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Red Star Nuwa Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 9 – Red Star Nuwa Baijiu 红星女娲

Dieser Tagebucheintrag in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die sich mit chinesischem Baijiu beschäftigt, nimmt eine kleine Sonderrolle ein. Die meisten der bisher und in Zukunft besprochenen Baijius erhielt ich freundlicherweise als Schenkung der Organisatoren von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – der Hauptgrund dafür ist, dass es extrem schwierig ist, in Deutschland guten Baijiu der gehobenen Qualitäten zu bekommen. Nun war ich im Sommer 2017 selbst Mitglied des Wettbewerbs, und hatte dabei die Chance, an einer Veranstaltung, die im Rahmenprogramm des Concours stattfand, teilzunehmen. Dort wurde vom Beijinger Hersteller Red Star (红星 Hongxing) sein neuestes Produkt vorgestellt, bevor es in Europa auf den Markt kommt.

Der Red Star Nuwa Baijiu 红星女娲 hebt sich durch die Zielgruppe, für die er gestaltet wurde, vom Rest der chinesischen klaren Schnäpse ab. Während die Zutaten noch die üblichen sind (Wasser, Hirse, Gerste, Erbsen; letztere als Komponente im qu, dem Fermentationsstarter, enthalten – über diese Thematik werde ich im Rahmen einer der folgenden Artikel dieser Reihe sprechen), und auch die Herstellungsweise traditionell geblieben ist („solid state fermentation“ und „solid state distilllation“), so wurde doch an den Stolpersteinen, über die westliche Interessenten an dieser Spirituosengattung immer wieder straucheln, gedreht: Alkoholgehalt und Extreme der Aromen. In Zusammenarbeit mit europäischen Beratern soll der Red Star Nuwa einen Einstieg in diese für die meisten Europäer noch völlig unbekannte Welt des Baijiu offerieren. Ist das durchaus lobenswerte (und auch wirklich dringend nötige!) Projekt erfolgreich?

Red Star Nuwa Baijiu Flasche

Bei aller Anpassung an das westliche Verständnis von Qualität, die Farbe wurde belassen, wie man sie von einem klassischen Baijiu erwarten würde. Kristallklar, ohne Einschluss oder Fehler. Die Flüssigkeit bewegt sich flink im Glas, nur eine leichte Öligkeit weist sie auf, schöne Schlieren bilden sich beim Schwenken.

Die im chinesischen Sorghum-Brand geübte Nase erkennt den Baijiu sofort, da ist viel Malz, fermentiertes Obst, Ester. Lakritz und ein Anflug von Anis gehören dazu. Das ganze ist aber heruntergenommen, nicht so extrem wie viele klassischen Baijius. In dieser Form gefällt das der Langnase, die offen für Neues ist, da bin ich sicher. Hier zeigt sich bereits die Arbeit der französischen Berater, die für Red Star sehr stark an diesem Produkt mitarbeiteten und es aromatisch mitgestalteten.

Das erste Mundgefühl ist salzig und umami. Eine sehr angenehm unterschwellige Süße bildet sich schnell heraus, voller esteriger Fruchtaromen. Das ganze bleibt aber zurückhaltend, erinnert an mancher Stelle an einen Weinbrand. 42% Alkohol sind perfekt eingebunden, ein schön gewählter Wert, der genau die Balance zwischen Milde und Aromenkraft trifft. Gras, dunkler Kakao und Gerste meint man wahrzunehmen. Eine kräftige Mineralität erscheint im Verlauf, bietet die Basis für eine effektive, aber nicht überwältigende Würze, mit weißem Pfeffer und etwas Eukalyptus. Eine sehr gelungene Gesamtkomposition.

Red Star Nuwa Baijiu Glas

Der Abgang heiß, aber ohne scharf zu werden. Die von mir erwarteten Schokoladennoten tauchen nun auf, getreidige Komponenten werden sichtbar und bleiben mittellang auf dem Gaumen. Eine sehr milde Adstringenz setzt ein, bevor der Baijiu dann, und das allein mag schon für viele ein Qualitätskriterium sein, dann auch wieder aus dem Mund und Rachen verschwindet.

