Archiv für den Monat Mai 2018

Willet Pot Still Reserve Titel

Hass im Internet – Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Manche Spirituosen liebt man über alles, manche kann man nicht ausstehen. Das ganze hält sich meist die Waage, für alles findet man Liebhaber und Hater gleichermaßen, das bringt die Subjektivität des persönlichen Geschmacks einfach mit sich. Hin und wieder findet sich aber ein Produkt, das ungewöhnlich viele Freunde hat, und auch eins, das im Allgemeinen gern niedergemacht wird. „Pferdepisse“ ist dabei oft noch ein freundlicher Vergleich, den man findet, wenn man gewisse Communities nach Meinungen über den Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey durchsucht.

Nun will ich hier eine Lanze für diesen Bourbon brechen. Er verdient es in keinster Weise, so runtergeputzt zu werden, ganz im Gegenteil – ich nehme hier mein Fazit vorweg und konstatiere, dass dies für mich ein ganz hervorragender Whiskey ist, einer meiner Favoriten sogar. Mir ist unerklärlich, warum er so viel missgünstige Kommentare auf sich zieht. Dabei ist dieser Bourbon unabhängig vom Geschmack schon sehr spannend – er ist einer der Exoten der amerikanischen Whiskeys, denn er wird nicht wie fast alle Bourbons durch eine Column Still produziert, sondern in einer Pot Still (eventuell, so ist zu lesen, stammt aber ein Teil dieses Bourbons dennoch aus einer Säulendestillation). Und, so bilde ich mir das zumindest ein: das schmeckt man.

Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Bourbontypisch ist zunächst allerdings die Farbe – um die 8 bis 10 Jahre in einem frischen Eichenfass machen sich natürlich bemerkbar (Färbung ist bei Straight Bourbons verboten). Sowohl in der Flasche als auch im Glas gefällt dieses dunkle Kupfer dem Auge.

Auch die Nase wird erfreut – hat man sich über den initialen Lösungsmittelduft hinweggearbeitet, den man von vielen amerikanischen Whiskeys kennt, kommt ein kräftig-würzig-aromatischer Geruch zum Vorschein. Waldhonig, Vanille, Karamell, Milchschokolade; Freunde des Süßen kommen voll auf ihre Kosten.

Und im Geschmack bestätigt sich dieser Eindruck schnell. Sehr viel Eichenwürze, dunkler Kandiszucker, Vanille; darüber noch reife Banane, Bitterschokolade, ein Anflug von Süßholz; im Verlauf eine leicht medizinische Komponente, wie manche Scotches sie aufweist. Vom Mundgefühl her voluminös und dicht. Im Verlauf kommt eine rotpfeffrige, sehr attraktive Schärfe dazu.

Der Abgang ist warm und wohlig, kribbelnd, aber ohne Brennen, 47% Alkohol sind grandios eingebunden. Adstringierend, dennoch lang und süß. Ein Traum gleichzeitig an Komplexität und Wohlwollen, etwas, was man in dieser kombinierten Form kaum anderswo findet. Ein absolut spektakulärer Whiskey, von dem man (nun, zumindest ich) gar nicht genug bekommen kann.

Ich habe den Großteil des Flascheninhalts pur getrunken, etwas, was mir bei nur wenigen Spirituosen passiert. Sehr oft landet mehr als die Hälfte einer Flasche in Cocktails. Nun, für den Willet Pot Still Reserve gehe ich für die Cocktailempfehlung einen halben Weg – wer den Old Fashioned noch nicht kennt, hat eh dringend Nachholbedarf; es ist der ideale Einsteigercocktail für die, die sonst die Monstranz des Purtrinkers hochhalten und Mischgetränke bisher mit abfälligem Grinsen betrachtet haben. Sie werden konvertiert werden, da bin ich mir sehr sicher.

Old Fashioned


Old Fashioned
1 Würfel Zucker tränken mit…
3 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Aufgießen mit 2 oz Bourbon
Leicht umrühren, und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich hatte erwähnt, dass es mir nicht erklärlich ist, warum er so viel Missgunst auf sich zieht. Nun, einen Grund könnte ich mir vorstellen – die Flasche ist schon sehr extrovertiert gestaltet, einer klassischen Brennblase nachempfunden, mit viel Kinkerlitzchen. Derartiges stößt dem einen oder anderen vielleicht sauer auf, und er lässt sich von diesem Gefühl dazu verleiten, den Inhalt als prätentiös und rein auf Effekt ausgerichtet vorzuverurteilen. Wie wir alle wissen, der Kopf trinkt mit, und entsprechend vermiest einem ein vorgebildetes Urteil schon hin und wieder den Geschmack.

