer auch auf der Suche nach neuen Spirituosen. Das Angebot ist meist recht unterschiedlich. Gewisse Standardware hat jeder, wie den Old No. 7, Havana Club 3 Años oder Gordon’s Gin; darüber hinaus ist das Sortiment aber dann schon wechselnd. Der eine Markt konzentriert sich auf Billigschnaps en gros, der andere hat kleine aber feine Marken in der Auslage.

Seit einiger Zeit gehe ich für einige Lebensmittel in Biomärkte, und neben der deutlich sichtbaren Professionalisierung (die ungepflegten Hippies, die braune Bananen mit einem maoistischen Flyer einwickelten, sind Geschichte) bieten diese Läden inzwischen auch Wein, Bier und Spirituosen an, fair hergestellt und gehandelt, mit Zertifikaten und Siegeln. Schnaps, den man oft sonst kaum woanders findet, denn der Kunde mag bei Eiern, Tomaten und Rindfleisch inzwischen auf nachhaltig produzierte Ware schauen, bei flüssigen Genussmitteln ist das eher die Ausnahme. Für manche Hersteller eine Chance, eine Nische zu füllen, die mit der Zeit wahrscheinlich immer bedeutender werden wird.

Für amerikanischen Whiskey gibt es dabei einige grundlegende Dinge zu beachten, wenn es um Bioproduktion geht. Das Rohmaterial, also hauptsächlich Mais, Gerste und/oder Roggen, muss biozertifiziert sein, was in den genmanipulationsfreundlichen USA bereits einen ersten Stolperstein darstellt. Der Koval Millet Single Barrel Whiskey wird auf der Herstellerseite und in Shops als „organic“, dem englischen Begriff für „bio“, vermarktet – doch auf der Flasche selbst findet sich kein Hinweis mehr darauf. Ist da was schiefgegangen?

Koval Millet Single Barrel Whiskey Flasche

Die Erklärung ist recht simpel – neben den Basisprodukten muss auch die Produktion und, und das vergessen viele, sogar der Vertrieb zertifiziert sein, um ein entsprechendes Siegel in Europa zu erhalten. Der Importeur Haromex kann (oder will, aus Kostengründen) dies nicht leisten. Nun, wir wollen ihn trotzdem verkosten, denn Bio-Zertifizierung ist ja gut und schön, wenn er aber geschmacklich nichts taugt, bringt das alles nichts.

Hirse (engl. millet) als Basisgetreide für Whiskey ist ein Alleinstellungsmerkmal – das uralte Gewächs dient hier als Ersatz für die sonst bei amerikanischem Whiskey üblichen Sorten wie Mais, Gerste, Roggen oder Weizen. Die Farbe zeigt diese ungewohnte Zutat allerdings nicht: Kräftiger, strahlender Bernstein, sehr erinnernd an Bourbon oder Rye. Lange, dicke Beine beim Schwenken erzeugen eine ansprechende Optik. Auch die Nase wird überzeugt: Vanille, eine süßliche Note nach Birne und Litschi (mit Dank an Horst Lüning für diesen Hinweis, den ich selbst nicht benennen hätte können, aber definitiv da ist!), Eichenholz, Cerealien. Sehr mild und attraktiv. Die deutlich erkennbare Lösungsmittelnote gehört mit dazu bei amerikanischem Whiskey.

Der Bourbonkenner ist überrascht beim ersten Schluck: Zwar klar süß, aber dazu leicht seifig, insgesamt sehr eigen. Das überragend samtige Mundgefühl passt zum dichten Körper, während die Aromatik aber eher auf der Obertonebene bleibt. Litschis, mildes Obst wie Birne und Banane, dazu aber eine milde Säure. Die Hirse macht sich ingesamt sehr gut als Whiskeygetreide, gibt neben der ganz eigenen Aromatik noch eine runde, feine Tiefe an das Getränk. Eine durchaus kräftige Pfefferschärfe komplettiert ein spannendes Panorama von Eindrücken.

