Archiv für den Monat Juni 2017

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

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Cabrito Tequila Reposado Titel

Ein liebes Zicklein ohne Hörner – Cabrito Tequila Reposado

Wie sehr hatte ich all die Jahre nun darüber gejammert, dass Tequila in Deutschland einen schweren Stand hat. Ich habe persönlich nun aber in letzter Zeit den Eindruck, dass sich das tatsächlich etwas bessert – nicht in den Supermärkten, wo immer noch der Mixto mit dem Hut uneingeschränkt herrscht, und nicht in vielen Bars und Kneipen, wo ein anderer Mixto, geschmacklich nur unwesentlich besser, bevorzugt wird. Schaut man aber mal nach, was die Spirituosenhändler im Internet so anbieten, wird einem als Tequilaliebhaber doch ein bisschen warm ums Herz. Inzwischen bekommt man eine breite Produktpalette an hochwertigen 100%-Agave-Tequilas, zu halbwegs vernünftigen Preisen, direkt ins Haus geliefert – etwas, an das vor 5 Jahren kaum zu denken war.

Besonders gefällt mir, dass neben teuren Spitzenprodukten, die den Weg ebneten, nun auch niedrigpreisige Mittelklassetequilas erhältlich sind, die den Käufern, die sich für einen Tequila interessieren, aber nicht gleich 50€ und mehr investieren wollen, eine vernünftige Qualität mit gutem Preisleistungsverhältnis offerieren. Auch wenn der Kenner, der in Deutschland immer noch verzweifelt auf Marken wie Siembra und Fortaleza warten muss, gern erleben würde, dass sehr viel mehr Highend-Tequilas konsumiert werden, so muss man sagen: Brände wie der Cabrito Tequila Reposado sind es, die es für die breite Masse erst möglich machen, den Schritt zu wagen und die ollen Mixtos im Regal stehen zu lassen und für nur unwesentlich mehr Geld auf 100%-Agave-Tequilas umzusteigen. Gießen wir uns ein Glas davon ein und trinken auf die Fahrt aufnehmende Tequila-Evolution in Deutschland!

Cabrito Tequila Reposado Flasche

Die Farbe ist selbst für Reposado-Verhältnisse recht blass – „ausgeruhter“ Tequila reift grundsätzlich ja für Spirituosenverhältnisse nur die kurze Zeit von unter einem Jahr in einem Holzfass und nimmt entsprechend wenig Farbe aus dem Holz auf. Helles Pastellgold, vielleicht sogar eher Stroh, würde ich sagen.

Im Vordergrund des Geruchsbilds sind klare, eindeutige Agavennoten. Darunter tauchen Lavendel, Rosenblüten, Thymian und Rosmarin auf, und ein leichter Plastikgeruch, ohne unangenehm künstlich zu werden. Vanille und Butterscotch sorgen für eine ansprechende Süße. Der Cabrito Reposado ist mild zur Nase, kein Alkoholstechen. Im Hintergrund liegen feinfruchtige Noten von Rosinen und Weintrauben.

Cabrito Reposado Tequila Glas

Der Antrunk ist sehr vanillig, süß und zart im Mundgefühl. Der Geschmack bleibt insgesamt zunächst dezent und zurückhaltend, das ist etwas antiklimaktisch nach der tollen Nase. Die etwas schwachbrüstigen 38% Alkoholgehalt machen sich hier doch negativ bemerkbar, ein paar mehr Prozente hätten ihm ganz sicher mehr Charakter geben können. So bleibt er doch arg enttäuschend wässrig und dünn, obwohl er sich mit Verweildauer im Mund etwas steigern kann, wenn er Eichennoten, eine spannende Salzigkeit und schwarzpfeffrige Wildheit entwickelt.

Der Abgang ist auch eher kurz, trocken, dann doch aber recht plötzlich sehr würzig, eine leichte Chilischärfe macht sich auf der Zunge und im Rachen breit. Diese Schärfe bleibt auch im leicht unrund wirkenden Nachhall doch eine ganze Weile erhalten, genau wie ein spätes, ausdauerndes Kopfheben der gekochten Agave und etwas Karamell. Mit einem Eisenton klingt der Cabrito dann aus.

