Archiv für den Monat September 2017

Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter

Maisel & Friends heißen nicht umsonst so – immer wieder treffen sie sich mit Brauern von anderen Brauereien und stellen Collaboration Brews, wie es auf bierneudeutsch heißt, her – die unterschiedlichen Sichtweisen auf Bier soll für eine gegenseitige Befruchtung in den Produkten sorgen. Nach dem in den USA bei Christian Moerlein Brewing (Cincinatti, Ohio) hergestelltem Spacetime kommt der deutschstämmige US-Brauer nun zurück in die alte Heimat: mit dem Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter soll die zeitliche und räumliche Trennung der Brauerkollegen außer Kraft gesetzt werden. Beamt es mich up, oder hat der Teleporter eine Fehlfunktion?

Eine wirklich starke Schaumentwicklung grüßt, wenn man das Bier aus der großen Dreiviertelliter-Flasche, die auch schon als Heimat für andere Maisel-Biere diente, eingießt. Porter kenne ich sonst als diesbezüglich eher zurückhaltendes Bier, hier ist der Schaum gemischtporig, und bleibt lange erhalten, später dann als helle, dichte, flache Krone auf dem Bier. Das Bier selbst ist dunkelbraun bis rubinrot, nicht ganz blickdicht.

Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter

Die Nase erfreut sich an holzig-rauchigen dunklen Kakao- und Kaffeenoten, insbesondere letzteres ist sehr präsent, wie eine Schale schon eine Weile offen dastehendes Kaffeepulver. Die Aromatik ist darunter dann eher süßlich, Beeren, Vanille, Orangen.

Das Mundgefühl ist weich, mild, cremig. Süße Anflüge von Karamell werden kombiniert mit einer dezenten Bittere, die keine Kanten hat – 39 IBU würde man wohl kaum vermuten, wüsste man es nicht. Dasselbe gilt für die Rezenz, das Teleporter ist frisch und leicht, auch etwas, was man von der Optik her nicht unbedingt annehmen würde. Die Hopfensorte Phoenix kümmert sich schließlich darum, die Gesellschaft der dunklen Gerstenmalze nicht zu stumpf werden zu lassen. 9% Alkoholgehalt machen das Teleporter zum Imperial Porter, diesen Stil sieht man nicht häufig – mir als Porterfreund gefällt das sehr.

Der Abgang hat eine attraktive dezente Schärfe, die auf der Zunge kitzelt. Feinherbe, mäßige Trockenheit, schöne Säure, leicht grasige Aromen und etwas Mineralität lassen das Bier sehr langsam und mit Bedacht ausklingen.

In diesem Bier findet man alles, was den Porter-Stil für mich so liebenswert macht, und das nicht zu knapp. Ein wirklich schön gestaltetes, rundes Bier, mit einer herrlichen Retro-Videospiel-Etikettierung, die Blicke auf sich zieht. Meine Empfehlung: Zugreifen, solange die limitierte Edition erhältlich ist!

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieses Biers.

Pisco Bauzá Aniversario Titel

Aus dem Süden der Welt – Pisco Bauzá Aniversario

Wer sich gern einen Weinbrand eingießt, der greift in der Regel zu Produkten aus Frankreich, Spanien oder Deutschland. Cognac, Armagnac, Brandy de Jerez und deutscher Weinbrand sind hierzulande leicht erhältlich und in breiter Palette vorhanden, in jeder Qualitäts- und Preiskategorie findet man etwas. Dabei landet man immer in einem vergleichsweise ähnlichen Geschmacksbild, stark gereifte Sorten stehen im Vordergrund, dunkelbraun, mit holzig-nussigen Noten und viel Weichheit. Dabei kann Weinbrand auch ganz anders – der südamerikanische Pisco wird gern weiß oder nur leicht gereift getrunken und bietet daher ein erkennbar alternatives Geschmackserlebnis, ohne den Weinbrandcharakter komplett aufzugeben.

Auf meiner Reise nach Chile, die ich bei der Teilnahme als Taster für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles erleben durfte, konnte ich sehr viele unterschiedliche chilenische Piscos probieren, und ich empfehle jedem Spirituoseninteressierten, sich diese auch in Deutschland leicht erhältliche Kategorie von Weinbrand einmal anzuschauen. Natürlich ist klar, dass nicht jeder ins Valle de Limarí bei Coquimbo in Chile fahren kann, um dies zu tun – darum habe ich mir von meinem Besuch eine Flasche eines leicht ungewöhnlichen Piscos mitgebracht. Der Pisco Bauzá Aniversario wurde zum 85. Jahrestag der Gründung der Destillerie herausgebracht. Er wird zu 100% aus Muskateller-Trauben gewonnen, die auf dem Gebiet der Familie in bis zu 1200 Meter Höhe der chilenischen Anden wachsen. In Deutschland ist der meiste Pisco, den man findet, un- oder nur leicht gereift; um so spannender war für mich, diesen vergleichsweise stark gereiften Pisco zu finden.

Pisco Bauzá Aniversario Flasche

Die Farbe im Glas wirkt heller als in der Flasche; ein mildes, weiches Sonnenblumengelb, schon fast ins Strohige übergehend, dabei völlig klar und einschlussfrei. Die Beine beim Schwenken laufen schnell und dick ab.

Der Geruch ist im ersten Anflug sehr piscotypisch, blumig und weinig, darüber liegt aber eine selbst für diesen eh schon grundsätzlich recht fruchtigen Brand eine noch süßere Obstnote nach Pfirsich und Mango. Die 48 Monate in amerikanischen Eichefässern („largamente añejado in barricas de roble americano„, so das Etikett) verpasst diesem Blend noch eine fette Vanilleschicht. Insgesamt ist das wirklich traumhaft, vielschichtig und ein Nasenschmeichler.

Pisco Bauzá Aniversario Glas

Viele Weinbrände glänzen in der Aromatik, lassen dann beim Geschmack aber hin und wieder Federn, ganz besonders bei chilenischem Pisco, so leid es mir tut, das in dieser Generalität sagen zu müssen. Auch beim Pisco Bauzá Aniversario fühle ich eine leichte Diskrepanz zwischen der herrlichen Nase und dem Geschmack, obwohl dieser immer noch gut zu überzeugen weiß. Süß und weich wie eine Wolldecke liegt er zunächst im Mund, mit schöner Frucht, weißen Trauben, eine feine Säure spielt gegen die Süße auf. 40% Alkoholgehalt, bereits ein gehobener Wert für einen Pisco, ist kaum erkennbar, im Gegenteil, er wirkt fast ein bisschen wässrig. Im Verlauf entsteht eine spannende Bittere, eventuell aus den Tanninen der Eichenfässer entstanden – mir gefällt diese zusätzliche Komplexität sehr.

Der Abgang des Aniversario weist in eine ganz andere Richtung als der bisherige Eindruck – hier wird es pfeffrig, heiß und eine milde Schwefelnote entsteht. Eine leichte Adstringenz setzt ein, die Trockenheit bildet einen netten Gegenpart zur initialen Süße. Der Nachhall ist lang und aromatisch. Man sieht – ein breites Panorama an Eindrücken, weitgefächert und spannend.

