Archiv für den Monat November 2017

Tekirdag Rakisi Titel

Keine Trinkwarnung – Tekirdağ Rakısı No. 10

Die englischsprachige Wikipedia ist normalerweise mein erster Anlaufpunkt für allerlei Themen, in denen die deutsche Seite des partizipativen Online-Nachschlagewerks zu dürftig ausgestattet ist (was leider häufig der Fall ist, wenn es um Spirituosen geht). Recherchiert man dort über das Thema „Raki“, wundert man sich aber: selbst als Leser, der sich eigentlich informieren will, spürt man, dass hier zumindest teilweise Leute am Werk waren, die noch viel weniger Ahnung von Raki haben, als man selbst. Kein guter Zustand. Ich denke, ich werde mich bald mal dransetzen und die schlimmsten und offensichtlichsten Fehler dort ausbügeln.

Bis dahin kämpfe ich hier auf meinem Blog gegen das Verwirrspiel, das das Wort „Raki“ auslöst, an. Das erste und wichtigste ist die Auflösung der beinahen Namensgleichheit zu kretischem Raki – jener ist ein Tresterbrand, kein Weinbrand, das allein ist schon ein sehr deutlicher Unterschied. Für den türkischen Rakı werden frische Trauben ausgepresst und fermentiert. Den entstehenden Wein nennt man „Suma“, der dann zusammen mit Anis destilliert wird (noch so ein Unterschied zum kretischen Raki, und auch zum bulgarischen Rakija). Der Tekirdağ Rakısı No. 10, den ich heute hier bespreche, ist dahingehend ein besonderer Rakı, weil er der einzige Pot-Still-Raki auf dem türkischen Markt ist. Er wird dreifach gebrannt und am Ende auf eine Trinkstärke von 47,5% Alkoholgehalt eingestellt.

Noch ein Wort zur Aussprache – seitdem der türkische Staatspräsident Erdoğan in aller Munde ist, ist auch das türkische „weiche g“, geschrieben ğ, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Bei dem Namen unserer Spirituose dient es, den Vorlaut zu verlängern, selbst wird es nicht gesprochen. Die Spirituosengruppe selbst wird genähert „Rake“ (man beachte den fehlenden Punkt auf dem i des türkischen Worts) gesprochen, zusammen klingt der Produktname also in etwa wie „Tekirdah rakese“. Ich spreche kein Türkisch, bitte um Verbesserung, falls ich hier Unsinn erzähle.

Tekirdag Rakisi Flasche

Makellos klar steht der Rakı im Glas, viele Beine gleiten nach dem Schwenken langsam nach unten. Er fühlt sich sehr schwer und ölig an. Die Nase muss nicht tief ins Glas gehalten werden, um die ersten Aromen des Tekirdağ wahrnehmen zu können – Schwaden des Geruchs ziehen schnell aus selbst einer kleinen Probe einen Meter weit durch den Raum. Anis und Süßholz.  Ich gehe trotzdem ein bisschen näher ran, um Details wahrzunehmen. Anis und Wermutkraut dominieren hier, etwas kräuteriges liegt darunter. Stark süßlich insgesamt, etwas Orange, ein Touch von ungereiftem Weinbrand; leicht holzig und erdig. Kaum Alkohol, trotz der üppigen 47,5%.

Im Mund fällt zunächst die brummende Süße auf. Ich kämpfe mich durch die nicht übersetzte Textwüste auf der Flasche und finde die Zutatenliste, die ich für meine Leser mit Hilfe eines Onlinetools hier auch auf deutsch wiedergebe: Su (Wasser), yaş üzüm suması (frische, fermentierte Trauben), anason tohumu (Anissamen) und rafine beyaz şeker (raffinierter weißer Zucker). Die Regelungen für Süßung von Rakı legen laut türkischer Wikipedia einen Maximalwert von 10g/L fest, und es muss raffinierter weißer Zucker verwendet werden; da ist natürlich direkt eine Messung erforderlich. Ich zücke Messzylinder, Thermometer, Aräometer und Onlinerechner und ermittle einen Zuckergehalt von grob 10g/L; die Obergrenze des Erlaubten also, was nicht verwundert, das Mundgefühl hätte mich eigentlich sogar eine ganz andere Kategorie von Süßung erwarten lassen. Nun aber zurück zur Verkostung – Lakritz dominiert im Antrunk, im Verlauf kommt eine fruchtige Note dazu, die nur mühsam gegen die Hauptaromatik ankommt, aber erkennbar ist. Sternanis und ähnliche Gewürze ergänzen das Bild. Eine pfeffrige Schärfe entsteht.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Pur

Der Abgang ist sehr lakritzig, bitter, leicht scharf. Im Mund entsteht ein starkes, langandauerndes Betäubungsgefühl, das man von Anisspirituosen kennt, hier aber auf die Spitze getrieben ist – jeder Folgeschluck ist dadurch so gut wie neutralisiert. Der Abgang ist mittellang, weißpfeffrig heiß, mit Anklängen von Eukalyptus. Anisaromen klingen noch recht lange als Hauch aus der Kehle nach.

Die sehr deutliche Süße lässt mich dieses Getränk eher mit dem italienischen Sambuca vergleichen als mit dem kretischen Raki oder dem griechischen Ouzo, auch wenn wir hier nach der Definition keinen Likör vor uns haben wie bei Sambuca.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Louche

Pur trinkt das allerdings wohl nur selten jemand, der übliche Konsum erfolgt mit Wasser. Der Louche-Effekt, der ensteht, wenn ich den Tekirdağ 1:1 mit kühlem Leitungswasser vermische, ist schön anzusehen; die Geruchsveränderung erstaunlich. Dem Anis wird etwas die Kraft genommen, eine schöne, holzige Würze kommt zum Vorschein. Auch im Geschmack, der nun eine leichte Salzigkeit hervorbringt, schafft es auch die Traubenbasis, sich zu melden – die Fruchtigkeit gefällt, erinnert mich nun fast schon an weißen Pisco. Der unangenehme Betäubungseffekt verschwindet, die neu entstehende feinherbe Bitterkeit im Abgang gefällt mir sehr. Insgesamt ist diese Spirituose mit ordentlich Wasser versetzt sehr viel attraktiver und komplexer als pur. Der hohe Alkoholgehalt macht sich hier dann auch richtig gut, denn selbst verdünnt hat dieser Rakı dadurch ordentlich Power.

Diese Erfahrung macht mich natürlich sehr neugierig, wie sich der Tekirdağ Rakısı No. 10 in einem Cocktail schlägt. Ich muss sagen, dass der Name des Rakı Cocktail etwas arg einfallslos geraten ist; die Idee, einen Anisée mit Kokosnusscreme und Mandellikör zu kombinieren, ist dagegen geradezu ein Geniestreich. Schade, dass der Erfinder dieses Rezepts für mich nicht zu ermitteln war.Rakı Cocktail


Rakı Cocktail
½ oz Rakı
½ oz Amaretto
½ oz Zitronensaft
½ Teelöffel Cream of Coconut
4 oz Orangensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche hat ihren Charme, insbesondere die Kupferapplikationen machen echt was her und sorgen ganz bestimmt für den einen oder anderen Impulsivkauf. Der Plastikschraubverschluss ist dagegen mehr funktional als hübsch, der darunter verborgene, im Flaschenhals installierte Nachfüllstop Mist, wie alle derartigen Entwicklungen, aber vielleicht den Spirituosenpirateriegegebenheiten in der Türkei geschuldet.