Mein Fazit – ein durchaus schöner, wenn auch geschmacklich leicht schwächelnder 100%-Agave-Tequila, der hauptsächlich über sein tolles Preisleistungsverhältnis (ich habe um die 20€ für die Flasche bezahlt) punkten kann. Für den Purgenießer ist er wahrscheinlich doch zu dünn, das gebe ich gern zu, im Cocktail bringt er aber seine Leistung ohne Mühe. Im Kicking Bull erkennt man ihn selbst gegen Kaffeelikör und Rye Whiskey heraus, etwas, was bestimmt nicht jeder Tequila von sich behaupten kann. Wer sich fragt, woher der Name des Cocktails stammen mag, trinke einfach mal 3 Stück von diesen kleinen, süffigen und gefährlich leckeren Dingern. Der Stier, der einen dann von einem Moment auf den nächsten tritt, wird es einen schon lehren.

Kicking Bull


Kicking Bull
1 oz Tequila Reposado (z.B. Cabrito Reposado)
1 oz Rye Whiskey (z.B. Jim Beam Rye)
1 oz Kahlúa
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die Agavenherzen dieses Tequilas aus der NOM 1140 werden in traditionellen Steinöfen gekocht, mittels Mühle (nicht Tahona) zerkleinert, dann in Stahltanks fermentiert und schließlich zweifach destilliert. Abgefüllt ist er in eleganten, schwungvollen Flaschen, mit hinten auf der Flasche eingelassenem Ziegenkopf, („Cabrito“ ist spanisch für „Zicklein“), den man auch auf dem Etikett in Farbe sehen kann.

Cabrito Tequila Reposado Glasdetail

Wie ich neulich erst gesehen habe – es gibt diesen Tequila auch in einer kleinen Flaschengröße, wohl 20cl oder ähnlich. Eine Kollegin in meiner Firma hat diese kleine Flasche für eine andere Kollegin als kleines Geschenk aus ihrem Mexiko-Urlaub mitgebracht. Na, das sind mal Souvenirs, mit denen man was anfangen kann! Ich hoffe, dass Geschenke wie diese dafür sorgen, dass sich der Siegeszug des Tequila in Deutschland noch weiter beschleunigt.

Black Tears Cuban Spiced Titel

Der Captain wird heulen – Black Tears Cuban Spiced

Wir leben in interessanten Zeiten, was Rum angeht. Der Trend geht, wie in vielen Bereichen, hin zum High-End-Produkt. Gewisse Subkategorien von Spirituosen, gerade bei Rum, leiden dabei etwas, was das Image angeht – wenn schon Laien heutzutage Geld in die Hand nehmen, um sich einen Caroni ins Regal zu stellen, wird so etwas wie ein Spiced Rum, also eine Spirituose auf Rumbasis, die mit Früchten, Gewürzen, Aromastoffen und Zucker süffig gemacht wird, teilweise schon etwas herablassend betrachtet.

Aber was grenzt heutzutage einen Spiced Rum eigentlich noch wirklich ab? Viele der Premium-Rums, die sich bei den Händlern immer noch verkaufen wie geschnitten Brot, und die auf Plattformen wie Amazon bis heute als „die besten Rums der Welt“ rezensiert werden, unterscheiden sich, wenn man die Zusammensetzung anschaut, nicht von einem Spiced Rum. Zusatzstoffe wie Zucker, Aromate und Glycerin sind in als Rum deklarierten Produkten enthalten, ohne dass sie auf dem Etikett ausgewiesen werden würden oder müssten. Nicht zuletzt das etwas zweifelhafte Image des Spiced Rum als unanspruchsloses Gebräu, das Kenner nicht anrühren, sorgt dafür, dass die Hersteller der Hausrezept-Rums ungern die eigentlich korrekte Bezeichnung für ihr Produkt verwenden würden.

Um so erfreulicher, dass diese uralte Kategorie von Spirituosen nun einen neuen Zuwachs erfahren hat, der sich nicht dafür zu schade ist, offen zuzugeben, was er ist. Der Black Tears Cuban Spiced hat vor kurzem die Supermarktregale bei Edeka, Rewe und Co. gestürmt – ich habe zunächst gezögert, weil ich mir eigentlich derartige Spontankäufe abgewöhnen wollte, und nach ein paar kurzen Recherchen, die kaum ein echtes Ergebnis lieferten, ein paar Tage später dann doch zugegriffen; war es ein im nachhinein bereuter Kauf nur um diese Lücke zu füllen, oder taugt dieser Kubaner auch etwas?

