Archiv für den Monat Juli 2017

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Titel

Tief in den Innereien – The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual

New York, das verbindet man heute meist mit Wolkenkratzern, dem Times Square und dem Lebensgefühl einer riesigen Metropole. Das war nicht immer so. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass die Stadt ein Schlachtfeld von rivalisierenden Banden war, die sich bis aufs Blut auf brutalste Art und Weise bekämpften. Wer den Scorsese-Film „Gangs of New York“ gesehen hat, den ich unglaublich gut finde, und vielleicht dann sogar das diesem Film zugrundeliegende Buch von Herbert Asbury gelesen hat, bekommt einen Eindruck davon, welche höchstspannende Geschichte dieser Melting Pot hinter dem modernen Glamour aufzuweisen hat. Die Plug Uglies, die Rip Raps, die Bowery Boys, die Dead Rabbits und andere Gangs leben heute noch in der Folklore weiter. Letztere dienten sogar einer Bar als Namenspaten, die als eine der besten der Welt gilt, wenn man authentische Cocktails aus der Zeit vor der Prohibition trinken möchte – The Dead Rabbit Grocery and Grog. Bill the Butcher hätte sie sicherlich kurz und klein geschlagen, wir zivilisierte Genießer dagegen wollen einen Blick auf das Buch werfen, das die Gründer Sean Muldoon und Jack McGarry zusammen mit Texter Ben Schaffer herausgebracht haben.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Cover

Der erste Eindruck des The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual überzeugt – die Materialien sind wohlgewählt, der Hardcover-Einband in hübschem Anthrazit auf Leinen gestaltet. Das Papier ist schwer und dick, mit Mattglanz versehen, was die vielen, oft ganzseitigen Fotos bestens zur Geltung bringt. Die gute Fadenbindung hebt das Buch von vielen anderen derartigen Publikationen ab, ich schätze das sehr, denn so kann man das Buch offen liegen lassen, während man eines der Cocktailrezepte nachmixt, und muss es nicht mühsam mit der Hand oder einem schweren Gegenstand aufhalten.

Nun zum Text. Die Einleitung mit der langen Geschichte über Sean Muldoon und Jack McGarry finde ich, ehrlich gesagt, etwas mühselig konstruiert, ein bisschen schwallend, etwas belanglos – mich interessieren derartige Biografien nicht so sehr, denn so spannend war das Leben der beiden nicht, dass das mich packen könnte – hier wird viel aufgebauscht und das Bartendertum sensationalisiert. Das wird den beiden zurückhaltenden Bartendern meines Erachtens auch nicht gerecht, die ungern im Rampenlicht stehen, wenn ich diese Einleitung richtig verstanden habe.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Innenseite

Muss man also nicht gelesen haben. Glücklicherweise können wir dann schnell zu den Rezepten springen. Diese bringen dann aber eine neue, ganz eigene Problematik mit sich. Wer sich nicht an die Vorgabe der Autoren halten will, die über ihre sehr expliziten Zutatenlisten selbst sagen, dass „for maximum fidelity, the same brand of ingredient should be used“, und darüber hinaus nicht bereit ist, für jeden Cocktail einen anderen Sirup herzustellen, eine andere Spirituose mit einer anderen Frucht zu infundieren, der wird viel Sucharbeit nach Alternativzutaten haben. Jeder einzelne Drink lässt selbst mich, mit meiner wirklich sehr großen Heimbar und Energie, verrücktes auszuprobieren, ins Schwitzen geraten. Sowas macht man einfach nicht auf dauerhafter Basis, außer, man ist derart veranlagt und sieht im Cocktail nicht einen Drink, sondern ein Projekt. Stellenweise meint man, ein obskures Rechtsmedizinbuch über detaillierte Obduktion vor sich zu haben, das sich mit der Vivisektion eines Kaninchens beschäftigt.

David Wondrich schreibt es auf der Buchrückseite in seiner Empfehlung sehr passend: „a grimoire of occult potionology“. Persönlich glaube ich, dass praktisch alle Cocktails, in der Form in der sie im Buch beschrieben sind, nicht für den Hausgebrauch taugen. Für derartige Drinks geht man in die Bar, die macht man nicht daheim, punkt. Entsprechend sehe ich auch die Zielgruppe dieses Buchs nicht im normalen, cocktailinteressierten Heimbartender, sondern im Mixologen und im professionellen Bartender, der eine Inspiration für seine eigene Bar sucht.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Beispielrezept

Trotz des Lobs bei der amerikanischen Fachveranstaltung Tales of the Cocktail als „Best New Cocktail & Bartending Book 2016“ kann mich das Buch nicht so recht begeistern. Obwohl viele Anekdoten zu den meisten Cocktailrezepten vorhanden sind, lesen diese sich dröge und prosaisch. Das Buch hat, obwohl es dauern davon redet, wie sehr das Dead Rabbit davon lebt, selbst kein Feuer, keine Energie, keine Kraft, und leider auch viel zu wenig Charme und Humor. Gerade letzteres braucht ein Buch, das notgedrungen Aufzählungscharakter haben muss, unbedingt. Diverse andere Bücher machen das viel besser, und diese würde ich dem rezeptinteressierten Leser klar eher empfehlen als das The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual. Wer aber gern mit hausgemachtem Oleo-Saccharum, Tinkturen, Sirups, infundierten Spirituosen und Lime Sherbet hantiert, gern alles selbst macht, keine Mühen, Kosten und Aufwände scheut, obskure Zutaten zu besorgen oder herzustellen, und bis ins letzte Detail geplante Drinks liebt, sollte sich dieses dahingehend zugegebenermaßen beeindruckende Handbuch der Mixologie nicht entgehen lassen.

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Titel

Ein Fass ist ein Fass – Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum

Neulich hatte ich hier auf meinem Blog mit dem Mount Gay 1703 meinen persönlichen Testsieger des Rum-Club-Adventskalenders 2016 vorgestellt. Ich hatte dezent darauf hingewiesen, dass es drei Proben waren, die mich aus dem Set der 24 Türchen besonders beeindruckt hatten, und entsprechend folgt nun eine Besprechung des Rums, der ihm diesen Titel leicht streitig machen könnte, und nur aus purer Willkür auf dem etwas undankbaren Silberrang gelandet ist – der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum.

Bei Bourbon sieht man oft den Zusatz „Single Barrel“. Dort bedeutet er, dass der Inhalt der Flasche aus einem einzelnen Fass stammt, es also kein Blend aus mehreren Fässern ist. Der Zusatz bedeutet nicht, dass die gesamte Abfüllung nur aus einem Fass stattfand, das wäre bei der Auflage, die viele Single-Barrel-Bourbons haben, auch gar nicht möglich. Bei Rum ist das meist noch anders – ein „Single Cask Rum“ ist eine Einzelfassabfüllung, bei der der Inhalt aller Flaschen aus demselben Fass stammen, und wenn dieses leer ist, ist die Auflage beendet. Sie wird nicht einfach mit einem zweiten Fass fortgeführt; das Wort „single“ ist hier also sehr viel strenger zu interpretieren als bei Bourbon. Ein Fass ist ein Fass, und nicht viele.