Pisco Bauzá Aniversario Detail

Die Flasche (just 2017 wurde ein sehr gelungenes Redesign der Flaschen durchgeführt) wurde beim Besuch der Destillerie von Besitzer und Master Distiller Rodrigo Bauzá für mich handsigniert. Sie weist einen Plastikschraubverschluss und leider einen Nachfüllstopp auf; ich habe mich mit Señor Bauzá darüber kurz unterhalten (ich hasse diese Dinger!), und er meinte, dass dies in Chile eine fast unumgängliche Qualitätskontrolle sei, da dort die Gefahr des Nachfüllens der Flasche mit billigerem Material wirklich bestehe, sogar eine häufig vorkommende Praxis sei.

Das folgende Cocktailrezept habe ich aus dem Buch „40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno“, das wir als Geschenk der Organisatoren des Wettbewerbs erhalten hatten, übernommen (eine Besprechung folgt). Ich habe auf meiner Chile-Reise die erfahrene Bartenderin und Erfinderin vieler Rezepte in diesem Buch, Chabi Cádiz, kennengelernt – eine höchst charmante Person, und, wie man hier beim Morriña sieht, versteht sie ihren Beruf perfekt. Danke, Chabi, ich hoffe auf ein Wiedersehen 2018 in Bulgarien!

Morriña


Morriña
1½ oz gereifter Pisco
1 oz Grapefruitsaft
1 oz Zimtsirup
Auf Eis rühren, dann in ein Glas voll Eis abseihen.
Mit einer brennenden Zimtstange servieren.

[Rezept nach Chabi Cádiz]


Am Ende möchte ich noch ein paar Eindrücke, die ich beim Besuch dieser Destillerie gesammelt habe, präsentieren. Die Fahrt ins Valle del Limarí, wo Pisco Bauzá in der Nähe des Dorfs Monte Patria seinen Heimatsitz hat, ist schon eine sensationelle Erfahrung, insbesondere, da ich zu einem Zeitpunkt dort war, wo es ungewohnt grün war in dieser normalerweise semiariden Umgebung. Die Straßen wurden immer kleiner und enger, die Dörfer immer sparsamer, die Berge steiler – man fährt gefühlt in ein Niemandsland auf knapp 1000 Meter Höhe, bis die kleine Destillerie plötzlich vor einem liegt.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 01

Man ahnt anhand der Architektur, dass hier ein kleiner, handwerklich arbeitender Betrieb auf den Besuch wartet. Das Tor wurde uns vom Besitzer, Rodrigo Bauzá, persönlich geöffnet, und vor dem Hauptgebäude wurden wir empfangen und mit ein paar Worten über die Geschichte und das dazugehörige Areal (unglaubliche 9000 Hektar, mit Weinrebenbepflanzung bis auf 1200 Meter Höhenlage) aufgeklärt. Ein sehr sympatischer, ruhiger und offener Mann, der seinen Familienbetrieb, gegründet 1925, bis ins letzte Detail kennt.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 02

Der erste Blick auf Beton- und Stahltanks, in denen die Fermentation der frisch angelieferten und auf dem Betriebsgelände zerkleinerten Traubenmaische stattfindet, der kurz darauf folgte, lässt einen erstmal dann doch daran zweifeln, wie handwerklich die Piscoproduktion hier abläuft; tatsächlich ist die Anlage aber, im Vergleich zu Riesen wie der Capel-Kooperative (über die ich in einem späteren Beitrag noch berichten werde) ein Winzling.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 03

Wandert man an diesen Stahltanks, die Rodrigo Bauzá als leichter zu reinigende, besser zu handhabende Alternative zu den Betontanks seines Großvaters installierte, vorbei, und wendet den Blick nach links, so könnte der Kontrast kaum größer sein, und der vorübergehende Eindruck der Fabrik fällt sofort von einem ab. Direkt gegenüber des Hochglanzstahls findet sich ein kleiner Weinberg, der einen Teil des Basismaterials für den hier hergestellten Pisco liefert.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 04

Die Besichtigungstour geht mit einer Fülle von Informationen weiter, die Señor Bauzá in einem netten Plauderton erzählt. Das restliche Betriebsgelände macht deutlich, wie sehr hier in kleinem Maßstab gearbeitet wird. Der Boden ist nicht asphaltiert, er ist an einem Hang gelegen, die Gebäude sind nicht für große Maschinen ausgelegt. Man fühlt sich versetzt in eine frühere Zeit, während man die von Wein- und Piscodämpfen schwangere Luft atmet und das herrliche Panorama, in das die Destillerie eingebettet ist, bewundert.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 05

Die nächste Station ist das Herzstück des Betriebs, die Destillationsanlage. Pisco Bauzá wird doppelt destilliert, und zwar in Kupferbrennblasen. Der Prozess ist diskontinuierlich. Mehrere dieser Alambiks stehen in einem kleinen Saal. An diesem Tag ruhte der Betrieb, so dass selbst das Innere dieser Apparate begutachtet werden konnte – Rodrigo Bauzá hat offensichtlich keine Geheimnisse zu verbergen, und beantwortete alle noch so detaillierten Fragen, die eine Truppe von 30 Spirituosenexperten zu stellen pflegt, mit Geduld und Fachwissen.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 06

Besonders interessant fand ich, wie der Wein, der in den Kupferbrennblasen destilliert wird, für die Produktion vorgehalten wird. Im Boden des Fasslagers ist ein riesiger Betontank eingelassen, der den Wein dieses Jahres enthält – Pisco darf nur mit diesjährigem Wein hergestellt werden, kein älterer Wein darf verwendet werden. Eine kleine Verkostungsprobe ergab, dass dieses Basismaterial vielleicht nicht den allerfeinsten, aber doch einen einigermaßen passablen Tischwein (zumindest für mich Weinagnostiker) ergeben könnte.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 07

Die letzte Produktionsstation schließlich ist nach wenigen Schritten erreicht – das Fasslager, eines von dreien, das die kleinen Fässer zeigt, in denen der Pisco Bauzá, sofern er gereift werden soll, lagert. Dabei stehen unterschiedliche Holzarten zur Verfügung, Bauzá verwendet aber fast ausschließlich amerikanische Eiche in unterschiedlichen Ausbrennungsgraden. Während die Destillerie ihren Blanco direkt in Flaschen abfüllt, und der Pisco Bauzá Especial ein Jahr in einem Fässer ruhen kann, bekommt der Reservado doppelt so lange, und, wie oben beschrieben, der Aniversario wiederum doppelt soviel Zeit dafür: Hier wird also der Alkoholgehalt (die aufgezählten Kategorien sind in Chile reglementiert) mit dem Alter gekoppelt, eine interessante Vorgehensweise. Spannend – dadurch, dass bereits beim Einfüllen in die Fässer herabverdünnt wird, bekommen die Engel in Monte Patria nur 0,2% des Fassinhalts als Anteil ab.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 08