Für mich ist die Türkei auf einem denkbar schlechten Weg schon weit fortgeschritten und macht sich mir in den Nachrichten nicht gerade sympathisch; bei der aktuellen Lage fragt man sich schon etwas, wie lange noch Spirituosen in der Türkei hergestellt werden dürfen, wenn der neoosmanische Sultan seine islamistische Umgestaltung des Landes weiterbetreibt. Derartige rückwärtsgewandte und dabei gleichzeitig rein egoistisch machtorientierte Leute hatten in ihrem narzisstischen Wahn, anderen einen Lebensstil aufzwängen zu wollen, noch nie Respekt vor echter Kultur und Tradition – das Brennen und Genießen von Spirituosen gehört dazu. Dennoch hoffe ich aufs beste und will den Aufrechten in der Türkei, die sich nicht einschüchtern lassen, mit einem Glas Tekirdağ No. 10 gern virtuell zuprosten!

Schönramer Imperial Stout Titel

Kurz und bündig – Schönramer Imperial Stout

Hafermalz in der Zutatenliste! Bevor sich der olle RHG-Spuk wieder hebt, gleich die Klarstellung: Im VorlBierG ist das erlaubt. Eine der wenigen natürlichen Zutaten, die Brauer verwenden dürfen (im Gegensatz zu den ca. 50 nichtnatürlichen erlaubten technischen Hilfsstoffen). Das Schönramer Imperial Stout ist also safe und darf sogar in Bayern hergestellt und getrunken werden, ohne Repressalien fürchten zu müssen.

Schönramer Imperial Stout

Fürs Auge: Schwer und dunkel, aber nicht komplett blickdicht. Rotbraune Reflexe. Wenig Schaum in einer schönen Mischung aus feinsten und sehr großen Blasen, cremefarben.

In der Nase: Buttrig und teigig, erinnert an die Kuchenteigschüssel der Mutter, die man auslecken durfte. Leichte Maracuja-Noten. Dann erst Kaffee und Röstmalz.

Die Zunge: Würzig und voll, zunächst cremig. Malz, Kaffee, aber auch eine schöne fruchtige Note – Maracuja, reife Ananas, reifer Pfirsich. Schöner voller Körper, dann aber dazu gute, kräftige Säure, die die Malzsüße mehr als nur ausgleicht, und dafür sorgt, dass das Bier nicht pappig wird. Hohe Rezenz und dadurch, das mag für den Bierstil überraschen, schön erfrischend. 9,5% Alkoholgehalt sind kaum erkennbar.

Am Ende, der Rachen: Extrem bitter und dunkel, würzig und salzig. Ein sehr charaktervoller, starker Abgang, den man dem Antrunk nicht zugetraut hätte. Sehr rauchig. Lang und aromatisch.

Ich habe schon noch festere, wuchtigere Imperial Stouts getrunken, doch wenige, die soviel Würze mit einer solchen relativen Leichtigkeit verbinden. Toll – das Schönramer Imperial Stout ist meine persönliche Referenz für diesen Bierstil. Ich lege mir ein paar davon in den Keller, ein Schlechtwerden ist nicht zu befürchten: Meine für diesen Test im August 2016 gekauften Flaschen sind beispielsweise haltbar bis Februar 2031.

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 10 – Jin Badaling Bafang Longxian 八方龙涎

Die Gänsehaut, die Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, beim Angriff auf die anhand der Superwaffe etwas konsternierte Lannister-Armee in der 7. Staffel der Fernsehserie auslöste, ist verflogen, doch Drachen lassen mich nicht los. Die klassisch gestalteten, feuerspeienden Fantasyreptilien aus Game of Thrones gehen dabei aber gern über in die eher das feuchte Element liebenden chinesischen Drachenkönige, die im Meer leben und für den Regen zuständig sind. Der Drache, chinesisch (long, gesprochen „lung“), ist ein superzentrales Motiv der fernöstlichen Kultur, und entsprechend findet man Referenzen auf dieses meist wohlwollende, geschätzte und helfende Wesen in jedem Lebensbereich – auch bei Spirituosen.

Selten musste ich dennoch über den Namen einer Spirituose derart brüten wie beim neunten Vertreter der Gattung Baijiu, die ich in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ näher betrachte: Dem Jin Badaling Bafang Longxian (八方龙涎). Die englische Übersetzung, unter der dieser Baijiu mir zunächst bekannt gemacht wurde, ist „Eight Side Dragon Salivary Wine“ – das klingt schon so absurd und seltsam, dass ich mich erneut auf die Suche nach dem chinesischen Originalnamen machen musste. Eine Recherchearbeit, die sich immer sehr lohnt, so halte ich mein rudimentäres Chinesisch wenigstens etwas am Leben, und gleichzeitig lernt man am Rande so wahnsinnig viel, was man sonst nie erfahren hätte.

Zum Namen also – Bafang Longxian, das ist erneut eine Remineszenz an chinesische Mythologie. (longxian) bedeutet wörtlich übersetzt „Drachenspeichel“ (die englische Übersetzung mit „Dragon Salivary“ ist also holprig, aber wortgetreu). Ambra, die graue, wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, die man früher wegen ihres Wohlgeruchs zur Parfümherstellung nutzte, wird im Chinesischen als 龍涎香 (longxianxiang) bezeichnet, man sieht, worauf dieser Namensteil anspielen will. Leicht rätselhaft bleibt mir der Teil 八方, wörtlich „achtseitig“, im Übertragenen Sinne auch „überall“ – nun, wer es weiß, teile es mir bitte mit, was es im Kontext dieses Baijius zu sagen hat.

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Baijiu Flasche

Wie bei den meisten Baijius gibt es über die Farbe kaum etwas zu sagen. Klar, praktisch keine Viskosität beim Schwenken, und doch so einiges an Beinen am Glasrand hinterlassend.

Ich gebe zu, ich war etwas vorsichtiger als normal, als ich an diesem Baijiu roch, nach der durchweg sehr schlimmen Erfahrung im letzten Teil dieser Reihe. Die Vorsicht ist unbegründet – Der Geruch nach Lakritz, Pfirsichferment, sehr viel Hochesterfrucht und vergorener Ananas ist ingesamt dahingehend sogar recht angenehm. Dem Geruch nach würde ich diesen Baijiu in die Starkaroma-Kategorie stecken; im Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo er 2016 eine Goldmedaille gewann, trat er aber in der Kategorie „other aroma“ auf, was auch immer das bedeuten mag.

Im Geschmack wird es dann deutlich – da ist all das Gummi, Teer und Plastik, das ich inzwischen als baijiutypisch kennenlernen konnte, an vordersten Front, unterstützt durch die vergorenen Fruchtaromen, etwas Lakritz und Fenchel. Was diesen Baijiu von vielen anderen Starkaroma-Vertretern unterscheidet, ist der für chinesische Verhältnisse läppische Alkoholgehalt von 38% – dadurch wirkt er nicht so aggressiv, brutal und ungezähmt wie viele seiner Artverwandten. Natürlich ist immer noch viel Säure und Kantigkeit da, aber alles eben in abgemilderter Form, die zumindest meinem Geschmack entgegenkommt.