Ich bin mir sicher, dass man mit dieser Art des Baijiu in Europa Fuß fassen kann. Ich würde dabei nicht einmal sagen, dass er besonders weichgespült und zu stark angepasst wurde – man erkennt die Charakteristik eines Baijiu klar heraus, er ist sogar meiner Meinung nach definierter und klarer als viele andere Produkte, die dem Trinker mit ihrer Brachialität jede Chance nehmen, das Produkt in Breite und Tiefe wirklich zu würdigen. Die leichte Eleganz des Nuwa macht ihn sowohl für chinesische Genießer als auch für den Skeptiker, der sonst Baijiu synonym zu „alten Socken“ betrachtete, für eine sehr lohnenswerte Anschaffung, will man über den Tellerrand nach Osten blicken.

Den folgenden Cocktail habe ich einer Broschüre entnommen, die den Teilnehmern der Masterclass-Veranstaltung während des CMdB ausgehändigt wurde. Für mich, der ich einige chinesische Publikationen kenne, ist die Aufmachung sofort bekannt vorgekommen – das halbtransparente Vorblatt, die typischen Illustrationen, der gekonnte Umgang mit Platz. Die Informationen darin sind wertvoll, und die Rezepte und Statements darin stammen von bekannten Spirituosenpersönlichkeiten wie Ian Burrell und Filippo Baldan – man sieht, auch hier versicht man sich direkt mit nichtchinesischen Fachleuten zu positionieren. Letzterer hat auch den Baijiu nahuatl kreiert, den ich als Signaturcocktail für den Nuwa Baijiu gern weiterreiche.

Baijiu nahuatl


Baijiu nahuatl
1½ oz Baijiu
¾ oz Limettensaft
¾ oz Kakaolikör
⅓ oz Agavensirup
½ Eiweiß
Auf Eis shaken. In ein mit Mezcal ausgespültes Glas abseihen.
Mit 3 Spritzer Schokoladenbitter und Orangenzeste  dekorieren.
[Rezept nach Filippo Baldan]


Die Präsentation ist etwas verspielt, das kennen wir von Baijius ja schon, dabei aber nicht übertrieben. Die Form der Halbliterflasche spielt auf eine chinesische Laterne im Stil der Tang-Dynastie an, in ihrer Milchglasfarbe und dem strengen, klar designeten Etikett spricht sie das Auge direkt positiv an. Der Karton, in dem die Flasche gesichert ist, ist in ähnlich angenehm karger rotbeiger Aufmachung, mit ein paar Details auf der Seite. Der Name des Produkts, in Pinyin eigentlich korrekterweise nüwā transkribiert, spielt irgendwie passenderweise auf die Schöpfergöttin der chinesischen Mythologie an, die den Menschen aus Ton herstellte. Der Preis für 500ml dieses Baijius lag mir noch nicht vor, es wurde aber angekündigt, dass dieser in einem bezahlbaren Rahmen um die $40 liegen soll.

Wer meine Reihe verfolgt hat, hat gemerkt, dass ich eine gewisse Hassliebe zu Baijiu entwickelt habe. Mit dem Red Star Nuwa habe ich ein Produkt gefunden, das ich wirklich bedingungslos empfehlen kann und auch möchte. Es ist ein perfektes Einstiegsprodukt für den an Baijiu Interessierten, dabei von höchster Qualität und hübsch präsentiert auch als Geschenk für einen Spirituosenfreund, der sonst schon alles kennt, ideal geeignet.

Offenlegung: Ich habe eine Flasche dieses Baijiu im Rahmen einer Masterclass-Veranstaltung vom Hersteller kostenlos erhalten.

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Didao Yunnan Fenjiu Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 6 – Didao Yunnan Fenjiu 地道云南

Wir haben in meiner Blogserie „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ nun eine erste Runde durch drei der vier Hauptaromen, die es beim Baijiu gibt, gedreht, und ein Fachbuch über diese Spirituose gelesen. Mit dem bis hier aufgesammelten Wissen wollen wir im sechsten Teil nun eine erneute Rundreise starten – und ähnlich wie bei Runde 1 beginnen wir die Tour mit einem Baijiu mit „leichtem“ 清香-Aroma: dem Didao Yunnan Fenjiu (地道云南).