Das kleine Besucherzentrum, das sich auch auf der Anlage befindet, besteht aus einem rustikalen Raum, in dem die Flaschen ausgestellt sind und ein kleiner, landestypischer Snack für die Besucher bereitsteht. Alle Sorten des hier hergestellten Pisco konnten verkostet werden, und das Nationalgetränk Chiles, der Pisco Sour (das Rezept ist natürlich hier auf meinem Blog in der Cocktailwelt nachzulesen), wurde hier zum ersten Mal, seit ich in Chile war, tatsächlich wie wir ihn in Europa kennen, mit frischem Eiweiß hergestellt. In einer Umgebung wie dieser schmeckt er natürlich unvergleich gut und ist mit keinem Cocktail dieser Art in Deutschland oder sonstwo auf der Welt zu vergleichen.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 09

Es war unglaublich interessant, hochspannend und unterhaltsam, was Rodrigo Bauzá uns hier zeigte. Ich danke erneut Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles für die Chance, diese faszinierende Destille in diesem wunderschönen Land besuchen zu können – dies sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Es wurde schon Abend, als wir, dann doch etwas müde und gesättigt von Eindrücken, uns im Restlicht der untergehenden Sonne und im Scheine der Mondsichel vom Hausherrn verabschiedeten.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 10

Ich bin mir sicher, dass ich eines Tages wieder nach Chile zurückkehren werde. Wer dort Urlaub machen will, sollte sich den Besuch einer Pisco-Destillerie nicht entgehen lassen, selbst wenn man sich nur rudimentär für Spirituosen interessiert. Man spürt hier, dass Pisco für die Chilenen mehr ist als nur ein Schnaps – es ist ein äußerst wichtiges Stück Kultur und aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Ich kann es ihnen nach meinen Erfahrungen dort auch wirklich nicht verdenken.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Trocken ist gerade wieder in – auch bei Cocktails wendet man sich seit Jahren immer mehr von den süßen Saft- und Sahnebomben ab, und stattdessen hin zu „dry“, „sec“ und „brut“. Was nicht bedeuten soll, dass selbst hier nicht noch Bedarf nach hochwertigen, süßen Zutaten besteht – ein paar Tropfen eines guten Kakaolikörs verleihen so manchem klassischen, sonst eher trockenen Whiskey- oder Rumdrink eine ungeahnte Tiefe.

Selbst bei Kakaolikör darf man sich nicht auf die Farbe verlassen; es gibt fast schwarze und völlig transparente Produkte dieser Art. Die  Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille bietet einen recht natürlich wirkenden, hellbraunen Farbton, der tatsächlich rein aus der Mazeration des Kakaodestillats mit weiterem venezuelanischen Kakao und ganzen, zerquetschten mexikanischen Vanilleschoten entstehen könnte. Dickflüssig fließt der Likör schon ins Glas und setzt sich dort gemächlich ab; er lässt sich kaum schwenken.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Die Nase nimmt dann nicht die erwartete Milchschokolade wahr, sondern dunklen, schwarzen Kakao, als würde man an einer Tafel 85%iger Schokolade riechen. Da ist kaum etwas Süßes, sondern dunkle Würze, Sojasauce, Sorghum und eine leichte Fermentnote. Im Nachgang rieche ich etwas Orange.

Im Mund zerläuft die Crème dann wie ein Stück Butter, natürlich sehr süß, wie von einer Crème mit über 250g/L Zuckergehalt zu erwarten. Der Kakao dominiert die Aromatik, nicht ganz so dunkel, wie es die Nase andeutete, aber auch hier findet man keine pappsüße, lila Alpenmilch, sondern einen echten Kakaocharakter. Leichte Anklänge von Vanille, etwas Orange.

Der Abgang hält sich dank des Zuckers lang am Gaumen, sehr schokoladig, aber die dauernd schon vorhandene Orange spielt nun etwas weiter vorne mit. Etwas Ingwer meine ich zu erkennen, ein mildes Kribbeln auf den Zungenseiten deuten für mich eher auf Würze als auf die gemäßigten, nur im Ansatz schmeckbaren 24% Alkohol hin.

Die Produkte von Tempus Fugit werden ohne Scheu und falsche Scham als Cocktailzutaten vermarktet; während viele Hersteller das als Ausrede nutzen, um an Qualität und Selbständigkeit in der Aromatik zu sparen, sieht Tempus Fugit dies offensichtlich als Herausforderung an. Tatsächlich funktioniert diese Crème de Cacao herrlich in Cocktails – wer es probieren will, gerade mit chinesischem Baijiu spielt dieser Likör wunderbar zusammen. Doch selbst pur, eventuell auf einem Eiswürfel, kann Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille ohne Mühe ein wunderbares Dessert abgeben.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Titel

U-Boot-Diesel in der Flasche – Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum

Wenn ich gefragt werde, welchen Rum ich Neulingen empfehle, lege ich dem Fragenden gern einen Jamaikaner vor. Ich glaube fest daran, dass man so früh wie möglich echte Rumgeschmäcker vorzeigen sollte, nicht aromatisierte und gesüßte Produkte, die man oft sonst so als Anfängerrums angeboten kriegt (die man dann selbst, als doch etwas fortgeschrittener Kenner, komischerweise oft selbst nicht mehr trinkt). Es gibt ein paar Jamaica-Rums, die sehr einsteigerfreundlich sind, wie der Appleton Rare Blend, und dabei gleichzeitig aber nicht oberflächlich oder uninteressant.

Jamaica hat aber auch ganz anderen Stoff zu bieten, der selbst dem gestandenen Profi die Knie wackeln lässt, und der als Einsteigerrum doch etwas ungeeignet wäre. Ich rede hier speziell von Hochester-Rums, die in ihrer Aromatik sehr eigen sind. Der Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum ist so ein Rum. Das Kürzel HLCF steht für „Hampden Light Continental Flavour(ed)„, und ist also eine Sortenbezeichnung der Destillerie Hampden Estate, kein generischer Rumbegriff. Derartige Rums wurden früher nach Europa, insbesondere Deutschland, zum Verschneiden verschifft, daher das Wort „continental“. Ich empfehle die Lektüre von Matt Pietreks Artikel über jamaikanische Rums, der sehr lesbar erklärt, wie die hohen Esterzahlen mancher Rums dieser Insel entstehen. Und wenn man theoretisch versteht, was da auf Jamaica teilweise passiert, und danach noch wirklich interessiert am Geschmack ist, ist man reif für den praktischen Selbstversuch…

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Flasche

Die Farbe ist dunkles, kräftiges Gold. Praktisch keine Viskosität ist erkennbar, die Beine beim Schwenken laufen sehr schnell ab. Ich beginne diese Geschmacksnotizen mit einem unverdünnten Schluck; bei 68,5% ist das sehr grenzwertig. Viele Highproof-Rums kann man immer noch halbwegs gut trinken bei dieser Stärke; ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich meiner Meinung direkt von Anfang an Ausdruck verleihe, dass der Velier Hampden HLCF 2010 nicht zu dieser Gruppe von Rums gehören wird.

Unverdünnt rieche ich auf anhieb Marzipan, Kardamom, Karamell und Toffee, sowie eine leichte Grapefruitschalennote. Unterschwellig, aber erkennbar ist da dann aber auch Teer, Diesel, Plastik. Man ahnt schon, dass das keine leichte Geschmacksverkostung sein wird.

