Die Riesen von Albion – Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky

Die Natur war dem Menschen von Anfang an voller Rätsel. Der aufkeimende menschliche Verstand, nach einigen Fortschritten in Bezug auf Jagdtechnik schnell nicht mehr ausgelastet mit den banalen Problemen des alltäglichen Überlebens, versuchte sich die Phänomene um ihn herum zu erklären, ihnen einen Sinn zu geben. Er erkannte das Leben und den Willen in sich, und suchte dies dann entsprechend auch in seiner Umwelt, egal, ob es sich um Tiere, Pflanzen, das Wetter oder Steine handelte. Wenn dann noch ein besonders spektakuläres Naturwunder wie der Giant’s Causeway seinen Weg kreuzte, waren die Erklärungsversuche schnell voller übernatürlicher Wesen – denn offensichtlich konnte es kein Mensch gewesen sein, der diese höchstseltsame, ungewöhnliche Steinformation an der nordirischen Küste angelegt hatte, und von sich aus entstanden sein konnte es natürlich auch nicht. Nein, nur Riesen wären dazu in der Lage, so eine beeindruckende Struktur in die Landschaft zu hauen. Und so entstand die Legende  des irischen Riesen Finn MacCool und seiner Rivalität mit seinem schottischen Nachbarn Benandonner.

„And it’s absolutely a true story“, das glaubt man selbst heute sofort, wenn man es sieht, denn auch wir modernen Menschen haben Schwierigkeiten, eine rationale Erklärung für diese beeindruckende Landschaft zu finden. Das südliche Ende des Damms von Finn MacCool beginnt im nordirischen County Antrim, und er erstreckte sich nach der Legende fast gerade nordwärts bis zu Fingal’s Cave auf der unbewohnten schottischen Insel Staffa, wo man sehr ähnliche Gesteinsformationen wie in Antrim finden kann – wenn das mal kein eindeutiger Beweis für die Legende ist!

Dieser unterhaltsamen Legende zu Ehren schafft der saarländische Whiskytower eine kleine Whisky-Miniserie, entsprechend Giant’s Causeway genannt, die diese Verbindung zwischen Schottland und Irland wieder aufleben lassen soll. Begonnen wird auf der schottischen Seite – da auf dem winzigen Staffa allerdings keine Destille steht, suchten sie sich das nächstbeste aus der nahen Umgebung aus: die Insel Islay liegt auf der Strecke. Somit finden wir in der Flasche des Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky einen schottischen Single Malt aus der Destillerie Caol Ila. Wer sich fragt, wie man diesen gälischen Namen richtig ausspricht, ist in guter Gesellschaft, es gibt keine verbindliche Sprechweise: Die „Kuh Laila“ ist eine gute Annäherung, für manche vielleicht eher die „Kuh Lila“.

Unabhängige Abfüller sind immer mehr im Kommen; die Individualität der kleinen Abfüllmengen wird in einer Zeit, in der handwerklich hergestellte Craft-Ware mehr und mehr an Beliebtheit gewinnt, sehr geschätzt. Auch Whiskytower füllt unabhängig ab: 100 Flaschen wurden in Schottland aus einem einzelnen Ex-Bourbon-Fass gezogen.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Flasche

Bei Scotch ist Zuckerkulör als Färbemittel erlaubt; man sieht aber schon in der Flasche, dass darauf hier dankenswerter Weise verzichtet wurde, ebenso wie auf Kühlfiltration – im Gegensatz zu den meisten offiziellen Caol-Ila-Abfüllungen. Das blasse Mais- bis Gelbgold ist nun mal die Farbe eines ungefärbten Whisky; wir Verbraucher sollten uns irgendwann dran gewöhnen, dass „braune“ Spirituosen meist eben nicht „dunkelbraun“ sind und der Farbe weniger Gewicht zuweisen.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Geruch, zunächst mal ohne Wasserzusatz. Sehr fruchtig, Orangenschale, Mandarine. Erst dann islay-typisch phenolisch, doch zurückhaltender als viele andere Islay-Scotches. Ein gewisser Erdgeruch, den man von gereiftem Grappa kennt, gibt eine Dichte. Schokoladig, und nussig im Hintergrund. Rauch riecht man, wenn man die Nase vom Glas zurückzieht. Tatsächlich erinnert mich dieser Scotch auch geschmacklich dann etwas an Grappa. Diese Toffee-Trester-Note, auch die erdige Note ist schmeckbar, viel Vanille, etwas Heu. Zunächst schmeichelt eine sehr milde Süße mit viel Milchschokolade und Banane, die sich im Verlauf in eine leichte orangige Fruchtsäuerlichkeit wandelt, bis am Ende nichts mehr von der Süße da ist. Dieser Geschmacksverlauf ist wirklich spannend.

Whiskytower Giant's Causeway Islay Glas

Im Abgang ziept er etwas, aber nicht unangenehm. Salz. Ingwer. Dezentes Chili. Grapefruit. Ein kühlender Effekt an Zungenseite und warm im Rachen. Am Ende viel Schokolade, vielleicht sogar Mousse au Chocolat. Ein voller, milder Rauchklang bleibt dann noch sehr lange im Mundraum hängen – das gefällt mir sehr. Insgesamt ein wirklich schöner, dabei aber noch vergleichsweise zurückhaltender Islay-Whisky, dem man seine stellenweise jugendliche Frechheit und den eher leichten, fast schon dünnen Körper aufgrund seiner aromatischen Eigenschaften gern verzeiht.

Bei respektablen 48% kann man auf Wasser verzichten, doch schadet es natürlich nie, einen Scotch mit ein paar Tropfen Wasser etwas zu bändigen. Für den Giant’s Causeway Islay sorgt Wasser nur für eine leichte Milderung der Hitze – sein Charakter bleibt erhalten, er verändert sich kaum. Die Schokolade kommt vielleicht noch etwas mehr zum Vorschein.

Die Altersangabe bei Whiskys ist nicht mehr selbstverständlich, NAS-Whiskys auf dem Vormarsch. Hier entschied man sich aber, das Alter anzugeben: 9 Jahre hat er auf dem Buckel, wenn man die Abfülldaten genau anschaut, sind es sogar beinahe 10 Jahre. Das Etikett ist diesbezüglich informationsfreigiebig – destilliert wurde der Whiskytower Giant’s Causeway Islay am 25.09.2006, abgefüllt am 10.08.2016. Auch die Fassnummer ist angegeben. Vorbildlich, die Limitierung auf 100 Flaschen hätte ich noch gern erwähnt gesehen.

The Whisky Tower Giant's Causeway Islay Etikett

Lange Zeit galt Scotch als nicht cocktailkompatibel. Zu eckig, zu kantig, zu speziell, passt sich nicht an. Dieses Vorurteil stammt aus einer Zeit, in der süße, liebliche, fruchtige Cocktails, bei denen man den Alkohol nicht herausschmecken durfte, beliebt waren. Heute, wo wilde Clairins, rauchige Mezcals und torfige Scotches auch in der Bar ankommen, und salzig-rauchig-umami-Geschmäcker endlich als interessant akzeptiert werden, muss natürlich auch dieses Tabu fallen. Wer sich den Penicillin Cocktail gönnt, erlebt, dass man jahrelang was verpasste, als man Scotch bei Cocktails auf die Ersatzbank gesetzt hatte – denn gerade ein so wuchtiger Geselle wie der Giant’s Causeway Islay sorgt für ordentlich Spaß in so einer Mixtur.

