Kurz und bündig – Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Der eine oder andere wird den Effekt kennen – man geht ins Ikea, um nach einem kleinen Küchenschrank zu suchen, und geht mit lauter Kleinkrams aus dem Markt nach Hause. Kissen, Pflanzen, Teller, Gläser und Pfannen. Persönlich bin ich da eigentlich nicht wirklich empfänglich für diese Art von Marktschreierei, doch Ikea hat mich unfair mit Alkohol geködert und gekriegt: Am Ausgang standen lange Reihen des hauseigenen Biers, das mir früher nie aufgefallen war. Was soll man machen, ich habe je zwei Flaschen des Ikea Öl Mörk Lager und des Ikea Öl Ljus Lager mitgenommen, ganz unvoreingenommen, und es kurz danach bereut. Doch lassen wir erstmal die Biere für sich sprechen.

Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Fangen wir an mit der grünen Flasche mit dem weißen Etikett, dem Ikea Öl Ljus Lager, einem hellen Lagerbier aus schwedischer Herstellung. Farblich habe ich nichts auszusetzen, ein kristallklares Bier in schöner Tönung; vom Schaum her könnte ich mir etwas mehr wünschen, einzelne hochsteigende Perlageketten schaffen aber nicht mehr.

Die Nase nimmt beim Eingießen noch leichte biertypische Bitternoten wahr, danach ist es vorbei: das Öl Ljus riecht nach gar nichts. Hm, etwas Bitterhopfen vielleicht, mit viel gutem Willen. Sehr viel gutem Willen. Da es in dieser Beziehung nichts zu beschreiben gibt, hoffen wir etwas skeptisch auf den Geschmack! Leider geschieht kein Wunder, auch im Mund verhält sich dieses „Bier“ wie die Schweiz in der Außenpolitik. Ich könnte nun versuchen, die minimalsten Anflüge von Aromatik in Worte zu fassen, aber wozu – es wäre Fantasie. Immerhin eine leichte Cremigkeit im Mundgefühl unterscheidet dieses Getränk von Mineralwasser. Der Abgang hat wenigstens etwas Bittere, dezente Säure und leichte Betäubungseffekte auf der Zunge.

Ikea Öl Ljus Lager

Nicht viel drüber nachdenken, jede Minute ist verschwendet. Maul abputzen, zum nächsten Bier. Kommen wir also zur (noch) dunkleren Seite dieses Reviews. Das Ikea Öl Mörk Lager präsentiert sich als dunkles Lagerbier. In der Zutatenliste des Etiketts haben wir zwei Wörter, die mir direkt auffallen – „E150c“ und „Aromen“. Na, da denk ich mir direkt meinen Teil, während ich mir das bierähnliche Erfrischungsgetränk eingieße.

Dabei entsteht keinerlei Schaum, es zischt etwas beim Eingießen, doch das verpufft direkt. Es bleibt nur eine schwarze (eben mit E150c künstlich gefärbte) Flüssigkeit zurück, die beinahe völlig blickdicht ist, bei Gegenlicht rubinrote Reflexe aufweist. Man sieht am Glasrand eine minimale Perlage. Geruchlich praktisch völlig neutral. Leichte Malznoten, aber nur, wenn man es riechen will. Sonst ist da sensorisch gar nichts – das Glas riecht stärker. Vom Antrunk an ist da eine starke zitronige Säure, die alles dominiert. Leichte Röstmalzaromen, etwas Kaffee. Sehr leicht und schwachbrüstig, 4,7% Alkoholgehalt können das nicht retten. Immerhin schön rezent. Aromen sind zugesetzt, ich frage mich, welche – vielleicht diese leichten Kaffeenoten, da sonst ja kaum Geschmack da ist. Ein Abgang ist nicht vorhanden, alles bleibt aromatisch neutral, besteht höchstens aus leichter Astringenz und Betäubungseffekten durch die Säure.