Willet Pot Still Reserve Detail

Eventuell ist es aber einfach das Volumen an Aromen und zusätzlichen Estern, das durch die Pot Still ins Destillat gelangt, das den auf klassischen Bourbon ausgerichteten Gaumen abschreckt. Nun, sollte es das sein, sollten sich die Hater an die Nase fassen und überlegen, ob sie nicht selbst das Problem sind. Für mich persönlich ist der Willet Pot Still Reserve jedenfalls die Messlatte, an dem sich alle Bourbons, die in meinen persönlichen Whiskeyolymp aufsteigen wollen, messen lassen müssen.

Maisel & Friends Hopfenreiter 2018 Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hopfenreiter 2018 Double IPA

Da ist er, der dritte Freundschafts-Sud, organisiert von der Brauerei Maisel & Friends – das Hopfenreiter 2018 Double IPA. „Miteinander statt gegeneinander!“ ist das Motto, unter dem sich einige Brauer zusammentun, seltene Zutaten teilen und dadurch ein Bier kreieren, das nur einmal so produziert wird. Superfreunde, Mikkeller, Duvel, Bevog und Frau Gruber, durchaus gewichtige Namen im Craftbierbusiness also, haben dafür ihre Hopfenlager geplündert.

Maisel & Friends Hopfenreiter 2018

Man sieht auf dem Bild den dicken, cremigen und dabei noch sehr feinen Schaum; starke Perlage befeuert ihn. Die kräftige, goldene Farbe entsteht auf dem Hintergrund einer leichten Opalisierung. Spannend, dieser Geruch – Grapefruit, Erdbeermarmelade, etwas Soja, Hefe, Brot. Durchaus ungewöhnlich, aber in dieser Beziehung nicht überhand nehmend, sondern nah an der Erwartung eines DIPA bleibend.

Extrem cremig im Mundgefühl, der Antrunk ist süß und mild, und mildfruchtig – Nektarine, Kirsche.Etwas Wintergrün und Fruchtkaugummi. Eine kräuterige Note ist da, vielleicht Thymian und Basilikum.  Die DIPA-Bittere kommt langsam aber gewaltig im Verlauf. Insgesamt frisch und rezent, mindestens zum Teil durch hohe Karbonisierung, sowie gute Säure. Dabei behält das Bier sich aber einen starken, dichten, vollen Körper mit echtem Wumms bei 8,5% Alkoholgehalt. Der Abgang ist sehr trocken, bitter, erneut Wintergrün. Sehr adstringent, fast schon anästhetisch, der Hopfenreiter bleibt sehr lange am Gaumen und belegt dabei die Zunge. Calypso, Citra, Styrian Golding, Styrian Fox, Enigma und Mandarina Bavaria, da ist Hopfen ohne Ende drin.

Das Etikett ist, soweit ich das übersehen kann, dasselbe wie das des damals schon von mir sehr gut aufgenommenen Hopfenreiters 2017. Es scheint sich eine gute Reihe herauszubilden! DIPA ist, zugegebenermaßen, nicht so ganz mein Stil, doch hin und wieder trinke ich so extreme Bier auch gern. Diese Ausprägung ist jedenfalls wuchtig und sehr charakterstark, ein wahres Experimentalbier, das ungewöhnlich hergestellt wird. Es macht einfach einen riesen Spaß, so etwas zu verfolgen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Hopfenreiters 2018.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

Maisel & Friends Juicy IPA Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Juicy IPA

Viele unerfahrene Biertrinker denken, dass wenn wir Freunde des modernen Gerstensafts über Fruchtaromen im Bier reden, diese künstlich zugesetzt werden, oder dass es sich um Mischgetränke à la Mixery handelt. Entsprechend ablehnend stehen sie einem Ale gegenüber. Dass Hopfen viel kann, wenn er gut eingesetzt wird, auf jeden Fall mehr als nur Bittere ins Pils zu bringen, muss man oft erst mühsam erläutern.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Maisel & Friends Juicy IPA bei konservativen Genießern genau so problematisch ankommen könnte – wenn es schon als „Trobeerical Bomb“ angepriesen wird, entstehen beim Unwissenden vielleicht falsche Assoziationen. Schauen wir mal, ob man das Bier in einer Eckkneipe auf den Stammtisch stellen könnte.