Penicillin


Penicillin Cocktail
1½ oz Islay Single Malt Scotch Whisky (z.B. Whiskytower Giant’s Causeway Islay)
1 oz Scotch Whisky (z.B. Bunnahabhain 12)
½ oz Ingwerlikör (z.B. King’s Ginger)
¾ oz Zitronensaft
3 Teelöffel leicht verdünnter Honig

Alle Zutaten auf Eis shaken. Mit kandierter Frucht garnieren.
[Rezept nach Simon Diffords Variante eines Originals von Sam Ross]


Neulich erst hatte ich mich darüber ausgelassen, dass so mancher Spirituosenhersteller mehr Wert auf eine gute Story als auf seine Produktqualität legt – heutzutage kaufen viele Verbraucher nicht mehr nur das Produkt, sondern wollen einen unterhalterischen Mehrwert dazugeliefert, ein Gesamterlebnis über den reinen Geschmackseindruck hinaus serviert bekommen. Im Allgemeinen sollte man diesem Trend vorsichtig skeptisch gegenüberstehen, wenn aber beides gut gemacht ist, und der Inhalt die Story anregte und nicht umgekehrt, dann können solche Storytelling-Ansätze einen netten, unterhaltsamen Rahmen spannen, in dem wir uns daran erinnern können, dass das (idealerweise gemeinsame) Trinken eines guten Tropfens schon immer auch einen erzählerischen Charakter hatte, und wir uns über die Kultur des Trinkens freuen sollten, die über die Aromatenchemie und das Marketing weit hinausgeht und älter ist als alle Verkostungs- und Gourmetansätze. Und das gelingt mit dem Whiskytower Giant’s Causeway Islay Scotch Whisky ganz hervorragend – so dass ich mich sehr auf den zweiten Whiskey dieser Miniserie, dann natürlich aus Irland stammend, freue.

Offenlegung: Ich danke Whiskytower für das Bereitstellen einer halben Flasche dieses Whiskys als Verkostungssample.

Fünfmal Weißbier, bitte! Maisel’s Weisse

Die Berliner haben sie, und die Bayern auch. Beide nennen ihr liebstes Bier „Weisse“. Wer beide Sorten schonmal getrunken hat, wird mir zustimmen – unterschiedlicher können Biere kaum sein. Das Haupstadtbier ist ein sehr saures und leichtes Bier, das süddeutsche Getränk ein eher süßes, vollmundiges Schaumbier. Während ersteres eine Weile kurz vor dem Aussterben stand und praktisch nur durch das Interesse an alten Bierstilen im Zuge der Craftrevolution wiederbelebt wurde, hat letzteres ganz Süddeutschland, und auch Teile Restdeutschlands im Sturm erobert und wurde zu einer der beliebtesten regionalen Biersorten überhaupt. Die meisten Nichtbayern kennen es allerdings unter einem anderen Namen – Weizenbier, manchmal auch Hefeweizen.

Für die meisten Biertrinker ist das relativ irrelevant, doch die Weisse (ab sofort nutze ich diesen Begriff ausschließlich für die bayerische Variante) zeichnet gleich zwei Dinge aus. Erstens, sie ist der eine obergärige Braustil, der die Industrievereinheitlichung der deutschen Bierkultur auf ein standardisiertes untergäriges Pils in den letzten Jahrzehnten ohne Schaden überstanden hat, sogar floriert; alle anderen, wie Kölsch, Alt oder eben die Berliner Weisse, sind nur in Kulturtaschen übrig geblieben. Zweitens: einst war das Weißbierbrauen ein Privileg für die Hochherrschaftlichen. Das Weizenbiermonopol sollte dafür sorgen, dass der gute Weizen, eigentlich für die Brotproduktion geschützt durch das Reinheitsgebot, wenn dann doch verbraut wenigstens noch ein gute Einnahmequelle für den Landesherrn darstellte. Heute ist das natürlich nicht mehr der Fall, im Gegenteil, das Weißbier ist das Sommerbier, das die Leute im Biergarten über groß und klein miteinander verbindet.

Eine der ganz klassischen Marken in diesem Segment ist die Maisel’s Weisse. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts stellt die Bayreuther Brauerei Gebr. Maisel dieses Bier her, rund 400000 Hektoliter pro Jahr inzwischen. Fünf Sorten von Weißbier werden inzwischen hergestellt, die ich heute hier vorstellen will: Maisel’s Weisse Original, Kristall, Dunkel, Light und Alkoholfrei. Halten wir es bei einer solchen Menge von anstehenden Verkostungen einfach mal mit dem Herzkönig aus Alice im Wunderland: Beginnen wir am Anfang, fahren dann fort bis zum Ende, und hören dort auf.

Maisel's Weisse Sortiment

Der Anfang ist natürlich das Maisel’s Weisse Original. Wer Weißbier stilecht trinken will, braucht dafür aber erstmal ein entsprechendes Glas – durch die starke Schaumentwicklung, die durch die Flaschengärung entsteht, ist ein „Aus-der-Flasche-Trinken“ bei Weißbier auch schon rein technisch nur sehr suboptimal möglich. Ein echtes Hefeweizenglas präsentiert das Bier darüberhinaus auch schön, so dass man den kräftigen Safranton und die wunderbare Weißbierkrone beim Eingießen bewundern kann. Leider ist letzteres zügig verschwunden.

Der Geruch aber bleibt: Äußerst stark nach Banane. Leicht hefig. Nelken. Der wahre Kick bei Weizenbieren ist aber nicht die Nase, sondern der Geschmack. Und beim Maisel’s Weisse Original bekommt man ein archetypisches Hefeweizen. Voluminös im Körper und seidig im Mundgefühl. Dabei supererfrischend und durstlöschend dank sehr runder Süße-Säure-Balance; es läuft mir jedenfalls ohne jeglichen Widerstand zügig die Kehle runter.

Der nicht erwähnenswerte, kurzer Abgang mit einer etwas vordergründigen Süße sorgt dafür, dass der Gaumen wieder schnell offen für neues ist: Ein ideales Gebrauchsbier für die heißen Tage. Mit 5,2% sind wir auch dafür bereit, mal zwei oder drei davon zu konsumieren, wenn der Durst schlimm ist.

Maisel's Weisse Original

Man kennt es von anderen Bierstilen – eine natürliche Trübung wurde früher gern als Mangel wahrgenommen, der Traum war die strahlende Kristallklarheit. Dass diese scheinbar nur optische Veränderung auch Nachteile mit sich bringt, war der aufs Äußere gerichteten Biergesellschaft lange Zeit egal. Die Folge davon sind Biere wie das Maisel’s Weisse Kristall.

Blassgolden, fast schon bleich, und wie der Name schon sagt, kristallklar, steht es im Glas. Da auch erstmal wenig Schaum auftritt ist der optische Eindruck dann doch nicht so wie gewünscht. Auch beim Geruch muss man mit Einschränkungen rechnen: Leicht nach Hefe, Banane und Nelken – sonst geruchlich ziemlich neutral, sehr deutlich ärmer als das Hefeweißbier. Eine Nummer kleiner ist es auch im Alkoholgehalt: 5,1% weist das Kristall auf. Ich hoffe auf Verbesserung im Geschmack.

Dieser ist süßlich nach Nelken, doch mit einer vorbildlichen klaren Kante im Mund; würzig und dabei trotzdem recht klar. Leider bleibt das Kristall geschmacklich, bis auf die deutliche Nelkenkomponente, fast so neutral wie im Geruch. Mittelmäßig rezent ist es dennoch gut durstlöschend – das einzige, was dieses Bier noch rettet.

Die Einleitung zu diesem Bier machte es vielleicht schon deutlich: Ich bin kein Freund nachfiltrierter Biere. Mir ist unklar, warum jemand ein filtriertes Kristallweizen einem vollsatten, viel aromatischeren Hefeweizen vorziehen will. So ehrlich muss ich dann auch bei dem Bier von Maisel sein: Das Kristall ist ein dünner, oberflächlicher, recht langweiliger Durstlöscher, kein Bier, das man genießt. Das gilt für mich aber auch für die Kristallweizen aller anderen Hersteller. Man kann es aber schön im direkten Vergleich als Beweis dafür hernehmen, dass bei der Filtration und Klärung eine enorme Menge an Aromastoffen mit aus dem Bier herausgeschöpft wird.