Jin Badaling Bafang Longxian Glas

Der Abgang des Bafang Longxian ist schokoladig, sehr angenehm fruchtig (wie ich schon oft sagte – der Abgang ist wirklich das beste an einem Baijiu), mittellang und sehr trocken, mit viel Adstringenz. Ich persönlich empfinde es angenehm, dass die Ester sich auch wieder vom Gaumen lösen, und Platz machen für Bitterschokolade, Zitrusaromen und einem schönen Minzhauch. Eine feine Wärme bleibt im Rachen.

Ulric Nijs ist ein globetrottender Barentwickler, der sich viel mit Baijiu auseinandergesetzt hat, und der mir eine stete Quelle von ungewöhnlichen Cocktailrezepten mit dieser exotischen Zutat geworden ist. Eines seiner Rezepte, der 血水(übersetzt als Blood and Water), variiert den bekannten Blood and Sand. Letzterer ist schon ein Beispiel dafür, dass Zutaten, denen man lange nicht viel Cocktailpotenzial zusprach, sich doch wunderbar in Mischgetränken unterbringen lassen; was der Blood and Sand für Scotch tut, schafft der 血水 für Baijiu.

血水 (Blood and Water)


血水 (Blood and Water)
½ oz Baijiu
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¾ oz Orangensaft
¾ oz süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
Auf Eis shaken. Eine Orangenzeste darüber ausdrücken.
[Rezept nach Ulric Nijs]


Nach so einigen etwas allzu üppig gestalteten Flaschen, die ich in dieser Reihe schon gezeigt hatte, ist der Bafang Longxian tatsächlich mal eine Wohltat. Die rundlich-bauchige Flasche ist zwar in einem sonnig-strahlenden Gelb gehalten, doch insgesamt wirkt die Präsentation sehr gelungen. Die orangefarben aufgebrachten Drachenbilder, der goldene Schraubverschluss, der einen Ausgießstop (oh, ich hasse diese Dinger!) verbirgt, ja, das gefällt.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Arrogant Bastard Ale Titel

Kurz und bündig – Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Amerikanisches Bier hat das Image des geschmacksneutralen Sprudelwassers abgelegt, es ist in manchen Belangen dem deutschen Bier, seinem Vorbild, klar enteilt. Die Welle der Begeisterung für modernes Bier, das sich vom Fernsehwerbungsbiereinerlei, das Deutschland immer noch flächig beherrscht, schwappt nun zurück über den großen Teich: Stone Brewing hat vor einiger Zeit eine Brauerei und Abfüllanlage in Berlin gebaut und braut dort die klassischen Biere für den deutschen Markt nach, die den Hersteller in den USA so groß gemacht haben. Das vielleicht präsenteste Beispiel dafür ist das Stone Brewing Arrogant Bastard Ale, obergärig, mit ordentlichen 7,2% Alkoholgehalt abgefüllt in eine auffallend gestaltete Halbliterdose.

Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Die Farbe ist ein vergleichsweise unspektakuläres, dumpfes Braun. Ich mag diese Farbe an Bieren nicht, das ist aber eine persönliche Marotte. Schöne orangegoldene Reflexe hellen das triste Braun immerhin etwas auf. Der cremefarbene Schaum ist fein und langlebig. Der Geruch wabert schwer und malzig, mit leichter Auflockerung durch hopfige Fruchtnoten: Ananas und Mango, würde ich sagen. Aber auch eine würzige Komponente, nach Ketchup und BBQ-Sauce. Dazu minimaler Rauch, eine sehr attraktive Kombination.

Im Mundgefühl kommt der arrogante Bastard zunächst weich und fluffig daher, doch sonst ist nichts weich an diesem Bier: würzig, sehr bitter, stark malzig, nur leicht hopfig. Grapefruit. Holz. Röstaromen, gemahlener Kaffee, schwarze Schokolade. Im Abgang steigert sich das noch, dieser wird sehr salzig, mit Eindrücken von Lakritz, Sojasauce und Rauch. Sehr trocken und bitter. Mehr ein Effekt und Gefühl als ein Geschmack von Grapefruit bleibt lange am Gaumen.

Man merkt, das gefällt mir ausgesprochen – es könnte ganz sicher eines meiner Lieblingsbiere werden. Ein hartes, unkompromissloses Bier, wie das Etikett schon ankündigt: wer auf deftig-bitteres Zeug steht, kommt hier auf seine Kosten. So brutal, wie Etikett und Illustration andeuten, ist es dann aber ehrlicherweise doch nicht, also keine Angst, hier werden keine Gaumen verätzt oder Geschmacksnerven abgebrannt.

Die Aufmachung ist natürlich alles Attitüde. Ich bin mir nicht sicher, dass mir das wirklich gefällt, denn das Bier hat es nicht nötig. „You’re not worthy“ lockt dann genau eben die an, die es eben nicht zu würdigen wissen, die nur darauf aus sind, sich vor anderen zu beweisen. Der Dämon allerdings gefällt mir; er erinnert mich ein bisschen an den Troll Grimmzahn (Grimtooth im Original), der mit seinen Fallen die eine oder andere Rollenspielsession im Chaos enden ließ (wer erinnert sich?). Der Illustrations-Stil weckt diese Reminiszenzen an den Zeichner Paul Bonner und frühe Rollenspiel-Tage. Allein das ist das regelmäßige Trinken des Arrogant Bastard Ales für mich schon wert.

Fortaleza Tequila Reposado Titel

Starke Nachfrage ist nicht immer gut – Fortaleza Tequila Reposado

Die Alterungskategorien für Tequila sind Lesern meines Blogs inzwischen sicherlich bekannt. Ungereifter „blanco“, mindestens 2 Monate gereifter „reposado“, mindestens 1 Jahr gereifter „añejo“ und, seit gar nicht so langer Zeit, mindestens 3 Jahre gereifter „extra añejo“ stehen dem geneigten Agavenbrandkonsumenten zur Verfügung. Manche Kategorien halte ich für Pseudokategorien, wie „gold/oro“ – das sind letztlich meist nur blancos, die gefärbt wurden.

Welches genaue Reifungsalter ein spezielles Produkt aufweist, muss meist spezifisch nachgeforscht werden, oft wird gar kein genaues Alter angegeben. Beim Fortaleza Tequila Reposado kann man aktuell sogar die spannende Situation nachverfolgen, dass sich das Produkt verändert. Bisher reifte dieser Tequila um die 6 Monate, also dreimal so lang, wie gesetzlich gefordert. Doch Tequila ist in einer massiven Krise – Monokultur und Verlust der Biodiversität, Fledermaussterben (diese sind für die natürliche Befruchtung der Agavenpflanzen von entscheidender Bedeutung), aggressive Industrialisierung des Anbaus und der Produktion, dazu das kometenhafte Aufstreben von Mezcal, das Großkonzerne dazu bringt, Agavenanbauflächen und -pflanzen zu monopolisieren und dann teilweise sogar brach liegen zu lassen, nur damit sie kein Konkurrent nutzen kann; all das sorgt dafür, dass gerade traditionell arbeitende Unternehmen, wie Fortaleza (Los Abuelos in Mexiko, NOM 1493) in Schwierigkeiten geraten. Der Durst nach Tequila ist groß, doch man kommt nicht mehr hinterher, mit all den Problemen die Ausstoßmenge entsprechend anzupassen. Drastische, und meiner Meinung nach etwas hastige und unüberlegte Schritte folgen – neuere Abfüllungen des Fortaleza Tequila Reposado sind dann eben nur noch mit niedrigerer Reifungsdauer abgefüllt. Man ging zunächst auf 4½ Monate herunter, später dann sogar auf die Minimumdauer von 2 Monaten. Laut Kennern machen sich diese Einsparungen leider auch sehr deutlich im Geschmack deutlich, selbst habe ich leider aktuell keinen Vergleich. Entsprechend wollen wir hier nur den originalen, 6 Monate alten Reposado aus dem Tequila Valley verkosten.

