Archiv für den Monat März 2018

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Titel

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

1800 Tequila Añejo Titel

Schlupfloch im Eisenpanzer – 1800 Añejo Tequila

Tequila ist eine streng reglementierte Spirituose, etwas, das gern als Beispiel für Kontrolle der Qualität eines Produkts herangezogen wird. Nun muss man aber etwas genauer hinschauen, was dieses Reglement eigentlich aber verbietet und was es erlaubt – und da bricht die Fassade der Qualitätskontrolle recht schnell in sich zusammen. Für einen Tequila sind Zusatzstoffe explizit erlaubt, bis zu 1% des Endprodukts können aus Zuckerkulör, Eichenholzextrakt, Glycerin und zuckerbasierten Sirups (die darüber hinaus nicht einmal wenigstens aus Agavenzucker hergestellt sein müssen!) bestehen. Gerade letztere sind doppelt problematisch, denn sie können selbst wiederum künstliche und natürliche Aromen (Kakao, Vanille, Frucht, Kräuter) enthalten, die dann Komplexität und Aromenvielfalt des Destillats vorgaukeln.

Nichts davon muss laut Tequila-Regelung auf dem Etikett angegeben werden. Das, was gerade bei Rum im Gange ist, dass bei interessierten Konsumenten die Reinheit wieder etwas in den Vordergrund rückt und Zusatzstoffe geächtet, wenigstens aber deutlich kommuniziert werden müssen, ist bei Tequila noch in den Kinderschuhen. So muss man, wie bei Rum früher, kaufen und probieren. Als ich den 1800 Añejo kaufte, war mir persönlich diese ganze Sachlage unbekannt – letztlich ist er aber vom Geschmacksbild für mich ein Paradebeispiel dafür, was ich oben beschrieben habe. Doch ich greife vor, gießen wir uns erstmal ein Glas ein.

1800 Tequila Añejo Flasche

Braune Spirituosen, die in so zeigefreudigen Flaschen verkauft werden, wie das bei diesem Tequila der Fall ist, sind im allgemeinen gefärbt, und sei es nur, um die einzelnen Flaschen aneinander anzugleichen – der Standardkäufer ist leider immer noch nicht aufgeklärt genug, um zu verstehen, dass eine handwerklich hergestellte Spirituose nicht immer gleich aussehen muss. Nun, die Färbung beeinflusst den Geschmack normalerweise nicht, daher lebe ich damit. Mich wundert allerdings schon etwas, dass eine dreijährige Reifung in französischer und amerikanischer Eiche einen derart dunklen, kräftigen Mahagoniton erzeugen soll.

Eine recht dominante Kokosnote beherrscht den Geruch. Dazu riecht man milde, schwere Schokoladensüße, mit deutlichen Anklängen an Vanille. Hubba Bubba-Kaugummi, Zimt. Bei tieferem Riechen kommt Ethanol zum Vorschein. Kalter Rauch ist vielleicht eine mehr persönliche Assoziation, die ich wahrnehme.

Der Geschmack ist überraschend – Wintergrün ist ganz stark präsent, Hubba-Bubba-Kaugummi auch. Süß und schwer, aber ohne echte Tiefe. Leichtes Chili-Feuer kann man fühlen, dennoch wirkt der 1800 Añejo sehr weich im Mund. 38% sind eher mäßig eingebunden, insbesondere für ein gereiftes Produkt.

Der Abgang ist sehr kurz, der Zuckerwattegeschmack bleibt etwas am Gaumen, aber nur in Anflügen. Trocken, mild adstringierend. Alle Eigenschaften deuten darauf hin: Ich gehe davon aus, dass ein Diffusor zur Produktion eingesetzt wurde, und dass der dadurch fehlende Charakter durch Zusatzstoffe wie oben beschrieben hinzugeschummelt wurde.

Na, wenn man dann schon dabei ist, dann machen wir selbst noch ein paar Zutaten dazu, für einen Cocktail. La Bella Dona zeigt die Flexibilität von Tequila – er lässt sich mit allem kombinieren, was die Bar hergibt, und seinen einstigen Ruf als „schwierige Barspirituose“ (so las ich neulich erst in einem Buch über Tequila) sollte jeder Bar- und Schnapsfreund schnellstens aus dem Kopf tilgen.