Maisel's Weisse Kristall

Da wir schon bei der Farbe sind, können wir fortfahren mit einem Bier, das die Gemüter spaltet. Die einen lieben dunkles Weizenbier, die anderen wollen nichts damit zu tun haben, aus dem einen oder anderen Grund. Wie schlägt sich das Maisel’s Weisse Dunkel in dieser Kategorie?

Kräftige braune Farbe, gebrannte Siena, hefetrüb, dabei im Gegensatz zu manch anderem Dunkel in seiner Intensität nicht mit Colabier verwechselbar. Wenig Schaum für ein Weißbier, der nach einigen Minuten sogar fast ganz verschwunden ist. Erster Geruchseindruck: Metall. Das verfliegt aber schnell, und macht Platz für eine sehr tiefe, feine Würze. Malz, Holz, Rauch. Dazu ein Hauch Aprikosen. Sehr angenehm.

Auch im Mund sind diese Komponenten schön erschmeckbar. Die unabstreitbare Malzigkeit ist dabei aber nur leicht süß, die Würze steht im Vordergrund. Klar holzig und mit einem Anflug von Rauch. Nelken. Sehr attraktiv zu trinken. Hohe Rezenz, gut gekühlt auch sehr erfrischend, mit 5,2% Alkohol auch sortentypisch nicht zu stark. Wer mit dunklem Bier immer schwere Malzbrocken verbindet, wird hier eines besseren belehrt. Wer daher, wie ich oben erwähnte, kein dunkles Weizenbier anfassen will, weil er meint, es sei zu malzig-süß, sollte definitiv mal einen Blick auf das Maisel’s Weisse Dunkel werfen, um Vorurteile abzubauen.

Der Abgang bleibt eher kurz, knackig-säuerlich und nur leicht bitter, mehr edelherb, und trocken. Die von vielen anderen dunklen Bieren erinnerte pappige Süße am Gaumen fehlt komplett. Ich fasse mal kurz zusammen: Ein tolles Bier.

Maisel's Weisse Dunkel

Während diese bisher vorgestellten Sorten typisch und althergebracht sind, bewegen wir uns nun auf ein Segment der Bierherstellung zu, das in den letzten Jahren immer mehr an Anhängern gewonnen hat. Diese müssen dabei allerdings so einiges an Spott seitens der traditionellen, eher etwas unflexiblen konservativen Biertrinkerschaft einstecken.

Trüb und fast schon hennarot, mit feinem Schaum und hübsch anzusehen: Man würde nicht für möglich halten, dass es sich hinter dieser hübschen Oberfläche eine freakige Mutation versteckt – alkoholreduziertes Bier. 3,1%, also 40% weniger als das Original, weist das Maisel’s Weisse Light auf, das schmerzt auf den ersten Blick, da Alkohol ja Geschmacksträger ist. Ich riskiere es trotzdem, daran vorsichtig zu schnuppern, man muss aufpassen, vielleicht beißt es ja.

Etwas metallisch direkt nach dem Eingießen, das verfliegt aber nach wenigen Minuten. Es bleibt eine bananige Note, sahnig, minimalst fruchtig nach mildem Obst wie Birnen. Es ist aber schon zurückhaltend, beißt also nicht. Da kann man ja einen Schluck wagen.

Hm, bei allem vorurteilsbehafteten Spott, das Light weiß schon zu gefallen. Im ersten Antrunk merkt man erstmal nichts von der Alkoholreduktion, da kommen weißbiertypische Aromen wie Bananen und Nelken zum Vorschein, Süße und Säure spielen sich gut ein. Sehr süffig zu trinken, und mit weichem Mundgefühl. Erst im Abgang erkennt man einen deutlichen Unterschied zum Original – da ist sehr viel weniger Körper und Dichte, etwas weniger Würze, was dazu führt, dass die Süße vielleicht überhand nimmt.

Maisel's Weisse Light

Insgesamt bin ich aber sehr positiv überrascht, und mir sicher, dass sehr viele Biertrinker den Unterschied kaum wahrnehmen werden. Und wenn das so ist, dann stellt sich die Frage, warum man nicht öfters lieber ein leichteres Bier trinken sollte, wenn es aromatisch so ähnlich zum Vollbier ist. Wir trinken ja schließlich nicht wegen des Effekts, sondern wegen des Genusses, oder? Ich empfehle das jedem mal auszuprobieren. Gerade als Essensbegleiter ist das Maisel’s Weisse Light daher ein Geheimtip.

Nun begeben wir uns aber auf gaaaaanz dünnes Eis. Alkoholreduziert mag ja noch angehen. Aber komplett ohne Wirkstoff? Spaß beiseite – die allermeisten alkoholfreien Biere, die ich schon probiert hatte, haben durchweg enttäuscht. Doch optisch ist das Maisel’s Weisse Alkoholfrei erstmal nicht vom Original zu unterscheiden, selbe Farbe, selber Schaum, ein Zwilling. Geruchlich ist das Alkoholfrei aber deutlich metallischer, wie eine Packung neuer Stahlnägel aus dem Baumarkt. Etwas Banane, aber nur, wenn man genau aufpasst. Sonst recht neutral.

Geschmacklich ist es natürlich dann aber doch kein echter Vergleich zu einem alkoholhaltigen Bier. Das, was ich beim Light schon dezent angemeckert hatte, trifft hier noch mehr zu: Weniger Körper, deutlich weniger Aromen, bis fast hin zur Neutralität, eine sehr seltsame Süßsäure drängt sich zu stark nach vorn, die Karbonisierung wirkt dadurch zu stark. Mir fehlt diese klare Kante, die Alkohol in ein Bier bringt, hier einfach zu sehr. Auch der Abgang ist dann entsprechend zu trocken, und, im Gegensatz zum diesbezüglich noch gut erträglichen Light, ist die säuerliche Trockenheit im Abgang nicht mehr angenehm.

Maisel's Weisse Alkoholfrei

Nun, letztlich muss man als Genießer einen Tod sterben – entweder, man trinkt ein Bier, und muss mit dem Alkohol leben, oder man man lässt es und trinkt Limonade. Ich als größerer Brauer würde zwar durchaus was Alkoholfreies herstellen, dann aber nicht mehr „Bier“ aufs Etikett schreiben, einfach, um klarzustellen, dass dieses Getränk zwar erfrischend und qualitativ gut sein kann, aber mit einem echten Bier in eigentlich keinem der Faktoren, die wir Biertrinker an unserem Getränk der Wahl so schätzen, mithalten kann. Wie aber schon einleitend gesagt – mich hat noch kein alkoholfreies Bier überzeugt, das von Maisel schafft es auch nicht, landet in dieser Gruppe vielleicht sogar eher nur im Mittelfeld.

Alle diese Biere habe ich gut gekühlt frisch aus dem Kühlschrank getrunken, wie das die meisten Bierfreunde wahrscheinlich tun. Denn es gibt für viele kein größeres Grauen als warmes Bier – dass aber auch erwärmtes Bier durchaus charmant sein kann, sieht man in einem Biercocktail, der die langsam kühler werdenden Herbstabende, vielleicht sogar eine frostige Bayreuther Winternacht vorwegnimmt: dem Winter Sun. Nicht, dass man sowas nicht auch im Sommer trinken könnte.

