Nichtmal kurz erhitzt – Sawanotsuru Honjozo Namazake

Die Auseinandersetzung mit japanischem Sake, die ich vor kurzem begann, soll nicht stehen bleiben. Da Sake immer noch ein recht neues Thema für mich ist, schreite ich einfach mal fort und probiere Basisqualitäten der verschiedenen Stile aus – und Stile gibt es genug, mich damit für ein paar Monate beschäftigt zu halten. Wir haben schon Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo in der Standardausführung probiert, jetzt kommt eine Sondervariante eines Honjozo dran. Ich verweise auf meinen oben verlinkten Artikel, in dem der geneigte Leser nochmal die Erinnerung an die spezifischen Fachbegriffe für Sake auffrischen kann.

Der Sawanotsuru Honjozo Namazake ist ein Honjozo, der komplett unpasteurisiert abgefüllt wird. Diese Produktionsvariante, im Namen durch den Bestandteil „Namazake“ (manchmal auch einfach „Nama“) gekennzeichnet ist, soll entsprechend auch demonstrieren, wie Pasteurisierung bei Sake eingesetzt wird. Der Standardsake wird zweifach pasteurisiert, einmal direkt nach der Pressung („joso“, wenn die Flüssigkeit von der Reismasse getrennt wird), und einmal vor Abfüllung in Flaschen. Eine erste Variante dieses Vorgehens, bezeichnet als Namachozo, ist nur einmal pasteurisiert (vor Abfüllung), und unser vorliegender Namazake eben gar nicht. Schmeckt man einen Unterschied? Die Profis aus meiner vorliegenden Sake-Literatur sagen, dass diese Art von Sake frischer, frecher wirken soll. Prüfen wir das mal nach.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake

Klar und ohne Einschlüsse, eine minimale Tönung ist erkennbar, heller als Weißwein. In meinem Tasting-Glas bewegt sich dieser Sake langsam und schwer, und hinterlässt einen dicken, öligen Teppich am Glasrand, mit ineinander übergehenden Beinen.

In der Nase kommt initial ein leichter Hefegeruch vor, der aber schnell von einer überraschenden Fruchtigkeit überholt wird – ganz stark grüner Apfel, junge Birne, viel grüne Banane. Das riecht für mich schon wie Fruchtsaft, mit sehr zurückhaltenden Rieslingnoten.

Im Mund ist dies nachzuvollziehen – Apfel, Birne, Banane. Sehr süß im Antrunk, mit langsam einsetzender Säure, und einer vorsichtigen Trockenheit, die etwas zunimmt, ohne staubig zu werden. Der Sake wirkt voluminös und breit, fast schon fett, dabei aber frisch und leicht. 13,5% meint man gegen Ende zu erkennen, aber nicht störend.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake Glas

Der Abgang ist warm, mild, aromatisch kurz, mit einem Gefühl und Geschmack von Hefe und halbtrockenem Weißwein. Der Nachhall hat schließlich Töne von Champignons und feuchter Erde.

Die ausgeprägte Fruchtigkeit des Sawanotsuru Honjozo Namazake lässt mich daran denken, ihn in Cocktails einzusetzen, für die ein Ginjo zu zart wäre. Mit Aprikosenlikör und Zitronensaft im Sumo in a Sidecar habe ich einen Cocktail entdeckt, der nahezu perfekt funktioniert, in dem alle Zutaten harmonisch zusammenspielen für ein tolles Endergebnis. Ein wirklich schöner Sommerdrink.

Sumo in a Sidecar Cocktail


Sumo in a Sidecar
2½ oz Honjozo Sake
1 oz Aprikosenlikör
½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Buddakan]


Was gilt es zu beachten? Unpasteurisiert ist Sake deutlich kürzer haltbar und empfindlicher, und müsste eigentlich auch vom Zwischenhändler, von dem wir als Konsumenten die Flasche erwerben, gesondert behandelt werden. Leider scheitert das in vielen Fällen einfach am Unwissen der Händler, dass sie eine stärker verderbliche Ware anbieten als die anderen Flaschen, die sie im Sortiment haben – und so steht der Sake dann oft im ungekühlten Regal im vollen Sonnenlicht, das habe ich schon mehrfach gesehen. Letztlich ist das oft bei Spirituosen so, der Sake geht zwar nicht kaputt, aber er verändert sich deutlich. Ich bin noch nicht so weit in diesem Thema, um solche Unterschiede herauszuschmecken, und hoffe daher erstmal, dass die Flaschen, die ich für meine Tests heranziehe, halbwegs sorgsam behandelt wurden; schließlich habe ich sie in einem auf japanische Artikel spezialisierten Geschäft gekauft. Dennoch gilt weiterhin, dass man bei Sake auf Frische achten sollte, bei Namazake vielleicht noch mehr als bei pasteurisiertem Sake.

