Neues von der Esterinsel – Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ich finde es spannend, die tagesaktuellen Hot Topics in Rumkennerkreisen zu verfolgen. Nicht, dass ich mich daran beteiligen will, bestehende Hypes zu fördern, oder mich an der nervenden Suche nach dem „next big thing“ zu beteiligen, nein, mich fasziniert einfach, dass aktuell Extreme in jeder Form viel Zulauf erfahren, seien es Fuseligkeit, Estergehalt, Rauch oder sonst eine Form des Übertreibens von Eigenschaften, die in meiner privaten Aromenwelt ein Detail unter vielen sein sollten und nicht so im Vordergrund, dass alles andere dagegen untergeht. Mit Ausgewogenheit kann man heute kaum mehr Aufsehen erregen; persönlich finde ich das, wie gesagt, etwas schade.

Daher wundert es mich nicht sonderlich, und ich greife damit nur leicht vor, dass der Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum ein doch erkennbar anderes Spektrum aufweist als die Standardausgabe des Herstellers – den Navy Island XO Reserve Rum fand ich schön gelungen, ein milder, ansprechender Jamaikaner ohne all die angesprochenen Extreme. Select Cask, das steht für einen Blend aus 3 Fässern voller 10 Jahre gereiften Hampden-Rums, die für die gesamte Auflage von 1288 Flaschen sorgten. Trauen wir uns mal ran an eine der Flaschen.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ein leicht blasses, aber leuchtendes Gold bewegt sich leicht und fast ohne Schwere im Glas. 10 Jahre Reifungsdauer hätten von sich aus eine ehrliche, ansprechende Farbe erzeugt, den zugesetzten Farbstoff hätte man sich bei einer so kleinen Auflage daher ehrlich gesagt wirklich sparen können – was für einen Sinn macht das bei 3 Fässern? Mir fällt außer täuscherischer Kosmetik keiner ein.

Nach diesem kleinen Ärger verströmt sich praktisch sofort weit um das Glas herum ein Geruch nach dunkelbrauner Banane, matschiger Ananas und sich fast schon verflüssigten Erdbeeren. Ein Aroma, das man nicht vergisst, wenn man es kennt – das ist Jamaica-Rum. Marzipan, Nougat, Hefe. Wie bei vielen hochwertigen esterlastigen Spirituosen ist das Geruchsbild sehr komplex und vielschichtig. Etwas Karton und Ethanol klingen bei.

Beginnt der Antrunk noch mild, entwickelt sich der Rum im Mund dramatisch weiter. Von Hampden erwartet der Kenner immer etwas mehr Funk als von den meisten anderen Destillerien, und er wird hier bedient. Teer, Lösungsmittel, Fuseligkeit, dazu Frucht- und vor allem Bananenester en masse, eine schnell einsetzende harte Trockenheit, ein Eindruck, der mich an Baijiu erinnert – je mehr ich mir darüber klar werde, um so deutlicher ist die extreme Verwandschaft von Hochesterrum und chinesischem Baijiu. 51,2% sind doch deutlich erkennbar, ohne Brennen, aber von der reinen Alkoholwucht her. Säure und Bittere, irgendwie muss man diese Kombination mögen, meins ist es ehrlich gesagt nicht so ganz.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum Glas

Der Ausklang ist heiß und dabei wunderbar rund, sehr schokoladig und cremig, mit viel Fruchtnachhall. Überraschenderweise eher mittellang, er klammert nicht zu sehr, persönlich schätze ich dies bei derartig aromatisch-eigenwilligen Spirituosen.

Ich hatte damals zugegebenermaßen Schwierigkeiten, ein Funkmonster wie den Velier Hampden HLCF in einem Drink so unterzubringen, dass mehr als ein Spritzer direkt die Aromatik voll übernimmt. Mit dem Navy Island Select Cask geht das viel besser – er ist doch deutlich zurückhaltender und weniger Partycrasher. Der Outrigger Tiara aus der Tiki-Feder von Urvater Trader Vic ist ein Beispiel dafür, wieviel Charakter solche Rums einem Drink verleihen können, wenn man sich traut. Dagegen können die leichten Rums, die man sonst so zu Hause hat, nur verlieren, bei allem Sinn, den sie natürlich trotzdem noch haben.