La Bella Dona


La Bella Dona
1½ oz Tequila Añejo (z.B. 1800 Añejo)
½ oz trockener Wermut (z.B. Belsazar Dry)
¼ oz Absinthe (z.B. La Pontissalienne)
¼ oz Amaro (z.B. Averna)
2 Spritzer Lemon Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Payman Bahmani]


Das große Holzrad auf dem Plastikschraubverschluss ist auffällig und dekorativ; es verdeckt leider einen der von mir so gehassten AusgießNachfüllstopps, die es so ätzend schwer machen, halbwegs genau zu dosieren. Das augenfällige dreieckige Pyramidendesign der Flasche ist, auch wenn die Marke schon mehrere Redesigns hinter sich hat, schon älter – was das uralte, verstaubte Exemplar, das ich in der Tequilabar meines Vertrauens entdeckt hatte, beweist.

Cuervo 1800 Tequila Añejo Alte Flasche

Man macht als Spirituosenfreund immer viele Phasen durch. Man kauft sich Produkte, die einem schmecken, nur um später festzustellen, dass man es lieber nicht getan hätte, weil die Herstellungsprozesse sehr fragwürdig sind. Ich trinke den 1800 Añejo noch weg, aber Nachkauf wird es von diesem Hersteller keinen mehr geben, und trotz genehmen Geschmacks möchte ich meinen Lesern auch keine echte Kaufempfehlung geben – es gibt genug ehrlichere, bessere Alternativen bei Tequila.

Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA Titel

Kurz und bündig – Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA

West Coast IPA – ein Stil, der das eh schon bittere IPA auf die Spitze treibt. Erfunden ursprünglich in den USA, ist er nun auch in Deutschland angekommen. Diverse Brauer bieten ihn an, in mehr oder weniger ausgeprägter Weise; inzwischen findet man selbst in Supermärkten als häufigen Vertreter das Hamburger Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA, mit seiner flippigen Gestaltung zumindest schonmal ein Augenfang.

Farblich ein gefallendes Pariser Rot, mit schönen orangenen Reflexen, anständige Perlage, feiner hellcremefarbener Schaum. Naturtrüb. Geruchlich leicht fruchtig nach Apfel und Bitterorange, aber eher im Hintergrund, denn vieles wird überlagert von einer kräftigen Sojasaucen-Würze und leichter Malzigkeit. Ein minimalster Fehlton ist erschnupperbar.

Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA

Die 60 IBU schlagen im Mund dann aber gnadenlos zu. Die Definition des WCIPA passt für mich – nur leichte Fruchtaromen, Grapefruit und Orange, dafür kantige, eckige Bittere; tatsächlich für mich schon recht grenzwertig, da sie durch kaum etwas eingebremst oder ausgeglichen wird. Reminiszenzen an ein hochgehopftes norddeutsches Pils, bei 6,3% Alkoholgehalt aber ein stärkeres. Ein weiches Mundgefühl erinnert wenigstens noch daran, dass wir hier ein Ale vor uns haben. Keinerlei Tiefe oder Breite, dafür sehr rezent und erfrischend. Als Hopfensorten sind auf dem Etikett Herkules, Magnum, W. Goldings, Simcoe und Amarillo angegeben; Wiener, Biscuit und Karamellmalz dienen als Malze.

Im Abgang schlägt die Bitterkeit sogar noch eins drauf und zieht einem die Geschmacksorgane zusammen. Insgesamt eher kurz, die Bittereffekte bleiben mit etwas Grapefruiterinnerung aber noch eine Weile im Mund.