Winter Sun


Winter Sun
2 oz Weißbier (z.B. Maisel’s Weisse Original)
1 oz heller Rum (z.B. Saint James Royal Ambré)
½ oz Grand Marnier Cordon Jaune
1 oz Orangensaft
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten verrühren und leicht erwärmen. Warm servieren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Frank Zirn]


Was ist mein Fazit? Dazu hole ich etwas aus. Ich habe seit einiger Zeit viele Dutzende von Bieren verkostet. Das, so merke ich, geht ein bisschen zu Lasten des Genusses – man schenkt sich ein Bier ein, und macht seine Verkostung, achtet auf alles, schnuppert und schmeckt, und notiert sich dabei dann Eindrücke. Mir macht das zwar Spaß, aber ab und zu will sogar ich dann einfach nur mal ein erfrischendes Bier trinken, ohne über Aromen, Farben, Schaum, Rezenz und Bitterkeit nachdenken zu müssen, und ohne dabei aber auf Qualität verzichten zu wollen. Das Maisel’s Weisse ist ein ideales Bier für derartige Gelegenheiten – es ist nicht übermäßig komplex (das würde mich wieder in die Verkosterschiene zwingen), aber gleichzeitig auf einem Niveau, das kaum Wünsche offen lässt. Besonders das Original und das Dunkel sind darüberhinaus archetypische Vertreter ihrer Biergattung, die ich jedem Weißbierfreund, oder denen, die es werden wollen, bedenkenlos ans Herz legen will, und das Light hat Potenzial, meine bevorzugte leichte Privatbiergartenweisse zu werden.

Und wenn man dann doch mal etwas modern-craftiges im Glas haben will, bietet die Brauerei mit ihrer Tochter Maisel & Friends ja sogar ganz hervorragende Alternativen – auch wenn konservative Traditionalisten, die sich mit der Weissen von Maisel noch gut arrangieren können, dazu vielleicht bayerisch-offenherzig Pfui Deife sagen werden.

Offenlegung: Ich danke der Brauerei Gebr. Maisel für die Zusendung von jeweils einer Flasche jedes hier vorgestellten Produkts, und für das passende Weißbierglas.

Vielfalt ist kein Schimpfwort – Maisel & Friends IPA

Bei dem Versuch, ein paar Bekannten mal ein paar Biere abseits des Standardpils nahezubringen, hatte ich ihnen trickreich wie ich bin auch ein IPA untergeschoben. Die Reaktionen waren sehr gemischt – es blieb mir vor allem ein Satz in Erinnerung: „Das schmeckt ja überhaupt nicht nach Bier“. Was derjenige damit sagen wollte, ist wahrscheinlich, „das schmeckt ja überhaupt nicht nach Pils“. Laut einer Umfrage des ARD Buffets trinken deutschlandweit 42% am liebsten Pils – in meinem Saarland sind es laut dieser Umfrage sogar 77% (der lokale Schlager hier nennt sich Urpils).

Ohne den Pilsfreunden (zu denen ich definitiv nicht gehöre) nahetreten zu wollen – ich persönlich glaube, Verschwörungstheoretiker der ich bin, an einen anderen Grund für die Beliebtheit dieses Bierstils, als dass er so vielen wirklich schmeckt: In Deutschland hat die Bierindustrie es tatsächlich geschafft, ihr eigenes produktionsoptimiertes Produktportfolio über die letzten Jahrzehnte dermaßen einzuschränken und auf wenige Biersorten, hier insbesondere Pils, zu verknappen, und den Konsumenten so von Bierpluralität zu entwöhnen, dass als Bier scheinbar nur noch das gilt, was nach Pils schmeckt – und diese Konditionierung verstärkt sich dann irgendwann selbst. Dass Altbiere, Weiße, Ales und Stouts auch natürlich Biere sind, die eigentlich gleichberechtigt neben dem Platzhirsch Pils stehen sollten, wird vom Biergewohnheitstier dabei nicht realisiert – ein fruchtiges Pale Ale oder IPA wird als „modernes, künstliches“ Hipstergebräu wahrgenommen, das „kein Bier“ ist. Viele vermuten sogar Aromastoffe hinter den Geschmäckern von Ales, weil sie nie gelernt haben, dass es außer Bitter- auch Aromahopfen gibt. Wer nur Bohnen mit Speck kennt, hält es halt für das leckerste Gericht der Welt.

Zeit, etwas neues auszuprobieren, liebe Pilsfreunde! Ich will Euch Euer Pils ja gar nicht madig machen, aber aktuell sind die Chancen besser denn je, direkt auf den ersten Blindkaufversuch eine hervorragende Abwechslung ins Glas zu bekommen. Manchmal muss man aber auch nicht völlig blind kaufen. Viele Craftbrauer sind zwar nagelneue Startups und vom Namen her für die breite Masse völlig unbekannt; andere haben sich jedoch bereits im traditionellen Segment einen Namen erarbeitet. Das Maisel & Friends IPA ist so ein alternatives Bier eines klassischen Brauers, der Brauerei Gebr. Maisel, der für seine Craftbierschiene eine eigene Marke, eben Maisel & Friends, geschaffen hat.

Maisel & Friends IPA Flasche

Ein herrlicher, dunkel-kräftiger Bernsteinton in Kristallklarheit fasziniert schon beim Eingießen. Wie bei Ales üblich ist die Schaumkrone selbst zu Beginn eher dünn; eine feine, diskrete Perlage hält ihn aber über lange Zeit am leben. Geruchlich haben wir hier ein eher dunkeltöniges IPA vor uns; statt Zitronen finden wir Orangen, Pfirsich und Banane. Da ist noch ein sehr würziger Beiton im Hintergrund, nach Sojasauce vielleicht.

Eine starke Frische sorgt für ein kühlendes Mundgefühl schon beim ersten Schluck, auch, und das ist für meinen Geschmack viel besser komponiert als beim Citrilla desselben Herstellers, ist die Bittere schon von Anfang an als Komponente fühlbar. Sie dominiert klar das Geschmacksbild, eine milde Grapefruit taucht neben den errochenen Orangen noch auf. Insgesamt bleibt das Maisel & Friends IPA geschmacklich doch eher unauffällig und unkompliziert – der mittellange Abgang, mit lange anhaltender Adstringenz, komplettiert ein wirklich schönes, einfaches Bier.

Maisel & Friends IPA Pintglas

Das Maisel & Friends IPA ist für mich ein sehr typisches IPA, das alles hat, was ein IPA haben muss, und das im Überfluss. Wie schon das Pale Ale bezaubert auch das IPA aber mit seiner Bodenständigkeit, es geht nicht in den Hopfenexzess, den IBU-Wahn und die Coolness-Rekordsuche über, sondern bleibt ein ehrliches Bier. Für mich gibt es zwei Kategorien von guten Bieren – die, die mich überraschen, die ich explorieren und Schluck für Schluck genussvoll verkosten kann; und die, die man einfach bei schlimmem Durst wegziehen kann, ohne gleichzeitig auf höchste Qualität verzichten zu müssen. Das Maisel & Friends IPA gehört in die zweite Kategorie.

6,3% Alkohol sind üblich für diesen Bierstil, 50 IBU ein guter Wert für die Bitterkeit. Erneut entdecke ich neben dem beliebten Cascade noch eine Hopfensorte, von der ich bis dato noch nichts wusste, nämlich Ahtanum; es scheint noch mehr drin zu sein, wenn man der Angabe „u.v.m.“ glauben darf.

Ich muss es wiederholen – bei einem Cocktail ist das Ergebnis mehr als die Summe seiner Teile. Perfekt lässt sich das am The Pineapple Hop demonstrieren: Rum, Ananas, Orgeat und Essig kombinieren sich herrlich mit IPA, und geben diesem Tiefe und Komplexität. Das IPA liefert Spritzigkeit und Bittere. Eine Win-Win-Situation.

The Pineapple Hop


The Pineapple Hop
1 oz weißer Rum (z.B. Brugal Titanium)
1 oz Pineapple Shrub
(oder ¾ oz Ananassaft mit ¼ oz Apfelessig und etwas Zucker vermischen)
¼ oz Orgeat
4 oz IPA (z.B. Maisel & Friends IPA)
[Rezept nach Elana Lepkowski]


Mit der Vermarktung in Supermärkten begann Maisel & Friends schon mit ihrem Pale Ale. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit, in den Bierkonsummarkt außerhalb der Spezialisten, sollte hoffentlich mit der Zeit dazu beitragen, das oben beschriebene Image und  Fehlwahrnehmung zu korrigieren. Der dem Bierniedrigpreisland Deutschland sehr entgegenkommende Preis von 1€ pro Flasche sollte auch hartgesottene Sparfüchse, die sich vom sonst teilweise etwas erstaunlichen Craftbierpreis abschrecken lassen, dazu bringen können, sich der Biervielfalt etwas zu öffnen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends dafür, dass sie mir 3 Flaschen des Maisel & Friends IPA kostenlos zum Test zur Verfügung gestellt haben.