Outrigger Tiara


Outrigger Tiara
1 oz ungereifter Rum
1 oz gereifter Jamaica-Rum
1 oz Orangensaft
1 oz Zitronensaft
1 Spritzer Grenadine
1 Spritzer Orange Curaçao
Auf Crushed Ice blenden.
[Rezept nach Trader Vic]


First Edition, das sollte bedeuten, dass auch weitere Ausgaben folgen, etwas, was ich nicht ablehnen würde. Ein attraktiver, ungesüßter, typischer Rum, präsentiert in einer opulenten Verpackung, einem hübschen Etikett, das sich am Vorgänger orientiert, und einer stabilen Dose – da kann der Kenner, oder der, der es werden will, gern zugreifen.

Wer lieber etwas weniger Frechheit und Wildheit, aber nicht weniger Charakter in einem Rum will, sollte sich die Hausabfüllung von Hampden anschauen, die mir persönlich besser gefällt, weil sie einfach noch runder und etwas weniger aggressiv ist, nicht so sauer und bitter.

Kurz und bündig – Kriek Foudroyante

Ich fühlte mich schon etwas veräppelt – da zieht man den Kronkorken von der Flasche, und freut sich auf den Kirschgeruch des Kriek Foudroyante aus der mir inzwischen schon wohlvertrauten Brouwerij Lindemans in Belgien, und was findet man? Einen Korken! Dieser Doppelverschluss ist wirklich seltsam, aber im Endeffekt unterhaltsam. Die Verpackung des Frucht-Lambics, hergestellt mittels Spontanvergärung, weiß darüber hinaus aber auch sonst mit mäßig begeisternden Effekten aufzuwarten – zum Beispiel mit der Angabe der Verwendung von mindestens 10% Sauerkirschenkonzentrat statt frischen Kirschen – schade, aber für den Preis muss man mit soetwas rechnen.

Kriek Foudroyante

Farblich erwartungsgemäß rubinrot und dunkel, dadurch kaum zu durchschauen, aber ohne Opalisierung. Leichte Perlage besorgt den feinen, rosaroten Schaum. Sehr fruchtig ist es in der Nase, nach Kirsche, Limetten, Himbeeren, Brause. Leicht süßlich.

Milde Frucht ist natürlich der dominante Geschmackseindruck, sehr stark nach Kirschen und Himbeeren – dies überhaupt nicht künstlich, wie das bei so manchen Biermischgetränken vielleicht gewohnt ist, sondern natürlich und echt. Sehr ansprechende süß-sauer-Balance. 3,5% Alkohol sind kaum schmeckbar. Etwas mehr Körper könnte dem Kriek Foudroyante gut tun, ich mag aber das brausig-schaumig-fluffige Mundgefühl sehr. Der Abgang bleibt sehr kurz, etwas malzig, trocken, leicht bitter, Süße legt sich etwas auf die Lippen. Der Nachklang ist dann sehr süß, fast schon pappig.

Nun, das ist ein leckeres, frisches Fruchtbier, das mir durchaus gefällt. „Foudroyante“, also „blitzartig, überwältigend“? Ich finde es eher mild und sanft vom Charakter her. „Servir très frais“ – ja, das tu ich gern, ganz besonders im Sommer, als ich das Bier getrunken habe. Aber auch im Winter ein schönes Zwischendurch.

Sitting down for a drink is the easiest way to get to know someone – „Drunk in China“ by Derek Sandhaus

Derek Sandhaus‘ newest book is riddled with an assortment of anecdotes of how he came to be the leading non-Chinese expert on China’s national spirit, baijiu (though he himself semi-humbly refutes that title). I could cut this review short and summarize his experiences: get stinking drunk for several years while traveling the countryside and meeting shady people. Others have to spend their time in dusty libraries with even more dusty people if they want to become expert in their field, so he obviously found the funnier way of education. Let me copy his approach and start this review of Drunk in China – Baijiu and the World’s Oldest Drinking Culture by telling you an anecdote, like how I got to know him – and baijiu.