Der Unterschied zum ersten Leichtaroma-Baijiu, den wir in Teil 1 dieser Reihe besprochen hatten, dem Erguotou, ist, dass Fenjiu, eine weitere Subkategorie der Leichtaroma-Baijius, eine längere Fermentation (in etwa dreimal so lange) benötigt und dazu dann noch einen zweiten Fermentations- und Destillationsschritt durchmacht, den es bei Erguotou nicht gibt. Die Lagerdauer in Keramiktöpfen ist bei Fenjiu auch mindestens 1 Jahr, bei Erguotou in der Regel maximal 1 Jahr. Der Aufwand ist also erheblich größer, was sich dann natürlich auch im Preis und der Wertschätzung niederschlägt. Wir bewegen uns produktionstechnisch also weg vom anspruchslosen Massensprit und hin zu einer höherwertigen, feineren Mittelklasse-Spirituose.

Dass der Didao Yunnan Fenjiu eine Silbermedaille beim Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2016 gewonnen hat, will ich mal nicht allzu hoch hängen – zumindest wird es nicht meine Geschmacksprobe beeinflussen (so hoffe ich, das Unterbewusste hat da aber natürlich immer sein Wörtchen mitzureden).

Didao Yunnan Fenjiu Baijiu Flasche

Der Geruch geht schon fast etwas in Richtung Tequila, vielleicht auch Pisco, um mal ein paar Vergleichsbeispiele zu nennen, die vielleicht bekannter sind als Baijiu selbst. Pflanzlich, grasig, mit einer klar erkennbaren Würze in Richtung Sojasauce. Im Vergleich zu vielen anderen Baijius sehr zurückgenommen und westlich genehm.

Auch geschmacklich würde ich die Parallele zu Tequila, eventuell eher noch sogar seinem nahen Verwandten Sotol, aufrechterhalten wollen. Deutlich alkoholischer natürlich, aber aromatisch durchaus verwandt. Sehr pflanzlich und vegetal, leicht salzig, Anklänge von Traubenmost, Wermutkraut, Thymian sowie die bereits angesprochene Sojasauce. Eine milde Säure begleitet das Ganze; die 46% Alkohol sind kaum spürbar. Der Abgang ist leicht mentholig, sehr aromatisch, zwar etwas kurz, vom leicht betäubenden Effekt auf die Zunge gesehen aber lang. Ein dichter, würzig-kräuteriger Nachhall hängt noch eine Weile im Mundraum.

Tatsächlich fehlen diesem Baijiu all die Extreme, die die Kategorie sonst für den westlichen Gaumen so kompliziert machen: er ist nicht so alkoholisch, fermentierlastig und fremdartig, kurz – nicht so ungewohnt. Das kann man Gästen vorsetzen, die unerfahren in Baijiu sind, und muss nicht mit verzerrten Gesichtern rechnen, im Gegenteil. Damit kann man überzeugen, zum ersten Mal in dieser Reihe wirklich uneingeschränkt. Eine tolle Spirituose, die mir außerordentlich gefällt, bei der es richtig viel Spaß macht, sie zu genießen – von allen Baijius, die ich bisher verkostet habe, ist dies mit einigem Abstand der attraktivste.

Der Chinese Snapdragon (der originale Snapdragon wird mit weißem Tequila gemacht) öffnet mir die Augen dafür, dass Baijiu und Weintrauben eine brilliante Kombination ergeben. Wenn dann noch das florale Element des Holunderblütenlikör den leichten Baijiu ergänzt, haben wir einen ungewöhnlichen, aber außergewöhnlich leckeren Cocktail vor uns. Höchstfaszinierend, und er wird auch noch mit jedem Schluck interessanter.

Chinese Snapdragon


Chinese Snapdragon
10 helle (grüne) Weintrauben muddeln
2 oz Leichtaroma-Baijiu (z.B. Didao Yunnan Fenjiu)

1 oz Holunderblütenlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken, doppelt abseihen.

[Rezept abgewandelt nach Delicious Drinks]


Die Flasche ist vergleichsweise einfach gestaltet, ohne viel Schnickschnack; der Didao Yunnan erlaubt sich als einzige Extravaganz einen etwas wuchtig wirkenden Schraubverschluss (der allerdings, auch wenn er sehr edel wirkt, tatsächlich nur aus mäßig wertigem, goldfarbenen Leichtplastik besteht).