Zucht und Ordnung – Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA

Es überrascht uns immer wieder. Da gehen wir durch den Supermarkt, und entdecken hin und wieder seltsame neue Gemüse- und Obstsorten, die wir so noch nie zuvor gesehen hatten. Manchmal erinnern sie uns optisch an eine oder mehrere Früchte, die wir kennen; manchmal, wenn man es riskiert und das Neue ausprobiert, erkennen wir einen Geschmack, den wir irgendwo anders her kennen und nicht mit dem Erscheinungsbild verbinden würden. Mischformen und Hybridzüchtungen sind in; einerseits bringt das Verlangen nach Neuem Züchter dazu, zwei altbekannte Sorten zu kreuzen. Andererseits vereinen Hybride manchmal das beste aus zwei Welten und sorgen für gern angenommene Effekte wie die hypoallergische Eigenschaft eines Labradoodle.

Weitere Beispiele gefällig? Für uns als Spirituosenfreunde ist die Pomeranze oder Bitterorange wohlbekannt – eine uralte Kreuzung aus Mandarine und Pampelmuse, die uns im Triple Sec viel Freude bereitet. Die moderne Gentechnik und Zuchtfreude macht vor nichts halt, und wir können uns darauf einstellen, künftig in Obstabteilungen immer wieder mal etwas zu finden, was wir nicht direkt einordnen können; Romanesco, als zumindest optisches Verwirrspiel zwischen Brokkoli und Blumenkohl, war nur der Anfang.

Da ist es natürlich nur recht und billig, dass sich auch Biersorten untereinander kreuzen lassen. Dazu braucht es dann keine genetischen oder züchterischen Kenntnisse, doch ein tieferes Verständnis von dem, was in einem Bier möglich, interessant und letztendlich auch vermarktbar ist, muss natürlich vorhanden sein. Aktuell ist eine gute Zeit für derartige Experimente; das Interesse an Bier abseits von Pils und Lager ist bei den mittelständischen und kleinen Brauereien gerade groß, deren Kundschaft gleichzeitig auch bereit, sich auf neues einzulassen und auch entsprechend Geld auf den Tisch zu legen. Eines dieser Neukreationen ist das  Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA, das seine beiden Elternteile schon im Namen trägt.

Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA Flasche

Auch wenn Hersteller Maisel & Friends ein hauseigenes Pint-Glas für den Genuss vorschlägt – wir sind hier schon auf einer experimentellen Schiene, da muss nicht auch noch mit der Glasware gespielt werden. Ein Weizenglas ist ein perfekt geeignetes Behältnis für dieses naturtrübe, blass-strohgelbe Bier; wenig Perlage, ein feiner, zunächst dicker Schaum mit vereinzelten großen Blasen – sehr hefeweizentypisch sieht es zumindest aus. Doch, wie schon bei Hybridfrüchten, das muss erstmal nichts aussagen, denn…

… der Geruch ist dann plötzlich sehr viel mehr IPA als klassisches Weizen. Fruchtig, zitronig, reife Ananas, und dann erst viel später die Weizen-Banane, und etwas Fruchtmarmelade. Besonders ist die Aktivität des Geruch, der schon beim Ziehen des Kronkorkens offensiv verströmt wird. Sowas gefällt mir.

Das Citrilla setzt seinen Crossover-Kurs gnadenlos fort: Mild-cremig ist es im Antrunk, dicht und kräftig, süßlich, sehr frisch, wie ein Hefeweizen halt. Dann springt es um auf die IPA-Komponenten, der Hopfen attackiert mit orangigen Fruchtnoten und schließlich, boom! Eine Bitterexplosion kickt alle süßen Gefühle des Vorspiels in die Weichteile. Ein Männerweizen, wenn man positiv formulieren will; wenn ich kritisieren will, finde ich diesen Übergang etwas brutal – es kommt unerwartet, selbst beim zweiten oder dritten Schluck, und dadurch wirkt das Bier etwas unrund komponiert. Der sehr lange Abgang, bitter-trocken, säuerlich, mit vielen Hopfenaromen, entschädigt dafür.

Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA Glas

Ein sehr spannendes Experiment. Die Frage ist, ob außerhalb der Craft-Interessierten die Bierwelt bereit ist für so ein Bier. Ich bin ein großer Fan des Herstellers, insbesondere des Pale Ales, und finde auch den Hopfenreiter sehr gelungen. Das Citrilla trifft nicht wirklich meinen Geschmack – da ist ein bisschen zuviel von allem, süß, sauer, bitter, trocken… mir fehlt ein gewisser Geschmackskitt, der all diese Komponenten zusammenhalten könnte.

Der Hefeweizen Summer Beer Cocktail, der, wie der Name schon andeutet, normalerweise mit „normalem“ Hefeweizen gemacht wird, ist ein recht süßer Biercocktail. Für meinen Geschmack, fast schon zu süß, wenn die Orangen für den Saft entsprechend mild sind. Das Citrilla Weizen IPA durchbricht diese Süßewolke, und fügt einen herben, leicht bitteren Unterton ein – persönlich empfunden verbessert das Citrilla den Cocktail also sogar etwas.

Hefeweizen Summer Beer Cocktail


Hefeweizen Summer Beer Cocktail
6 oz Hefeweizen (z.B. Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA)
2 oz frischgepresster Orangensaft
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
[Rezept nach http://www.craftedpours.com]


Das Flaschendesign ist unspektakulär, das Etikett im üblichen, gelungenen Retro-Maisel-Stil gehalten. 330ml in der Longneck-Flasche bekommt man für den äußerst fairen Preis von 1€ – darin enthalten sind 6,0% Alkohol, 37 IBU durch die Hopfensorten Herkules, Citra und Amarillo – die beiden letzteren sind die Paten für das Citrilla; auch im Namen setzt sich also der „Crossover“-Effekt konsequent fort.

Selbst wenn dieses Bier mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt, so finde ich es dennoch großartig, dass wir in Deutschland Brauer haben, die was riskieren, herumspielen, Neues schaffen, und sich nicht auf althergebrachten Sorten und Marken ausruhen – und so einige davon, an vorderster Front Maisel & Friends, brauchen sich diesbezüglich hinter keinem britischen oder amerikanischen Bierhersteller zu verstecken, obwohl sich diese, auch wenn sich das verrückt anhört im Bierland Deutschland, mit solcherlei einen leichten Vorsprung erarbeitet hatten.

Ich danke der Brauerei Maisel & Friends für die unaufgeforderte Zusendung von 3 Flaschen des Citrilla Weizen IPAs.

Beer League of Bayreuth – Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA

Der aktuelle Batman-v-Superman-Film stürzt so einige Filmfreunde, die sich mit der Comicvergangenheit dieser beiden ikonischen Superhelden nicht so recht auskennen, in Verwirrung. „Kennen die beiden sich wirklich? Leben die nicht in unterschiedlichen Universen?“ Diese Fragen bekomme ich, als ausgewiesener Comicexperte, gern gestellt. Wenn man sich nur mit den Filmhistorien der beiden Spandexträger beschäftigt hat, könnte man wirklich denken, dass Superman und Batman zwei voneinander getrennte Welten bewohnen; doch tatsächlich sind sie Arbeitskollegen, Gründungsmitglieder der Justice League of America, enge Freunde, und dabei doch grundsätzlich voneinander verschieden. Batman ist der dunkle Ritter, der Vigilant, der das Recht selbst in die Hand nimmt; Superman der Vertreter der Ordnung, der Paladin, der an das Gute im jedem Menschen glaubt.