Ikea Öl Mörk Lager

Das ist einfach kein Bier, das ist alkoholische Zitronenlimo mit künstlichen Bieraromen und Farbstoff. Ich frage mich ernsthaft, wie das in Deutschland die Genehmigung erhielt, das Wort „Bier“ aufs Etikett schreiben zu dürfen. Eine Beleidigung für jeden Bierfreund, in jeder nur denkbaren Beziehung. Sogar die Flaschen wirken billig.

Ich habe sie gefunden – die schlechtesten Biere, die ich je getrunken habe. Selbst der schwedische Brauer will auf dem Etikett nicht genannt werden. Ich verstehe ihn.

Der Teufel kann rudern, meiner Ehr! Ancient Mariner Navy Rum

Die Geschichte von Rum ist reich an seltsamen Anekdoten. Eine davon ist die  um Navy Rum – man hat heutzutage, in diesem neopuritanischen Zeitalter des Selbst- und Fremdoptimierungszwang kaum mehr Vorstellung davon, dass starke Alkoholika ein fast schon notwendiger Hygienefaktor in der harten und brutalen Welt der imperialistischen Ausdehnung der Kolonialmächte waren – so konnten die Matrosen in Zaum und bei Laune gehalten werden, wollten die Kommandanten nicht das Schicksal von Captain Bligh erleiden. Normalerweise ist ein klassischer Navy Rum ein Blend aus diversen Rums der ehemaligen britischen Kolonien – oft enthält er Komponenten aus Guyana, Trinidad, Barbados und Jamaica. Nicht zu verwechseln ist dieser Begriff mit dem der Navy Strength – letzteres bezieht sich nur auf eine spezielle Alkoholstärke – 57% – und ist auch auf andere Spirituosen (hauptsächlich wohl aber Gin) anwendbar.

Der vorliegende Ancient Mariner Navy Rum stammt vom kleinen unabhängigen schottischen Abfüller Hebridean Liqueur Company. Er ist dahingehend ein Sonderling, weil er eben kein Blend ist, sondern ein einzelnes, 16 Jahre lang gereiftes Destillat aus der von vielen Rumfreunden heiß geliebten Caroni-Destillerie. Persönlich kann ich den Drang, die Produkte dieser Destillerie so zu vergöttern, ja nicht wirklich nachvollziehen, mir sind die Caronis-Rums oft etwas zu dreckig und unsauber. Fällt der Ancient Mariner Navy Rum auch diesem Verdikt zum Opfer?

Ancient Mariner Navy Rum

Die Farbe zeigt sich sehr kräftig, aber noch natürlich wirkend. Strahlende Reflexe. Leichte Konsistenz. Vorsichtige Schlierenbildung, extrem langsam ablaufend, sie bleiben fast stehen. Ein erster Versuch des Schnupperns zeigt mir, dass ich dem Rum etwas Zeit lassen muss im Glas – sonst zwickt das enorm. Nach einigen Minuten verfliegt etwas davon, und man nimmt die dominierenden Holzaromen wahr. Darunter liegt eine schöne Fruchtigkeit in Richtung Aprikose und Banane, vielleicht Malz – und eine leichte Rosenblätternote. Darunter wiederum findet man das, was die Caronifreunde begeistert – ein Anflug von Tabak, Torf, verschortem Gummi, Rauch und Teer. Aber wirklich nur ein Hauch davon, mehr eine Andeutung.

Im Mund wird das ganze schon prägnanter, ich würde die Reihenfolge hier eigentlich schon glatt umkehren. Die fuseligen, öligen, teerigen Aromen springen geradezu in den Vordergrund, die Frucht schiebt langsam nach und bildet eine Basis. Im Verlauf taucht dann erst die Vanille und die vorsichtige Holzigkeit auf, die dann an Fahrt aufnimmt und den Eindruck zum Schluss hin wieder dominiert. Da ist richtig viel Süße im Ancient Mariner Navy Rum, schwere, dunkle Süße, im Gegensatz zu künstlich nachgesüßten Rums ist diese aber tief und komplex, cremig und vollmundig.