Im Endgame findet sich etwas Säure, ein leichtes Kitzeln belebt den ansonsten samtigen und zarten, sehr langen Abgang. Obstnoten bleiben noch länger am Gaumen, dazu ein minimales Betäubungsgefühl auf der Zungenspitze, spannend für einen Brand, der eigentlich nur 40% (80 proof) aufweist.

Tatsächlich kann man den Koval Millet Single Barrel Whiskey meiner Meinung nach überall dort einsetzen, wo man sonst eigentlich einen Bourbon hernehmen würde. Durch solch leichte Variationen in Basisspirituosen bekommen wir schnell einen ganz anderen Drink; der Haymaker profitiert beispielsweise von der Zartfruchtigkeit und der brummenden Tiefe des Koval-Bioprodukts.

Haymaker


Haymaker
¾ oz Whiskey (z.B. Koval Millet Single Barrel Whiskey)
  ¾ oz Triple Sec (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
¾ oz Trockener Wermut (z.B. Noilly Prat)
¾ oz Limettensaft
[Rezept nach unbekannt]


Die restlichen Daten lesen sich schön für einen Whiskeyfreund, der auf Herstellungsdetails und Transparenz steht (ich tue das): unfiltrierte Single-Barrel-Abfüllung mit entsprechender Flaschennummerierung, gereift in ausgebrannten, neuen 30-Gallonen-Fässern aus amerikanischer Weißeiche aus Minnesota, die Hirse stammt von einem Biofarmerkollektiv im Mittleren Westen der USA – wer will, kann den Inhalt seiner Flasche bis zum Getreidebauern zurückverfolgen. Wie üblich bei Koval wird nur der Heart Cut eingelagert (ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch die großen Hersteller tun, denn Heads und Tails eines Brennvorgangs werden eigentlich überall als minderwertig wahrgenommen).

Ich freue mich über jede neue Idee, die die sympathische Craftbrauerei aus Chicago hervorbringt. Wer mehr von ihnen probieren will, sollte sich definitiv auch deren Single Barrel Bourbon und den Four Grain Single Barrel anschauen.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Titel

Mark Twain hätte seine Freude dran – Jim Beam Kentucky Dram Whiskey

Vor kurzem gab es bei Facebook eine Diskussion, die der allseits geschätzte Serge von Whiskyfun.com anstieß – die unerträgliche Situation bei Rum, die es ehrlichen, traditionell arbeitenden Brennern schwer macht, sich gegen all die manipulierenden, nachsüßenden und aromatisierenden Pseudorumhersteller durchzusetzen, die den Ruf des Rum für den schnellen Dollar ruinieren, ließ ihn sich fragen, ob es nicht möglich wäre, dies Problem über eine Etikettenkennzeichnung zu lösen: Sauberer Rum solle den Zusatz „straight“ bekommen, in Analogie zur Kennzeichnung bei amerikanischem Whiskey. „Straight Rum“ wäre definiert als unmanipulierter Rum; „Rum“ ohne diesen Zusatz der Rest.

Ob dies für Rum in seiner multinationalen Herstellersituation durchsetzbar wäre, ist eine Frage; die andere, ob nicht trotz einer solchen Regel weiterhin getrickst werden würde. Was meiner Meinung nach wahrscheinlich passieren würde, sieht man exemplarisch am Whiskey, den ich heute vorstellen will: Dem Jim Beam Kentucky Dram Whiskey. Wir haben hier den Fall eines Blends vor uns, und zwar eines besonderen – hier wird amerikanischer Bourbon mit schottischem Whisky vermählt. Da das Reglement für Bourbon sehr streng ist, darf sich das Kentucky Dram nun natürlich aufgrund der schottischen Zugaben nicht Bourbon, und auch nicht Straight Whiskey nennen; dennoch sieht man prominent auf dem Label die Worte „Kentucky Straight Bourbon Whiskey“ – wer es nicht besser weiß, könnte hier auf die Idee kommen, dies auch in der Flasche zu finden. Der Grat ist schmal.