Der hier vorliegende Rum wurde also in einer Column Still destilliert, dann in ein Fass gefüllt und zunächst 2 Jahre in den Tropen, im Anschluss weitere 10 in England gelagert (insgesamt Dezember 2003 bis Januar 2016). 216 Flaschen zu je 700ml konnten noch aus Fassnummer 90, nachdem der Durst der Engel gestillt wurde, am Ende in Deutschland gezapft werden, meine Flasche hat die Nummer 28. War es ein gutes Fass?

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Flasche

Man kann der Farbe dieses Rums kaum entgehen – gebrannte Siena, mit tollen Lichtreflexen von Orange bis Gelb. Langsam ablaufende, lange Beine. Erkennbare Viskosität. Wer seine Rums geruchlich gern klar und leicht mag, kriegt hier eine aufs Maul. Pfeifentabak. Leder. Karamell. Toffee. Buttrig und schwer, extrem dicht in der Nase. Eine leicht beißende Alkoholnote, die nach dem Eingießen durchaus präsent ist, verfliegt mit Offenstehdauer, trotzdem darf man die Nase nicht zu tief ins Glas halten. Haselnuss, Schokoladenkekse, Ahornsirup und Rosinen.

Nachdem ich die Erfahrung gemacht habe, dass Rum in diesen Alkoholregionen noch durchaus pur trinkbar ist, versuche ich zunächst einen Schluck bei unverdünnten 62,8%. Im ersten Antrunk kommt er zunächst süß und cremig an, wird aber schon schnell sehr würzig, vielleicht sogar leicht salzig. Backgewürze sind der erste Eindruck, dazu Tannine, Vanille, Toffee, dunkle Schokolade, aber auch Rosmarin, Menthol, mit sogar etwas gemüsigem Anklang. Viel Kraft und Wucht, mit einer Idee von Teer und verbranntem Gummi. Sehr komplex und dicht, dabei perfekt gerundet und trotz der Vielschichtigkeit genehm und schmeichelnd. Erneut ein Beispiel dafür, was Natursüße bei Rum bedeuten kann. Mit der Zugabe von ein paar wenigen Tropfen Wasser wird der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 noch süßer, cremiger, seltsamerweise wirkt er im Mundgefühl sogar dickflüssiger. Die Schokoladenkomponente übernimmt komplett die Oberhand, das ist wie ein noch warmer Double Chocolate Cake mit flüssigem Kern. Total super.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 Glas

Im Abgang ist dieser Rum heiß, glühend wie Lava, einen Vulkan im Mundraum hinterlassend, der langsam ausklingt. Ein tolles Gefühl. Geschmacklich mittellang, trocken, leicht metallisch und mit dunklen Schokoladenaromen und Espressobittere. Pfeffrig. Der Nachhall wirkt mentholig und minzig.

Ich möchte ausdrücklich sowohl die einfach gehaltene Flasche als auch das informative Etikett loben, das sich auf Fakten konzentriert, statt sich in allerlei folkoristischer Augenwischerei-Artwork oder Pseudolegenden zu ergehen. Der Abfüller Our Rum & Spirits beweist sich gerade als Hoffnungsträger der modernen Rumwelt, was Transparenz angeht, indem er einen Blend anbietet, auf dem der zugesetzte Zuckergehalt ausgewiesen ist; auch hier finde ich es ausgesprochen lobenswert, dass viele Details, die sich andere Abfüller einfach sparen, angegeben sind, und das sogar handschriftlich.

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Rücketikett

Schaut man sich mal um, was man außer dem Purgenuss mit so einem Rum machen kann, sollte man bei Cocktails sein Augenmerk auf eine Rezeptangabe legen, die oft in Verbindung mit derartigen Melassebränden gebracht wird: „Demerara-Rum“. Dieser Begriff wird oft falsch für alle dunklen, süßen, schweren Rums aus Südamerika verwendet, für den Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 passt er aber. Und entsprechend wirkt er auch im Kane at Midnight ganz toll – im Zusammenspiel mit frisch-würzigem Rhum agricole und altem Sherry entsteht eine Aromenbombe, der man sich kaum entziehen kann.

Kane at Midnight


Kane at Midnight
2 oz Demerara-Rum (z.B. Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003)
½ oz Rhum Agricole Vieux (z.B. HSE Black Sheriff)
¼ oz Sherry Pedro Ximénez (z.B. Byass Noé VORS)
2 Spritzer Angostura
1 Spritzer Schokoladenbitter
Auf Eis rühren und auf Eis, mit Orangenzeste und Maraschino-Kirsche, servieren.
[Rezept nach Oriol Elias]


Ich freue mich, dass mir Our Rum & Spirits Ende April noch eine kleine Kostprobe eines engen Verwandten dieses Rums zukommen ließ – 3cl des Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13 Jahre (12/2003 – 04/2017), Cask 75, 63,7%. Natürlich musste ich vergleichen, worin die beiden sich unterscheiden, und worin sie sich ähneln.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13y

Farblich und vom Verhalten im Glas sind die beiden sich täuschend ähnlich. Auch meine Beschreibung der Nase trifft für den 13-jährigen Rum aus Fass 75 so zu, wie für den 12-jährigen aus Fass 90 zuvor; eventuell sorgt das zusätzliche Jahr für eine leichte bananige, weichere Note und einen kleinen zusätzlichen Kaffeeduft. Das knappe Volumenprozent mehr Alkohol macht nur wenig echten Unterschied, mit viel Fantasie wirkt der 2017er Rum noch leicht fruchtiger als der 2016er, und hat einen Tick mehr Teeranklänge, ansonsten gleichen sie sich sehr. Der Abfüller bezeichnet ihn informell als „griffiger“, das trifft es eigentlich sehr gut, denn da ist einen Tick mehr Definition und Würze. Was natürlich letztlich eine verdammt gute Nachricht ist – es sollte Rumfreunde freuen, dass ein so tolles Projekt wie die 12-jährige Guyana-Rumabfüllung von Our Rum & Spirits keine Eintagsfliege war, sondern sich die extrem hohe Qualität wiederholen, vielleicht sogar steigern lässt. Der Abfüller ist damit für mich mit Sicherheit einer, den es zu verfolgen gilt.

Southern Comfort Titel

War Janis Joplin geschmacksverirrt? Southern Comfort

Ein paar Künstler aus den 60er Jahren überdauern bis heute. In einer intensiven Karriere, die nur 3 Jahre dauerte, sicherte sich Janis Joplin einen Platz in den Herzen vieler Musikfreunde, bevor sie dem Klub 27 beitrat – einer der Gründe für ihren frühen Tod war sicherlich, dass sie nicht wirklich gut mit Drogen und Alkohol umgehen konnte. Einer ihrer Dauerbegleiter, wie auf diversen Fotos von ihr zu sehen, war eine Flasche mit einem Whiskeylikör.

Nun frage ich mich persönlich, wie viele andere Musikfreunde auch, die gleichzeitig Spirituosenfreunde sind, was um aller Welt Janis geritten haben muss, sich ausgerechnet Southern Comfort als Schnaps der Wahl ausgesucht zu haben. Man sieht daran, ein bisschen polemisch formuliert, dass großes Können in einer Sache nicht automatisch großes Können in anderen Bereichen mit sich bringt. Man hat es aus diesen einleitenden Worten vielleicht schon heraushören können – ich bin kein großer Fan von SoCo, wie er liebevoll oft abgekürzt wird.

