Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Kurz und bündig – Maisel & Tanker Freaky Wheat

Mir scheint, der Trend zu kleinen Verpackungsgrößen ist auch in der Bierwelt präsent. Je nach Region und Bierstil wird dabei der Drittelliter oder der halbe Liter als Konsumdosis gesehen – und jeder trinkt sein eigenes Fläschchen. Bier bekommt nun aber zumindest im kleinen Kreis der Bierfreunde, die sich nicht nur für Fernsehpilsner als Abendessenbegleiter interessieren, ein neues Image: Als Ersatz für Wein oder Sekt, für besondere Anlässe, oder wenn sich mehrere Leute ein Bier teilen wollen. Größere Flaschen müssen her, um diesem Eventcharakter  richtig gerecht werden zu können! Maisel & Friends hat schon mehrere Biere in Dreiviertelliterflaschen veröffentlicht; das Maisel & Tanker Freaky Wheat wird auch in dieser Portionsgröße bereit gestellt. Das Bier entstand in Zusammenarbeit mit der estnischen Brauerei Tanker – exotisch!

Maisel & Tanker Freaky Wheat

Ich sehe im ersten von mehreren Gläsern, die der Flasche entfließen, ein dunkles Haselnussbraun, deutliche Trübung, nur sehr leichte Perlage, und für ein Weizenbier recht wenig Schaum. Ich rieche eine leichte Speckigkeit, deftige Würze, eine Andeutung von Rauchigkeit, Papaya, Mango, etwas Wein-, oder eher Mostcharakter. Roter Apfel, dunkle Beeren.

Extrem cremig und voll im Antrunk, süßlich, fruchtig. Sehr breit. Milde, weinige Säure, die das Geschmacksbild dominiert – ist Hallertauer Blanc, die eingesetzte Hopfensorte, dafür verantwortlich? Mostig und fett. Da hat man echt was im Mund – ein tolles Mundgefühl, und schöne Komposition der Geschmackskomponenten, die sehr üppigen 10,4% Alkoholgehalt tun ihr weiteres dazu – das passt jedenfalls dahingehend zur Kategorie „Wheat Wine„, also dem Weizenanalog zu einem Barley Wine, in das Maisel dieses Bier einsortiert. Es erinnert nur noch entfernt an ein klassisches Weizenbier, emanzipiert sich geschmacklich völlig davon mit seiner dunklen, brummigen Würze. Der Abgang ist kräuterig, grasig und mittellang, trocken, etwas adstringierend, am Ende etwas überbittert. Mir fehlt etwas an Tiefe, doch das ist bei einem Weizenbier auch nicht unbedingt erwartbar.

Ein echt spannendes Bier – weniger vom Geschmack her, der aber auch zu überzeugen weiß, als vom Mundgefühl her. In dieser Beziehung ist das Freaky Wheat eine Bombe, und es freut mich, dass es in einer großen Dreiviertelliterflasche abgefüllt ist, so hatte ich den ganzen Silvesterabend was davon. Als Tip – das Bier ist eine ideale Beilage zu einem Käsefondue. Wie gesagt, auch gern für mehrere Leute.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Freaky Wheat.

Weight Watchers in der Bar – Zucker- und alkoholfreie Cocktails

Wir leben in einer Zeit, in der Adipositas, Diabetes, Zöliakie und Laktoseintoleranz zum Alltag gehören. Doch nicht nur die Betroffenen, auch gesunde Menschen wollen diesen Zivilisationskrankheiten aktiv entgegen wirken. Denn, das sieht man oft, in der Gesellschaft von heute, die hochverarbeitete, industrialisiert hergestellte und mit versteckten Zusatzstoffen versehene Lebensmittel in breiter Masse konsumiert, muss man sich gar nicht unbedingt besonders blöd verhalten, um in diese Fallen zu tappen und ruckzuck zum Betroffenen zu werden.

Cocktails und Longdrinks sind nun keine Lebensmittel, sondern Genussmittel, und fallen daher aus der Betrachtung vieler Diäten komplett heraus. Alkohol als hochkalorisches Nervengift, Zucker und Säfte, die in fast jedem Drink vorkommen, sind ebenfalls Streichkandidaten auf den Listen des Erlaubten. Was bleibt da übrig? Für mich als Genusstrinker ein unerträglicher Zustand ist, wenn Begleiter an einem Abend zerknirscht an einem Sprudelwasser schlürfen müssen, wenn sie eigentlich lieber auch einen aromatischen Cocktail hätten wie den, den ich vor ihrer Nase trinke. Dieser Artikel soll untersuchen, was als Alternative zu Geschmacksarmut zur Verfügung steht. Aufgeteilt habe ich das Ganze in drei Abschnitte, die den größten Feinden der Diät gewidmet sind. Wir schauen zunächst nach alkoholfreien Drinks, dann etwas ambitionierter nach guten zuckerfreien Cocktails, und versuchen uns am Ende auch in der Königsklasse, also einem sowohl zucker- als auch gleichzeitig alkoholfreien Rezepts.