Wie gesagt, zunächst ein Versuch unverdünnt in voller Stärke. Im Antrunk denkt man hier noch, hm, ja, das ist schön süß und angenehm. Das war aber nur die Zundschnür – die Bombe geht dann schnell hoch und lässt einem das Zahnfleisch im Munde zusammenziehen, die Fußnägel aufrollen und die Augen überfließen. Superextreme Adstringenz, superextreme Trockenheit, fast ausschließlich Aromen von Teer, Zigarettenasche, verbranntem Gummi, schmorendem Plastik und Benzin. 550ppm an Estern ist nun wirklich nichts für zarte Gemüter. Da ist nichts süßes, mildes, schmeichlerisches mehr. Ich habe mich oft über die Inkompatibilität von chinesischem Baijiu mit dem westlichen Gaumen beschwert, aber ganz ehrlich – pur und unverdünnt ist der Velier Hampden HLCF 2010 an diesbezüglicher Problematik selbst jedem Starkaroma-Baijiu noch einen Schritt voraus. Dazu kommt diese extreme Kratzigkeit und deftige, und zwar wirklich deftige Säure. Ich sage das selten – das ist wirklich nicht gerade angenehm zu trinken.

Habitation Velier Hampden HLCF 2010 Glas

Unverdünnt ist der Abgang kaum erträglich in seiner Brutalität. Ich habe mich leicht verschluckt, und noch eine halbe Stunde später ein richtig übles Kratzen und Beißen im Hals davon gehabt – man achte darauf, dass dies einem nicht passieren möge, es ist keine sehr angenehme Erfahrung. Jedenfalls ist der Nachhall dann ebenso extrem wie der Geschmack – superlang, man wird die Ester eigentlich gar nicht mehr los.

Ich halbiere nun die Trinkstärke mit Wasser. Weniger macht, nach dieser Erfahrung, keinen Sinn. In der Nase wirkt der Velier Hampden HLCF 2010 nun etwas muffig, nach Schuhleder, dabei etwas mentholig und fruchtiger als zuvor. Williamsbirne, Pflaume, Honigmelone. Beim Geschmack bin ich mir sicher, dass man das in China als Baijiu verkaufen könnte, und keiner würde es merken – da ist Fenchel, Menthol, Heu, Leder, Tabak und Rosinen, die teerig-schmutzigen Komponenten sind immer noch sehr präsent, aber erkennbar abgemildert. Insbesondere die extreme Kratzigkeit ist kaum noch da. Im Abgang ist noch immer eine wilde Säure vorhanden, und Trockenheit und Adstringenz sind ebenso noch stark ausgeprägt.

Nun, was soll ich sagen? Für mich persönlich ist das kein Rum, den ich gern pur trinke. Er ist einfach zu wild, ungebändigt, unzivilisiert, aggressiv, streng und hart. Die Ester sind interessant zu entdecken, aber es reicht einem dabei auch ziemlich schnell, der Killerinstinkt des Velier Hampden HLCF 2010 macht jede freundliche Annäherung zunichte. Wer also an Sipping-Rums interessiert ist, macht besser einen sehr sehr weiten Bogen um diesen Jamaikaner. Nur wirkliche Aficionados mit viel Ausdauer, Leidenspotenzial und dem Willen, diesem jungen Affen entsprechende Mittel entgegenzusetzen, werden etwas Freude an ihm haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit ist unbestritten; die Drinkability ist dabei auf der Strecke geblieben.

Für mich wird er ein Prachtstück in Tiki-Cocktails werden. Selbst dort allerdings, wo man starke Rumaromen schätzt, kann er aber zur Last werden, daher ist immer Aufmerksamkeit angesagt. Ein atmosphärisch passender Cocktail ist der The Lost U-Boat. Was mag ich an diesem Cocktail am liebsten? Es ist der Name: Das verlorene Unterseeboot. Er erweckt in mir Tiki-Gefühle wie kaum ein anderer Cocktail, nach den grell kolorierten Abenteuer- und Horrorfilmen der 50er und 60er Jahre, nach „Voyage to the Bottom of the Sea“ und „Der Mann aus Atlantis“. Und ein Rum wie der Velier HLCF sorgt dafür, dass das U-Boot einen Extraschub Energie kriegt, den man schmeckt und spürt.The Lost U-Boat


The Lost U-Boat
2 oz Rum (z.B. Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum)
½  oz Limettensaft
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Jägermeister
½ oz Holunderblütenlikör
2 Spritzer Angostura
4 Tropfen Orangenblütenwasser
Auf Eis shaken, in ein Tiki-Mug mit crushed ice abseihen. Mit viel Grün dekorieren.
[Rezept nach Frederic Yarm]


Nun, was lerne ich daraus? Die erste, etwas unerwartete und überraschende Erfahrung ist, dass ich Baijiu nun mit etwas anderen Augen sehe: das, was mich daran immer etwas überfordert hat, sind tatsächlich Ester, die man auch bei anderen Spirituosen findet. Mein Ratschlag daher – wem dieser Rum schmeckt, sollte sich allerdringendst mit der chinesischen Nationalspirituose bekannt machen. Die zweite ist, dass man es mit Rum auch etwas übertreiben kann, was die Extreme angeht; wir bewegen uns in einem Gebiet, das nur noch echte Rumfanatiker begeistern kann, und selbst dort wird man auf viele entsetzte Gesichter treffen.

Doch, und damit schließe ich, muss man Velier dafür dankbar sein, dass sie ein derartiges Experiment durchgeführt und uns diesen Rum bereitgestellt haben. Anders wäre man kaum je an die Möglichkeit gekommen, einen derart esterlastigen Rum kennenzulernen, und auch das Mundgefühl, das dazu gehört. Ich bin froh, ihn zuhause zu haben; er wird als Austellungs- und Probierstück immer eine Referenz des jamaikanischen Hochesterrums für mich sein.

Rum Curious Titel

Neugierig auf Rum – Fred Minnicks „Rum Curious“

Ich kaufe nur noch selten Bücher aus Papier. Einst war ich eine Bibliotheksratte und liebte es, mit dem Finger über die Reihen und Reihen von Büchern, mit denen ich meine Wände pflasterte, zu streichen und konnte mir im Leben nie vorstellen, nur noch elektronisch zu lesen. Das haptische Gefühl! Der Geruch! Das Umblättern! Wie kann sowas durch ein schnödes Gerät ersetzt werden, das Papier durch einen Bildschirm? Nun, die Zeiten ändern sich, und ich mich mit ihnen. Inzwischen weiß ich zu schätzen, dass auf meinen eBook-Reader mehr Bücher passen, als ich im Leben lesen kann, alle in der Tasche dabei wohin es auch geht. Und der ganze Platz, der durchs Verschenken, Verkaufen und Wegwerfen der Papierbücher entsteht, wird nun frei für Flaschen voller Spirituosen und Gläser.

Ein paar Bücher habe ich dennoch gern in der physischen, gedruckten Form vor mir liegen – keine Romane, auch selten Fachbücher, aber wenn es um Spirituosen und Cocktails geht, dann blättere ich immer noch gern im Papier, insbesondere, da derartige Bücher gern etwas opulenter aufgemacht sind, mit festem, dicken Papier, guter Bindung und vielen Fotos. Hat es sich rentiert, dass ich mir Rum Curious von Fred Minnick, der eigentlich mehr als Bourbon-Spezialist bekannt ist, in dieser altmodischen Ausgabe zugelegt habe?