Wonach es schmeckt – naja, das muss jeder für sich beurteilen. Ich schmecke nicht das gerühmte Pfirsicharoma heraus, höchstens ein artifizielles Gummibärchenaroma „Pfirsich“, das mit echtem Pfirsich nichts zu tun hat. Insgesamt hat dieser Likör einen hochgradig künstlichen Geschmack; eindeutig, dass hier keine echten Aromen durch Reifung oder aus natürlichen Basisstoffen entstanden, sondern künstliche im nachhinein zugesetzt wurden.

Southern Comfort Flasche

Zu Janis Joplins Ehrenrettung muss ich aber einwerfen: Früher, zu Zeiten von Woodstock, war das wohl tatsächlich ein Whiskey-Likör (ich bin immer noch verzweifelt auf der Suche nach einem Sample des SoCo von damals!), doch davon ist heute noch weniger als vom Pfirsich zu erahnen – kein Wunder, denn Whiskey-Aroma und Neutralalkohol statt echtem Whiskey werden heute in der Produktion des Southern Comfort eingesetzt. Der Untertitel auf dem Etikett, Liqueur with Whiskey, ist daher reiner Hohn. Neutralsprit, in den Gummibärchen eingelegt wurden halt – dagegen ist Red Bull wie frisch gepflückte und ausgepresste Frucht vom Baum.

Pur fällt er für mich also aus, wie schlägt er sich als Mixer? Leidlich. Jeglicher Drink, den man sich mit diesem Pseudo-Whiskey-Likör mixt, bekommt diesen Geschmack – eine sehr aggressive Zutat, die selbst Orangensaft und Amaretto, zwei also, die sich sonst gut gegen alles durchsetzen, gnadenlos unterbuttert im vielleicht bekanntesten SoCo-Drink, dem Alabama Slammer. Man muss Southern Comfort eine Umgebung bieten, in der er seine wenigen Vorteile gut präsentieren und gleichzeitig seine vielen Mängel etwas bedecken kann. Wie zum Beispiel im überraschend leckeren Southern Fries.

Southern Fries


Southern Fries
1 oz Southern Comfort
2 oz Orangensaft (hier unbedingt frisch gepresst!)
…aufgießen mit 2 oz Coca Cola
[Rezept nach unbekannt]


Wie üblich durchgehen neben den Rezepturen auch die Flaschendesigns einem Wandel über die Zeit. Die flache Flasche, die Janis Joplin dauernd bei sich trug, ersetzt der modebewusste Heimbarbesitzer heute durch die schick gestaltete, mit vielen Glasdetails versehene 700ml-Flasche. Seitdem ich meine Flasche damals kaufte, wurde erneut ein Redesign ausgeführt; die aktuelle Flasche ist kürzer, gedrungener, schwungvoller, und ist nicht ganz so säulenhaft ausgeführt wie die auf meinen Fotos.

Southern Comfort Flaschendetails

Southern Comfort ist also schon was, was man mögen muss. Die schöne Flasche und der fantastische Name verlocken wahrscheinlich viele zum Kauf, bei denen die Flasche dann nach dem ersten Schluck im Regal verschimmelt. Ich kaufe sicherlich keine mehr, denn die 0,7l reichen noch für viele Cocktails, und wenn sie leer ist, verzichte ich lieber. Pur trinken? Wie gesagt, eher nicht, außer man mag solch künstliche Geschmäcker. Dennoch verkauft es sich so sehr, dass man diesen Likör prominent in allen deutschen Supermärkten finden kann; scheinbar also ein Lieben-oder-Hassen-Getränk. Ich tendiere eher zum letzteren als zum ersteren. Janis, verzeih mir.

Simon's Feinbrennerei Titel

Walkürenrum aus Deutschland – Simon’s Feinbrennerei

Es ist immer so eine Sache mit theoretisch erworbenem Wissen, das praktische Vorgänge betrifft. Da kann man sich viel anlesen, sich was von selbsternannten Profis erzählen lassen, oder sich im schlimmsten Fall selbst was aus den Fingern saugen. Gerade im Rumbereich sind viele Scharlatane unterwegs, die einem ihr Schlangenöl verkaufen wollen, und dazu Legenden und Lügen miteinander in ein verführerisches Gebilde vermischen. Marcus Stock, der Inhaber von 4finespirits, Rumkenner und Mitbegründer des Rum-Clubs, und ich wollten diesen Zustand ändern, und Rumproduktion aus erster Hand betrachten. Am 08. Juli 2017 trafen wir uns mit Severin Simon, dem Inhaber und Meisterbrenner des seit 1879 bestehenden Familienbetriebs Simon’s Feinbrennerei in Alzenau im nordwestlichsten Eckchen von Bayern, nicht weit entfernt von Frankfurt, und schauten ihm beim Herstellen seines deutschen Rums etwas über die Schulter. Ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass dies ein höchstspannender Tag war, an dem viel, was uns bisher nur als Theorie bekannt war, auf eindrucksvolle Weise in Praxis umgewandelt wurde.

Schon direkt beim Ankommen auf dem Hofgelände merkt man, dass auf dem malerischen Dörsthof ein bisschen Humor mit im Spiel ist: Das Gebäude, das die Brennanlage beherbergt, trägt ein Straßenschild mit der Aufschrift „Platz des Rums“. Weitere Örtlichkeiten sind ähnlich nach den hier hergestellten Spirituosen benannt.

Simon's Feinbrennerei Platz des Rums

Wir hielten uns gar nicht groß mit viel Smalltalk auf, nach der Vorstellung mit festem Händedruck ging es direkt ans Eingemachte – und das ist in diesem Fall keine Redewendung, denn der erste Blick galt dem im Plastikfass eingemachten Rohstoff des Rums, der Melasse. Severin Simon bezieht diese aus der Dominikanischen Republik, sie wird ihm über den Tres-Hombres-Segler geliefert, eine spannende Geschichte für sich. Für den Rumfreund ist es natürlich ein Erlebnis, den Finger in die klebrige, dunkle Masse zu stecken, die stark nach Dörrpflaumen und Lakritz schmeckt.

Simon's Feinbrennerei Melasse

Die tatsächliche Rumherstellung beginnt beim wichtigsten Schritt des gesamten Prozesses: Der Fermentierung. Hier entstehen die Aromen, die später durch die Destillation extrahiert werden. Man verdünnt die Melasse mit Wasser und gibt Hefen dazu (die genauen Details hierzu sind natürlich Geschäftsgeheimnis, sie machen schließlich einen Großteil der späteren Produktaromatik aus). 2012 hatte Severin Simon seine ersten Versuche der Rumproduktion gestartet, mit Mischverhältnissen und Hefen experimentiert, bis er ein Verfahren fand, das ihm sowohl von der geschmacklichen als auch von der rein operativen Ebene zusagte – die schönste Idee taugt halt nicht, wenn sie nicht reproduzierbar und in einem gewissen Maßstab umsetzbar ist. Die so entstandene Maische darf nun in einem Stahltank (oder, für spezielle Projekte, in einem großen Holzbottich) ruhen, während die Hefen beginnen, den Restzucker in der Melasse zu fressen und dafür Ethanol und CO2 auszuscheiden.