Wir wollen uns dabei am Genuss orientieren, also nicht schlampig zusammengerührte Undefinierbarkeiten mischen, sondern etwas, das sowohl vom Optischen als auch aromatischen her ordentlichen, hochwertigen Cocktails ähnelt, so dass die Ergebnisse auch neben einem „echten“ Drink standhalten. Das Nachmischen eines klassischen Martini ohne Alkoholkomponente, hier Gin, ist eigentlich erstmal gedanklich ein aussichtloses Vorhaben, dennoch habe ich mich daran versucht – zur Zeit sind so einige Hersteller auf die Idee gekommen, aromatisiertes Wasser als Ginersatz anzubieten, und eines davon soll hier mal exemplarisch zum Einsatz kommen. Siegfried Wonderleaf ist also der Ersatz für den Gin, nun brauchen wir noch Wermut. Tatsächlich findet sich ein Wermut auf Basis von alkoholfreiem Wein: Blutul Bianco soll als süßer, alkoholfreier Begleiter her.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco

Man sieht, es wird ganz sicher kein Dry Martini, sondern geschmacklich eher ein an einen Perfect Martini angelehnter Drink; ich gehöre zu denen, die durchaus ein bisschen Wermut im Martini schmecken wollen, sonst kann ich ja auch gleich einfach Gin-on-the-Rocks bestellen. Es fehlt, wie bei allen alkoholfreien Drinks, etwas an dem Punch und der Tiefe, die kein Ersatzprodukt liefern kann – aber hat man sich damit abgefunden, ist das Ergebnis tatsächlich ein schöner, eleganter und leichter Aperitif mit Stil. Ich nenne ihn daher Easy Martini. Mit so einem Glas in der Hand muss sich kein Abstinenzler mehr schämen und verstecken, im Gegenteil. Spannend – durch die Kombination der Zutaten entsteht eine geradezu frappante Nelkennote, die in keinem der Einzelbestandteile so stark vorhanden ist. Sehr interessant!

Easy Martini


Easy Martini
3 oz Siegfried Wonderleaf
½ oz Blutul Bianco
Auf Eis rühren, in eine gekühlte Cocktailschale mit Zitronenzeste abseihen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Vorkühlung des Glases und der Zutaten ist bei alkoholfreien Drinks dieser Machart ganz besonders wichtig, denn die Kälte gibt etwas benötigte Kante dazu. Die Zutaten schlagen sich also gar nicht schlecht, und sind für den Diätetiker mit ihren Inhaltsstoffen und Nährwerten gewiss einen Blick wert; auch, wer unabhängig davon mal einen Blick über den Tellerrand riskieren will, kann sich diese Produkte mal zu Gemüte führen, ich kann mir gut vorstellen, dass sie auch eigenständig, also nicht als Ersatz für etwas anderes, für die Mixologen unter uns interessant sein können.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco Nährwerttabellen

Alkoholfrei ist ja nun durchaus verbreitet, praktisch jede Kneipe hat einige Drinks ohne Alkohol im Angebot, da muss man gar nicht weit schauen oder experimentieren, wenn auch die meisten geistlosen Drinks genau das sind – geistlos und unansehnlich. Das Aroma eines Cocktails muss irgendwo herkommen, und so muss ausgewichen werden – der allseits beliebte Ipanema beispielsweise ersetzt den Alkohol einfach durch noch mehr Zucker, als im Vorbild, der Caipirinha, eh schon drin ist. Filler wie Ginger Ale, Tonic Water, Säfte und Cola bieten durch ihren hohen Zuckergehalt den Ausgleich an Geschmack, den man durchs Weglassen des Schnapses herbeiführt. Doch man tauscht hier teuer ein: Für den an Kalorien Interessierten ist Zucker mindestens genauso schlimm wie Alkohol. Daher schauen wir mal, ob es nicht möglich ist, auf den süßen Geschmacksträger zu verzichten. Nicht nur auf aktiv beigefügten Zucker, sondern auch auf den Zucker, den Liköre, Säfte und andere Zutaten manchmal gar nicht zu knapp enthalten. Geht man ein Rezeptbuch diesbezüglich durch, wird man erstaunt sein, wie wenige Cocktails es ohne Liköre und Säfte in die Listen schaffen – man muss wirklich mühsam suchen, und in vielen Büchern wird man gar nicht fündig. Es ist viel schwieriger, einen zuckerfreien und dennoch aromatischen Drink zu mixen als einen alkoholfreien, das habe ich gelernt – wenn man nicht einfach den Zucker durch künstliche Süßstoffe ersetzen will, das ist natürlich einfach, aber nicht viel gesünder.