Fortaleza Tequila Reposado Flasche

Blasses Strohgold sieht man schon durch das transparente Glas der Flasche, im Glas kommen fast schon weiße Reflexe dazu. Die oben angesprochenen 6 Monate im Fass aus amerikanischer Eiche zeigen sich doch bereits recht kräftig. Eine minimale Viskosität ist erkennbar, die Tropfen an der Glasinnenwand laufen nur sehr langsam ab.

Optisch ist der Fortaleza Reposado noch nicht aufregend, für diese Nase wird aber einiges geboten – sehr starkes Agavenaroma, ohne zu würzig oder zu kratzig zu werden. Blumig leicht, mit etwas Lavendel und Thymian. Fruchtig und süßlich. Ein Hauch von Holzkohlenrauch ist im Hintergrund erahnbar, beim tiefen Einatmen eine Spur Lack. Ersteres schreibe ich dem Kochen der Agave in traditionellen Steinöfen (hornos) zu.

Im Antrunk zeigt sich dieser gereifte Tequila wunderbar weich und mild. Eine Süße stellt sich schnell ein und erzeugt ein rundes, volles, dichtes Gesamtbild. Agave ist, wie es sein sollte, die Hauptkomponente (durch die Verwendung einer traditionellen Tahona, also dem Zerdrücken der Agavenfasern durch einen schweren Mühlstein, sollte dies auch so sein), eine unterschwellige Kräuterunterlage aus Lavendel, Kümmel und etwas Anis erzeugt eine angenehme, aber nicht überhandnehmende Komplexität. Im Verlauf kommt eine recht deftige Würze dazu, die die Süße ablöst.

Fortaleza Tequila Reposado Glas

Der Abgang ist feurig pfeffrig, gleichzeitig aber eukalyptuskühl und mit extrem viel Agavencharakter – man spürt, dass es nicht die 40% Alkoholgehalt sind, die brennen, sondern die Stacheln der Agave (metaphorisch gesprochen). Die doppelte Destillation in Kupfer-Pot-Stills gibt Charakter, ohne Zweifel. Dabei entsteht nur ein leichtes Kribbeln mit langsam einsetzender Adstringenz, die immer stärker wird und am Ende einen kleinen Eisenton erzeugt. Der Nachhall ist sehr lang und dabei dankenswerterweise voller Agaveneindrücke. Mit etwas Süßwasseralgen und feuchtem Beton klingt die Verkostung aus.

Dale Degroff erwähnt in seinem Buch „The Essential Cocktail“ neben dem modernen Rezept für einen Tequila Sunrise, das wir alle kennen und mehr oder weniger schätzen, das Ursprungsrezept, aus dem die moderne Form entstand. Sie wurde an der Pferderennbahn Agua Caliente im mexikanischen Tijuana um die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts serviert. Man sieht, früher war nicht immer alles besser – aber manches schon. Die alte Fassung gefällt mir sehr und stellt den modernen Orangensaftdrink locker in den Schatten. Mit einem guten Tequila, wie dem Fortaleza, um so mehr.

Tequila Sunrise Circa 1920


Tequila Sunrise Circa 1920s
1½ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
Diese Zutaten vermischen, um eine saure Limonade herzustellen.
Dann in einem Highball-Glas voll Eis die restlichen Zutaten in dieser Reihenfolge bauen.
1½ oz Tequila reposado (z.B. Fortaleza Reposado)
Die oben hergestellte Limonade
2 oz Club Soda
½ oz Crème de Cassis
¼ oz Grenadine
[Rezept nach Dale Degroff]


Stellt man die Flaschen der drei Varianten von Fortaleza Tequila nebeneinander sieht man die Ähnlichkeit, aber auch die kleinen Unterschiede. Wie der Inhalt ist auch die Flasche und der Stöpsel handgemacht, und dabei entstehen eben diese feinen Unikate. Das Agavenherz, die Piña, die als Krone auf dem Korken sitzt, ist dabei besonders auffällig.

3 Fortaleza Tequilas

Den Blanco hatte ich ja vor einiger Zeit schon besprochen, und eine Rezension des Añejos, des am längsten gereiften Tequilas im Portfolio von Fortaleza, folgt dann auch irgendwann mittelfristig. Unabhängig davon, welchen Reifegrad man nun persönlich bevorzugen mag (ich für meinen Teil liebe die ungereiften, direkten Blancos bei Tequila am meisten), bei Fortaleza kann man blind zugreifen und erhält auf jeden Fall einen der Besten der Besten in dieser Spirituosenkategorie. Man muss nur halt leider aktuell, wie angesprochen, auf das genaue Reifedatum achten. Dann schmeckt man auch die Ehrlichkeit und Tradition der Herstellung im Endprodukt.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Titel

Eine gute Grundlage legen – Jeffrey Morgenthalers „The Bar Book – Elements of Cocktail Technique“

Es gibt ein paar Namen, die hört man im Barbusiness immer wieder. Während der Großteil der hinter der Theke arbeitenden Bevölkerung leider schon nicht mal den Gästen, die direkt vor ihnen stehen, namentlich bekannt sein wird, eilt der Ruf einigen Personen voraus – Jeffrey Morgenthaler gehört ganz gewiss zu dieser illustren, exklusiven Gruppe. Seine Arbeit in den Bars Clyde Common und Pépé Le Moko im, was Cocktails angeht, heißen Nordwesten der USA, sorgt dafür, dass er am Puls der Zeit steht, was Kreativität angeht – sein inzwischen berühmter Amaretto Sour ist laut eigener Meinung der beste der Welt (ich würde es nie wagen, ihm zu widersprechen!). Morgenthaler taucht regelmäßig in allerlei Listen auf, in denen es um die einflussreichsten Bartender der Geschichte geht.

Was tut man aber nun als Bartender, Barbesitzer, anerkannter Mixologe, berühmte Persönlichkeit, wenn man schon alles erreicht hat? Man schreibt ein Kochbuch, oder besser noch ein Cocktailbuch. Zusammen mit Coautorin Martha Holmberg hat sich Morgenthaler dafür entschieden, sein über Jahre angehäuftes Wissen mit der Welt zu teilen. Und zwar nicht in Form eines Rezeptebuchs, davon hat die Welt schon genug, sondern als Kompendium für das Handwerk des Cocktails an sich. Elements of Cocktail Technique ist entsprechend auch der durchaus gut passende Untertitel für The Bar Book.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Cover

Man sieht schon auf dem Cover, dass eine gewisse Werkzeugkunde mit von der Partie sein wird. Die abgebildeten Siebe und Strainer sind neben Shakern vielleicht das prominenenteste Toolset des Barmanns und der Barfrau, doch Morgenthaler hält sich damit nicht groß auf, ein Buch über Hausbau erklärt ja auch nicht, was ein Hammer ist. Saftpressen, Eisbereiter, Jigger und anderes werden dennoch jeweils im Kontext der Benutzung kurz vorgestellt.