Das Ratsherrn Westküsten IPA wirkt für mich recht konsequent in der Ausführung des WCIPA-Stils, dafür mag es manchem schon zu extrem wirken und ihn verschrecken. Ideal finde ich es als Essensbegleiter – für die hausgemachten Gorgonzala Cheese Maccaroni war das Coast Guard jedenfalls ein ebenbürtiger Gegenspieler, was man nicht von jedem Bier hätte sagen können.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Titel

After-Work-Tasting: Bier & Tapas in der Saarbrücker Beer Society

Man merkt es schon von außen – es ist ein kleiner, schnuckeliger Laden, den sich die Inhaber der Saarbrücker Beer Society da in kurzer Zeit aufgebaut haben. Direkt an einer belebten Stelle der zentralen Mainzer Straße in Saarbrücken gelegen ist der eine oder andere Saarländer bestimmt schon daran vorbeigelaufen. Man sieht, wenn man ihn einfach mal betritt, dass nicht die Gefahr besteht, sich zu verlaufen oder dass die Atmosphäre zu kühl wird – man sitzt bei den Tastings inmitten von Bieren, gemütlich in kleiner Runde. 7 Teilnehmer, plus die zwei ausgebildeten Biersommeliere Katharina und Martin Rolshausen, die durch den Abend führten, das war eine ideale Gruppengröße für das After-Work-Tasting, das diesmal unter dem Motto Bier &Tapas stattfand.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Saarbrücker Beer Society

Aller Anfang ist leicht – mit einem milden Bier beginnt der Abend. Ich hatte bereits vor einiger Zeit das Kona Brewing Big Wave Golden Ale rezensiert, und während mir das Bier etwas zu flach ist, stellte sich heraus, dass für manche der Teilnehmer hier bereits das Lieblingsbier des Abends vorgestellt wurde. Aromatisch nur ein kleiner Schritt ist es von Hawaii nach Schwaben, von wo das Frau Gruber Modern Times Postmodernes Kellerbier stammt. Unterhaltsam, wie sich hier eine Diskussion um die Dose als Behältnis für Bier entwickelte, und die unterschiedlichen Aufbewahrungsarten von Bier und die Effekte von Licht auf den Geschmack. Die laut Veranstaltern zweitbeste Lagerart für Bier, eine braune Flasche, beinhaltete das dritte Bier des Abends. Das Barcelona Beer Pale Ale stammt aus der entsprechenden Stadt, und für mich, der mit spanischen Bieren bisher nur wenig gute Erfahrungen gemacht hatte, um so überraschender, denn es war mein persönliches Highlight des Tages – ein wirklich schönes Bier mit hoher Drinkability und ansprechender Komplexität.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas 1 - Kona Big WaveAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 2 - Frau Gruber Modern TimesAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 3 - Barcelona

Natürlich darf man über all das Bier die zweite wichtige Komponente des Abends nicht vergessen – die üppig gereichten Tapas ergänzten die Bieraromen wunderbar. Salami, Schinken, Oliven, Käse, Fleischbällchen in pikanter Soße, gefüllte Weinblätter und Peperoni, und eine Spinatquiche sorgten für eine gute Unterlage über den ganzen Verlauf der Verkostung. Mir liegt derartiges Fingerfood – besonders die mit Bacon umwickelten Aprikosen mundeten mir ganz hervorragend.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Tapas

Die zweite Halbzeit beginnt mit einem italienischen Bier – das Baladin Nora wird von einem Brauer aus einer Winzerfamilie hergestellt, und während sich dem Reinheitsgebotsfanatiker die Haare ob der Zutatenliste sträuben mögen (Dattelsirup, Myrrhe, Orangenschale, Ingwer, Gentiana), so entzückt ist der Freund ungewöhnlicher, süßlicher Biere mit leichtem Kräutertouch. Mir gefällt es, und wer es noch außergewöhnlicher will, sollte sich vielleicht das französische Salbeibier aus der grenznahen Region anschauen – das Saint-Nabor 1916 Ambrée à la sauge ist sehr faszinierend, polarisierte die Verkostergruppe aber doch sehr stark. Für mich immer ein gutes Zeichen. Selbst das dritte Bier dieses wirklich spannenden Flights hat Potenzial, den Pilstrinker zu verwirren, denn beim Rügener Insel-Brauerei Strandgut werden im Sud zerhackte Whisky-Fässer eingesetzt, um Holzaromen ins Bier zu transportieren.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas 4 - Baladin NoraAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 5 - Saint-Nabor 1916 Ambrée à la saugeAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 6 - Insel-Brauerei Rügen Strandgut