Simon's Feinbrennerei Holzbottich

Grob 2 Wochen später haben die Hefen ihre Arbeit getan, die entstandene Wash hat nun einen Alkoholgehalt von ungefähr 10%, und das CO2 entfleucht ihr noch hin und wieder, wenn man die Oberfläche der Maische betrachtet. Es wird Zeit, dass der Rum in seine zweite Entstehungsphase übergeht – die vergorene Maische wird destilliert. Dazu heizt Severin Simon den Kessel seines Kupfer-Destillierapparats mit Holz an, und füllt die Maische ein. Über ein Wasserbad und eine Rühranlage wird eine gleichmäßige Temperatur der Maische sichergestellt.

Simon's Feinbrennerei Holz im Kessel

Ab hier greifen die thermodynamischen Gesetze – sobald die Maische im massiven Kupferkessel eine gewisse Schwelltemperatur erreicht hat, beginnen sich die flüchtigen Stoffe zu lösen und aufzusteigen. Über den Schwanenhals gelangen die Dämpfe in eine Besonderheit des Destillierapparats der Feinbrennerei: Eine angeschlossene kleine Kolonne mit 5 Böden. Diese Besonderheit sieht man oft bei deutschen Destillen, die eigentlich zum Obstbrennen entworfen wurden.

Simon's Feinbrennerei Kochende Maische

Der eine oder andere Rumkenner, der schon einmal von der Gargano-Klassifikation von Rum gehört hat, mag sich nun fragen – in welche Kategorie gehört Severins Rum? Es kann ja eigentlich nicht die oberste Kategorie des „Pure Single Rums“ sein, schließlich ist eine Kolonne involviert. Eine Nachfrage beim Master Distiller von Foursquare (Barbados), Richard Seale, der bei der Entwicklung dieser Klassifikation mitwirkte, ergibt – das Hauptkriterium für „Pure Single Rum“ ist nicht der Brennapparat, sondern das diskontinuierliche Verfahren. Somit ist der hier entstandene Rum also ein Pure Single Rum. Wenn man Severin Simon bei seiner täglichen Arbeit zuschaut, sieht man, wieviel Mühe ein derartiger Herstellungsprozess macht, und es wundert einen auch nicht mehr, wenn nicht jeder Batch völlig identisch zum Vorgänger ist.

Simon's Feinbrennerei Kolonnenteil

Das Wasser-Alkohol-Gemisch hat nun also den Pot-Still-Teil der Destille verlassen und den Kolonnenteil betreten. Nicht alle der 5 Böden werden immer eingesetzt, Severin Simon kann dies je nach Bedarf steuern. Durch die Blickfenster in der Kolonne sieht man das wild zischende und spritzende Gemisch, das durch die Kolonnenstruktur nun leicht rektifiziert wird, so dass der Alkoholgehalt steigt. Ist der Zielgehalt erreicht, bei Severins Rum ist das in etwa 80%, fließt das Ergebnis der ganzen Mühe in einem klaren, stetigen Strahl im Spirit Safe in den Messtank, der, vom Zollamt geprüft, sich dann in einzelnen Schwallen in ein bereitgestelltes Gefäß ergießt.

Simon's Feinbrennerei Spirit Safe

Wir konnten den Brand, den Severin herstellt, in unterschiedlichen Phasen des Brennverlaufs probieren. Direkt zu Beginn des Brennvorgangs lässt Severin den Vorlauf ablaufen, er wird nicht verwendet und wird unter Verschluss in einem Sammeltank zur späteren Vernichtung durch den Zoll aufbewahrt. Marcus und ich verkosteten zunächst eine Probe des gebrannten Rums direkt vom Anfang des Herzstücks, und später noch eine gegen Ende desselben – hochspannend, wie sich in der kurzen Zeit des Brennverlaufs (ca. 2 Stunden dauerte dieser) die Aromatik verändert. Zu Beginn meinten wir, noch klar die Melasse herauszuschmecken, mit ein paar brotig-heuigen Aromen; später entwickelten sich sehr deutlich unterschiedliche Fruchtaromen, der Brand hatte mehr Volumen und Körper. Nach dem Herzstück kommt der Nachlauf – diesen führt Severin gar nicht mehr aus, weder von der Aromatik noch von der Wirtschaftlichkeit her wäre er wünschenswert.

Simon's Feinbrennerei New MakeDer Kahlgründer Rum ist nun eigentlich fertig, und könnte auf Trinkstärke herabgesetzt als weißer, ungereifter Rum in den Handel gehen. Für die kleine Simon’s Feinbrennerei mit ihren limitierten Resourcen ist dies aktuell nicht interessant, weißer Rum ist in Deutschland nur schwer vermarktbar, selbst wenn er so craftig hergestellt wird wie in Alzenau. Daher geht die gesamte Produktion in die Fassreifung, der letzten Phase des Rumherstellungs-Lebenszyklus. Severin füllt seinen Rum mit einer Stärke von 63,5% in unterschiedlichste Sorten von Holzfässern. Einerseits ist dafür ein verschlossenes Fasslager auf dem Hof, das man aus gesetzlichen Gründen leider nicht besichtigen kann, und andererseits ein kleines Speziallager, das Severin für besondere Holzexperimente und Kundenprojekte nutzt. So findet sich hier ein Sherry- und ein Laphroaig-Fass, Fässer aus Kastanienholz, aus Eschenholz, aus Spessarteiche und ähnliche spannende Behältnisse, die zeigen, dass hier kein Standardprogramm mit der hundertsten Bourbonfassreifung abgespult wird.

Simon's Feinbrennerei Fasslager

Ich für meinen Teil, und ich glaube, Marcus Stock ging es genauso, bin begeistert von der Motivation, der Energie und der Leidenschaft, die Severin Simon für seinen Rum aufbringt. Im Hofladen konnte ich natürlich der Versuchung dann nicht widerstehen, mir zwei seiner Bavarian Nordic Rums zuzulegen, einer davon gereift in schwedischen Whisky-Fässern („Valkyrie Thorslund“), der andere in Kastanienholz („Valkyrie Castanea“). Für alle, die nicht mal spontan nach Alzenau fahren können, sind diese hochinteressanten und wirklich empfehlenswerten Rums nun auch bei 4finespirits erhältlich, wo Marcus auch etwas über diese besonderen Rums erzählt.

Simon's Feinbrennerei SelfieGanz nebenbei ist der Dörsthof noch ein schönes Ausflugsziel für die ganze Familie; nach einer freien Brennereiführung, die jeden ersten Samstag im Monat ohne Anmeldungszwang stattfindet, kann man dort in der wunderbaren grünen Natur wandern oder Radfahren, den direkt angrenzenden Weinberg bewundern, oder nebenan im angeschlossenen Restaurant bei ausgesprochen leckerem Essen die Eindrücke verdauen. Wer dort war, in der Brennerei gestanden und ein paar Worte mit dem Meisterbrenner gewechselt hat, wird mir zustimmen: Man sieht, riecht, und spürt die Kreativität und Leidenschaft dahinter – eine echte Bereicherung für die aufkeimende deutsche Rumlandschaft.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years Titel

Kurz und bündig – Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum

Die Gargano-Klassifikation von Rum ist ein Versuch, sich von der Nutzlosigkeit der bestehenden Rumklassifikationen, die nach Farbe oder Länderstilen arbeiten, zu lösen. Was soll es uns sagen, wenn ein Rum „braun“ oder „golden“ ist? Das trifft auf praktisch jeden gereiften Rum, der nicht entfärbt ist, und auch auf ungereifte, gefärbte Rums, zu. Ebenso halte ich nichts von der Gruppierung nach „britischem“ oder „lateinamerikanischem“ Stil, als würde in Südamerika nur genau ein Rumstil hergestellt und auf Barbados nur genau ein anderer. Die Gargano-Klassifikation dagegen bezieht sich auf die Herstellungsweise, und hat somit Aussagekraft. Wir verlangen in einer Bar ja auch nicht einen „braunen Whiskey“, sondern einen Straight Bourbon. Oder einen Blended Scotch.

Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum ist entsprechend dieser Klassifikation eine Mischung aus Pot-Still- und Column-Still-Rum. 2004, im Jahr der Namensgebung, kam er ins Fass, 2015 in die Flasche, damit ist er also nach Adam Riese 11 Jahre alt. Allein aus dem Namen kann man schon viel mehr ableiten als aus allen Informationen, die manch anderer Hersteller gesammelt anbietet.

Die Farbe ist natürlich, bei Full-Proof-Rums färbt Foursquare nicht nach. Das Kupfer stammt also rein aus den Fässern. Im Glas liegt der Rum schwer und viskos, beim Schwenken bleiben einige Tropfen sogar oben am Glas hängen, statt als Beine abzulaufen, und bequemen sich dann erst nach einer Minute Wartezeit sehr gemütlich nach unten.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years

Der Geruch ist direkt und ohne Umschweife süß, schwer und voll. Gebrannte Mandeln. Kokosnussfleisch. Vanille dominiert allerdings deutlich die Nase, und da ist viel Eichenwürze; ein damit verwandter kleiner Lack- und Klebstoffton erinnert daran, dass dieser Rum 10 Jahre in Bourbonfässern lagerte. Direkt nach dem Eingießen zwickt eine stechende Note die Nasenschleimhaut, wenn man die Nase zu tief ins Glas hält. Mit Offenstehdauer verfliegt ein Großteil davon, es bleibt aber etwas übrig.

Sehr süß, aber nie klebrig, und hocharomatisch. Sehr breit und körpervoll. Viel Vanille, Schokolade, Nougat, aber auch Gewürzanklänge nach Piment, Kardamom und Nelken, vielleicht sogar etwas Muskatnuss. Das Bourbon-Fass hat einiges an Aromatik mitgebracht, und dem eh schon für sich wuchtigen Rum übergeben. Der Abgang ist lang, glühend heiß, etwas metallisch, dafür aber vanillig und süß. Nur milde Trockenheit, eine erkennbare Holzigkeit bleibt am Gaumen. Ein Menthol-Nachhall sorgt für zusätzliche Länge.

Unverdünnt ist der Foursquare 2004 bei 59% noch wunderbar trinkbar, bei Rum geht das oft, was bei anderen Spirituosen meist schwerfällt. Dennoch verdünne ich ihn testweise auf rund 40%. Die Vanille geht dadurch etwas zurück, die Lacknote verschwindet komplett, Gewürze kommen nach vorne. Geschmacklich bleibt er dicht wie zuvor, schokoladig und weich, ein paar gemüsige Komponenten werden erkennbar, Gurke oder Sellerie vielleicht, die Holznoten sind stark reduziert. Das Feuer des Abgangs wird ersetzt durch ein leichtes Chili, mit etwas Betäubung der Zungenspitze. Durch die Verdünnung verliert er kaum an Charakter, wird nur genehmer und noch runder.

Nun, was soll ich im Fazit sagen, außer, dass das ein hervorragender Rum ist. Natürliche Süße, voller Körper, dichte Aromatik – all das ohne jeden Zusatz. Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas beeinflusst bin durch die Person Richard Seale und sein Auftreten gegen manipulierten Rum; ich rate jedem dennoch, sich zumindest einmal einen Foursquare-Rum zu gönnen, um zu erkennen, das der Mann nicht nur laut und deutlich redet, sondern gleichzeitig hervorragende Arbeit abliefert. Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum wäre eine ideale Gelegenheit dafür.

Dieses Review basiert auf einem 2cl- und einem 10cl-Sample. Gern hätte ich die große Flasche zu Hause; sie wird irgendwann ihren Weg zu mir finden, zu den anderen Foursquare-Rums, die dort bereits auf die Familienzusammenführung warten.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Titel

Advent, Advent… Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum

Es gibt so einige Möglichkeiten, viele verschiedene Rums auszuprobieren. Man kann auf Messen gehen, sich in Foren mit Samples eindecken oder, und das finde ich persönlich am charmantesten, sich einen Rum-Adventskalender zulegen. Letzteres ist natürlich etwas jahreszeitenabhängig, doch die Vorstellung, jeden Abend ein kleines Fläschchen eines hochwertigen Rums bereitstehen zu haben, hat schon was. Natürlich muss man sich einen Anbieter aussuchen, von dem man ausgehen kann, dass er guten Stoff abfüllt, und nicht nur den konventionellen, allgegenwärtigen, massenkompatiblen Süßrum. Im Rum-Club besteht diese Gefahr nicht: Da hat Organisator Marcus Stock von 4finespirits weder Kosten noch Mühen gescheut, uns Mitgliedern das Ende des Jahres 2016 zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Der Rum-Club Adventskalender Flaschen

Viele derartige Kalender treiben die Kosten durch aufwändige Kartons mit vorgestanzten Türchen und ähnlichem hoch; hier handelte es sich um eine einfache Menge an Rums, in 2cl- oder 4cl-Fläschchen, die neutral beschriftet waren, und somit jeder investierte Cent in die Rums und nicht in unnötige Dekoration ging. Gleichzeitig war dieser Kalender eine Blindverkostung, denn welchen Rum man gerade vor sich hatte, wurde erst am Spätabend aufgelöst; bis dahin konnte man auf einer Website einen Tipp für Herkunftsland, Alter und Alkoholgehalt abgeben, mit einem Preis für den, der am Ende des Monats die besten Tipps abgegeben hatte. Ich schnitt dabei nicht so besonders ab, denn diese Art der Blindverkostung hat mir äußerst schmerzvoll die Grenzen meiner Rumkenntnisse aufgezeigt und mich sehr demütig gemacht.

Zum Positiven: Nachdem ich die 24 Türchen verkostet hatte, haben sich für mich 3 Rums herauskristallisiert, die ich in der Blindverkostung als herausragend gut empfunden hatte, und von denen ich mir dann entsprechend natürlich eine ganze Flasche kaufen wollte. Der Rum auf Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste dieses Kalenders war der hier nun vorgestellte Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Flasche

Die erste positive Sache, die zu berichten ist, ist, dass wir hier einen Blend aus 10 – 30 Jahre alten Rums vor uns haben, ohne dass eine große „30“ oder ähnliches auf dem Etikett prangen würde, wie das viele Konkurrenten ohne Schamgefühl gemacht hätten. Da hört diese kundenfreundliche Scham aber schnell auf, denn die Farbe, ein attraktives helles Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, wurde schön mit Zuckerkulör gemacht vom Farbdesigner. Leicht viskos, schnell ablaufende, dicke Beine am Glas.