Außerhalb der Justice League trennten sich die Wege von Supes und Bats aber dann doch soweit, dass jeder für sich in seiner Welt vor sich hin werkelt, und bis auf wenige Crossover-Szenarien, wie Frank Millers epochales The Dark Knight Returns oder das großartige Superman/Batman: Absolute Power, halten sich die Helden auch daran.

Dieses Prinzip der sich zwar schätzenden, aber durch unsichtbare Wände voneinander getrennten Protagonisten kennt auch die traditionelle Bierwelt, in der eine Abgrenzung zu Konkurrenzprodukten als wichtiges Element der eigenen Bierpersönlichkeit hochgehalten wird. Doch der moderne Craftbierbrauer will nun kein Isolationist mehr sein, der in seiner Brauerei ein Produkt herstellt, egal, was die Welt um ihn herum macht. Gleich und gleich gesellt sich gern, und so enstand bei Maisel & Friends das Bierpendant zum Superheldenverein JLA – man vergebe mir diese etwas nerdige Einleitung und den Vergleich. Irgendwie passt es aber: Eine informelle Gruppe von Bierbrauern aus ganz Deutschland traf sich in Bayreuth zur Craftbeersession, und sie haben sich einen wahrhaft dramatischen Namen für ihr gemeinsames Erstlingskind ausgesucht: Hopfenreiter Double IPA.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Flasche

Ungewöhnlich dunkel für ein IPA fließt das Hopfenreiter ins Glas. Natürlich naturtrüb, alles andere hätte mich enttäuscht. Zurückhaltende Perlage führt zu einem feinporigen Schaum, der sich schnell abbaut; es bleibt aber ein für obergärige Verhältnisse dicker Rest übrig, der dann auch bis zum letzten Schluck aushält. Für die Menge an unterschiedlichen Hopfen riecht es zunächst etwas un-hopfig: Dominant ist erst dunkle Würze, feine Röstaromen, fast ein bisschen rauchig. Danach schwingen die Hopfentöne aus dem Hintergrund hervor: Pink Grapefruit, Blutorange, Stachelbeeren, Kiwi.

Im Geschmack kommt aber eindeutig das IPA-typische durch. Direkt hinter einem zitronigen Antrunk schießt die wuchtige Bittere vor, als hätte sie nur darauf gewartet, mir eins auszuwischen. Trotzdem bleibt das Hopfenreiter überraschend leicht und luftig, getragen von einem Strauß von Hopfenaromen, wie Orange und Stachelbeeren. Insgesamt vergleichsweise dunkeltönig für ein IPA, mit einem attraktiven, dicht-cremigen Mundgefühl in Kombination mit hoher Rezenz: Sehr überzeugend.

Der Abgang bleibt dann mildtrocken, feinherb, erinnernd an Pils, doch noch einen Tick adstringierender. Ein leicht kratziger Charakter trübt hierbei etwas die Rezensentenlaunenwetterlage. Dass der Abgang eher kurz ist, und statt den Aromen nur Bittere länger übrigbleibt, passt sich dazu ein. So ist der Abgang vielleicht die einzige Schwäche dieses ansonst wirklich spannenden Biers – aber selbst Superman hat schließlich sein Kryptonit.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Glas

Neben den „alten Bekannten“ Amarillo, Columbus, Chinook und Mosaic haben sich auch mir völlig neue Hopfensorten einen Weg in den Braukessel erschlichen: Ella, Wai-iti, Bremling und Spalter Spalt. Man sieht, das Potenzial der Pflanzengattung Hopfen ist noch lange nicht ausgeschöpft, und selbst Stan Lee könnte sich eine Scheibe von der Benamungskunst der Hopfenbauern abschneiden. Die unterschiedlichen Hopfenarten wurden von Gastbrauern der Brauereien Kehrwieder Kreativbrauerei, CREW Republic, Camba Bavaria, AND UNION, Holla die Bierfee und der Bayreuther Bierbrauerei beigesteuert; wir haben also neben einem bunten Hopfentopf auch ein Crossover-Bier quer durch Deutschlands Craftbierszene. Die Brauerei Maisel & Friends macht ihrem Namen somit alle Ehre.

Entsprechend der Herstellungsmethode dieses Biers, die als Freundschafts-Sud bezeichnet wird und aus dieser faszinierenden Kooperation entstand, setze ich es auch in einem Biercocktail ein, der diesem Gedanken Rechnung trägt – dem Brewers Free Class. Der Name soll auf den Berufsstand der Brauer anspielen, und auf die großartige Idee, sich nicht von Firmengrenzen einsperren zu lassen.

Brewers Free Class


Brewers Free Class
6 Minzblätter, ½ kleine Orange und ½ Limette im Shakerglas muddeln
1 oz Marillenschnaps
1 oz Apfelsaft
½ oz Grapefruit-Saft
…mit ordentlich Hopfenreiter Double IPA aufgießen
[Rezept variiert das Originalrezept ‚British Free Class‘ von Francesco Cereillo]


Warum eine Orange im Glas muddeln, statt einfach ausgepressten Orangensaft dazugeben? Die Antwort ist : Durch das Muddeln der Orange inklusive Schale werden auch ätherische Öle, die in der Schale enthalten sind, mitausgepresst, die dem ganzen noch einen kleinen Frischekick geben. Nicht jedes Bier ist in diesem Cocktail vermischbar – es braucht schon einen kräftigen Charakter, um sich gegen die Säfte durchzusetzen. Das Hopfenreiter Double IPA spielt diese Rolle wunderbar.

Das Bier ist in Standard-Longneck-Flaschen zu einem Drittelliter abgefüllt und enthält üppige 8,5% Alkohol. Die Angabe von Bittereinheiten war zu Beginn der Craftexplosion noch sehr beliebt; inzwischen sieht man es seltener; der Hopfenreiter reitet aber stolz mit 70 IBU durch Nacht und Wind, das sind eine Menge Pferdestärken, die man dennoch mehr spürt als schmeckt.

Das Etikettendesign des Hopfenreiter Double IPAs orientiert sich stark in die Comicrichtung, und die Darstellung eines von Pflanzenranken umwickelten, vermummten, umhangtragenden und Hopfendolden als Waffen haltenden Bierbösewichts erinnert mich so sehr an einen klassischen Batman- oder Superman-Villain, dass die Einleitung dieses Artikels im Rückblick daher vielleicht sogar doppelt Sinn macht.

Ich bedanke mich bei Maisel & Friends, dass sie mir 2 Flaschen des Hopfenreiters zur kostenlosen Vorabverkostung zur Verfügung gestellt haben.

Ein dicker Brief mit erfreulichem Inhalt – Longueteau Coffret Dégustation Prestige

Ich bin kein Digital Native. Ich erinnere mich noch gut an die Prä-Internetzeit, in der es etwas aufwändiger war, mit Leuten Kontakt zu halten, oder, noch schwieriger, überhaupt erst Kontakt aufzunehmen. Ein paar Jugendliche aus meiner Bekanntschaft reisen ins Ausland, um sich mit Menschen zu treffen, die sie über Facebook oder andere Online-Communities kennengelernt hatten – so etwas habe ich früher tatsächlich auch gemacht, aber ohne die Möglichkeit, Leute über wenige Mausklicks bequem in Echtzeit kontaktieren zu können. Wie ging das? Das Zauberwort lautet „Brieffreundschaft“.