Black Tears Cuban Spiced Flasche

Farbstoff ist natürlich mit von der Partie, das wäre auch fast schon ein Wunder bei einem Spiced Rum. Ein kräftiges Terracotta gibt schon einen Eindruck, dass hier kein leichtes, luftiges Aroma auf uns warten wird. Im Glas liegt der Black Tears ölig, mit einem schönen Beinschleier am Glasrand beim Schwenken.

Beim Riechen springt einen eine Komponente dieses Gewürzrums direkt an – Kaffee. Das passt natürlich zur Geschichte auf dem Rücketikett (siehe unten noch ein paar Worte dazu), die vom Großvater erzählt, der schon Rum und Kaffee miteinander vermischte. Vanille, Nougat, Zuckerwatte, geröstete Agave, etwas Mandarine – eine insgesamt geradezu extrem süße Note; dagegen kommt kaum etwas an rumtypischen Aromen an. Etwas Kleber im Hintergrund.

Im Mund kommen dann doch ein paar Column-Still-Rum-Charakteristika zum Vorschein – leichter Körper, etwas alkoholisch, milde Aromen. Cappuccino und dunkler Kakao sind im Geschmack entsprechend da, aber weniger dominierend als von der Nase her vermutet, Fruchtaromen kommen nach vorne, Orange und Erdbeeren. Er wirkt frisch und hell, und ist dadurch sehr süffig und trinkbar. Insgesamt bleibt der Black Tears aber aromatisch zurückhaltend, fast schon etwas arm. Alkoholisch versehen ist der Black Tears Spiced Rum mit 35%, eine Extraktmessung meinerseits hat einen Zuckergehalt von 13g/L ergeben – das ist für einen Spiced Rum ein akzeptabler Wert und weniger, als viele Premiumrums enthalten. Das Etikett spricht von 92% Rumanteil in dieser Spirituose, wenn der Zucker entsprechend draufkommt fragt man sich aber schon etwas, was der Rest sein mag, da Aromastoffe ja volumenmäßig nicht viel ausmachen können – es wird wohl Wasser sein, um die Rumbasis, die ja normalerweise mit mindestens 37,5% Alkohol hergestellt wird, auf die im Endprodukt enthaltenen 35% herabzusetzen.

Black Tears Cuban Spiced Glas

Der Abgang ist trotz all der Vorschusssüße recht trocken, etwas heiß, aber nicht unangenehm alkoholisch. Die Lebensdauer im Mund ist extrem kurz, selbst dabei aber beschränkt auf adstringierende und anästhesierende Effekte. Cappuccino klingt noch eine ganze Weile nach.

Was bleibt also? Wir haben hier einen leichten, trockenen Spiced Rum mit typisch kubanischen Eigenschaften in der Rumbasis, und einer Würzung und Süßung, die diese dankenswerter Weise nicht völlig überwältigt. Mir gefällt das, es ist weniger brachial und pappig als Captain Morgan Spiced Gold beispielsweise, aber auch nicht so eigenwillig wie der Meermaid Infused Rum, und hat einen gewissen eleganten Charme, so dass man ihn gewiss pur, eventuell auf Eis, als leichten Ausklang für einen Abend trinken kann, ohne überfordert zu werden. Keine echte Rumkunst, auch wenn das die Präsentation etwas insinuiert, aber ein solides Basisprodukt.

Tatsächlich wird er seine Hauptarbeit für mich aber in Cocktails leisten. Die interessante Aromenvariation hin zum Kaffee macht ihn gut einsetzbar für ungewöhnliche Twists auf gut bekannte Drinks, wobei nicht die Gefahr besteht, dass der Cocktail in eine völlig andere Richtung abdriftet. Beim Spiced Daiquiri nehme ich ein übliches 2:1:½-Rezept her, reduziere allerdings den Zucker etwas, um die Süße des Black Tears etwas auszugleichen; das Ergebnis ist sehr trinkbar und leicht, mit eben diesem kleinen dunklen Kaffeetwist.