Was soll ich zum Geruch sagen? Es ist der perfekte Rumgeruch. Daran gibt es nichts zu verbessern. Wenn man mich fragen würde, welchen Rumgeruch ich auf die einsame Insel mitnehmen würde: es wäre dieser. Einfach ein Traum. Süß, dunkel und dicht. Trockenfrüchte, Karamell, Vanille. Gleichzeitig zum dunklen Körper ist da aber auch eine helle Fruchtkomponente.

Süß und mild im Antrunk, sehr vanillig, karamellig. Warum trinken die Leute künstlich nachgesüßten Rum, wenn er auch natürlich und ohne Zuckerbeigabe so schmeichelnd und dabei komplex und unoberflächlich sein kann wie der Mount Gay 1703 Old Cask Selection? Leichtkörperig und elegant, und im Verlauf baut sich doch langsam aber unaufhaltsam eine dunkle Würze auf. Schokoladig – „Rum-Trauben-Nuss“ von Ritter Sport ist eine spontane Assoziation. 43% Alkoholgehalt ist beileibe nicht überragend viel, da könnte ruhig etwas mehr vorhanden sein für meinen Geschmack, er fällt aber insgesamt gesehen weder positiv noch negativ auf. Der Abgang ist dann überraschend feurig, mildscharf, kraftvoll. Lang, vollmundig und süß. Leicht adstringierend. Ein warmer Hauch klingt noch sehr lange aus dem Rachen hoch. Mein schwärmerisches Fazit: vielschichtig, spannend, und dabei aber nicht zu verkopft oder schwierig.

Kein Rum, und so er noch so edel und fein und zum Purtrinken geeignet, entgeht meiner Lust für Cocktails. Der Mount Gay 1703 ist einer meiner echten Lieblingsrums geworden, und wenn er dann in einer Mixtur mit zwei anderen Zutaten zusammentut, die sich still und leise in mein Herz geschlichen haben, die hier verwendeten zwei wirklich außergewöhnlich schönen Obstbrände von Scheibel, dann kann daraus nichts weniger als ein Knaller werden. Der Jabberwocky enttäuscht meine entsprechend sehr hohen Erwartungen, die ich hatte, als ich das Rezept das erste mal las, in keinster Weise.

Jabberwocky


Jabberwocky
1½ oz gereifter Rum (z.B. Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum)
¾ oz Pflaumenbrand (z.B. Scheibel Altes Pflümle)
½ oz Birnenlikör (z.B. Scheibel Moor-Birne)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Fairytale Bar, Berlin]


Schauen wir noch schnell auf die Präsentation dieses Rums. Für 70€ wird dieser Rum in einem hübschen blaugoldenen Karton geliefert, in einer in ihrer Zurückhaltung ausgesprochen schönen Flasche, die nur ein paar kleine spielerischen Details aufweist. Der Echtkorken ist von einer schweren, metallenen Krone verdeckt, die vor dem Einschenken für ein gutes Gefühl beim Öffnen der Flasche sorgt.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Details

Dieses Gesamtbild aus sehr gelungener Präsentation, subjektiv hervorragendem Geschmack, objektiver Qualität und auch dem tollen Preisleistungsverhältnis macht den Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum zu einem wirklich herrlichen Sipper zum Schlürfen und Genießen, für Kenner wie für Anfänger.

Ich freue mich sehr, diesen Rum im 2016er-Rum-Club-Adventskalender entdeckt zu haben; ich freue mich mindestens genauso sehr auf den bereits geplanten Adventskalender für 2017, den Marcus schon jetzt in Mache hat…

Maisel & Friends Summer Pale Ale Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Summer Pale Ale

Habe ich da ein déjà-vu? Letztes Jahr im Sommer hatte ich ein Bier getrunken, das Surfer auf dem Etikett hatte. Das Kona Longboard Island Lager konnte mich durch seine unkomplizierte Art überzeugen, allein der Preis und der weite Weg, den es zurücklegen musste, bis es bei mir im Glas landete, sorgten für Schwermut. Diesen lege ich hiermit offiziell ab, denn seit kurzem gibt es auch in Deutschland hergestelltes Surferbier! Maisel & Friends sorgt mit dem Summer Pale Ale, auf dessen Etikett ein lässiger Surfer sein Brett am Strand entlang trägt, entsprechend schonmal direkt für gute Laune.

Maisel & Friends Summer Pale Ale

Die Hefe setzt sich am Boden etwas ab, daher ist beim Eingießen darauf zu achten, dass man die Flasche kurz vorher dreht, oder etwas schwenkt. Berücksichtigt man das, so ist das Summer Pale Ale deutlich trüb, mit leicht blassem Ocker als Farbe. Mittelstarke Perlage ist durch die Trübung sichtbar, und ein wenig an feinblasigem Schaum krönt das Bier. Ich rieche daran, und mir gefällt die Mischung aus marmeladig-süß, mild zitrusig (ist das ein Wort?), sehr betont hopfig. Man bekommt direkt einen Eindruck der zu erwartenden Bittere.

Im Mund bleibt dann kaum noch was von der Marmelade, hier wirds kantig: sehr bitter, mehr noch, als es die 33 IBU zahlenmäßig vermuten lassen. Trocken, herb und die nur ganz kurz im Antrunk aufblitzende Süße wird schnell von einer Welle der Hopfigkeit hinweggespült. Sehr rezent und kühlend, mit erkennbarem Mineralwassercharakter – leichter Körper ohne viel Tiefe. Das ist für meinen Geschmack für ein Pale Ale schon grenzwertig nah am Westcoast-IPA, aber ich schere mich nur selten um Stiltreue, wenn das Endprodukt schmackhaft ist.

Der Abgang ist kurz, frisch, sehr herb und trocken. Zitrusnoten hängen noch nach, ein mentholischer Effekt ebenso. 4,4% Alkohol sorgen für gute Sommerkompatibilität – was leichteres für den Strand. Das würde ich auch gern als Fazit festhalten: die Zielidee eines leichten Sommerbiers wurde mit dem Summer Pale Ale voll getroffen. Ich denke mal, ich werde meine Kollegen in naher Zukunft bei einem Bürobier um Vier damit beglücken, gut gekühlt, wenn es wieder so heiß ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieses Bieres.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Titel

Die süße Jugend – Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky

Viele Spirituosenhersteller sind aktuell mit Volldampf dabei, ihr Portfolio umzustellen. Neudesigns von Flaschen und Etiketten gehören dabei zu den offensichtlichsten, gleichzeitig aber belanglosesten Aktivitäten. Stärker interessiert uns Freunde des gereiften Genusses, dass auch Altersangaben immer mehr dieser Lust am Wandel zum Opfer fallen. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist, dass ein zunehmendes breites Interesse an gereiften Spirituosen auch über Expertenkreise hinaus, insbesondere bei Bourbon und Scotch, dazu führt, dass einfach nicht mehr genug Sprit in der entsprechenden Alterskategorie da ist, um diese Abfüllungen mit dem jeweiligen Alter auszeichnen zu können. So lässt man die Zahl fallen, schreibt einen klugen Spruch stattdessen aufs Etikett („kunstvoll gereift“ oder so etwas) und erfindet in bester Storytelling-Manier die Geschichte, dass es ja um den Geschmack geht, und dass das Alter das unwichtigste am Whisky überhaupt sei. Schön und gut, diese Ausrede hat ja auch einen wahren Kern, doch da gleichzeitig nicht die Preise gesenkt werden, obwohl man ja nun weniger aufwändig hergestellten Whisky verkauft, zeigt, dass hier auch ulteriore Motive ausgelebt werden können.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt der Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky. Hier wurde einfach ein aus meiner persönlichen Sicht ehrlicheres Vorgehen gewählt: Man füllt halt jüngere Brände ab, um den Markt zu entlasten, gibt diesen aber trotzdem eine Altersangabe, und geht dabei sogar unter die bei Scotch magische 12-Jahres-Grenze. Taugt dieser vergleichsweise junge Whisky dazu, Vorurteile diesbezüglich abzubauen? Kann er eventuell sogar ein Ersatz für älteren Whisky sein?