Die 2 Stunden vergingen wie im Flug, eine spaßige Runde mit vielen sympathischen Typen am Tisch, bei der viel gelacht wurde und interessante Gespräche entstanden. Ich bin mir sicher, dass ich weitere Veranstaltungen der Saarbrücker Beer Society besuchen werde, und lege das auch jedem Bierfreund ans Herz. Vom Kaumbiertrinker über den urpilsgestählten Craftbieranfänger bis hin zum verwöhnten Gerstensaftprofi, da findet jeder noch etwas Spannendes, Lustiges und Lehrreiches. Ein Laden, der Saarbrücken wirklich gefehlt hat.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Titel

Der Einstieg in die Zuckerhölle – Ron Zacapa 23 Sistema Solera

Es gibt unter Rumkennern eine Theorie, die sich „Gateway“ nennt. Darunter versteht man im Allgemeinen, dass es kaum einen Rumfreund gibt, der nicht über gewisse Marken in die Szene eingestiegen ist – Botucal/Diplomatico, El Dorado, Plantation XO und der hier besprochene Ron Zacapa 23 Sistema Solera sind dafür übliche Verdächtige. Sie sind stark gesüßte, teils aromatisierte, teils sogar mit Glyzerin versetzte Produkte, die den Konsum vereinfachen sollen (auf den Zacapa trifft, um das vorwegzunehmen, alles drei zu) – das Zeug kann man trinken, selbst wenn man sonst keine Spirituosen mag. „Gateway“ ist entsprechend die englische Bezeichnung für diesen „Einstieg“. Man beginnt danach vielleicht, sich mit Rum auseinanderzusetzen, und wer dranbleibt, bleibt allerdings oft nicht bei diesen Produkten – schnell erkennt man, dass die Aromatik künstlich ist, und man steigt auf saubere Rums um, oder ist sich wenigstens hoffentlich klar, dass man eigentlich eine Art Rummixgetränk oder prebottled Rum Old Fashioned trinkt, aber nicht Rum.

Die Gateway-Theorie ist manchmal das letzte Gute, was man als Fortgeschrittener über bestimmte Produkte sagen kann oder will, und manche geben Anfängern eventuell daher sogar den Rat, mit ihnen einzusteigen – eben weil man selbst damit angefangen hat. Hier hört es für mich aber auf. Als Erklärung für die Bekanntheit dieser Rums mag die Gateway-Theorie dienen, aber auf gar keinen Fall als Handlungsempfehlung. Muss es wirklich sein, dass alle Anfänger erstmal betuppt werden müssen und sie ganz natürlich zunächst gepanschte Ware trinken sollen, nur weil wir als dumme Anfänger diesen harten und teuren Weg gehen mussten, in Zeiten, als die Manipulation von Spirituosen mit Additiven nicht bekannt war? Empfiehlt man angehenden Whiskytrinkern erstmal Drambuie und Irish Mist? Nein. Und bei Rum sollte es auch nicht so sein.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Flasche

Meine Einstellung dazu gefällt manchen nicht, das weiß ich. Dennoch hatte ich mir es auf die Fahnen geschrieben, für sauberen Rum und die Bekanntmachung der Vorgänge bei Rum zu kämpfen. Heute blicke ich nostalgisch zurück – in nur wenigen Jahren ist diesbezüglich unglaublich viel passiert, und das Pendel schwingt in die andere Richtung. Gut und weiter so!

Behäbig und schwer liegt er mit seinem dunklen, kräftigen Terracotta im Glas. Er schwenkt sich sehr gefällig. Man ahnt, wenn man es weiß, hier bereits den Weichmacher, den er enthält – Glyzerin ist per Labortest nachgewiesen, eine Substanz, die auch in so manchen Vodkas zum Gefügigmachen eines nicht ganz so weichen Destillats genutzt wird.