Weg von den Problemen von Kategorien, Etiketten und Tricksereien hin zum eigentlichen Produkt. Das Wunschziel des Kentucky Dram ist wahrscheinlich, den vollen, süßen Körper eines Bourbons mit dem besonderen Rauch- und Torfaroma eines schottischen getorften Single Malts (doch vorsicht: Single Malt wird nirgends erwähnt, nur „peated whisky“) zu verbinden. Gelingt das?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Flasche

Der Ursprung der Farbe ist hier eine interessante Fragestellung. Für amerikanische Bourbonproduzenten ist Farbstoff kein Thema, weil verboten. Für Scotchhersteller ist Zuckerkulör als Färbemittel dagegen erlaubt. Da wir laut Beschreibung eine Mischung aus beiden haben, die nicht mehr als Bourbon vermarktet wird, könnte Farbstoff sowohl über die Scotch-Zusetzung als auch durch den Wegfall des Farbstoffverbots in diesen Whiskey kommen. Auf dem Label wird nichts diesbezüglich erwähnt – jeder soll je nach Gemütslage seine Schlüsse daraus ziehen. Ob nun natürlich entstanden oder durch Farbstoffhilfe: Das Kentucky Dram strahlt mit Bernstein in Reinkultur. Beim sanften Schwenken entstehen dünne Beinchen.

Begleitet wird der optische Eindruck durch einen sehr bourbontypischen Geruch. Süß nach Vanille, würzig nach Eiche, eine leichte Lösungsmittelskomponente. Dazu kommt allerdings eine etwas stechende Alkoholfahne, die ein tieferes Schnuppern verbietet. Ich lasse ihn daher eine Weile offen stehen. Doch selbst nach 10 Minuten bleibt dieser stechende Geruch und macht mir den Genuss schonmal schwierig. Den angekündigten schottischen Torfrauch vermag ich persönlich geruchlich nichtmal zu erahnen.

Im Mund kommt er dann, wenn man genau weiß, worauf man zu achten hat, zum Vorschein. Nur ein kurzes Aufblitzen allerdings: Schnell holt die etwas generische Vanille-Eiche-Übermacht alles andere ein und macht es platt. Ein darüberhinaus etwas salziger Charakter mit Anflügen von Lakritz ergibt eine spannende Kombination für alle Freunde des deftigeren Whiskeys; man glaubt kaum, dass er nur 40% Alkohol aufweist, denn die unausgeglichene Schärfe verschreckt schon etwas. Der Abgang ist kurz und leider sehr belanglos. Die bourbontypische Karotte steht noch eine Weile im Mund, dann ist alles enttäuschend schnell wieder weg.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Glas

Vielleicht bin ich sensorisch zu eingeschränkt, aber ich empfinde die Produktprämisse als sehr gewagt. Wenn wenigstens angegeben würde, welcher und wieviel schottischer Peated Whisky hier enthalten ist, könnte man trefflich diskutieren, wie sehr er die Bourbonbasis beeinflusst – in der vorliegenden Form vermute ich, dass die Formulierung „a touch of peated Scotch whisky“ auf der Dose tatsächlich so gemeint ist. Ein paar Tropfen Scotch pro Flasche. Kaum spürbar. Dazu kommt, dass der verwendete Bourbon ein recht scharfer, harter ist, wahrscheinlich aus Beams unteren Qualitätskategorien; weniger der Geschmack als vielmehr der Geruch leidet sehr darunter.

Wir wollen nun einen Cocktail finden, der der Mixtur aus amerikanischem Bourbon und schottischem Whisky, zwei Titanen der Spirituosenwelt, gerecht wird. Und, siehe da, es gibt einen, von dem man unterschiedliche Varianten findet, einerseits mit dem europäischen und andererseits mit dem amerikanischen Getreidebrand. Mark Twain war so begeistert von ihm, dass er seiner Frau auftrug, die Zutaten bereitzustellen, wenn er von seiner London-Reise zurückkommt. Und ihm zu Ehren ist dieser Cocktail dann auch benannt – wir nutzen hier den schottisch angehauchten Bourbon, um beide Spirituosen zu ehren. Ich bin mir sicher, in dieser Form hätte Mark Twain dieser Cocktail noch besser geschmeckt als mit Scotch (zumindest geht es mir so).