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky FlascheDie Farbdesigner dieses jüngsten aller Highland-Park-Whiskys haben sich für Ocker entschieden. Ich erwähne es oft, weil es meines Erachtens einfach ein Missstand ist und bleibt – das Färben von Spirituosen wird erst aufhören, wenn wir als Konsumenten fähig dazu sind, den Dreisatz „dunkel = alt = Qualität“ aufzugeben, der eh noch nie gestimmt hat. Bis dahin wird Scotch im Standardfall mit E150 koloriert und die Farbe sagt nichts über den Inhalt aus.

Das Auge trinkt hier also nicht so wirklich mit, dafür darf die Nase aktiviert werden. Milde Zitrusaromen wie Mandarinen, vergorener Traubensaft, Heu. Man ahnt schon etwas Alkohol, für 40% hält es sich aber in Grenzen. Ein leichter, heller Körper.

Der Geschmack des Highland Park 10 Years ist dann im ersten Moment überraschend kräuterig, grasig, holzig, wird dann im Verlauf aber immer süßer und süßer, bis diese Dimension den Mundraum komplett ausfüllt und alles andere verdrängt. Toffee, Sahne und Butterkuchen, das ist mir fast schon ein bisschen zu plump, weil ein Ausgleich für diese breite Weichheit fehlt. Da ist kaum etwas anderes als leicht vanillige, cremige Süße. Komplexität sieht anders aus.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Glas

Im mittellangen Abgang kann man höchstens, wenn man mühevoll danach sucht und etwas Fantasie hat, Rauch entdecken. Für mich ist der Abgang des Highland Park 10 mildbitter, trocken und erneut etwas holzig-grasig, bleibt dabei aber seinem grundsätzlich sehr weichzarten, buttrig-süßen Charakter treu. Leicht salzige Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge liegen, zusammen mit einem etwas mentholigen, langen Nachhall.

Ein Cocktail, der die verblüffende Offenheit der Prohibitionszeit bezüglich Zutaten zeigt, ist der The Modernista. Hier das Rezept aus Ted Haighs wunderbarem Cocktailbuch. Scotch und lakritziger Absinth kämpfen in dieser unbeschreiblichen Melange um die Vorherrschaft. Fehlt eigentlich nur noch Chartreuse, um das Chaos komplett zu machen. Der Rum geht, egal welcher es ist, total unter gegen die aromatische Urgewalt der beiden Starspieler. Das ist ein Cocktail, der heute in einer Cocktailbar niemals serviert wird, er ist zu extrem – doch vor knapp 100 Jahren mochte man diese seltsame Komplexität; ich weiß nicht, ob ich die damalige Zeit, die sowas verrücktes schätzen konnte, oder die heutige Zeit, die nichts mit derartiger Experimentierfreudigkeit anfangen kann, bejammern soll.

The Modernista


The Modernista
2 oz Highland Park 10 Single Malt Scotch Whisky
½ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Appleton Estate Extra 12)
1 Teelöffel Absinthe (z.B. Jade Nouvelle-Orléans)
½ oz Swedish Punsch
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. The Bitter Truth Orange Bitters)


Neulich hatte ich mich über Flaschengrößen ausgelassen und betont, dass ich es sehr schätze, wenn ein Hersteller kleinere Produktgrößen anbietet. Der Highland Park 10 Years ist nun dahingehend eine Ausnahme, dass er ausschließlich in einer „halben Flasche“, also 35cl, angeboten wird. Mir persönlich kommt das entgegen, wenn es nach mir ginge, wäre das die Standardgröße für alle Spirituosen.

Die Flasche selbst ist darüberhinaus schön gestaltet – mit breiten Schultern und großem Ausgussloch, und gleichzeitig elegant schmal in der Tiefe, und dabei doch schwerem Glasgewicht. Der Naturkorken in Zusammenspiel mit dem Holzdeckel mit dem Highland-Park-Logo macht selbst aus der kleinen Flasche ein hochwertiges Produkt, das man gern betrachtet und in der Hand hält. Der schwarze, angenehm zurückhaltend gestaltete Karton komplettiert das ganze aufs positivste.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Flaschenseite

Wer einen süßen, unkomplizierten schottischen Whisky sucht, wird hier fündig. Wer etwas mehr Komplexität will, muss auf die längergelagerten Scotches dieses Herstellers zurückgreifen, alles kann so ein Whisky dann halt doch nicht – insgesamt zeigt der Highland Park 10 Years aber, dass Alter nicht alles ist und man auch schon 10-jährigen Single Malt finden kann, der nicht wild, kratzig und ungestüm ist; noch ein Vorurteil, das endlich abgebaut werden kann.

Shui Jing Fang Wellbay Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 7 – Shui Jing Fang Wellbay Baijiu

Ich habe schon gegen viele Flaschen gekämpft, die sich stur weigerten, mir ihren Inhalt freizugeben. Billige Blechschraubverschlüsse drehen sich lieber doll gegen das Gewinde, als sich abheben zu lassen. Die unsäglichen „Ausgießer“, eigentlich Nachfüllstops, sorgen für kaum dosierbare Abgaben in Vollschwall- oder Verschluss-Modus, nichts dazwischen. Glasstöpsel, die sich nur mit Schwarzenegger-Daumenkraft vom Hals herunterlösen lassen. Korken, die abbrechen und im Flaschenhals stecken bleiben. Vom Zucker festgekrustete Drehverschlüsse auf Likörflaschen, für die man eine Zange braucht. Die meisten dieser Genussverhinderer sind unbeabsichtige Design- oder Produktionsfehler, die dem Konsumenten mit schlimmem Durst das Leben schwer machen.

Beim Shui Jing Fang Wellbay Baijiu haben sich die Designer der Verpackung allerdings selbst übertroffen und sogar eine Dose entwickelt, bei der man erstmal Gehirnschmalz investieren muss, bevor diese chinesische Fingerfalle überhaupt die Flasche freigibt. Ich will eigentlich niemand den Spaß beim Herausfinden, wie man die Dosenhaube vom Sockel herabbekommt, nehmen. Am Ende dieses Artikels beschreibe ich es kurz, einfach, weil ich es so faszinierend finde – wer selbst dahinterkommen will, überspringe diesen Spoiler zum Schluss bitte einfach.