Einen habe ich gefunden, der eigentlich auf Erdbeerschnaps und dem dazu passenden Beatles-Song beruht. Leicht adaptiert für die bei mir in der Heimbar vorhandenen Zutaten wird daraus eine spannende Sache – je nach verwendetem Himbeerbrand wird der Raspberry Fields Forever zwischen sehr süßlich/aromatisch und trocken/herb. Ich verwende darin am liebsten einen serbischen Rakiya, der sich großartig macht und eher in die erste Kategorie fällt. Tatsächlich vermisst man so eine zugefügte Süße gar nicht – ein guter Brand bietet genug natürliche Süße. Wer ganz auf (Frucht-)Zucker verzichten will, muss natürlich der Versuchung widerstehen, die Dekoration zu essen.

Raspberry Fields Forever


Raspberry Fields Forever
2 oz Himbeergeist oder Himbeerrakiya
½ oz Cognac

Im Glas auf Eis bauen, aufgießen mit Sprudel.
[Rezept nach Helmut Barro]


Einen kurzen Einwurf ist hier vielleicht auch aktiv verheimlichter Zuckerzusatz, wie es bei vielen Rums geschieht, wert – will man ganz hart sein, muss man auch darauf achten. Man sieht allerdings, dass zuckerfrei automatisch bedeutet, dass der Drink entweder sehr stark wird, weil er eigentlich nur aus hochprozentigen Spirituosen besteht, oder zu einem Fizz wird, weil, wenn verdünnt wird, eigentlich nur Sprudelwasser als Filler zum Einsatz kommen kann. Es gibt auch kalorienreduzierte Filler, Tonic Water Light zum Beispiel, die, will man dann doch ein paar Kalorien zulassen, ganz passabel einsetzbar sind. Hervorheben möchte ich dabei zum Beispiel auch den pH Tonic Syrup, der richtig gut funktioniert, hochwertig ist und dabei sehr viel weniger Zucker mit sich bringt als die meisten industriellen Produkte. Sein Bruder, der pH Ginger Syrup, bietet ähnliches fürs reduzierte Genießen von Ginger Ale oder Ginger Beer, wenn man sich seinen Scotch mit etwas aufgießen will.

pH Tonic und Ginger Syrup

Zu guter Letzt kommt der Punkt, über den ich mir wirklich hart den Kopf zerbrochen habe. Besonders nach den oben erzählten Erfahrungen war ich mir sicher, dass es einfach nicht möglich ist – ein sowohl alkohol- als auch zuckerfreier (oder wenigstens -armer) Cocktail. Ich stelle mich der Herausforderung, auch wenn wir uns hier in schon äußerst seltsamen Sphären der Mixologie bewegen. Wir wollen hier natürlich dennoch stilsicher bleiben und nicht ins billig-amateurhafte abgleiten, darum orientieren wir uns auch hier an einem klassischen Rahmen. Ich habe neulich den Hitchcock-Film „Der unsichtbare Dritte“ geschaut, und da in diesem Film der Zug 20th Century Limited eine gewichtige Rolle spielt, kam mir die Inspiration, den ähnlich benamten Cocktail, der diesem Zug gewidmet ist, für diesen Artikel nachzubauen, nur eben mit stark reduziertem Zucker- und Alkoholanteil. Ich betone den extremen Experimentalcharakter des nachfolgenden Drinks! Den asketischen Bedürfnissen unseres Jahrhunderts zu Ehren nenne ich ihn dann entsprechend Twenty-First Century Cocktail.