Rum Curious Cover

Das Leseerlebnis ist zweigeteilt. Die ersten 80 Seiten enthalten einen Abriss über Geschichte und Produktionsprozess bei Rum – wer sich nicht als totaler Laie in die Lektüre begibt, erfährt nicht extrem viel neues, der Inhalt ist aber sehr lesbar aufbereitet und mit vielen attraktiven Fotos versehen. Eine schöne, gelungene Kurzzusammenfassung über Rum, möchte ich sagen.

Besonders hervorheben möchte ich darüber hinaus einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben. Erstens, Minnicks Position gegenüber dem Manipulieren von Rum. Er lässt nichts aus diesbezüglich, wählt sehr klare Worte und ist auch ausführlich genug, so dass das Thema nicht als kleines Randproblem erkennbar ist. Dabei bleibt er aber einigermaßen neutral und lässt auch in Zitaten die Gegenposition der Nachsüßer zu Wort kommen (die sich dabei aber, praktischerweise, meist selbst entlarven).

Rum Curious Innenseiten 1

Aufgrund einer hitzigen Diskussion, die ich neulich bei Facebook im Ministry of Rum führte, möchte ich Minnick auch extra dafür danken, dass er explizit klarstellt, dass Batavia Arrack und Cachaça kein Rum sind – Zuckerrohrbrände, ja, aber kein Rum. Seine Erklärung diesbezüglich ist klar, stringent und verständlich.

Vom Guten zum Schlechten – die andere Hälfte des Buchs, eigentlich mehr zwei Drittel sogar, ist leider nur wenig spannend. Sie besteht aus Bleiwüsten. Es werden viele Rums aufgezählt, dazu Tasting Notes und eine numerische Bewertung in der Skala von 1 bis 100 abgegeben (wobei die schlechteste Note eine 60 ist –  wozu dienen die restlichen 60% der Skala?). Leider ist nur bei einem winzigen Bruchteil ein Bild vorhanden. Wie ich schon zu reinen Rezeptbüchern, die einfach nur Rezept nach Rezept auflisten, schrieb – sowas ist recht nutzlos und wäre auf einer Webpage mit Suchfunktion besser aufgehoben (oder eben in einem indexierten eBook). Wäre wenigstens zu jedem Rum noch eine Anekdote oder ähnliches vorhanden, könnte ich damit leben. In der vorliegenden Form enttäuscht es einfach nur maßlos.

Rum Curious Innenseiten 2

Nützlich finde ich, dass Minnick auch Spiced Rum berücksichtigt, und diesem einen separaten Bereich mit einer separaten Bewertungslogik gönnt. Viele der gereiften südamerikanischen Rums würden eigentlich auch in diesen Bereich gehören, aber diesen Schritt wagt er nicht, das wäre allerdings vielleicht auch zuviel verlangt.

Auch wäre ich dem Autor sehr dankbar, wenn er seine pseudowitzigen Sprüche lassen könnte, die er immer bringt, wenn er persönlich meint, ein Rum sei „nicht zum mixen“. Schon allein die Idee finde ich bei einem Spirituosenprofi seltsam, vor allem, da er keinen Grund für diesen immer wieder auftretenden Einwurf bringt; da ist Dave Broom mit seinem Buch näher an meiner Meinung, dass es keine Spirituose gibt, die „zu gut“ fürs Verwenden in Cocktails wäre – höchstens zu teuer für den einen oder anderen. Je besser die Zutat, um so besser der Cocktail.

Das Buch schließt mit ebensolchen Cocktailrezepten, meist Klassiker, aber auch viele mir noch unbekannte Rezepte, die ich bald nachkochen werde. Ein Anhang mit einer Liste bekannter Destillen und deren Produktionsweisen ist eine tolle Sache, die ich sehr nützlich als Nachschlagewerk finde; kleine Fehler, die sich selbst einem Profi einschleichen, gehören leider dazu – Gosling’s süßt doch, Barbancourt auch.

Nun habe ich vielleicht das Buch auch einfach nur falsch gelesen – der Untertitel sagt mir, dass es sich um einen „Tasting Guide“ handelt. Und das ist er sicherlich. Wer also nach Geschmackshinweisen für viele Rums sucht, und nebenbei noch ein bisschen über Rum lernen will, der ist mit diesem Reiseführer durch die Rumgeschmackswelten bestens bedient.

Spirits Selection 2017 Chile Titel

Chi chi chi, le le le! Viva Chile! Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017

Der Sommer 2017 war ein sehr aufregender für mich – ich wurde mit einer Einladung geehrt, als eines von 66 Jurymitgliedern aus aller Welt am renommierten Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilzunehmen. Wie man schon am Ceacheí im Titel erkennen kann, war das diesjährige Gastland das südamerikanische Chile.

2017 fand der global herumreisende Wettbewerb nun also mit mir als kleinem Seitenakteur in La Serena, der viertgrößten Stadtagglomeration Chiles, statt. Man mag sich ausmalen, dass bereits die Anreise ein Abenteuer für sich war: 8700 Kilometer nach Dallas/Texas, um dort umzusteigen, dann weitere 8300 Kilometer nach Santiago de Chile, und ein letzter Inlandsanschlussflug dann nach La Serena. Knapp 40 Stunden dauerte diese Reise, die mich von Europa, über das Überfliegen der Südspitze Grönlands bis tief in die Südhalbkugel unserer Erde führte. Eine Weltreise, die ich dank des freundlichen Personals von American Airlines gut überstand.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Reise LandkarteNun will ich keinen Reisebericht über Chile schreiben, obwohl das Land mich vom ersten Moment an bezaubert hat. Wer die Chance hat, es zu besuchen, sollte es auf jeden Fall tun, insbesondere, wenn man sich für atemberaubende Natur begeistern kann – Chile hat ein Längen-Breitenverhältnis von 21:1, und entsprechend findet man hier von der trockensten Wüste der Welt im Norden bis zum gemäßigten Regenwald im Süden alles; darüber hinaus weist Chile die klarste Luft der Welt auf, was sich in vielen Sternenobservatorien äußert (leider erwischten wir bei unserem Besuch bei einem solchen den einzigen bewölkten Tag des Jahres). Die Menschen, nur 23 von ihnen pro Quadratkilometer,  sind freundlich, zurückhaltend, gleichzeitig stolz auf ihr Land und seine Produkte.

Eines dieser Produkte ist Pisco. Entsprechend der Verortung in Chile hatte Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles natürlich auch ein besonderes Augenmerk auf diesen Weinbrand gelegt. Am ersten Abend des Wettbewerbs konnten eine Vielzahl der Hersteller an einer Soirée ihre Brände präsentieren, und die beeindruckende Spannbreite darlegen, die der chilenische Pisco aufzuweisen hat. Cocktails mit Pisco, chilenische Snacks (zum Beispiel herausragende chilenische Empanadas mit Meeresfruchtfüllung), viele Reden der lokalen Orts- und Verbandsvorsteher und der Versuch, ein paar der anderen Juroren kennenzulernen, sorgten dafür, dass kaum Jetlag bei mir entstehen konnte, bevor ich dann doch erschöpft im Hotel Club La Serena, nur wenige Schritte vom Strand des Pazifik entfernt, ins Bett fallen konnte. Der Pazifik sorgte dann für eine sehr angenehme Geräuschkulisse über Nacht, und der Ausblick morgens vom Balkon des Zimmers im siebten Stock für sofortige gute Laune.