Ich finde es angemessen, bei so exotischen Produkten auch auf den fremdsprachigen Namen einzugehen. Didao Yunnan Fenjiu, übersetzt „Echter Yunnaner Fenjiu“ (Yunnan ist eine Provinz in Südwestchina), ist dann aber doch nicht so exotisch, wie es sich zunächst anhört – das ist eigentlich recht analog zu den Gepflogenheiten vieler westlicher Hersteller, die ihre Produkte „Echter Nordhäuser Doppelkorn“ oder „Echter Leipziger Allasch“ nennen.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Hongxing Erguotou Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 1 – Hongxing Erguotou 红星二锅头

Ein frohes neues Jahr allen Lesern meines Blogs. 2017 wird ein spannendes Jahr für alle Freunde des Ungewohnten, Liebhaber des Exotischen und anderweitig an nicht alltäglichem Interessierten. Etwas Mut und Experimentierfreude wird, das kündige ich direkt an, erforderlich sein für die, die sich mit mir auf die Reise nach Osten machen und das Jahresprojekt Baijiu mit mir angehen wollen. Ich nenne diese Reihe in 12 Teilen, von der jeden Monat eine neue Installation erscheinen wird und die sich mit diesem chinesischsten aller chinesischen Lebensmittel beschäftigt, „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, in Anlehnung an die ersten Zeilen des Gedichts 月下獨酌 eines der berühmtesten Dichter Chinas, Li Bai, hier zitiert in der Übersetzung von Reinhard F. Hahn.

Aus einem Krug Wein, der bei mir unter Blüten stand,
Trank ich allein – niemand weit und breit außer dem Mond.
Da erhob ich meinen Becher und bat den hellen Mond,
Er solle meinen Schatten zum dritten Kumpanen machen.
©2005 Reinhard F. Hahn

Li Bai kannte in seiner Lebenszeit während der Tang-Dynastie (618 bis 907) wahrscheinlich noch keinen Baijiu, wie wir ihn heute trinken, obwohl die Geschichte dieses klaren Schnapses (dies ist auch die wörtliche Übersetzung des Begriffs 白酒 „baijiu“) bis weit in die alte chinesische Historie zurückgeht.

Kommen wir zu Beginn dieser Reihe von den Höhepunkten fernöstlicher Dichtkunst zurück auf den prosaischen Boden der Tatsachen, und sprechen die Wahrheit klar aus. Der erste Baijiu, den ich hier präsentieren will, ist ein absolutes Basisprodukt. Ein Schnaps für den einfachen Mann, wie manche sagen; eine Spirituose für die Massen. Er ist sehr billig in China, nur unwesentlich teurer als Cola. Die Oberschicht gibt sich damit nicht mehr ab, sie trinkt die für die meisten Chinesen unbezahlbaren großen Marken wie Moutai oder Wuliangye, oder aber immer mehr auch westliche Spirituosen wie Whisky. Die Zahlen sprechen allerdings für sich: Der Hongxing Erguotou (oft auch teilanglisiert Red Star Erguotou) ist einer der meistverkauften Baijius Chinas – und damit eine der meistverkauften Spirituosen der Welt. Einige Quellen sprechen sogar davon, dass diese Marke 25% allen Schnapskonsums der Welt bedient. Das allein ist eigentlich schon ein Grund, warum jeder Spirituosenfreund ihn einmal probieren sollte, oder?

Hongxing Erguotou Flasche

Ein paar weitere einleitenden Worte sind bei einem durchaus fremdartigen Produkt durchaus angebracht; denn während wir die grundlegenden Eigenschaften und Kategorisierungen bei Whisky, Tequila und Rum inzwischen doch recht gut kennen, ist dies bei Baijiu aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Fall. Diese Übung wird bezüglich verschiedener Themen ebenso über die einzelnen Artikel dieser Serie verteilt sein.

Beginnen wir hier mit einem sehr kurzen Sprachexkurs – wie spricht man die Worte, die wir hier verwenden aus? „Baijiu“ selbst ist noch einfach – das „j“ wird im Pekinger Dialekt des Mandarin, was als Hochchinesisch angesehen wird, als irgendwo zwischen“ds“ und „dsch“ ausgesprochen, also hätten wir hier die deutsche Aussprache „bai-dschiou“, wobei das „iou“ am Ende ineinander übergeht und kurz gehalten ist (wie die britische Aussprache des Worts „new“). Die vorliegende Marke „Hongxing“ würde ich mit meinen vertieften Anfängerkenntnissen des Chinesischen leicht vereinfacht als „hung-sing“, die Baijiu-Kategorie „Erguotou“ als „ar-gwo-tou“ aussprechen. Die Bedeutung ist als im übertragenenen Sinne als „zweite Destillation“ zu verstehen, was man im westlich-anglophilen Sprachgebrauch gern den wertvollen“heart cut“ nennt (im Gegensatz zum Vor- und Nachlauf, der in jeder Brenntradition als minderwertig betrachtet wird).