Den Platz nutzt er anders – das Handwerk besteht auch aus mehr als nur dem Einsatz von traditionellen Werkzeugen; der moderne Mixologe braucht durchaus umfangreiche Kenntnisse über die Herstellung von Sirups, Infusionen, Bittern und Tinkturen und anderen hausgemachten Spezialzutaten (obwohl ich nicht wirklich der größte Fan von dieser Art von Dead-Rabbit-Style Mise-en-Place hinter der Bar bin). Morgenthaler macht alles in seiner Bar selber, was auch nur irgendwie selbst herstellbar ist – Zuckersirups, Orgeat, Fruchtsäfte und Eis. Kleine Kennerdetails, wie man bei Kräutersirups beispielsweise die Farbe erhält, sind entsprechend natürlich auch mit von der Partie. Sein Kapitel über Eis ist das beste, was ich diesbezüglich kenne, mit weitem Abstand – hier entzaubert er manche Mythen (wie die vom abgekochten Wasser, das klareres Eis ergeben soll) auf eine wissenschaftliche, empirische Weise.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 2

Tatsächlich ist Morgenthaler ein Perfektionist. Er erklärt nicht nur, wie man beispielsweise das schiefe Aufsetzen des Mixglases beim Boston Shaker durchführt, sondern es gibt auch eine Risszeichnung dazu. Und er erklärt, warum man beim Dry Shake das Glas anders, nämlich gerade, aufsetzen soll, um das Siegel, das die Flüssigkeiten daran hindert, die unvollkommene Schnittstelle zwischen Glas- und Metallbecher zu durchqueren, trotz fehlender Kälte im inneren des Shakers aufrecht zu erhalten. Ähnlich konsequent und detailreich, dabei gleichzeitig aber immer am tatsächlichen Bedarf orientiert, behandelt er alle Themen. Das Handwerk, das den größten Teil am Mischen von Cocktails ausmacht (Zitat: „Bartending is not, to the dismay of many, an art form. It is a craft.“ Er hat recht, so leid es mir tut, all ihr sphärischen Cocktailkünstler und verkopften Mixologieprofessoren!), wird hier aufgeschlüsselt.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 1

Trotz all der Detailverliebheit verliert sich Morgenthaler nie in Schwärmerei oder Laberei. Er (oder vielleicht seine Coautorin) schreibt bodenständig und klar; leider geht sein etwas frecher Humor und seine laute, meinungsstarke Art, die man oft in seinen Online-Texten und Kolumnen, wie der für den Playboy, findet, dabei nicht mit in den Text ein.

Das Buch weist dickes, festes Hochglanzpapier auf, entsprechend nehmen die beinahe 300 Seiten dann auch gebunden und mit hartem Kartoneinband versehen eine Menge Platz im Cocktailbuchregal ein. Die gute Fadenbindung sorgt dafür, dass man das Buch offen liegen lassen kann, ohne dass es von allein wieder zuklappt oder umblättert – bei dieser Art von Literatur ein unschätzbarer Vorteil, denn man braucht beim Mischen halt praktisch immer beide Hände und hat selten eine dritte zur Verfügung.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Schnitt

Das Fazit – ein lehrreiches und schön gestaltetes Buch selbst für die, die sich schon sehr stark mit Cocktails und dem Barbetrieb auseinandergesetzt haben. Wer ansatzweise englisch spricht und sich einen umfassenden, locker geschriebenen und mit vielen Bildern ausgestatteten Überblick über die Arbeitswelt der modernen Bar verschaffen will, ist hier genau richtig. Wer es gelesen und verinnerlicht hat, kann seine eigene Bar ohne weiteres eröffnen (einen Buchführungs- und Hauswirtschaftskurs natürlich darüber hinaus vorausgesetzt), oder auch die Qualität der Cocktails aus der eigenen kleinen Heimbar enorm steigern.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Kurz und bündig – Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Auch bei Spirituosen gibt es große und kleine Geschwister – vielleicht kennt der eine oder andere Bourbon-Freund unter meinen Lesern den durchaus schwer erhältlichen, raren George T. Stagg. Bei dieser Verkostung des kleinen Bruders dieses Schwergewichts, des Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey, haben wir die dritte Charge („third batch“) eines Small-Batch-Whiskeys aus dem Hause Buffalo Trace vor uns. Dafür werden Whiskeys mit einem Alter von um die 8 und 9 Jahren miteinander verblendet und in Fassstärke in die Flaschen gefüllt; jeder Batch hat dadurch eine eigene Charakteristik. Ein 10cl-Sample bildet die Basis für den heutigen Verkostungsversuch.

Die Farbe strahlt regelrecht, ein warmes, glühendes Kupfer, das schon fast ins braunrote übergeht. Im Glas bewegt sich der Stagg Junior wie ein Senior, langsam, gemächlich, schwer und ölig. Rein optisch ist das einer der schönsten Whiskeys, die ich bisher gesehen habe. Man sieht – man muss nicht kältefiltern oder färben (beides geschieht hier nicht), um ein spektakuläres Endergebnis zu erhalten.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Geben wir ihm zunächst in voller Stärke eine Chance. Bei 66,05% ist das für mich persönlich grenzwertig.

Nach dem Eingießen ins Verkostungsglas stößt einem erstmal eine scharfe Lösungsmittelnote ein Messer ins Gesicht. Ich lasse ihn daher zunächst mal einige Minuten offen atmen. Leider verschwindet sie dennoch nicht wirklich; darüber hinaus bleibt auch eine gewisse Essignote, die es der darunter liegenden Vanille schwer macht, nach vorne zu kommen – die Nase kann mit dem Auge in keinster Form mithalten.

Im Antrunk ist erst eine schwere, dichte Süße erkennbar, ein voller und wuchtiger Körper, etwas Salzigkeit. Im Verlauf entsteht eine gewisse, kantige und würzige Schärfe nach Pfeffer und Chili, sehr viele Tannine, eine starke Adstringenz sorgt für ein trockenes Mundgefühl. Kandiszucker, Vanille und das wars dann aber auch schon – Power ohne Ende, aber keine Tiefe oder Komplexität. Der Abgang des Stagg Jr ist feurig heiß und dabei leider aromatisch nur sehr kurz. Wirklich richtig enttäuschend kurz.

Zwei Teelöffel Wasser kommen nun dazu. Die Nase bekommt eine lakritzige Note, und etwas cognachaftes. Im Geschmack liegt immer noch Alkohol und Lack stark in Front, Eiche dazu, aber Vanille und Schokolade bekommen nun wenigstens eine Chance. Der Nachhall verlängert sich um einiges. Er verliert durch das Wasser kaum an Volumen, fühlt sich immer noch ölig und schwer an: Ein Whiskey, dem Wasser sehr, sehr gut tut, den man eigentlich nur so vernünftig genießen kann. Alternativ macht er sich dann doch recht gut in einem Old Fashioned.