Blick auf den Pazifik vom Balkon des Hotelzimmers in La Serena

Die Kommunikation begann am nächsten Morgen, beim Frühstück, der wichtigsten Mahlzeit eines Spirituosentesters, wenn man bereits um 09:00 morgens mit dem Verkosten beginnen soll. Eine gute Basis legen ist Pflicht, selbst wenn die Samples, die man vorgesetzt bekommt, natürlich nicht vollkonsumiert werden, sondern nach der ausführlichen Geschmacksprobe in einem Cuspidor landen – vulgo Spucknapf. Bei der durchschnittlichen Menge von 35 Spirituosen, die es pro Tag zu bewerten galt, ist das auch nicht anders möglich. Für mich ein kleiner Mangel, denn das Rachen- und Nachhallgefühl, das erst durch das Schlucken eines Getränks entsteht, entgeht einem dabei natürlich.

Spirits Selection Umhänger

66 Juroren waren also angereist, aus 22 Ländern. Diese wurden dann in kleinere Gruppen von je 6 aufgeteilt, die sich jeweils gemeinsam über dieselben Proben hermachen sollten. Zu Beginn jedes Verkostungstags fand noch eine sogenannte Kalibrierung statt, in der eine einzelne Probe dazu dient, ein gemeinsames Gefühl über Qualität in der jeweiligen Gruppe zu erzeugen. Das Vorgehen des Verkostens selbst ist einfach – auf einer numerischen Skala galt es, jeder blind servierten Probe (selbst im Nachhinein erfährt der Verkoster nicht, was er da im Glas hatte) einen Wert bezüglich Farbe, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck zu verpassen; die Einzelwerte werden summiert und ergeben somit einen Gesamtwert auf einer Skala von 1 bis 100. Die 6 Bewertungsbögen wurden dann eingesammelt, und die Wertungen nach dem Winsorizing-Verfahren von Extremwerten bereinigt – dies verhindert, dass einzelne Werter eine Spirituose übermäßig anheben oder extrem abwerten können. Der entstandene Durchschnittswert der 6 Juryteilnehmer wurde im Anschluss gemeinsam in der Gruppe besprochen.

Spirits Selection Chile 2017 Jury 2 Gruppenfoto

Der letzte Schritt bestand darin, den besonders gut bewerteten Spirituosen dann Medaillen zu vergeben – Silber, Gold und Grand Gold standen dabei zur Verfügung. Nur wenn ein jeweils bestimmter Schwellwert überschritten wurde, konnten diese Medaillen zugewiesen werden, doch jeder Juror konnte natürlich in einem demokratischen Mehrheitsverfahren seine Meinung äußern. Nur einmal war die Diskussion etwas komplizierter, weil die Geschmäcker über ein Sample zwischen „keine Medaille“ und „Grand Gold“ schwankten. Da ist dann der Präsident des Tischs gefordert, einen Konsens herbeizuführen. Dieser Präsident ist immer ein erfahrener Veteran des Wettbewerbs, der sein Wissen und Können bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, und entsprechend eine gewisse Autorität darstellt.

Spirits Selection 2017 Chile Urkunde

Der Prozess liest sich insgesamt recht einfach, doch ich gebe gern zu, dass ich zu Beginn meine Schwierigkeiten damit hatte. 1140 Spirituosen sollten in toto bewertet werden, das bedeutet grob über 100 für unsere Gruppe, aufgeteilt auf 3 Tage. Dass dabei nicht wirklich viel Zeit bleibt, jede Nuance eines Brands auszuschnüffeln und herauszukitzeln, ist selbstredend – man hat als Taster kaum Muße, sich einem Produkt wirklich hinzugeben und es in Breite und Tiefe zu würdigen. Nein, man muss fokussiert bei der Sache sein, sich extrem auf den eigenen Gaumen konzentrieren, sich nicht ablenken lassen und streng mit sich selbst sein. Es geht schließlich nicht darum, detaillierte Tasting Notes zu verfassen, sondern um eine Einordnung. Gerade zu Beginn fiel mir das schwer, doch dank der großartigen Mitstreiter am Tisch lernt man schnell, sich in den entsprechenden Flow zu begeben und dort zu versinken. Vielen Dank für Eure Kollegialität, José Rafael Arango Ordóñez (Kolumbien), Jesús Bernad (Spanien), Bruno Sanfilippo (Frankreich), Bruno Pilzer (Italien) und Felipe Rojas Bruna (Chile)!

Verkostung Spirits Selection Chile 2017

Zum ersten Mal beim Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles präsentierten die Organisatoren ein Buch, das Hinweise für alle Spirituosengattungen, die am Wettbewerb teilnahmen, klar verständlich darlegte. Was sind sortentypische Geschmäcker und Aromen, was sind Fehltöne, worauf muss man achten, was ist ein Zeichen von Qualität und was könnte auf einen Mangel hindeuten? Welche Varianten gibt es, und wie unterscheidet man sie? Eine sehr wertvolle Ressource, insbesondere, da es soviele verschiedene Gattungen zu bewerten galt. Auf meinem Zettel beispielsweise stand am Ende Tequila Blanco, Mezcal Añejo, Baijiu, Armagnac hors d‘âge, Cognac VS, Cognac XO, Contemporary Style Gin, Bitter, weißer Rhum Agricole, leicht gereifter Rhum Agricole, Cachaça Armazenada Jequitibá, gereifter Melasse-Rum, mit Banane und Passionsfrucht aromatisierter Rum, Anisette und Wermut. Damit kenne ich mich zwar größtenteils aus, doch in manchen dieser Kategorien war ich für entsprechende Hinweise aus dem Buch dennoch sehr dankbar.

Spirits Selection 2017 Chile Handbuch

Ein zweites Problem für mich, der ich in meinen Artikeln nie eine Note oder absolute Zahl als Bewertung vergebe, ist die Einordnung in eine Skala. Ich glaube nicht daran, den Wert oder die Bedeutung einer Spirituose in Zahlen messen zu können; ich beschied mich am Ende darin, und sah das Vorgehen als Mittel zum Zweck an, eine gemeinsame Basis für die Medaillenvergabe, die der eigentliche Sinn des Wettbewerbs ist, zu finden. Tatsächlich war es spannend zu beobachten, wie ähnlich sich viele Bewertungsbögen, in die ich ab und an kiebitzte, waren – in der Gruppe, in der ich mich befand, waren wir sehr oft auf einer Wellenlänge, was die Beurteilung anging, nur ab und zu gab es deutliche Abweichungen. Ein gutes Zeichen, würde ich sagen!