Spiced Daiquiri


Spiced Daiquiri
2 oz Spiced Rum (z.B. Black Tears)
1 oz Limettensaft
1 Teelöffel weißer Zucker
Auf cracked ice gut schütteln. Nur grob abseihen und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Versucht man, das Rücketikett, das im Pseudopostkartenstil in Pseudohandschrift eine Pseudolegende voller Schwafelei enthält, tatsächlich zu verstehen, wundert man sich dann aber doch über die unklare Reise, die dieses Produkt hinter sich hat. Destilliert auf Kuba, „hergestellt“ (was auch immer das nun bedeuten mag) in den Niederlanden für eine norwegische Firma, vertrieben durch eine deutsche Firma. Der Rum für den Black Tears stammt aus der Destillerie Paraíso Destilería im unter Rumkennern wohlbekannten Ort Sancti Spíritus auf Kuba; diese Destillerie vermarktet ihren Rum, wie es viele Destillerien dort tun, über ein Konglomerat mit dem weniger wohlklingenden Namen Tecnoazucar. Ein wahres Wunderwerk an Verflechtung und Vernetzung in der globalisierten Welt.

Nun, für 17€ macht man, wenn man eh auf diese Art von Rumspirituose steht, sicher nichts falsch, im Gegenteil – ich würde jedem Freund des Piratenkapitäns mit dem Fuß auf dem Fass raten, sich stattdessen einfach mal mit dem Black Tears Cuban Spiced anzufreunden, ich finde ihn interessanter und wirkungsvoller. Wer aber eh schon lieber trockene, teerige und esterige Pure Single Rums trinkt, und sich nicht von diesem Vorbild lösen kann oder will, wird dagegen kaum so richtig viel Freude empfinden werden.

Martini Riserva Speciale Ambrato Titel

Siegel, Untertitel und Geschmack – Martini Riserva Speciale Ambrato

Neulich im Fernsehen kam in einem dieser Verbrauchermagazine ein Test über italienische Balsamico-Essige. Ein Experte erklärte, dass man bei solchen lokal definierten Spezialitäten wie Aceto Balsamico di Modena nicht allein auf den Namen vertrauen darf, sondern Ausschau nach EU-Siegeln halten solle. Damit nicht genug, es gibt dabei auch zwei unterschiedliche, ein blau-gelbes IGP-Siegel, das aussagt, dass wenigstens ein Produktionsschritt bei der Herstellung in der entsprechenden Region stattfand, und ein gelb-rotes DOP-Siegel, das eine stärkere Aussagekraft hat, nämlich, dass das Produkt tatsächlich traditionell und komplett aus der Region kommt. Letzteres bedeutet natürlich einen höheren Qualitäts- und Traditionalitätsstandard und ist daher zu bevorzugen.

Bei dem heute hier vorgestellten Wermut können wir ein sehr ähnliches Phänomen betrachten. Der Martini Riserva Speciale Ambrato weist den Untertitel „Vermouth di Torino“ auf, was offiziell eigentlich „nur“ einer geschützten Herkunftsbezeichnung im Sinne des IGP-Siegels entspricht; der Hersteller produziert aber bereits jetzt im Stile des DOP-Siegels, komplett innerhalb der Region und mit Materialien komplett aus der Region. Eine Verschärfung der Gesetzeslage wird dies bald für alle Wermuts, die die Herkunftsangabe „di Torino“ haben wollen, erzwingen. Soviel zum legalesischen Hintergrund, was bringt uns das alles im Geschmacksbild?

Martini Riserva Speciale Ambrato Flasche

Heller, aber kräftiger Bernstein (kein Wunder beim Namen – „ambrato“ bedeutet „bernsteinfarben“) mit sonnenblumenfarbenen Reflexen lacht uns im Glas an. Erkennbar viskos mit dicken, langsam ablaufenden Beinen am Glas. Könnte die Farbe natürlich aus den verwendeten Tino-Eichenholzbottichen, in denen dieser Wermut reifte, stammen? Ich hoffe es mal.

Der Geruch ist ausgesprochen intensiv, süß und traubig. Würzige Untertöne nach wermuttypischen Gewürzen und Kräutern – drei davon wurden zur Herstellung genutzt (Wermutkraut, Pontischer Beifuß and Gemeiner Beifuß). Ich rieche noch Orangen und Rosinen, Birnen und Honig.