Ancient Mariner Navy Rum Glas

Der Abgang ist für die eingesetzten 54% weich und angenehm, mit viel Ingwer, aber warm und fühlbar den Rachen hinuntergleitend. Er ist vergleichsweise kurz, Vanille ist das einzige, was länger am Gaumen haften bleibt, mit einer Erinnerung an Teer.

Ein schöner, vielschichtiger und komplexer Rum, dezenter als viele andere Caronis, ohne seine Wurzeln ganz zu verleugnen. Ich mag diese Herangehensweise, sie gleicht die mir persönlich manchmal zu stark ausgeprägte Fuseligkeit der Destillate dieses Herstellers durch eine ausgesprochen gelungene Drinkability aus.

Welcher Cocktail könnte für einen Navy Rum besser geeignet sein als der Jack Tar? So nannte man früher die Soldaten der britischen Kriegsmarine. Der Bezug ist rein namentlich, wobei man schon eine gewisse matrosenhafte Konstitution mitbringen sollte, wenn man sich diesem starken Drink aus diversen hochprozentigen Spirituosen nähern will.

Jack Tar


Jack Tar
1 oz Navy Rum
½ oz Bourbon
½ oz Dry Gin
¼ oz Limettensaft
¼ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Auffällig ist natürlich direkt die kleine, knuffige, eckige 50cl-Flasche im Würfeldesign – sehr schwer und etwas unhandlich, aber ein Blickfänger in der Heimbar, wenn man sie entsprechend platziert. Der Anhänger an einer blauen Kordel ist leider nicht besonders informativ, blubbert nur über Coleridges Gedicht, das als Namenspate diente. Das Etikett ist klein, da ist nicht viel Platz, dennoch hätte ich mir wenigstens ein paar kleine Hinweise über das Produkt in der Flasche erhofft. Nun, man findet immer ein Haar in der Suppe. Wenn die Suppe aber so gut zusammengestellt ist, wie die des Ancient Mariner Navy Rum, dann schluck ich auch das Haar.

Aus dem Hochlandtiefbrunnen – Terralta Tequila

Es ist eine der wichtigsten Hilfsmittel für jeden Tequila-Freund – Tequila Matchmaker, eine App, die sowohl zur Bewertung von Agavenbränden dient, als auch als Datenbank zum Nachschlagen zu Herstellungsdetails, die uns als Freunden des gut gemachten Tequilas wichtig sind. Ist dieser Tequila, den ich da gerade zufällig gefunden habe, durch einen Diffusor produziert worden? Wurde die gekochte Agave mit einer Tahona zermahlen? Welche Art von Kochgeschirr kam zum Einsatz? Welche anderen Tequilas wurden unter dieser NOM hergestellt? Fehlkäufe können so in Zukunft nahezu ausgeschlossen werden, und die geschmackliche Durchschnittsbewertung von Laien wird durch ein Panel von Profis ausbalanciert. Tolle Sache, ich nutze die App seit langem und kann sie nur empfehlen.

Schaut man darin nach dem heute hier besprochenen Tequila – also dem Terralta Tequila Blanco, Reposado, Añejo und Extra Añejo – so findet sich eine ganz hervorragende Bewertung für den ungereiften, und sehr gute Punktewerte für die gereiften Varianten. Persönlich halte ich nichts von Punktevergaben, das habe ich ja schon in einem meiner ersten Artikel auf meinem Blog betont, doch ich gestehe zu, dass das aufmerksam macht. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf die folgende Verkostung gewesen, und ich greife nicht vor, wenn ich jetzt schon sage, dass die Vorfreude nicht enttäuscht wurde.