Die Nase des Rums aus Guatemala ist durchaus rumtypisch, Walnüsse, Rosinen, Weihnachsgebäck, Haferkekse, dunkle Schokolade; eine leichte Pferdedeckennote finde ich immer gar nicht unattraktiv. Er wird aus „virgin sugar cane honey“, einem Marketingeuphemismus für konzentrierten, eingedickten Zuckerrohrsaft, hergestellt, was aromatisch näher einem Melasserum ist als einem aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten. Ich entdecke einen nur minimalen, aber erkennbaren Alkoholbeiklang. Der Geschmack ist sehr gefällig, sehr süß im Antrunk, zunächst weich und samtig, vanillig (auch letzteres ist per obigem Labortest als künstliches Aroma entlarvt). Es dauert nicht lang, dann kommt eine störende Säure zum Vorschein; man entdeckt parallel den fehlenden Körper, den eklatanten Mangel an Tiefe, die Pappigkeit, die aus der zunächst noch angenehmen Süße geboren wird. 40% Alkohol werden durch die Zuckerung einigermaßen maskiert – die Maske wirkt aber künstlich und aufgesetzt. Der Abgang kann dann doch nicht komplett verbergen, was hier geschehen ist – ein mittelmäßiges Destillat wurde mit Additiven aufgepimpt, was am Gaumen noch recht gut funktioniert, im Nachhall sich aber als schal, scharf, leer und kurz entpuppt.

Mein Mantra ist – was ich nicht pur trinken würde, kommt mir auch nicht in den Cocktail. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen. Für gesüßten Rum mache ich diese nur, solange die Flaschen halt im Haus sind und so langsam aber sicher dann halt doch weg müssen. Dabei achte ich darauf, sie in Rezepten zu verbraten, die eh von sich aus bereits einen süßen Charakter haben – wie der Curiosity. Tatsächlich bringt der Zacapa hier sogar einen gewissen Charme mit in die Mixtur und fällt mit seiner Süße unter den eh schon arg süßen Mitstreitern Sherry, Likör und Sirup kaum negativ auf.

Curiosity


Curiosity
2 oz gereifter, süßer Rum (z.B. Ron Zacapa 23 Sistema Solera)
1 Teelöffel Schwarztee (lose in den Shaker)
⅔ oz PX Sherry
⅓ oz Suze
⅓ oz Vanillesirup
Auf Eis schütteln. Doppelt abseihen. Mit einer Orangenzeste garnieren.

[Rezept nach Kenny Klein]


Während ich mich über die täuscherischen Pseudo-Altersangaben von lateinamerikanischen Solera-Rums, die zumeist nicht mal echte Soleras sind, sondern Blends, anderswo schon ausgelassen habe, muss ich bei diesem Rum nochmal auf die Süßung zurückkommen, einem Thema, das 2018 eigentlich bereits etwas ausgereizt scheint, doch immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses Vorgehens. Knapp über 20g/L (im untenstehenden Foto runtergerechnet auf die 700ml-Flasche entsprechend 14 Gramm Zucker) weist der Ron Zacapa 23 heute auf; frühere Messungen hatten über den doppelten Wert ergeben.

Eine interessante Diskussion findet sich im Rum Project dazu. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Zacapa wohl seinen früheren Anteil von Saccharose tatsächlich sehr stark reduziert hat – dafür aber einfach umgestiegen ist auf eine andere Süßungsart, nämlich Fructose-Glucose-Sirup. Dieser ist geschmacklich deutlich süßer als Zucker; so ist der messbare Anteil an Zucker niedriger, die früher bekannte Süße bleibt erhalten. So einen Stunt muss man erstmal durchziehen. Mich wundert im Rum-Business aber nichts mehr. Scheinbar ist es manchen Herstellern wichtiger, ihre Energie dahingehend zu verbrauchen, die Konsumenten mit immer neuen Tricks zu täuschen und neue Wege der künstlichen Süßung zu suchen, statt einfach diese Energie in die Weiterentwicklung und Säuberung ihrer Produkte zu investieren.

So, Zacapa 23 in ein paar Sätzen zusammengefasst: Glyzerin zum Weichmachen, hochindustrieller Zuckersirup zum Abschleifen und Süßen, künstliches Vanillin für die feinen Aromen, eine täuscherische Altersangabe als Kaufanreiz, viel Marketingblabla zum Blenden der Unwissenden. Habe ich was ausgelassen? Letztlich können nur wir Verbraucher diese Praxis beenden, indem wir derartige Produkte meiden. Man kann mit dem Zacapa 23 damit anfangen – seinen einstigen guten Ruf, der nur auf Betrug basierte, hat er in Kennerkreisen eh schon lange verloren, und entsprechend gibt es weder für Anfänger noch für Kenner eine Pflicht, ihn probiert zu haben.