Shui Jing Fang Wellbay Flasche

Nun, irgendwann hatte ich es dann doch geschafft, und wollte mir ein Gläschen dieses Baijius mit Starkaroma (浓香) eingießen, während ich die opulente Gestaltung der Präsentationsmaterialien bewunderte (auch dazu später mehr) – und was sehe ich? Einen Nachfüllstop aus Plastik! Es ist doch zum Verzweifeln, man könnte meinen, der Hersteller will nicht, dass man den Schnaps auch trinkt. Nach dieser Welle der Ups and Downs wollen wir nun aber wirklich endlich mal schauen, was der bei diesem monströs üppig präsentierten Produkt scheinbar unscheinbarste Teil, nämlich der Hirseschnaps selbst, zu bieten hat. Hat der Hersteller mit all seiner List etwa etwas zu verbergen?

Über die Farbe muss man nicht reden, sie ist nicht vorhanden. Leichte Viskosität mit nur zögerlich ablaufenden Beinen im Glas. Soweit, so unspektakulär. Der Geruch allerdings verströmt sofort weit im Zimmer, sobald man sich ein Glas davon eingießt. Die weißen Gummibärchen, die wohl Ananasgeschmack haben sollen – diesen Geruch verzwanzigfacht, und man hat einen Eindruck, wie dieser Baijiu riecht. Vergorener Pfirsich, Teer, Salmiak, Plastik – daran muss sich die westliche Nase wirklich erst gewöhnen. Und dann weiter immer wieder die weißen Gummibärchen. Ein paar würzige, dunkelschokoladige Beiklänge runden das ab.

Ein superungewohnter Geschmack springt einem dann ins Gesicht. Estergewalt, die jeden Jamaica-Rum erblassen lässt. Lakritzexplosion! Dazu Autoreifen, geschmolzenes Plastik, Klebstoff, Chlor und Salz. Im Verlauf leicht abschwächend, aber immer noch sehr speziell. Sehr süß, breit, und zitrusfruchtig, dies ist allerdings eine sehr exotische Fruchtigkeit, vielleicht Ananasschale. Grünes Gras und Anis.

Shui Jing Fang Wellbay Karton

Im Abgang ist der Shui Jing Fang Wellbay dann fast schon überraschend mild, und dabei trotzdem heiß. Lakritzaromen auf der Zunge, die langsam in Fruchtaromen übergehen, wenn die Ester sich im Mund verflachen. Von den Aromen kurz, von der Wärme her langer Abgang. 52% Alkoholgehalt sind typisch für Baijiu, vielleicht auch wegen der extremen Aromen aber kaum wahrnehmbar.

Nun habe ich doch schon so einige unterschiedliche Baijius getrunken, und mich mit dem Leichtaroma-Baijiu sogar etwas angefreundet. Die extreme Ungewohntheit eines Starkaroma-Baijius macht mir aber bis heute etwas zu schaffen, der Shui Jing Fang Wellbay noch mehr als manch anderer. Letztlich ging mir das aber auch mit weißem rhum agricole so, den ich bei den ersten paar Versuchen so gar nicht leiden konnte, und inzwischen bin ich ein Riesenfan des Geschmacks. Vielleicht geht es mir hier bald genauso? Die Zeit wird es zeigen. Tatsächlich empfinde ich aktuell, einige Monate nach meinem ersten Kontakt, bereits eine gewisse Verbundenheit, und entdecke tiefere Schichten, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte.

Ein guter Schritt, sich an etwas heranzutasten, ist, den ungewohnten Geschmack mit anderen Zutaten in einem Cocktail auszubalancieren und damit gaumenfreundlicher zu gestalten. Im Cucumber Crush funktioniert das recht gut, eine wichtige Zutat dabei ist MNG (Mononatriumglutamat) – es sorgt für eine schöne zusätzliche Würze. Und wer chinesisches Essen schätzt, ist eh schon bestens bekannt mit MNG…

Cucumber Crush


Cucumber Crush
1 oz Shui Jing Fang Wellbay Baijiu
¾ oz Cointreau
¾ oz Limettensaft
1 oz Gurkensaft
½ oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
1 Prise MNG
Alle Zutaten auf Eis swizzlen.
[Rezept nach Ulric Voelkel-Nijs]


Kommen wir nochmal zurück zur Verpackungsproblematik, die ich eingangs angesprochen hatte. Wenn ich es recht bedenke, ist die negative Haltung dazu eigentlich nicht angebracht. Tatsächlich finde ich es sehr apart, was der Hersteller hier um seinen Schnaps herum alles an optischen Tricks und Gimmicks auffährt. Beginnen wir mit dem Karton in sechseckiger Ausführung aus stabilem, dicken Material, das mit allerlei Text in chinesischen Schriftzeichen bedruckt ist.

Versucht man, die Haube vom sehr schönen Holzsockel abzuheben, gelingt das erstmal nicht, ich habe mich dazu verleiten lassen, etwas Gewalt anzuwenden, doch kein Erfolg. Der Trick sind die kleinen Metalllöwenköpfe mit Ringen im Maul, die unten an der Haube angebracht sind – sie sind mehr als nur Dekoration. Sie sind herausziehbar und haben einen  dübelartigen Fortsatz, der Haube und Sockel miteinander verbindet. Man muss alle drei dieser Tempellöwen herausnehmen, dann geht die Haube leicht ab.

Shui Jing Fang Wellbay Kartondetails

Nun ist der Deckel herunter, und man kann erste weitere Details bewundern. Im Boden der Flasche, die im Sockel thront, erkennt man kleine Bilder chinesischer Tuschemalereien, die Szenen chinesischer Landschaften darstellen. Ganz apart gemacht, das muss ich zugeben, so hat man einen künstlerischen Hintergrund für den erdigen Schnaps gefunden, etwas, worüber man beim gemeinsamen Trinken sprechen kann.

Shui Jing Fang Wellbay Sockel und Flaschendetails

Zu guter letzt ist noch etwas im Sockel verborgen, das erst zum Vorschein kommt, wenn man die Flasche dann endlich heraushebt – eine kleine, mit einem chinesischen Motiv bemalte Porzellanfläche. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll – das ist Luxus pur, eine Opulenz, wie man sie bei kaum einer anderen Spirituose antrifft, und dabei gleichzeitig mit einer Leichtigkeit und Zurückhaltung gemacht, dass ich einen leichten Seufzer ausstoße, jedesmal, wenn ich den Shui Jing Fang Wellbay aus dem Regal hole.

Shui Jing Fang Wellbay Sockelinnenseite

Ein Fazit fällt mir schwer. Allein die opulente Verpackung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich persönlich gewisse Schwierigkeiten mit Starkaroma-Baijius habe. Doch kenne ich Leute, die gerade diese Stilrichtung des chinesischen Hirseschnaps besonders mögen, und die Millionen von Chinesen, die ihn regelmäßig trinken, können ja auch nicht so falsch liegen –  Anfängern in Sachen Baijiu würde ich aber deutlichst abraten, und stattdessen etwas weniger ausgeprägtes empfehlen, um sie nicht von Anfang an zu verschrecken. Für mich persönlich bedeutet das: Weiterüben, weiterverkosten, versuchen, zu verstehen. Der Weg ist das Ziel, sozusagen – und da der Shui Jing Fang Wellbay Baijiu einer der sehr wenigen chinesischen Baijius ist, die man ohne sich zu verrenken in Deutschland auch tatsächlich kaufen kann, hoffe ich, dass noch mehr Spirituosenfreund diesen Weg mit mir gehen werden.