Zu den Details dann mehr bei den einzelnen Tequilas selbst, nur drei Worte über technische Details vorab: Erstens, alle diese Tequilas sind mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, einem für Tequila sehr angenehmen Wert, auch wenn auch hier inzwischen ein Trend zu mehr Prozenten auszumachen ist. Zweitens, sie sind alle nach modernen Methoden hergestellt, die sich allerdings an traditionelle Methoden anlehnen, mit Steinöfen und einer Maschine, die einer klassischen Tahona nachempfunden ist (und „Frankenstein“ genannt wird und wirklich aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint), was für mich allein schon eine spannende Sache ist. Drittens, das verwendete Wasser; zum grundsätzlichen Thema „Wasser“ hatte ich schon beim G4 Tequila , einem der anderen Tequilas der Destillerie El Pandillo (NOM 1579), gesprochen – im Unterschied zu jenem setzt man hier komplett Brunnenquellwasser ein und lässt das Regenwasser weg. Diskutieren wir nicht lang drüber, ob es was bringen kann, gießen wir uns ein Glas ein und schauen, ob es was bringen tut.

Terralta Tequila Samples

Farblich komplett transparent und ohne Makel bewegt sich der Terralta Blanco mit einer leichten Öligkeit im Glas, hinterlässt dabei einen Fransenrand aus Tränen, die in kleinen Tröpfchen ablaufen. Die Nase ist äußerst würzig und aromatisch – ein richtiger Bums an frisch geschnittener Agave lässt bei mir schon von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass wir hier ein besonders edles Produkt vor uns haben. Sehr erdige Aromen, erinnernd an Leder, grünen Pfeffer und eine sehr ausgeprägte Harzigkeit untermauern das; geröstete Mandeln, Vanille und Honig rieche ich als süße Basis.

Auch im Mund erkennt man das Basisprodukt sofort, und es definiert den gesamten Geschmacksbogen. Da ist kein Chichi, kein Fehler, kein aufgepfropftes Aroma – ein pures, aromatisch sehr reines Agavendestillat, wie ich es selten erlebt habe. Eine sehr vorsichtige, natürliche Süße mit ein paar Nuss- und Vanillearomen spielt mit Pfefferschärfe, die keineswegs aus den 40% Alkoholgehalt stammt. Eine wunderbare Rundheit und sowohl Tiefe als auch Breite lassen mich diesen Brand gerne sehr, sehr lange im Mund behalten und dort hin und her schwappen.

Der Abgang gleicht sich dem an – er ist heiß, lang, pfeffrig-scharf und voll. Ein Hauch aus Agave hängt nach, gepaart mit einem leicht metallischen Ton. Der Terralta Blanco bleibt dabei sehr sauber und direkt, ohne künstlich wirkende Nachklänge oder störende Einflüsse, rein die Agave ist bis zum letzten Schluss da, minutenlang, ein wirklich extrem ausdauernder Tequila: Ein Meisterstück eines wahren Könners, ohne jeden Zweifel.

Terralta Tequila Blanco

Im Terralta Reposado sieht man die Farbe, die 3 Monate in einem „light toast #1“-Ex-Bourbon-Fass, das zum ersten Mal für etwas anderes als Bourbon benutzt wird, erzeugen. Eine leichte Strohigkeit, Pastellgold vielleicht, erkennbar und ehrlich wirkend. Auch hier ist die leichte Viskosität des Basisdestillats erkennbar, mit den entsprechenden Glasrandeffekten.

Während bei manchen Reposados bereits trotz der kurzen Reifezeit das Holz dominiert, ist hier noch die Agave deutlichst im Vordergrund. Sie wird durch milde Vanille- und Gewürznoten nur unterbaut, sehr gelungen, wie ich finde. Leichte Frucht- und Blütenkomponenten, dabei besonders Jasmin und Rose, sorgen für ein wirklich exquisites Aromenspektrum für die Nase.

Im Antrunk kommt zwar eine gewisse Süße als erster Eindruck, doch direkt wird sie von einer trockenen Bittere und milder Salzigkeit übernommen. Der Reposado wirkt leicht holzig, erdig, sehr erwachsen und voll in jeder Richtung. Keine Komponente überwiegt die andere, Agave dominiert zwar, aber das will man genau so haben bei einem guten Tequila, wie das hier ausgeführt ist. Der Abgang ist lang, sehr floral in Richtung Jasmin, mit deutlicher Anästhesie auf der Zunge, warm und voll im Rachen. Eine feine Würzigkeit bleibt bis zum Schluss.