Spirits Selection 2017 Chile Verkostungssaal

Nach der Verkostung am Vormittag (4 Stunden wirklich anstrengende Arbeit!), war der Nachmittag der Rekreation gewidmet. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles hatten sich alle Mühe gegeben, uns den Aufenthalt in Chile mit einem üppigen Rahmenprogramm zu versüßen. Ausflüge zu Destillerien (zum Beispiel zu Pisco Bauzá, oder in die Pisco-„Fabrik“ der Capel-Kooperative, über beide werde ich separate Artikel verfassen), oder naturnäher in das Valle de Elqui und in das dank einiger Monate üppigen Regens ungewohnt grüne und blühende Valle del Limarí, immer verbunden mit entsprechenden Empfängen der lokalen Politik und dazugehörigen Dinnern und Lunches, waren höchst beeindruckend. Besonders möchte ich hierbei unserem Tour Guide Marcelo Valenzuela danken, der mit viel Humor und noch mehr Wissen über Chile diese Touren für mich persönlich unglaublich wertvoll und unvergesslich machte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Folklore Chile TanzIch habe bei dieser Reise so viel gelernt, dass ich es kaum verarbeiten kann. Das wunderbare Chile spielte seine Rolle als Gastgeber mehr als perfekt, es empfing uns mit offenen Armen und viel Herz. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles haben es geschafft, die Abläufe des Spirituosenwettbewerbs flüssig und wie ein Uhrwerk zu timen, und uns Juroren dabei noch großartig zu unterhalten. Und schließlich habe ich eine Menge von außergewöhnlichen Menschen kennenlernen dürfen, deren Wissen und teilweise jahrzehntelange Erfahrung über Spirituosen mich doch etwas demütig gemacht hat, die aber gleichzeitig nie arrogant oder abgehoben waren, sondern aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. Ich glaube, dass ich sogar ein paar davon als Freunde gewonnen habe.

Spirits Selection 2017 Chile Gruppenfoto

Am Ende der Veranstaltung wurde dann der Austragungsort des nächsten Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles bekanntgegeben – Plovdiv, Bulgarien. Sollte ich auch 2018 eingeladen werden, an diesem spannenden Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, werde ich ohne darüber nachdenken zu müssen zusagen. Sollte es nicht klappen, wünsche ich meinem Nachfolger, dass er oder sie mindestens so viel Spaß und Erkenntnisgewinn aus dieser Veranstaltung ziehen kann wie ich. Ich für meinen Teil danke den Organisatoren für die Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Plovdiv 2018.

Alles Gute geht zuende, und auch der Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Chile war nach 5 verrückten, spannenden, lehrreichen und anstrengenden Tagen vorbei. Die Rückreise, erneut um die 40 Stunden, erneut um die 17500 Kilometer, führte mich dann via Dallas über den Tropensturm „Harvey“, der Südtexas mit Überflutungen überzog, hinweg, wieder nach Saarbrücken, wo bereits das nächste Flugzeug auf mich wartete, um mich nach Kreta zu bringen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Brewbaker Berliner Handwerksbrauerei Titel

Ick freu mir wie Bolle über Jeschenke – Brewbaker Berliner Blut, Berliner Nacht und Berliner Art

Wir Blogger tauschen uns gerne aus über unsere Themengebiete. Ich habe Alice Wunder vom Blog meinedrogenpolitik als fachkundigen und unterhaltsamen Gegenpart in vielen Diskussionen kennengelernt, und einmal einen Artikel auf jenem Blog als Gastbeitrag veröffentlicht. Die „Entlohnung“ dafür, eigentlich mehr ein kleines Freundschaftsgeschenk,  waren 3 Flaschen Berliner Craftbieres, die ich hier nun besprechen will. Im Sinne der Bloggerpartnerschaft gebe ich allerdings die Ehre der Einleitung nun an Alice Wunder weiter.

Brewbaker Craftbeer begegnete mir zum ersten mal bei einem Besuch in der Arminius-Markthalle vor fünf oder sechs Jahren. Dort standen die Braukessel von Brewbaker und es gab vom Faß Berliner Nacht, ein Imperial Stout. Ich hatte beiläufig vom Trend des handwerklichen Brauens gelesen, aber darüber hinaus keine Ahnung, was an einem Stout besonders kaiserlich sein sollte. Aber ich mochte britisches Schwarzbier ab und zu mal gern, beim Irlandurlaub hatte ich gelernt, daß Stout eine schöne Abwechslung sein kann, um die Zeit zwischen Tee und erstem Whiskey zu überbrücken. Das Berliner Imperial Stout aber war für mich ein Erweckungserlebnis, das könnte ich gerne jeden Tag trinken und dafür lebenslang auf Schwarztee und Whiskey verzichten. Bitter, teerig, staubtrocken und dabei samtig, sahnig und sättigend, wie ein Getreidemüsli. Und schnell auf nüchternen Magen weggezischt, macht ein halbes Glas dank 9% Alkohol weiche Knie im Sitzen.
Beim Trinken erhielt ich noch eine kurze Einführung in Bierkultur. Ich war Michael Schwab, einem Braumeister auf Heimatsuche, begegnet. Die eigenen Kessel sind des Brauers Heiligtum, leidenschaftlich schimpfte er auf Großindustrie und verächtlich blickte er auf Kuckucksbrauer herab. Inzwischen weiß ich auch warum: Der Herr über die Brauerei bestimmt die Hefe. Wer als Gast braut, darf Körner und Bitterkräuter mitbringen, soviel er will, aber niemals den heimischen Hefestamm durch fremde Kulturen infizieren. Früher, als jedes Dorf seine Brauerei und jede Brauerei ihren Hefestamm hatte, schmeckte jedes Bier individuell. Die heutigen Großbrauereien, die ihre Kulturen aus zentralen Zuchten beziehen, sind damit Verbreiter der Eintönigkeit. Die Eigenständigkeit aber hat ihren Preis. Die eigene Brauerei, inzwischen ein paar Straßen weiter in eigener Halle, erzeugt keine großen Mengen, aber macht viel Arbeit. Da blieb auch nicht viel Zeit, sich mit geschicktem Marketing auf der anrollenden Craftbeer-Welle zu positionieren.
Brewbaker ist ein wenig ein Geheimtipp geblieben, wenn frische Ware beim Dealer in der Nachbarschaft eintrifft, sind die Kisten schnell leergekauft. Denn ich – und etliche andere Moabiter – halten Brewbaker für eine der besseren Handwerksbrauereien in Deutschland. Die Produkte haben einen unverwechselbaren Charakter, immer sehr herb, sozusagen bierernst, im Gegensatz zu fast schon frivol fruchtigen, amerikanischen Ales. Aber genauso hochwertig und komplex. Ich würde sagen, Brewbaker-Biere schmecken immer sehr deutsch, man kann die meisten Kreationen auch in einem Haushalt mit Kindern offen herumstehen lassen, ohne den Jugendschutz zu vernachlässigen. Die stärkeren Biere schmecken mir besser, denn sie haben ein Fundament, das den Hopfenangriff abfedert. Damit entlarve ich mich als Laie und reiner Genußtrinker, denn überregionales Lob bekam Brewbaker für seine Berliner Weisse, ein beeindruckendes Bier, das aber für mich ganz klar zu sauer und zu schwach ist.