Twenty-First Century Cocktail


Twenty-First Century Cocktail
2 oz Siegfried Wonderleaf
¾ oz Blutul Bianco
½ Teelöffel Hershey’s Sugar-free Chocolate Syrup
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken und mit Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Der aufmerksame Leser sieht, dass ich nicht komplett auf die Feinde verzichten konnte, denn den Fruchtzucker der Zitrone und den Zucker im Blutul muss man in Kauf nehmen. Immerhin habe ich neben den bereits zum Einsatz gekommenen Zutaten noch einen zuckerfreien Schokoladensirup entdeckt, der, sehr vorsichtig dosiert, die Crème de Cacao des Originals ersetzen soll. Das geht ganz nett, und das Ergebnis überrascht selbst mich – nachdem ich an den Verhältnissen gespielt habe, der erste Versuch war zugegebenermaßen desaströs; zuviel des Schokosirups, und selbst nur ein wenig zuviel, führt zu einem Drink, der ausschließlich nach verdünnter, gesüßter, gewürzter Trinkschokolade schmeckt, und außerdem optisch äußerst unansehnlich wird.

Hershey's Sugar-free Chocolate Syrup

Wir sehen, mit Willen, Können und Ausdauer lässt sich selbst für den Abstinenzler und den Weight Watcher etwas ins Glas zaubern, was eventuell auftretende Cocktailgelüste einigermaßen befriedigen kann, und einem weder die Askese, eine zusätzliche Insulinzugabe oder Bauchschmerzen wegen Übelkeit noch den Verzicht auf Stil und Klasse aufdrängt. Und die Bikinifigur 2022 rückt darüberhinaus in greifbare Nähe!

Eine wichtige Anmerkung allerdings zum Schluss. Ich habe hier immer versucht, bestehende Rezepte nachzubauen, mit alternativen Zutaten. Letztlich ist es aber nicht das, was das Ziel sein sollte. Ähnlich wie Vegetarier leckere Gerichte kochen, die nicht Wurstimitate sind, muss vielleicht auch die Barwelt sich Gedanken machen, echte Alternativen, und nicht Imitate anzubieten: Also, Mixologen der Welt, seht in die Zukunft und erkennt, dass dies ein spannendes Feld für Euch und Eure Kreativität ist!

Kurz und bündig – Serra das Almas Silver Cachaça

Bei Whisky sind sie breit erhältlich, bei anderen Spirituosen muss man Glück haben, wenn man sie findet – Miniaturen. Natürlich lohnt sich die Produktion dieser kleinen Fläschchen mit meist 5cl Inhalt für die wenigsten Hersteller, doch ich mag sie; sie erlauben das Probieren, ohne sich direkt an eine große, teure Flasche zu binden. Und dass sich das lohnt, zeigt leider die Serra das Almas Silver Cachaça. Bio-Zertifikat in Brasilien und der EU, ein Produzent Fazenda Vaccaro, der sich auch um Nachhaltigkeit und seine Mitarbeiter kümmert, das alles ist lobenswert, ebenso, wie das Produkt auch in Miniatur anzubieten. Geschmackliche Attraktivität ist dann die andere Seite.

Serra das Almas Silver Cachaça

Die Serra das Almas Silver Cachaça ist nur kurz gelagert im Edelstahltank, nicht gereift, daher die reine Klarheit der Flüssigkeit. Im Glas bewegt sich diese Cachaça fast wie Wasser, nur eine leichte Öligkeit ist erkennbar. Der Geruch ist erstmal gewöhnungsbedürftig: Essig, grüner Apfel, Lösungsmittel, Plastikkleber – für die milden 39% Alkoholgehalt ist das schon etwas beißend. Gibt man ihr etwas Luft, entwickeln sich grasige und fruchtige Zuckerrohrsaftaromen. Ananas, Weinbrand, etwas Lakritz.

Die starke Säure, die man gerochen hat, ist im Antrunk völlig verschwunden. Supersüß, weich, cremig – sehr breit und voluminös, aber dafür etwas flach. Im Verlauf entsteht daraus allerdings eine stark adstringierende Trockenheit, mit Aromen von Zuckerrohr, milder Frucht, leichter Salzigkeit und etwas Karton und Eisen am Ende.

Der Abgang ist mittellang, heiß und süß und gleichzeitig supertrocken, allerdings taucht hier wieder Essig und Wein auf – für mich wirkt das irgendwie fehlerhaft. Insgesamt muss ich sagen, dass diese aromatische Achterbahnfahrt, die man mit dieser Cachaça erlebt, nicht so mein Ding ist. Es wirkt dadurch unsauber und mäßig ausgeführt, es findet sich keine Linie. Der Importeur wirbt mit der Verwendbarkeit in Caipirinha und Purgenuss. Für beides würde ich persönlich andere Cachaças verwenden.