Fazit – Buffalo Trace hat definitiv spannendere und reizvollere Whiskeys im Portfolio – insbesondere, wenn man den aufgerufenen Preis von aktuell rund 100€ in Betracht zieht, würde ich eher diese anderen Bourbons empfehlen als den unausgereiften Stagg Jr.

St. Bernardus Sortiment Titel

Säkularbier mit Klosternamen – St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12

Regelungen, Regelungen, Regelungen. Ich weiß nicht, ob ich der einzige Spirituosenblogger bin, der sich damit wirklich auseinandersetzt, aber ich merke in letzter Zeit, dass die Recherche für manche Produktgruppen schnell in den Graubereich von gesetzlichen Vorschriften führt, die zu interpretieren sind, die kaum durchgesetzt werden, die dem Nichtfachmann in den allermeisten Fällen nichteinmal bekannt sind.

Und selbst, wenn man denkt, man hätte alles nun grob gesehen, finden sich neue Sätze von Legislaturen, die man kaum für möglich gehalten hätte. In diesem Fall hier geht es um belgisches Bier. Jenes ist ja nun wirklich nicht bekannt für seine Regelungswut, im Gegenteil, es ist ein sehr lebendiges, freies Medium, in dem Brauer ihre Meinung ausdrücken können, ohne befürchten zu müssen, von einem erzkonservativen Reinheitsgebotsstaat an der Ausübung ihrer Berufsfreiheit gebremst oder gar gehindert zu werden. Dennoch gibt es für manche Bierstile ein paar Schutzmechanismen – darüber bin ich bei der Hintergrundinformationssuche für das St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12 gestolpert.

Die Stilbezeichnung auf dem Etikett ist „Abbey Ale“, also Klosterbier. Da man die Tradition der belgischen Kloster- und Ordensbiere schützen will, dürfen nur ausgewählte, tatsächliche Trappistenkloster das begehrte „Trappistenbier“ herstellen, beziehungsweise besser gesagt, für ihre Produkte diese Bezeichnung tragen – das legt der belgische Brauerbund fest. Darunter gibt es eine Gruppe von Klöstern und klosterähnlichen Orten, die „zertifizierte Klosterbiere“ brauen und als solche auf den Markt bringen dürfen. Schließlich gibt es am Ende dieser Kette dann noch nicht-zertifzierte „Klosterbiere“, zu denen die Biere von St. Bernardus gehören – zu beachten ist dabei eben, dass St. Bernardus kein Kloster ist, sondern eine einfache säkulare Brauerei. Daher ist das für mich eine spannende Sache, bei der es allerdings mehr um Namens- und Verkehrsbezeichnungsrechte geht, als um den Inhalt der Flaschen, die den entsprechenden Aufdruck tragen. Probieren wir uns durch ein Teilsortiment der Brauerei  im belgischen Watou, die als, salopp gesprochen, kommerzielles Spin-Off der Trappistenbrauerei St. Sixtus Bier herstellt, weil letztere ihre Produktion nicht mehr an die Öffentlichkeit herausgeben wollte.

St. Bernardus Sortiment Flaschen

Wir fangen auf der niedersten Stufe der Klosterhierarchie der Brauerei St. Bernardus an – dem Pater 6. Die Zutatenliste auf der Rückseite weist Zucker auf, aber bevor die Fanatiker des deutschen Reinheitsgebots wieder abschätzig abwinken, dieser dient natürlich der Methode der Flaschengärung und ist deswegen im Endprodukt nur noch in Spuren, wenn überhaupt, vorhanden – die Hefen haben ihn weggefressen und statt dessen 6,7% Alkohol hinterlassen.

Diese Flaschengärung ist wahrscheinlich auch der Verantwortliche für die kräftige Schaumentwicklung beim Eingießen – das beobachtet man bei vielen derart hergestellten Bieren. Der üppige Schaum ist farblich dunkles Elfenbein und besteht aus einer schönen Mischung aus großen und kleinen Blasen, und ist sehr langlebig. Das Bier selbst ist sehr dunkelbraun, mit leicht rötlichen Reflexen. Perlage? Fehlanzeige.

St. Bernardus Pater 6

Beim Geruch ist mein erster Eindruck: Ahoj-Brause, Waldmeister-Geschmack. Sehr verblüffend. Leicht metallisch, malzig und zitronig. Die errochene Säure ist auch im Geschmack präsent. Ich gebe zu, ich hatte ein süßliches Dubbel erwartet; hier bekommt man ein eher mildsauer-würziges Bier. Ich bestehe darauf – es hat etwas Waldmeister-Anklänge, dazu Brause und Zitrone. Die Säure gleicht den Mangel an Rezenz aus. Das ganze wird durch eine hintergründige, milde und dezente Süße in Zaum gehalten. Malzwürze gibt dem ganzen Körper und Power. Im mittellangen Abgang ist es kräftig-würzig, trocken und mildbitter. Die Säure schießt nun etwas vor.

Insgesamt ein für mich unerwartetes Geschmacksbild, das mir aber sehr zusagt. Tatsächlich etwas, von dem ich sicher bin, mir noch ein paar Fläschchen zuzulegen – dankenswerterweise ist St. Bernardus ein Stammgast im Bierregal des französischen Supermarkts direkt bei mir um die Ecke. Dort stammt natürlich auch der Vorgesetzte des Paters, der Prior 8, her. Wird die Zahl im Namen von den 8% Alkoholgehalt abgeleitet? Man könnte es vermuten.

St. Bernardus Prior 8

Rein optisch haben wir ein Déja-Vu. Dunkles Braun, blickdicht, kaum Perlage. Mir ist beim Öffnen die Flasche direkt übergelaufen, und wollte gar nicht mehr aufhören zu schäumen. Vorsicht daher! Flaschengärungsbiere sind da etwas empfindlich. Am Ende bleibt ein dünnes Schaumtonsürchen in Cremefarbe.

Der Geruch erinnert an Zitronat, auch hier Brausepulver, dunkles Malz. Mildsauer. Im initialen Mundgefühl ist der Prior cremig, aber nicht wirklich süß. Zitronig, und mit zunehmender Aufenthaltsdauer im Mund immer saurer. Limettensaft. Erkennbar saurer als das Pater 6 – oder vielleicht besser gesagt, weniger süß. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptunterschied zum Vorgänger, neben dem erhöhten Alkoholgehalt natürlich. Auch hier findet man wenig Rezenz, die man aufgrund der Säure aber auch nicht vermisst. Leichter, heller, fast schon dünner Körper. Im Abgang fühle ich Grapefruit, kräftiger werdende Säure und Bittere. Mittellang, Brauseschaumeffekte am Gaumen. Trocken und adstringierend.

Wer jetzt damit gerechnet hat, dass der Abt 12 der angedeuteten Korrelation zwischen Namen und Volumenprozenten dann eben mit zwölf Prozent Alkoholgehalt daherkommt, hat sich getäuscht – 10% sind es, diese reichen aber auch völlig aus. Der Abt ist der höchste Rang in der klösterlichen Mönchshierarchie, ist es das entsprechende Bier auch das höchste der Biergefühle?