Maisel & Friends Juicy IPA

Zur äußeren Erscheinung: Opalisierend, leicht blasses Gelbgold. Knisternder Schaum beim Eingießen, mittel- bis großblasig. Sehr starke Perlage. Juicy – ja, das unterschreibe ich direkt, wenn ich den Riechkolben ans Glas halte. Extrem fruchtig in der Nase, Himbeeren, Stachelbeeren, Aprikosen, Apfel; toll. Kombiniert mit der leichten Malzwürze im Untergrund ist das ein spektakuläres Bouquet.

Das aletypische cremig-weiche Mundgefühl ist immer wieder eine Freude, im Antrunk ist das Juicy IPA auch sehr fruchtig. 50 IBU schlagen dann schnell zu, die Bittere übernimmt. Geschmacklich sieht es eher mau aus – da ist nicht viel von der extrem tollen Nase übrig geblieben, etwas Zitrone vielleicht. Eine seltsame, leichte Adstringenz betäubt die Zunge. Trotz der 7,2% Alkoholgehalt wirkt das Bier seltsam schwachbrüstig und körperarm. Eine etwas schwierige Mischung aus Säure und kantiger Bittere entsteht schließlich im Abgang, die einem den Speichel in den Mund zieht. Unabhängig davon macht es dann hier seinem Namen Ehre – mittellang, edelhopfig und fruchtig im Nachhall.

Normalerweise bin ich ein echter Fan der Maisel & Friends-Biere – das Juicy IPA trifft als allererstes Bier dieser Marke meinen Geschmack nicht so richtig, es wirkt für mich persönlich irgendwie holprig, die Diskrepanz zwischen Fruchtnase und Geschmacksschwächen ist zu groß.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Juicy IPA.

Fio do Bigode Cachaça Titel

Sie ist kein Rum – Fio do Bigode Cachaça

Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung von Spirituosen ändert, sobald sie etwas verbreiterter werden. Gewiss ist Cachaça eine der meistproduzierten Spirituosen überhaupt, doch kennen tut sie außerhalb Brasiliens kaum jemand. Eine spannende Diskussion, was Cachaça nun eigentlich ist, nahm vor kurzem eine interessante Wendung. Musste ich früher harte Kämpfe ausfechten, um zu verdeutlichen, dass Cachaça kein Rum ist (manche wollten in ihrem Drang nach Kategorisierung diese Einordnung durchfechten), so ist inzwischen die völlig eigenständige Tradition von Cachaça einigermaßen akzeptiert – vom völlig unterschiedlichen Geschmacksprofil mal ganz abgesehen, was eigentlich die Basis für jede Kategorisierung sein sollte. Man merkte in solchen Diskussionen schnell, wer ganz offensichtlich noch kaum Cachaça probiert hatte, und trotzdem mitreden wollte.

In letzter Zeit hatte ich eigentlich hauptsächlich gereifte Cachaças im Visier. Hin und wieder muss man auch die „weißen“, eigentlich besser „ungereift“ bezeichneten Verwandten der braunen Spirituosen wieder fokussieren, um die ungeschnittene, rohe Basis nicht aus dem Blickfeld zu verlieren – hier findet man die ungefilterte Wahrheit über einen Brand, nicht abgemildert durch Holzeffekte und -aromen. Inzwischen kann man neben den Supermarktmassenprodukten auch hochwertigere Cachaças in Deutschland leicht erwerben – nehmen wir uns mal zum Beispiel die Fio do Bigode Cachaça vor.