Drunk in China Cover

I was really amused by the anecdote about Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles mentioned in the introduction of Drunk in China, as I was for three years also part of this exclusive yet down-to-earth group of people traveling the world in search for new spirits, and we were both judges in the 2019 edition that took place in China. Interestingly, that was not my first contact with Derek. A review on Goodreads, where I wrote about one of his first endeavors as a writer, Tales of Old Peking, got me interested in his work. I was in love with an imaginary China at that time and read anything on that country’s history and culture I could lay my hands on. From there it was still a long way to my appreciation of baijiu – and after half the way it was again Derek who jumped in, with his Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, which, by the way, is still the benchmark for any work on baijiu written in a readable language. It was really great finally meeting him in the Shanxi countryside, sitting down for a drink with him (and dozens of other long-nosed foreigners). Well, if you know Chinese customs, or have read his book, you’ll know that „a drink“ is a relatively flexible term there.

Drunk in China - with Foreigners in a Chinese village

Of course, you’ll learn everything you need to know about baijiu in this book. It is even more valuable since the author is not simply caroling away, but also shows us the problems that baijiu faced in the past and today. Health issues, a rampaging drinking culture and severe food safety lapses make baijiu a cultural and societal affair that the government itself now handles. Ludicrous price inflation, loss of interest of the younger generation and indifference towards the future of the own product are home-made concerns as well. Chattily Derek leads us through a broad spectrum of topics that make this book much more than a simple introduction to China’s national spirit: be prepared to get immersed into China’s liquid secrets.

In contrast to his earlier works, Drunk in China is much less relying on pictures, something I miss a bit, but I’m sure the only reason for that lack of images is that it’s difficult to steadily hold a camera while ganbei-ing. Derek’s vivid descriptions actually do their own of planting imagery into your brain, and some of it is not all that pleasant. I’ll supply one image myself now to explain a rather exotic ingredient of baijiu. There is a lot of talk about „qu“ in this book, and if you’ve wondered what it actually looks like, well, here’s Derek handling a block of qu in a distillery museum in Fenyang in his best traveling-salesman manner.

Drunk in China - Derek Sandhaus with Qu

Baijiu might not be the easiest spirit to get into, yet don’t feel bad about it, as even Derek confesses in his book that he „hated“ baijiu at first. One of the many insightful early quotes he unearthed about baijiu is related to its somewhat steep learning curve: „It [baijiu] is not agreeable to the taste of Caucasians“, and what Charles E. Munsell deplored in 1885 is still one of the problems of baijiu today. On the other hand, personally I once hated olives, oysters and licorice, and look at me now, I could live off them alone. But it’s not only the taste buds that might need some training when trying to get acquainted with the Chinese national spirit, it’s also its background which is harder to understand than that of the many Western spirits we’re accustomed to. We need education on baijiu. Two quotes, one from the beginning of the book, the other one from the end, show the Herculean task Derek Sandhaus has set for himself.

„To my surprise and dismay I soon discovered there was precious little information about Chinese spirits available for the casual English reader.
(…)
If baijiu is to find a Western audience, if it is to go mainstream in North America, Europe, and elsewhere, someone has to take on the thankless task of clearing a path.“

Luckily, we now obviously have someone actually doing the pioneering and the educating; and in a very entertaining and eloquent way to boot. I don’t need rose-tinted spectacles coming from my knowing the author to recommend this book to anyone of the following groups – people interested in more-or-less contemporary China, of course spirits aficionados of all kinds, but definitely also those who simply like to read a rip-roaring story about a „short Jewish kid from Kansas“ finding his unexpected vocation in a very foreign land. In parts it reminds me of American Shaolin, and that means I can’t give much higher praise.

Buy it. Read it. Then, most importantly, go out and try to find a decent bottle of baijiu (which nowadays is still not the easiest thing outside of China, but Derek’s own Ming River brand is quite acceptable and should be readily available), get some friends together, order lots of piping hot Sichuan food and kill that bottle with it. Rinse your mouth, repeat several times. After that, you’ll know what the baijiu magic is.