Ich bin mir nicht sicher, ob es Brieffreundschaften heute überhaupt noch gibt; in den späten 80ern und frühen 90ern gab es jedenfalls eine Organisation, die solche Bekanntschaften kostenlos vermittelte. Man gab in einem Aufnahmeantrag aus Papier die eigene Adresse, Hobbies, Interessen und ein Zielland an, schickte das an diese Organisation, und erhielt einige Zeit später die Adresse eines Gegenübers aus dem Zielland, der ebenso einen Antrag ausgefüllt hatte – dem neuen Brieffreund, den man anschrieb und so kennenlernen konnte. Das System ist dasselbe, wie es heute mit Profilen und Matching in Onlineportalen geschieht, nur eben offline, und mit einem für die heutige Zeit undenkbaren Zeitversatz in der Kommunikation.

Und so reiste ich dann öfters in den Sommerferien nach Frankreich, an die Saône, in ein kleines Dörfchen zwischen Dijon und Lyon. Ich denke gern an diese Zeit zurück, an die südfranzösische Hitze, den ersten Kontakt mit den für damalige deutsche Verhältnisse unglaublich riesigen Hypermarchés, bédés, Taboulé, gezuckerten Petit-suisse und La vache qui rit – und an Djamilla, die Schwester meines Brieffreunds und ein betörend hübsches Mädchen, das, und so schließt sich der zugegebenermaßen etwas lange und dünne Bogen zum eigentlichen Inhalt dieses Artikels, während eines Aufenthalts ihrer Eltern auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren wurde.

Von Guadeloupe, einem der karibischen Überseedépartements Frankreichs, stammt auch der Rhum Longeteau. Saint-Marie (Basse-Terre), ist der Sitz dieser 1895 gegründeten Destillerie, der ältesten noch in Betrieb befindlichen auf Guadeloupe; wie zu erwarten ist, stellen sie dort rhum agricole her, also Rum, der auf Basis von Zuckerrohrsaft entsteht, nicht Melasse, wie der Hauptteil der globalen Rumproduktion. Ich bin ein Fan dieser Art von Rum, mir kommt sie ehrlicher (weil Nachsüßen verboten ist), bodenständiger (weil handwerklich und oft nichtindustriell verarbeitet) und geschmacklich interessanter (weil Süße nicht das einzige Qualitätskriterium ist) vor.

Ich danke dem Rumkontor Séraline de Martinique und dem angeschlossenen Shop Rhum Martinique dafür, dass sie mir mit dem Longueteau Coffret Dégustation Prestige die für mich kostenlose Möglichkeit gegeben haben, neue Sorten von rhum agricole auszuprobieren. Besonders da in Deutschland die Präsenz des rhum agricole noch deutlich ausbaufähig ist, empfehle ich jedem Rumfreund, der diese Art des Rums näher kennenlernen will, sich auf diesen Seiten umzusehen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel geschlossen

Da kommt schon beim Anfassen und Betrachten dieses Verkostungssets etwas Vorfreude auf, das muss man sagen; Qualitätskarton, hochwertig mit Effekten bedruckt, großformatig. Stilistisch angenehm zurückhaltend, und das ist gut so, denn es ist der Inhalt, der zählt. Man öffnet den Magnet-Klappverschluss, und sieht die ganze Pracht auf einen Blick: 8 reagenzglasähnliche Echtglasfläschchen mit Alupress-Schraubverschluss, eingebettet in eine mit Kunstsamt bestäubte Plastikhalterung, sortiert absteigend nach Alkoholgehalt und Reifezeit. Der geneigte Rumfreund findet die weißen Rumsorten Longueteau 40, 50, 55 und 62, den leicht (18 Monate) holzgereiften 40 Ambré, und die gehobenen Edelvarianten VS, VSOP und XO, mit den für diese Qualitätsbezeichnungen üblichen Mindestreifezeiten bei rhum agricole, also respektive 3, 4 und 6 Jahren. Auf der Deckelinnenseite sind die Rumsorten kurz erläutert, mit knappen Geschmacksnotizen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel

Pro Fläschchen erhält man 6cl – eine gerade ausreichende Menge, um einen ersten Eindruck des jeweiligen Rums zu erhalten, also den Zweck eines Verkostungssets zu erfüllen. Die einzelnen Proben, hübsch und zweckmäßig beschriftet, stecken sehr fest in der Halterung, da muss man schon etwas Gewalt aufwenden, um sie herauszuholen, und etwas Geschick. Hat man das aber mal geschafft, steht einem Genuss nichts mehr im Wege. Da ich nicht auf die schnelle den gesamten Verkostungskoffer aufbrauchen möchte, habe ich die Rezension in zwei Teile geteilt. In diesem ersten Schritt möchte ich meine Eindrücke zu 4 der 8 Rums niederlegen, nämlich dem Longueteau 40, 40 Ambré, 50 und VS; Gedanken zu den restlichen Rumvariationen werden dann Stück für Stück ergänzt.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Alle Sorten

Die Entscheidung über die Flaschenabfüllungsstärke besteht bei den meisten Spirituosen häufig nur aus zwei Varianten – Konsumstärke, grob zwischen 38% und 50%, und Fassstärke, grob zwischen 55% und 70%. Sehr erfreulich bei rhum agricole ist, dass man regelmäßig unterschiedliche Alkoholgehalte desselben Destillats erwerben kann. Longueteau ist da keine Ausnahme, und dieser Verkostungskoffer ein Beweis für die spannende Aromenreichweite, die aus einem einzigen Destillat gewonnen werden kann.

Beginnen wir also am Anfang der Rumreise. Persönlich bin ich ein Fan von ungereiften Spirituosen; ich finde, in ihnen zeigt sich der wahre Charakter eines Geists, ungestört von Holz- und anderen Reifungseffekten, die die Natur der Spirituose manchmal nur etwas ausbremsen, hin und wieder komplett ersetzen, auf jeden Fall aber verändern. Zurück zu den Wurzeln: Longueteau Rhum Blanc Agricole 40 ist der kleinste der Longeteau-Rumgeschwister, die einfachste Ausprägung des Rums: abgesehen von einer Ruhezeit in Stahltanks ungereift, 40 Volumenprozent.

Longueteau Rhum Agricole 40°Die Nase ist zunächst etwas grasig, sehr typisch für rhum agricole. Darüberhinaus aber auch ausgesprochen fruchtig, eine ganze Obstschale könnte nicht aromatischer sein. Äpfel und Ananas, Kirschen und Bananen. Insgesamt sehr malzig, bei längerem Riechen verfliegt die Frucht allerdings, und eine Alkoholnote drängt sich nach vorn, wie bei Vodka.

Im Mund erstmal etwas flacher als erwartet. Zwar immer noch recht malzig und süß, aber schnell tauchen leicht salzige Meeresaromen auf, nach Algen, feuchten Steinen, Muschelschalen, erinnernd etwas an weißen Sotol. Von der Fruchtnase ist nicht viel übrig, ein kompletter Szenenwechsel sozusagen. Eine leicht pfeffrige Schärfe verziert die Zungenspitze, während der Rum warm und ganz ohne Brennen den Rachen hinunterläuft. Ein mittellanger Abgang, eine leichte, adstringierende Trockenheit bleibt am Zahnfleisch, dazu die Algenaromen.

Sehr spannend. Nicht begeisternd, aber definitiv spannend: Sicherlich anders als viele anderen weißen rhums agricoles, die ich bisher getrunken habe, und viel milder und weicher als die meisten, ohne dabei aber den typischen Charakter zu verleugnen.

Nimmt man diesen weißen Rum, und lässt ihn mindestens 1 Jahr in Eichenfässern ruhen, so erhält man schon etwas Farbe und veränderte Aromen, zu begutachten beim Longueteau Rhum Ambré Agricole 40. Schon im Gläschen erkennt man, warum man diese Rumgattung als Bernsteinrum (rhum ambré) bezeichnet: Ocker bis Safran glänzt die Flüssigkeit. Der Geruch ist erneut malzig, ergänzt um Reifenoten, wie Karamell und Schokolade, erinnernd an gereiften Grappa. Etwas kräuterig.