St. Bernardus Abt 12

Farblich sind wir nun schon eine erkennbare Stufe dunkler. Die Schaumentwicklung beim Eingießen ist erneut enorm. Nach einer kurzen Ziehphase bleibt ein sehr feiner, beigener Flaum auf dem Bier erstaunlich lang lebendig. Geruchlich hat sich nur wenig geändert. Die Brause ist nicht mehr ganz so stark präsent, aber immer noch erschnupperbar. Zitrone, ein leichter Metallton und eine würzige Malznote sind bei dieser Ausprägung des St. Bernardus mehr im Vordergrund.

Und auch im Mund erleben wir eine Abwechslung – wieder cremig, dafür aber bei weitem nicht so sauer wie die zwei Subordinierten des Abts. Das ist deutlich süßer, malziger, milder als Pater und Prior, und auch körpervoller und dichter als diese. Das Amt bringt es mit sich – das Abt 12 ist das deutlich gehaltvollste der drei Biere, schwer und kräftig, ohne sich dabei dann aber völlig von der Säure zu lösen. Insgesamt wirkt es aber dennoch etwas lasch, schal und wenig spannend. Der Abgang ist lang, adstringierend und sauer, mit einem deutlichen Metallton. Die auf dem Etikett angegebene Trinktemperatur von 10-12° halte ich persönlich für viel zu niedrig – fast Zimmertemperatur ist so einem Bier durchaus angemessen.

Alle drei Biere wissen durchaus zu gefallen und sind für jeden Freund belgischen Biers einen Versuch wert. Ich persönlich greife gern öfters zu, gerade, weil ich säuerliche Biere sehr mag, und die Mönchsbiere von St. Bernardus mir daher entgegenkommen. Nun will ich aber meinen Sermon beenden und beschließe die Predigt mit einem Schluck aus der Bierpulle. Amen!

Cocktail meets Whisky - Titel

Ohr- und Gaumenfreuden – „Cocktail meets Whisky“ bei der Whiskytruhe

Gern wird immer wieder mal das Bonmot zitiert, dass man nicht allein trinken soll, sondern in Gesellschaft. Ersteres ist, zugegebenermaßen, ein gefährlicher, abschüssiger Weg (jetzt mal natürlich nur rein hobbypsychologisch gesprochen). Entsprechend es ist ein hartes Leben als Spirituosenblogger, denn das tiefe Probieren und Verkosten, das für Tasting Notes erforderlich ist, kann man eigentlich nur allein durchführen, um die Konzentration und den Fokus zu erhalten, der dafür nötig ist.

Doch auch so ein Blogger hat mal Lust auf einen weniger anstrengenden Drink, und woher die Gesellschaft nehmen, wenn nicht stehlen, und gerade kein Saufkumpan zur Verfügung steht? In einer Bar ist man ja auch eher allein unter anderen Menschen, wenn man solo aufbricht. Die Lösung: Whiskyverkostungen! Diese sind durchaus in Mode. Es ist ja auch eine tolle Sache – man bekommt etwas gutes zu trinken, lernt neue Spirituosen und Leute kennen und im Idealfall hat die Veranstaltung auch etwas von einem Eventcharakter, so dass die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Man will ja eigentlich nicht am Abend auf eine Lehrveranstaltung, sondern Spaß haben, selbst (oder gerade!) als Kenner.

Cocktail meets Whisky - Eintrittskarten

Am 28. Oktober 2017 fand auch ich, zugegebenermaßen ausschließlich dank meines Navigationsgeräts, den Weg zu so einer Whiskyverkostung. Tief im ländlichen Saarland, in Schmelz/Limbach, lud Gastgeber Markus Hawner, der Geschäftsführer von Whiskytruhe, zu einem Multifunktionsabend ein. „Cocktail meets Whisky“ hieß das Motto – entsprechend konnte man sich nicht nur auf Spirituosenproben freuen, sondern auch auf damit live gemixte Cocktails und Longdrinks.

Ein Blick in den kleinen, charmanten Laden von Markus Hawner zeigt direkt, dass es sich bei seinen Veranstaltungen nicht um kühle Vorträge handelt, in denen ein gelangweilter Brand Ambassador eines Konzerns sein Portfolio zum hundersten Mal runterrattert. Man sitzt auf einer Couch oder Fässern, steht an einem aus Fässern hergestelltem Stehtisch oder lehnt gemütlich an einer Wand, während Markus eine Auswahl an Whiskys präsentiert.

Cocktail meets Whisky - Gruppe

Die Atmosphäre ist sehr lässig, entspannt, man merkt, dass sich der eine oder andere schon kennt. Da wird laut geredet und gelacht, diskutiert und palavert – in manch einer Veranstaltung musste ich mich zum Räuspern aus dem Raum begeben, weil sonst die anderen Teilnehmer einen vorwurfsvoll anschauen; hier gibt es das nicht.

Was gab es zu trinken? Markus Hawner legte einen Schwerpunkt auf Roggenwhiskeys aus den USA, und ergänzte dies durch Whiskys aus der alten Welt. Entsprechend begann der Abend mit den amerikanischen Straight Rye Whiskeys Jim Beam Rye, Knob Creek Rye und 1776 Rye, dazu kam als Übergang der irische Vertreter Knappogue Castle 12, und am Ende die schottischen Black & White und Kilchoman Single Malt, die zeigen sollten, dass auch Scotch sich vor Cocktailvermischung nicht zu hüten braucht.

Cocktail meets Whisky - Auswahl

Zu jedem Whisky gab es eine kurze Einführung, Erklärung über die Produktion und die Basismaterialien, sowie ein paar Hinweise zu den zu erwartenden Aromen und Geschmäckern. Markus passt sich dabei dem zu erwartenden Kenntnisstand seiner Besucher an – man wird also nicht mit zuvielen Spezialistendetails überfrachtet, sondern bekommt einen kurzen, knackigen Überblick über einen Whisky und hat dann entsprechend mehr Zeit, sich selbst in der Verkostung ein Bild zu machen und mit den anderen Teilnehmern darüber zu diskutieren.

Cocktail meets Whisky - Gastgeber

Nun hieß der Abend ja nicht „Whiskey meets Whisky“, sondern „Cocktail meets Whisky“, und so wurde nach jeder Probe ein Cocktail angeboten, der genau diese Spirituose beinhaltet. Beispielsweise wurde zum Knob Creek Rye ein Dry Manhattan empfohlen – meine kleine Befürchtung, dass der immer noch sehr weit verbreitete Irrtum, dass ein Cocktail immer ein Liter Saft mit etwas Schnaps ist, hier fortgeführt werden könnte, hat sich da schnell in Luft aufgelöst – hier wurden klassische Rezepte gezeigt. Eugenia Schmidt, eine Cocktail-Amateurin im besten Wortsinn (nämlich jemand, der das liebt, was er oder sie tut), gab neben den von ihr auf professionellem Niveau gemischten Drinks noch den einen oder anderen Hinweis auf den Hintergrund des Cocktails, mit möglichen Twists oder Alternativrezepten.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 1

Natürlich schadet auch ein Longdrink nicht – der angebotene Horse’s Neck war eine tolle Erfrischung nach all dem trockenen Whisky. Hübsch angerichtet mit der namensgebenden, langen, über das Glas hinaushängenden Zitronenzeste konnte auch hier die Bartenderin voll überzeugen.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 2

Bei soviel Schnaps muss auch etwas gehaltvolleres her. Nach 3 Whiskys gab es eine kleine Pause, in der der Gastgeber das Fingerfood-Buffet eröffnete. Wraps, Datteln im Speckmantel, Pesto-Tortellini-Spieße und Schinken- und Käseschneckchen waren neben der kleinen Käseplatte ein idealer, fetthaltiger und sehr leckerer Grund, auf den man für den Rest des Abends weiter aufbauen konnte. Alles hausgemacht und in mehr als ausreichender Menge vorhanden.