Fio do Bigode Cachaça Flasche

Farbe ist keine vorhanden, kein Wunder bei einer ungereiften Cachaça. Keinerlei Einschlüsse sind zu sehen. Die Konsistenz ist nur leicht ölig, dennoch bilden sich dicke Tropfen und langsam ablaufende Beine am Glas. Der Geruch dagegen ist schon beim Eingießen präsent. Sehr intensiv und prägnant, typisch für Cachaça. Zuckerrohr, Malz, überreife Ananas, etwas frischgemähtes Gras, Kirschen, grüne Banane, Aquariumskies, feuchter Karton. Ich mag diesen Geruch einfach, er ist dicht und fett, charaktervoll und komplex.

Im Mund fällt das Niveau leider etwas ab. Der Antrunk ist sehr süß, schokoladig, mildkräuterig. Sehr weich und cremig im initialen Mundgefühl, für 40% Alkoholgehalt sehr zart – das ändert sich aber im Verlauf, denn ungereifte Cachaça hat noch eine gewisse Wildheit und Rohheit, nicht eingebremst durch mildernde Holzeffekte und -aromen. Da ist viel ungewohntes für den Trinker brauner Spirituosen, doch Cachaça gehört glücklicherweise zu der kleinen Gruppe von Schnäpsen, die auch in ihrer weißen Form sehr spannend zu trinken sind (ich zähle auch rhum agricole und ganz besonders Tequila dazu). Diese Aquariumkieskomponente, die ich hin und wieder bei Bränden finde, ist nicht ganz so meins, bei Fio do Bigode ist sie während des ganzen Trinkerlebnisses dominant. Ananas, grüne Banane, Zitrusfrucht komplettieren das Fruchtbouquet.

Der Abgang ist chili-scharf, heiß, trocken, die mineralische Komponente bleibt am Gaumen. Von der Länge her würde ich mittellang sagen, die Aromatik klingt nur langsam ab.

Für den Purgenuss habe ich rundere Cachaças im Sinne (der Hersteller, von dem darüberhinaus die vielleicht bekannteren Germana-Cachaças  stammen, selbst übrigens scheinbar auch, der diesen Rumbrand als Mixer vermarktet), für einen Cocktail ist Fio do Bigode genau das richtige, um knackige, dichte Zuckerrohrsaftbrand-Aromen zu transportieren, ohne gleichzeitig die Fusel und alkoholischen Spitzen, die viele Massencachaças haben. Der Brazilian Hurricane ist, mit Fio do Bigode zubereitet, ein sehr attraktiver Drink – eine tolle Mischung aus kräftiger Säure, milder Süße und kantiger Bittere.

Brazilian Hurricane


Brazilian Hurricane
2½ oz ungereifte Cachaça (z.B. Fio do Bigode Cachaça)
1 oz Maracuja-Sirup
1 oz Limettensaft
¼ oz Grenadine
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice servieren.

[Rezept nach Rhein Haus, Seattle]


Witzig, wenn auch höchstunpraktisch finde ich den Kronkorken, mit dem die Standardflasche verschlossen ist. Zum Glück findet sich ja in einer Heimbar immer ein Korken einer aufgebrauchten Flasche, der als Ersatz herhalten kann. Ich bin mir im Unklaren darüber, was der Hersteller mit einem derart seltsamen Verschlussmechanismus für eine Spirituose, die ja selten genug so schnell wie ein Bier aufgebraucht wird, bezwecken wollte – vielleicht trinkt man in Brasilien so ein Fläschchen Cachaça aber auch schneller als wir hier in Deutschland.

Fio do Bigode Cachaça Kronkorken

Noch ein paar Worte zu den Details, die auf diversen Etiketten der Flasche zu finden sind – eine handeingetragene Chargennummer ist vertrauensbildend, dass wir hier kein Massenprodukt vor uns haben; ein Qualitätssiegel am Flaschenhals ebenso. Das Zuckerrohr wird entsprechend biologisch aufgezogen und handgeerntet. Die Fermentation erfolgt über wilde Hefen, und die Destillation in einer Kupferbrennblase in einem Schritt auf 55% Alkohol, bevor zur Abfüllung noch Wasser zugegeben wird. Das bunte Etikett wirkt, man möge mir den schrägen Vergleich entschuldigen, wie von Osamu Tezuka gezeichnet – hat zwar Charme und ist sehr auffällig, trifft aber nicht so ganz meinen Geschmack.

Offenlegung: Ich danke Barrel Brothers für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieser Cachaça.