Spannend, wie sich hier der Holzausbau tatsächlich in einer wirklich schönen Aromenverschiebung hin zum Gewürz und zur Blütigkeit äußert, und nicht das Holz, wie bei manchen Reposados entweder gar nicht oder übermäßig übernimmt. Auch hier bleibt als Fazit nur – hervorragend. Anders als der Blanco, aber nicht schlechter.

Terralta Tequila Reposado

Für den Terralta Añejo (ebenso wie für die gereiften Varianten von G4 und Pasote, die ja alle aus derselben Destillerie stammen) werden Fässer aus amerikanischer Eiche eingesetzt, stammend von den Herren Beam und Daniel. Hier erkennt man bereits eine zarte Färbung, aber wir bewegen uns immer noch im strohig-pastelligen Bereich.

Die Mischung, die die Nase hier wahrnimmt, hat nun auch Komponenten von zwei Einflüssen – einerseits bleibt die bereits in den jüngeren Varianten dominante Agave auch hier definierend, doch Vanille und Zimt aus den ehemaligen Bourbonfässern ist nun beinahe gleichberechtigt. Das ist eine gute Sache, denn viele andere Añejos riechen schon kaum mehr nach Agave. Etwas Orangenschale, etwas Limette – eine schöne Zitrusseite taucht hier auf. Erfreulicherweise bleibt auch das Blumige des jüngeren Bruders erhalten.

Der Geschmack hat sich dann etwas deutlicher vom Reposado entfernt. Die Frische und Grünheit, die Vegetalität des Destillats ist nun viel zurückgenommener, im direkten Vergleich wirkt der Añejo stumpfer und weicher. Zimt, Vanille, etwas Karamell sind im Vordergrund, eine starke Pfeffrigkeit voller Feuer und adstringierende Trockenheit lassen den Tequila aber nicht zu süß und anbiedernd werden.

Der Abgang ist wieder sehr blumig, hier taucht der Charakter eines Tequila wieder auf, wie ich ihn mag. Sehr lang, heiß, viel Jasmin, Agave und ganz dezente Gewürznoten. Nun, das ist ein Añejo, der mir gefallen kann, dennoch wird diese Kategorie niemals ein echter Favorit für mich werden, denn alles, was ich an diesem Tequila mag, ist bereits in den jüngeren Alterskategorien vorhanden, und er gewinnt nicht viel durchs Reifen, wenn man nicht fragt; im Gegensatz zu vielen anderen Añejos verliert er aber auch nicht viel.

Terralta Tequila Añejo

Kommen wir zum ältesten, was Terralta zu bieten hat – der Terralta Extra Añejo. Vier Jahre, also ein Jahr mehr als die Altersstufe gesetzlich mindestens erfordert, hat dieser auf dem Buckel: hier ein Opa, bei anderen Spirituosen gerade aus dem vorgeschriebenen Mindestalter heraus. Die Fassauswahl ist dieselbe wie beim oben beschriebenen Añejo.

Farblich hat sich nun im Vergleich zum Añejo praktisch nichts mehr getan, der Ton ist der gleiche, es ist ein etwas kräftigerer Schimmer und dunkle Reflexe erkennbar, das ist es aber auch schon. Das Schwenkverhalten ist immer noch lebendig und flüssig, wie bei allen Ausgaben dieses Tequilas. Geruchlich wird es nun sehr mild und vanillig. Die rosige Blumigkeit ist die zweite Komponente, die beiden zusammen überlagern die Agavencharakteristik deutlich, ohne sie aber ganz platt zu kriegen. Mineralische Noten und ein bisschen Zuckerwatte kommen dazu.