Cocktail meets Whisky - Fingerfood-Buffet

Mit das prägendste Element des Abends war allerdings die musikalische Untermalung durch Pascal Saar, der mit seiner Cajon-Drumbegleitung Marvin Waldemar und irischen Folk-Klängen viel Rhythmus in die Veranstaltung brachte. So fühlte man sich stellenweise wie in einem irischen Pub, nicht mitzusingen war zu fortgeschrittener Zeit bei einigen Klassikern wie „Whiskey in the Jar“ und „The Wild Rover“ praktisch unmöglich. Großartige Unterhaltung!

Cocktail meets Whisky - Band

Kurz und bündig zusammengefasst – ein rundum gelungener Abend, der beweist, dass man über die Gefahren des Alkoholtrinkens sagen kann, was man will: Er ist auch, und vor allem, ein Kulturgut, das Leute zusammenführt und dazu bringt, das Leben etwas leichter zu nehmen und zu zelebrieren. Sehr gern werde ich in Zukunft weitere Veranstaltungen von Whiskytruhe besuchen.

A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum Titel

Kurz und bündig – A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum

„Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“

So ein Aphorismus, den Sunzi in seinem Buch „Die Kunst des Krieges“, heutzutage verkommen zur neoliberalen Managerbibel, formuliert hatte. Tatsächlich ist das ein kluger Gedanke, und so mache ich mich auch auf, meinen Feind besser kennenzulernen. Die Produkte des dänisch-amerikanischen Herstellers A.H. Riise stehen auf meiner Liste der Staatsfeinde ganz oben, und so landen entsprechend nun zwei Abfüllungen dieses Hauses, gegen das eine Schokoladenfabrik wie ein Diabetikerzentrum wirkt, bei mir im Glas. Diese Besprechung basiert auf 4cl-Samples, weit mehr als genug für diesen Rum.

Beginnen wir mutig mit dem A.H. Riise Non Plus Ultra, angeboten in einem spektakulären Glasdekanter. Da man nichts über den Rum in diesem Gemisch weiß, als dass er von den amerikanischen Jungferninseln stammt (die Altersangabe „der älteste und beste, den wir haben“, die auf dem Karton zu finden ist, zähle ich mal nicht ernsthaft), gehe ich davon aus, dass auch ein Schuss Färbemittel den Weg in die Flasche gefunden hat. Eine schwere Öligkeit sorgt für schönes Schwenkverhalten im Glas.

A.H. Riise Non Plus Ultra

Die Nase erkennt eine schwere Süße, Toffee, Shortbread, Zuckerwatte – ein bisschen künstlich. Ein buttriger Unterton ist vorhanden, aber auch eine gewisse leicht säuerliche Fruchtnote. Ein leichter Lackton schwingt mit, und ein erkennbarer Ethanolgeruch.

Im Mund hat man dann halt alles mögliche, aber keinen Rum. Da ist Orangenaroma, künstliches Vanillearoma und Zucker. Der Rum hält nichts, was die Nase vielleicht noch versprechen mag. Praktisch kein Körper, keine Tiefe, alles klebt an der Oberfläche wie ein Schwimmer am Rettungsring. Null Komplexität, man schmeckt im Verlauf nur noch Alkohol und Zucker. Ersterer ist darüber hinaus nicht eingebunden, bei 42% spürt man das.

Der Abgang ist scharf, heiß, sehr kurz. Ich will es auch nicht länger machen, als nötig – das ist wirklich schlimm; es schmeckt nicht mal wirklich schlecht, sondern einfach halt billig, schlampig und lieblos gemacht, und oberflächlich.

82 g/L Zucker ist mit einer der höchsten Werte, die für einen Rum mit dem Hydrometer-Test je gemessen wurden. Übertroffen wird er eigentlich fast nur noch vom Ron Jeremy XO und, ja, dem nun im folgenden probierten A.H. Riise Royal Danish Navy Rum. Jener macht mit 96 g/L Zucker eigentlich am Ende jeder Zuckerliste das Licht aus. Ich will ihn eigentlich gar nicht probieren, aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft.

Farblich unterscheidet er sich nicht vom Non Plus Ultra – helles Braun, mit Sicherheit gefärbt. Dieser künstliche Zuckerwatte- und Fruchtgummiunterton, den ich auch beim NPU gerochen hatte, ist hier das dominante Aroma. Wer sich von der Bezeichnung „Navy Rum“ etwas ähnliches wie einen britischen Tot erhofft hatte, verdreht die Nase. Man könnte mit viel gutem Willen, wenn man das Ethanol mal wegriecht, und die penetranten Orangen ignoriert, etwas wie Rum erkennen.

A.H. Riise Royal Danish Navy Rum

Geschmacklich ist es dann Orangenlikör. Sogar ein recht scharfer (ein grausiges Destillat muss es sein, das bei nur 40% und fast 100g Zucker noch so ziept!), unausgewogener, ohne jedwede Form der Komplexität – die arme dänische Marine. Im Abgang schmecke ich noch alte Socken und Kautabak, sogar eine leicht käsige Note. Ne, also wirklich. Am Ende dann doch noch ein kleines Highlight – der scharfe, kratzige Abgang ist sehr kurz. Leider pappt der pure Zucker einem noch minutenlang den Gaumen zu, ohne jedwedes Aroma.

Absurde Mondpreise werden für diese beiden Zuckersuppen aufgerufen – ich gebe einen Tipp. Man kaufe sich Rumaroma und E150a im Supermarkt, vermische das mit einer dreiviertel Flasche Vodka und gieße den Rest mit Zuckersirup auf. So zahlt man, nimmt man einen vernünftigen Vodka (obwohl selbst das nicht nötig ist, um das Geschmackserlebnis zu replizieren), unter 10€ statt 100€, hat aber ein von Geschmack und Qualität sehr vergleichbares Produkt im Glas. Will man noch was fürs Auge: einen opulenten Dekanter, wie den in dem der Non Plus Ultra geliefert wird, bekommt man auf dem Flohmarkt nachgeworfen.

Meine Kritik würde nicht ganz so ätzend ausfallen, würden die Hersteller sich dazu bequemen, statt „Rum“ einfach „Rumlikör“ oder „stark gesüßte Spirituose auf Rumbasis“ (am ehrlichsten wäre aber „mit Rum versetzter Zuckersirup“) aufs Etikett zu schreiben, und 20€ für den Liter zu verlangen. Selbst dann würde ich aber vom Kauf abraten, denn: das Zeug  schmeckt einfach nur künstlich.