Longueteau Rhum Agricole 40° Ambré

Wie ich schon sagte nimmt Holzreifung etwas vom ursprünglichen Charakter weg und fügt anderes hinzu. Der 40 Ambré ist entsprechend süß, malzig, später leicht brennend, pfeffrig. Erkennbar grasig und holzig; leicht rauchig. Ich schmecke etwas Karotte. Vergleichsweise komplex für so einen jungen Rum, finde ich. Der Abgang ist recht kurz, mild, süß. Ein leichter Minzton frischt das Geschmackserlebnis auf.

Es ist durchaus spannend, was die Holzreifung aus dem rhum blanc gemacht hat. Während der 40 Ambré erkennbar genehmer, süßer und dichter ist, ist er gleichzeitig auch etwas langweiliger geworden. Persönlich mag ich im direkten Vergleich den 40 Blanc klar lieber als den Ambré; das ist aber sehr individuell. Ich kann mir vorstellen, dass Leute, die gern Grappa trinken, diesen rhum agricole lieben werden – in einer Blindverkostung hätte ich diesen Rum für einen Grappa gehalten.

Wie schon der 40 Blanc, ist auch der 40 Ambré definitiv ein eher zarter Charakter, zurückhaltend und dezent. Ideal für Einsteiger in den sonst eher ruppigeren Bereich des jungen rhum agricole.

Wir steigern nun den Einsatz: Longeteau Rhum Blanc Agricole 50 enthält, wie der Name schon andeutet, 25% mehr Alkohol als die beiden Vorgänger. Wir begeben uns hier schon beim Geruch in ganz anderes Territorium: hier erst beginnt rhum agricole seinen unabhängigen Charakter zu zeigen. Er ist nun schon klar gemüsiger und grasiger. Lakritze, Fenchel, Sellerie. Minze und Ananas.

Longueteau Rhum Agricole 50°

50% Alkoholgehalt, das verkoste ich zunächst noch unverdünnt. Immer noch recht süß, tauchen hier nun noch andere Aromen auf – Zitronengras, schwarzer Pfeffer. Aber auch Vanille, Honig und Fruchtgeschmäcker sind vorhanden. Ein ölig-cremiges Mundgefühl. Hier sieht man, was eine höhere Alkoholstärke ausmacht: Ich empfinde den 50°-Longeteau deutlicher komplexer und aromenstärker als den 40°. Ein salziger, brennender, starkmalziger Abgang mit erhöhter Länge.

Mit ein paar Tropfen Wasser, denn 50% sind schon grenzwertig für den reinen Genuss, wandelt sich das Bild etwas. Das Feuer wird ausgebremst, die Cremigkeit bleibt aber erhalten. Karamell, Ahornsirup und andere Whisky-typische Aromen tauchen auf, dazu verstärkt sich der Eindruck von Süßholz und Heu. Ein riesiger Sprung in der Qualität, was mich darin bestätigt, dass Spirituosen, ganz besonders aber rhum agricole, von hohen Alkoholanteilen enorm profitieren.

Wir springen überspringen nun ein paar Fläschchen im Verkostungskoffer, und wenden uns den stärker gereiften Sorten zu, beginnend beim Longueteau VS. Mit 42 Volumenprozent nur leicht stärker als der 40 Ambré, hat er doch fast die doppelte Reifezeit in Eichenholzfässern hinter sich, und das riecht man schon direkt beim Eingießen ins Verkostungsglas. Nussig, leicht speckig, etwas rauchig, erinnernd an ungetorften Scotch. Trockenobst. Ein Hauch Anis. Buttrig. Backgewürz.

Longueteau Rhum Agricole VS

Ich entdecke bei diesem Rum ein zweigeteiltes Geschmackserlebnis. Zunächst ist er süß und weich, mit Noten von Toffee und Butter. Dann kippt es unerwartet um zu trocken, leicht bitter, Marzipan, Süßholz: Hier erinnert der VS mehr an Jamaica-Rum als an den jungen rhum agricole. Der Abgang ist dann wieder sortentypischer: holzig, grasig, Tee. Nur ein leichtes Brummen oder Kitzeln auf der Zunge, sehr angenehm. Warm und rund, langanhaltend.

Der Longueteau VS ist sehr faszinierend in seiner Bandbreite und der Aufspannung des Geschmacksbogens. Insbesondere, weil sich der VS von allen seinen Vorgängern deutlich löst, selbst vom 40 Ambré. Das ist ein Rum, für den ich mich begeistern kann, und den ich jedem empfehlen möchte, der gern süßen Rum trinkt, aber nicht von den Tricksereien vieler Hersteller in Bezug auf Zucker hintergangen werden will – die Süße hier ist tief und komplex.

Knapp 2 Wochen sind seit der Veröffentlichung des Artikels vergangen; ich wage mich an den nächsten Rum aus dem Set. Ich greife mir nun direkt die höchste Reifungsstufe heraus, der mich so goldstrahlend anlacht: Der Longueteau XO. Nussig, karamellig und insgesamt sehr wohlig begeistert dieser Rum meine Nase. Ein ungewohnter, blumiger Duft entsteht, nach Jasmin und Rosen. Etwas Frucht – ist es Birne? Traumhaft jedenfalls. Ein wirklich spektakulärer Geruch.

Longueteau Rhum Agricole XO

Ein starkes mentholisches Mundgefühl überrascht zunächst und drängt alle anderen Eindrücke zurück. In dieser Form für mich neu und daher allein schon spannend. Es fällt schwer, diesen Mentholgeschmack zurückzustellen, um nach anderen Aromen zu suchen – es ist fast wie ein Hustenbonbon in seiner Intensität. Ähnlich findet man hier auch Malz und Holzreifeartefakte wie Vanille. Ein leicht rauchiger Beiklang komplettiert diesen wirklich zum Staunen anregenden Rum.

Der Abgang ist dann auch äußerst minzig, fast schon in Richtung Eukalyptus. Sehr ungewohnt, sehr interessant, brilliant und herausragend. Süß und warm, ohne auch nur einen Anflug eines Kratzens, läuft der XO die Kehle hinunter. Am Ende ein angenehmer, leicht grasig-holziger Nachgeschmack. Ich bin mir zu 100% sicher – davon werde ich mir eine ganze Flasche besorgen müssen, auch wenn diese nicht wirklich günstig ist.

Soweit also die Verkostung der Proben der im Longueteau Coffret Dégustation Prestige enthaltenen Rumsorten. Ein knapper halber Liter Qualitätsrum, zu bekommen für rund 30€ im oben erwähnten Shop – das ist ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis. Für echte Rumfreunde, die rhum agricole noch nicht oder nicht so gut kennen, ein wertvoller erster Einstieg; für Kenner, die die Destillerie Longueteau entdecken wollen, perfekt; und auch wer ein Geschenk für einen Spirituosenliebhaber sucht, wird mit so einer Box sicherlich leuchtende Augen ernten.

Selbstverständlich nutze ich derart interessante Rums auch in Cocktails. Der Blanc 50 zum Beispiel funktionierte herausragend gut im Sleeping with Strangers, zusammen mit meinem hausgemachten Swedish Punsch.

Sleeping With Strangers


Sleeping with Strangers
1 oz weißer Rhum Agricole (z.B. Longueteau Rhum Blanc Agricole 50)
1 oz Swedish Punsch
1 oz Campari
7 Tropfen Orangenbitter
[Rezept nach Maksym Pazuniak]


Wenn nur jeder Brief, den man bekommt, so einen erfreulichen Inhalt hätte, wie der, der dieses Set enthielt (doch scheinbar, wenn ich dem Inhalt meines Briefkastens glauben darf, werden heutzutage nur noch Rechnungen auf Papier verschickt) – ich glaube, die Institution der Brieffreundschaft würde schnell wieder aufleben. Ein bisschen Entschleunigung täte uns allen jedenfalls gut. Ein Schluck dieses herrlichen Rums könnte aber auch schon gute Dienste diesbezüglich leisten!