Mark Twain Cocktail


Mark Twain Cocktail
2 oz Scotch (oder hier: Kentucky Dram Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
2 Spritzer Angostura
Alles auf Eis shaken.
[Rezept leicht modifiziert nach Mark Twain]


Lohnt sich der Kauf? Persönlich würde ich Interessierten lieber raten, die 40€ in einen guten Bourbon oder einen guten Scotch zu investieren statt in diesen etwas marketinggetriebenen Mischmasch – für das Geld kriegt man in beiden Kategorien ganz hervorragende Produkte. Der Komplettist und Beam-Fan kann aber, wenn er mal etwas anderes probieren will, zugreifen, denn, und das sollte man nicht unterschätzen, das Kentucky Dram ist ein Whiskey, der das Flair des Exklusiven mit sich bringt. Warum?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Dose

Zunächst ist die Aufmachung gelungen – große, eckige Blechdose in einem sehr genehmen Design. Dann die große, wuchtige Literflasche mit Etikett im selben Metallic-Blau-Stil. Darüberhinaus wird er auch noch künstlich verknappt: Gekauft habe ich diesen Whiskey im Duty-Free-Shop des Flughafens Saarbrücken, vor der Abreise nach Kreta – dankenswerterweise bietet der Shop dort einen Hinterlegungsservice an, so dass man die Flasche nicht mit in den Urlaub nehmen muss, sondern bei der Rückkehr bequem am Informationsschalter abholen kann. 41€ kostete der Liter dort, hätte ich zwei mitgenommen, sogar nur 30€. Ähnlich wie beim Metaxa with Greek Honey ist das Kentucky Dram anderweitig als im Travel Retail aktuell etwas kompliziert erhältlich; bei einem großen ehemaligen Buchversender bekommt man ihn zwar, aber für einen im Vergleich deutlich erhöhten Preis.

Prichard's Lincoln Country Lightning Titel

Eichen sollst Du weichen – Benjamin Prichard’s Lincoln County Lightning Tennessee Corn Whiskey

Die Wetterlage Anfang Juni sorgte bei so einigen dafür, dass man sich wieder etwas mehr mit Meteorologie auseinandersetzte. Das Besondere am Wetter gerade in dieser Zeit waren Mikrogewitter, die sich in einem sehr begrenzten geografischen Raum voller Wut abspielten; neulich, auf der Ostalb, so erzählten mir meine Eltern, hatte es in einem Dorf 10km entfernt 5cm große Hagelkörner und schlimmste Überschwemmungen gegeben. Nur ein paar Autominuten weg davon hat es dagegen nur leicht geregnet.

Im Deutschlandfunk wurde ein Experte befragt, warum keine präzisere Vorhersage möglich war, der im aktuellen Fall Leben hätte retten können. Doch bei dieser Art von Unwetter spielt sich, so der Experte, alles so schnell ab, dass die Vorhersage laut ebenda interviewtem Landrat Klaus Pavel erst kam, als das Gewitter schon in vollem Gange war. Wenn nun schon keine Vorhersage möglich ist, gibt es wenigstens Verhaltensregeln für so einen Fall? Was tut man, wenn es blitzt und donnert? Die Volksweisheit hat einen Spruch parat, deren Wahrheitsgehalt leider gegen Null strebt, aber für den hier vorgestellten Whiskey eine ideale Überleitung bildet.

Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen. Wahrscheinlich entstand dieser Spruch einfach deshalb, weil es sich so schön reimt; eventuell ist eine Buche, mit ihrer glatten Haut, einfach nach einem Blitzeinschlag nicht ganz so geschädigt wie eine zerfurchte, bemooste alte Eiche, und man nahm diesen optischen Eindruck als Beweis für den Spruch heran. Benjamin Prichard’s Lincoln County Lightning Tennessee Corn Whiskey hat, neben einem superlangen Namen, auch den Blitz im Titel; und er hat sich vielleicht deswegen an die alte Adage gehalten und Eichen gemieden – er kam nicht in Kontakt mit Fassholz, das in den USA zumeist aus amerikanischer Weißeiche produziert wird. Hat es ihm was gebracht?

Prichard's Lincoln Country Lightning Flasche

Ich bewundere zunächst die schönen langen Beine, die der Lincoln County Lightning im Glas beim Schwenken hinterlässt. Dass er völlig transparent ist, hat man ja schon in der eckigen, sich etwas an Feldflaschen orientierenden, nur mit wenig Etikett beklebten Flasche erkennen können. Das schwarz-silberne Dekor lässt einen auf einen edlen Geist hoffen.

Den Whiskeyfreund, der denkt, hier einen bourbonähnlichen Geruch zu bekommen, wird überrascht sein: Frischgebackenes Brot, Mehl, ein Hauch Lakritze, eine Ahnung von Pfirsich, ein Anflug von Klebstoff. Ich habe noch nie einen derartigen Geruch bei Spirituosen gerochen.

Auch im Mund ist dieser brotig-mehlige Geschmack vorhanden. Sehr trocken, zwar süß, aber fast staubig. Erinnert mich etwas an polnischen Vodka; mehr an Vodka als an Bourbon aber auf jeden Fall. Eine kräftige, brennende Schärfe zeugt vom ungebändigten, frischen, jungen Geist dieses Maiswhiskeys.

Im Abgang wird dies durch eine pfiffige Schärfe an der Zungenspitze weiter fortgeführt. Am Gaumen verbleibt eine seltsam trockenes Gefühl. Insgesamt ein eher kurzer Abgang – die alkoholische Schärfe bleibt länger als ein Geschmack.

Prichard's Lincoln Country Lightning Flasche Seitenansicht

Würde ich dem Whiskeyfreund solch einen Brand zum Purgenuss empfehlen? Auf jeden Fall, aber eigentlich nur aus einem Grund: Als Studienobjekt. Man sieht an solcherlei Whiskey sehr eindrücklich, wie sehr das, was wir als Whiskey kennen, von der Fassreifung beeinflusst wird. Zieht man einen gereiften Maiswhiskey wie den Mellow Corn zum Vergleich heran, glaubt man kaum, dass es sich um dieselbe Spirituose handelt.

Man kann das Spirituosenstudium noch weiterführen, indem man einen ungereiften Maiswhiskey wie den Lincoln County Lightning mit einem ungereiften Bourbon vergleicht, zum Beispiel dem Buffalo Trace White Dog Mash #1. Obwohl in beiden Mais als Hauptbestandteil enthalten ist, erkennt man hier schon die feinen Unterschiede.

Nun, außerhalb der Schnapsforschung für interessierte Connoisseure hat der Lincoln County Lightning aber nicht wirklich viel zu bieten. Er ist zu scharf, zu eindimensional, um wirklich für den feinen Gaumen als Schlürfobjekt zu taugen. Der übliche Gebrauch für derartige, mit Moonshine (also illegal gebrannten Hochprozentigem) verwandte Produkte ist das Effekttrinken; da mag die hochwertige Aufmachung zwar auf anderes hindeuten, doch letztlich sind die Alternativen dazu stark eingeschränkt.

In einem Cocktail ist ein ungereifter Maiswhiskey kein Ersatz für Bourbon, da sich die Aromatik völlig unterscheidet. Ich würde ihn eher mit weißem Rum im Einsatzgebiet vergleichen, oder mit Vodka. Hin und wieder findet man aber dann doch einen mutigen Mixologen, der ein Rezept speziell für White Dogs und Co. entwickelt, wie den White Whiskey Punch.

White Whiskey Punch