 

Danke, Alice Wunder, sowohl für das Bier als auch die einleitenden Worte. Nun aber zügig ans Eingemachte! Wir haben schließlich was vor heute – Brewbaker Berliner Blut Double Smoked Red Ale, das schon von Alice Wunder angesprochene Berliner Nacht Imperial Stout und das Berliner Art Double IPA wollen verkostet werden!

Brewbaker Berliner Blut, Berliner Nacht und Berliner Art

Wir beginnen die Verkostung mit dem, was mir vom Namen und Bierstil her am meisten Spannung versprach – dem Berliner Blut. Dabei handelt es sich um ein Double Smoked Red Ale mit 9% Alkoholgehalt und üppigen 50 Bittereinheiten. Uns begrüßt nach dem Eingießen ein superfeiner Schaum, der eine lange Ausdauer aufweist. Man sieht die namensgebende schöne rotbraune Farbe, die nach einem Schwall Satz am Ende (ich gehe davon aus, dass es sich um Hefe handelt) fast völlig blickdicht ist, und in der man die leichte Perlage schön erkennen kann.

Spannend geht es in der Nase weiter – ein wilder Mix aus scheinbar nicht zusammenpassenden Aromen von Zitrone, Hefe, Essig und Ketchup wird ergänzt durch einen hintergründigen Rauchanklang.

Brewbaker Berliner Blut Double Smoked Red Ale

Hm, das gefällt schonmal soweit, doch der wahre Woweffekt tritt dann erst beim ersten Schluck auf, da ist eine Überraschung vorprogrammiert. „Sehr rauchig“ fällt mir als erster Eindruck ein, nicht arg viel weniger salzig, speckig, essigsauer, würzig, bitter, trocken. Da gibt es richtig viel zu entdecken, eine Wohltat bei Bier, das sich sonst eher möglichst massengenehm präsentiert. Dazu kommt eine hintergründige Süße, die in Kombination mit den Voreindrücken dafür sorgt, dass das Berliner Blut sehr komplex und vielschichtig wirkt. Vollmundig, cremig im Mundgefühl, und dabei doch sehr rezent.

Im mittellangen Abgang wird es dann noch extrem trocken, rauchig, holzig, würzig. Man merkt, es gefällt mir: Ein superspannendes Bier, endlich mal wieder eins, das mich nach viel mäßig begeisterndem Zeug, das ich in letzter Zeit im Glas hatte, tatsächlich überrascht hat.

Ich hoffe ja, dass Brewbaker auf diesem sehr hohen Startniveau weitermachen kann. Drum gehe ich mit großen Erwartungen zum nächsten Bier über, dem Berliner Nacht, einem Imperial Stout mit 9% Alkoholgehalt.

Auch hier sehe ich zunächst die tolle Schaumentwicklung. Sehr dunkler Schaum, feinporig. Vollkommen blickdicht („nachtschwarz“ steht auf dem Etikett, das passt, genauso wie der Name Berliner Nacht). Leichte, sehr langsame Perlage, man kann die Perlen gemütlich aufsteigen sehen. Süßwürzig ist es vom Geruch her. Sehr fruchtig, nach Ananas und Papaya. Stiltypisch dann natürlich Cappucino, Kakao und Röstmalz. Unterschwellig Süßholz und etwas milder Speck. Ein Hauch von Rauch.

Brewbaker Berliner Nacht Imperial Stout

Im Mund ist der rauchige Geschmack im Antrunk dann deutlicher. Und für ein Imperial Stout kommt eine höchstüberraschende, ausgesprochen starke Zitronensäure dazu, die das Bier sehr rezent und frisch macht, wenn auch vielleicht etwas stiluntypisch ist. Diese extreme Säure überdeckt auch sonst beinahe alles andere, was an Aromatik vorhanden ist, und drückt die eher zu erwarteneden Aromen in den Abgang. Immerhin schafft sie es nicht, das cremige Mundgefühl zu plätten. Jener Abgang ist sehr trocken, bitter (50 IBU sind eine Hausnummer) und immer noch kräftig sauer, doch man erahnt nun wenigstens die Röstaromen. Ein Hauch Kokosfleisch fliegt am Ende noch mit durch die Nacht.

Erneut: Sehr überraschend. Dabei bin ich nicht ganz so enthusiastisch wie beim Vorgänger; diese superpräsente Zitronigkeit wirkt überwältigend und unausgewogen. Schade, dass die sehr komplexe Nase sich nicht ins Bier transportiert.

Aller guten Dinge sind drei, und Brewbaker hat daher auch noch ein Double IPA, wie schon beide anderen Biere auch mit 9% Alkohol eingebraut, im Angebot. Das Berliner Art weist auf dem Etikett die höchst erstaunliche Angabe von 120 IBU auf, das ist schon etwas Angeberei, jeden IBU-Wert, der über 100 ist, sollte man mit einem gewissen Zweifel betrachten.

Brewbaker Berliner Art Double IPA

Noch deutlicher als zuvor ist hier die extreme Schaumentwicklung, nach Ziehen des Kronkorkens quillt es schon über; beim Eingießen ins Glas bestand der erste Schuss rein aus Schaum, mit entsprechender Vorsicht ist dieses Bier zu behandeln. Immerhin: Superüppiger, großblasiger Schaum. Starke Perlage. Farblich dunkles Gold, mit deutlicher Trübung.

Ich rieche ihn in letzter Zeit bei Bier häufig, diesen metallischen Geruch. Hier ist er dominant, begleitet, von Grapefruitschale, Zitrone und Banane. Ein erster Schluck aus dem Glas, in dem die Flasche wegen des Schaums noch nicht komplett eingegossen war: Sehr sauer, extrem sauer eigentlich schon, Limette, Grapefruit. Gießt man den Rest der Flasche, insbesondere den Bodensatz, noch ein, mildert sich das ganze. Das Mundgefühl ist nun cremig und weich, die extreme Säure wird durch einen vollen, süßlichen Körper ersetzt. Die Aromen von Grapefruit und Limette sind noch da, werden aber durch Bananengeschmack und Kümmelnoten aufgefangen. Leicht rauchige Noten. Für manche bitteren Biere wird empfohlen, den Bodensatz nicht einzugießen; bei diesem Bier muss es definitiv sein.

Der Abgang ist sehr lang, sehr trocken, superbitter, stark adstringierend. Der Kümmel kommt stärker vor. Auf dem Etikett steht: „Ein Bier wie Berlin: Es ist großmäulig. Laut. Direkt. Intensiv.“, gefolgt von anderen mehr oder wenig schmeichelhaften Adjektiven, die die Intensität des und der Berliner Art ausdrücken sollen. Es passt irgendwie.

Was halte ich als Fazit für alle drei Biere fest? Das ist verdammt spannendes Zeug. In einer Zeit, in der selbst viele selbsternannte Craft-Biere sich dem Massengeschmack annähern, braucht es so mutige, unkonventionelle und vielleicht auch gewöhnungsbedürftige Produkte wie die von Brewbaker. Dass sie neben dem tollen Geschmackserlebnis noch witzig, aber nicht überdreht aufgemacht sind, und zu guter letzt sogar noch ein Biosiegel tragen, krönt das Ganze. Alice Wunder, ich will mehr davon.