Geschmacklich schließlich erreichen wir ein Stadium, wo Milde, Rundheit und Gemütlichkeit die Oberhand gewonnen haben. Die leichte Seifigkeit des Antrunks wird, wie gewohnt, durch Würze im Verlauf ersetzt, doch hier geschieht das gemächlich und erreicht nie die Kraft seiner jüngeren Brüder. Schwarzer Pfeffer, rohe Agave, Zimt. Gegen Ende wird der Extra Añejo eiskalt, ein interessanter Unterschied zum Añejo, und nur sehr leicht holzig, vor allem ohne schwer oder dunkel zu werden – man merkt, dass die eingesetzten Fässer bereits dreimal für den Añejo verwendet wurden, da ist wirklich nur vorsichtige Holzcharakteristik. Der Abgang ist lang, mit viel floralen Qualitäten, Wintergrünöl, Zimt und Lavendel. Kühlender Eukalyptus liegt lange im Mundraum, wenn der Rest schon verschwunden ist.

Die Idee, die Fässer erstmal ein paar Mal für einen anderen Reifungsgrad zu verwenden, bevor sie für den ältesten herangezogen werden, ist genial und sorgt dafür, dass wir hier einen Extra Añejo vor uns haben, der noch viel seiner Frische und Agavenherkunft erhalten hat. Für mich sicherlich einer der besten dieser Stufe, die ich getrunken habe, denn hier spürt man noch den Tequila heraus, und nicht ein generisches Holzlagerungsdestillat.

Terralta Tequila Extra Añejo

Da gibt es nichts zu deuteln, das sind alles absolut erstklassige Tequilas, ich habe rein gar nichts zu meckern. Ich bin begeistert darüber, wie sehr sich die Tequilawelt in Deutschland in den letzten 5 Jahren gewandelt hat, diese Art von Qualität hätte man damals höchstens in Träumen hierzulande erwerben können. Gleichzeitig hat sich aber auch in den Köpfen der Hersteller etwas gewandelt, man sieht, dass sie sich selbst nicht mehr mit Massenproduktion und seelen- und traditionslosen Destillaten zufriedengeben wollen, sondern etwas herstellen wollen, auf das man am Ende des Tages sehr stolz sein kann. Gerade die „modernen Traditionen“ bei Herstellern von Destillaten wie Terralta, G4, Fortaleza und ähnlichen tun sowohl uns als auch der Tequilakultur insgesamt sehr gut.

Für den obligatorischen Cocktail meiner Besprechungen habe ich mir den Terralta Reposado rausgepickt, obwohl alle vier eine ausgesprochen hohe Mixability aufweisen und jeden Drink aufwerten – ich bin mir sicher, wer bisher nur Tequilacocktails mit José-Cuervo-Mixtos kennt, und dann den Pre Siesta mit einem Terralta, wird gar nicht erkennen können, dass das eigentlich dieselbe Spirituosenkategorie sein sollte. Und, das kommt dazu, selbst die meisten anderen 100%-Agave-Tequilas werden ihm weder pur noch in Drinks das Wasser reichen können.

Pre Siesta Cocktail


Pre Siesta
2 oz Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
½ oz Aperol
3 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Little Rich Hunt]


Es ist dem Importeur fifteenlions sehr zu danken (und das sage ich nicht, weil ich kostenlose Samples bekommen habe), dass hier nicht nur ein paar Alibiflaschen importiert wurden, die in einem obskuren Onlineshop vor sich hin dümpeln. Bei dem Ruf, den Tequila trotz allem oben gesagten in Deutschland immer noch hat, muss zwar über ihn aufgeklärt werden – wozu ich hoffentlich etwas beitrage -, doch alle Aufklärung hilft nicht, wenn man die entsprechenden Produkte in Deutschland gar nicht bis nur schwer bekommt. Zur Aufklärung gehört auch ein engagierter Importeur, der weitreichend Werbung betreibt und den Tequila in ausreichenden Mengen zu einem vernünftigen Preis anbietet. Und fifteenlions leistet dahingehend sehr gute Arbeit, die auch mir das Agavenleben in Deutschland angenehmer macht.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die bedingungslose Zusendung der vier 10cl-Samples dieses Tequilas.