Bei Erguotou handelt es sich um Baijiu mit „leichtem“ Aroma (清香 qīngxiāng), einer der vier Hauptgruppen der Baijiu-Aromatik; diese ist besonders in Nordchina beliebt und verbreitet. Der Geruch lässt die westliche Langnase zunächst leicht verdattert zurück: Man riecht ein wildes Gemenge aus Sojasauce, Weinessig, vergorenem Apfelsaft, überreifen Erdbeeren, dunklem Malz, Lösungsmittel und Gummihandschuhen.

Wie bei vielen Baijius hält man diesen als Anfänger besser nicht zu lang im Mund; sonst kommen die Extreme zum Vorschein. Die Säure und die Würze schlagen dann voll zu und explodieren fast. Bei kürzerem Mundaufenthalt fühlt sich der Hongxing Erguotou süßsauer, würzig, salzig, grasig und sehr stark umami an. Eine interessante Mischung aus Schnaps und Fleischsuppe. Der Abgang macht vieles dessen wett, was er dem ungeübten Gaumen zuvor angetan hatte – jener ist angenehm, salzig-würzig, warm und mittellang.

Tatsächlich kann der Red Star Erguotou ein Einstieg in die Welt der Baijius sein, einer, bei dem man nicht direkt schon auf der Schwelle stolpert und auf die Nase fällt. Er ist erkennbar ein typischer Baijiu, dabei aber noch nicht so spezialisiert, dass der westliche Gaumen dabei allzusehr überstrapaziert werden würde.

Den Cocktail, den ich hier nun vorstelle, hatte ich beim Bloggerkollegen galumbi.de entdeckt. Im Original heißt er Guna-Guna, und wird mit Batavia Arrak hergestellt. Da sich das Geschmacksbild mit Erguotou doch etwas ändert (und ich noch ein paar subtile Änderungen vorgenommen habe), ist eine Namensänderung angebracht. Um nah am Original zu bleiben, habe ich mir eine chinesische Phrase ausgesucht, die lautlich ähnlich klingt – 滚!滚! Herauszufinden, was sie bedeutet, überlasse ich dem Leser als Übungsaufgabe – ich empfehle als Recherchematerial das sehr unterhaltsame Sprach- und Lebenshilfebuch Dirty Chinese. Ausgesprochen wird sie jedenfalls Gun!Gun!, und ich hoffe, niemand fühlt sich dabei angesprochen was die Besuche meines Blogs angeht.

滚!滚! (Gun!Gun!)


滚!滚! (Gun!Gun!)
¾ oz Red Star Erguotou
¾ oz Fernet Branca
¾ oz Kaktusfeigenlikör
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Orgeat
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice servieren, dann noch…
2 Spritzer Celery Bitters
…obenauf floaten.
[Rezept adaptiert nach Jason Walsh’s „Guna-Guna“]


Ich habe diesen Drink eigentlich unnötig exotisierend in einer Horngurke (Kiwano) zubereitet. Dazu schneidet man die Horngurke einfach oben auf und höhlt sie mit einem Esslöffel aus. Das Fruchtfleisch ist sehr lecker und kann entweder einfach so verspeist, oder entsaftet und für einen anderen Cocktail eingesetzt werden. Egal, woraus er getrunken wird – diese faszinierende Mischung aus umami– und Fruchtgeschmäckern ist superlecker. Und es sagt viel über den Erguotou aus, dass man ihn selbst gegen die Konkurrenz von 4 anderen, gleichdosierten Zutaten sehr deutlich herausschmecken kann – das ist kein Weichei, sondern ein Jürgen Kohler der Spirituosenwelt.

Nächsten Monat folgt Teil 2 der Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, und dort werden wir dann ein Exemplar einer anderen Aromatik-Gattung innerhalb des Baijiu betrachten. Bis dahin sollte weiterhin mit Erguotou trainiert werden, denn so vergleichsweise einfach wie hier wird es dann für den westlichen Gaumen nicht werden… also zügig 干杯!