Flüssiger Bratapfel – Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans

Ende August war ich zum dritten Mal in Folge zu Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles als Spirituosenjuror eingeladen worden. Der Wettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, war dieses Jahr in China zu Gast. Um die 35 Samples, aus allen möglichen Kategorien, gilt es jeden Tag zu verkosten und nach verschiedenen Kriterien zu bewerten. Besonders gefallen hat mir dieses Jahr der Flight mit Calvados XO – 7 Samples, beinahe alle auf einem sehr hohen Niveau, standen in dieser Blindverkostung vor mir auf dem Tisch – da wird die durchaus anstrengende Arbeit des Verkosters zum Vergnügen.

Spirits Selection 2019 Calvados XO Flight

Die Alterskategorie XO, die es auch für Cognacs und Armagnacs gibt, bedeutet im Gegensatz zu jenen, wo sich die Zahl der Jahre auf 10 geändert hat, immer noch „mindestens 6 Jahre gereift“. Nicht alle Produkte verwenden allerdings diese Alterskategorien – der Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans, den ich hier besprechen will, verlässt sich statt dessen auf eine absolute Altersangabe in Jahren. Wie in der EU rechtlich festgelegt, sagt diese Angabe bei einem Blend aus, dass der jüngste Anteil dieses Alter aufweisen muss.

Darüber hinaus gilt für Calvados aus der Region Pays d’Auge eine striktere AOC-Regelung als für andere Calvados-Gebiete – er wird mindestens 6 Wochen fermentiert, dann doppelt destilliert, und muss schließlich mindestens 2 Jahre gereift werden. Für den Lecompte Calvados hier hat man sich dazu entschlossen, nach der Reifung dem Apfelbrand noch etwas Zeit in Ex-Portweinfässern zu spendieren. Wie schlägt er sich im nahezu direkten Vergleich zu den Samples, die ich in China vor mir hatte?

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans

Optisch ist er jedenfalls schonmal beeindruckend – dunkles Terracotta leuchtet im Glas, und der Calvados bewegt sich äußerst ölig, schwenkt sich schwer, hinterlässt dabei eine dicke Flüssigkeitsschicht am Glasrand, die nur träge abläuft.

Ich glaube, ich habe selten etwas im Verkostungsglas gehabt, was meine Nase so angesprochen und verzaubert hat. Dieser Calvados hat wunderbare Apfel- und Birnennoten, gleichzeitig aber auch dunkeltraubige Komponenten und einen Hauch Holzeinfluss. Viele Gewürze klingen mit, Zimt, Nelken, Kardamom.

Der Lecompte beginnt im Mund mit viel Apfel, wandelt sich im Verlauf zu etwas, was zwar noch Frucht enthält, aber mich an einen Armagnac erinnert – die lange Reifung lässt den Apfel etwas verschwimmen. Das Mundgefühl kann nicht so ganz mit der traumhaften Nase mithalten, es wirkt dagegen etwas schmal, doch diese Konzentration auf den Geruch haben viele Brandys an sich. 40% Alkoholgehalt sind erst am Ende erkennbar.

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans Glas

Ein langer, würziger, mildbitterer, leicht scharfer, dabei aber auch blumiger Abgang mit Zimt, Bratapfel und Rosenblättern komplettiert ein durchweg positives Gesamtbild, rund, voll und ohne den Apfelcharakter durch die durchaus lange Reifung aufgegeben zu haben. Das Portweinfinish gibt einen netten, gelungenen Twist zur Aromatik dazu – gerade für Calvadosfreunde ist dies absolut einen Versuch wert. Für das klassische Trou Normand während des Essens ist er vielleicht zu mild, dafür nehme ich gerne was frischeres, frecheres, aber zum Dessert als Digestif – ein Traum.

Natürlich ist ein Brand wie dieser auch eine perfekte Cocktailzutat, die für viel Charakter in einem Drink sorgt – für mich persönlich taugt Calvados als Kategorie grundsätzlich deutlich mehr als andere Apfelbrände für diesen Zweck. Die Kombination mit zwei Wermutarten und etwas Cognac als Abrundung ergibt einen ultratrinkbaren, sehr aromatischen und dabei nicht zu starken Drink, ideal für den nun aufkommenden Herbst, wie der Name schon sagt – Fallen Leaves.

Fallen Leaves Cocktail


Fallen Leaves
1½ oz Calvados
1½ oz süßer Wermut
½ oz trockener Wermut
¼ oz Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Charles Schumann]


Eine weitere schöne Erinnerung verbinde ich mit Calvados – die Teilnahme am Cocktails & Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. Dort wurde neben dem Genuss vieler Liter anderer Spirituosen auch ein Calvados- bzw. Apfelbrandtasting von Tim und Ilja durchgeführt – unterschiedliche Produkte, für die die beiden sogar ein kleines Booklet angefertigt haben. Es war eine Freude, zum langsamen, gemütlichen Genuss des Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans darin wieder mal zu blättern.

Cocktails & Dreams Forentreffen 2018 Calvados Booklet

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Calvados.