Der Martini Riserva Speciale Ambrato ist schwer und dicht im Mundgefühl und weist ein schönes Säure-Süße-Verhältnis auf. Zunächst wirkt er nur mildbitter; geschmacklich erkenne ich einen schönen Fruchtmix: Traubenmost, Orange, Grapefruit. Dazu Honig. Ich empfinde ihn als wunderbar komplex mit vielen Dimensionen. 18% Alkoholgehalt ist typisch für Wermut und wirkt gut eingebunden ohne Störeffekte.

Martini Riserva Speciale Ambrato Glas

Der Abgang schließlich: Zunächst sehr trocken, dann sehr bitter und mildsauer. Ganz stark kommt nach einer Weile noch Grapefruit hervor. Lang, für einen Wermut würde ich sogar sagen: sehr lang. Leicht adstringierend.

Das kann man sehr schön pur trinken, oder als Wermut-Tonic (wie auf dem Rücketikett mit Rezept angegeben) oder sogar Wermut-Soda. Die Tiefe dieses Wermuts allerdings macht ihn natürlich aber auch zu einer perfekten Cocktailzutat – durch seine Mischcharakteristik kann er sowohl als roter als auch als weißer Wermut (solange nicht explizit ein „trockener“ Wermut verlangt wird) eingesetzt werden. Im Little Eve spielt der Martini Riserva Speciale Ambrato eine wichtige Rolle – wie eigentlich aber alle Zutaten, die die Person, nach der er benannt ist, in Spirituosenform beschreiben.

Little Eve


Little Eve
1½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino)
1 oz Tequila Blanco (z.B. Patrón Blanco)
¾ oz süßer, weißer Wermut (z.B. Martini Riserva Speciale Ambrato)
1 Spritzer Lavendelsirup
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Auf Eis rühren und in einem Glas servieren, das vorher mit Kirschwasser ausgespült wurde.
Ohne Dekoration servieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist eine einfache Weinflasche, das Etikett dagegen üppig und spricht den aktuellen Trend zu opulenten Etikettendesigns an. Rund 15€ bezahlt man für eine Dreiviertelliterflasche aktuell in Supermärkten, die Marktmacht der Martini-Marke sorgt für eine gute Durchdringung in der Fläche, so dass man diesen Wermut nicht mühsam suchen muss. Aus der selben Reihe gibt es noch einen weiteren Wermut, den „Rubino“ – nach der sehr positiven Erfahrung, die ich mit dem Riserva Speciale Ambrato gemacht habe, kommt mir dieser sicherlich auch noch bald ins Haus, oder genauer gesagt: in den Kühlschrank. Wie immer bei Wermut weise ich damit auf die begrenzte Haltbarkeit hin. Idealerweise versiegelt man ihn noch mit Schutzgas oder Weinpumpe, und, das beste Mittel gegen Verfall, man sollte ihn schnell aufbrauchen. Letzteres fällt zumindest mir nicht wirklich schwer.

Tausendsassa, Trainingslager und Innis&Gunn Lager Titel

Lagerkoller – Raschhofer Tausendsassa Lager, Mashsee Trainingslager und Innis & Gunn Lager Beer

Es gibt da in Großbritannien einen Zeitungs-Comicstrip, den ich sehr mag. „Andy Capp“ heißt er, und er handelt von einem Tunichtgut, der Arbeit scheut wie der Teufel das Weihwasser, der einen Großteil seiner Zeit im örtlichen Pub verbringt und dabei ein Bitter nach dem nächsten trinkt, Billard spielt und junge Mädels anbaggert. Er ist gleichzeitig passionierter Fußball- und Rugbyspieler (vor dessen ultraharter Spielweise sich alle Gegenspieler fürchten), und Meister darin, seiner Frau Flo ihre hartverdienten Kröten aus der Handtasche zu stibitzen, um jene dann zu versaufen. Eine herrliche Karikatur auf die britische Unterschicht, immer liebevoll und zum Totlachen.

Andy Capp

Auch wenn man sonst mit Andy kaum etwas gemein zu haben denkt, so kriegt der geneigte Bierfreund doch manchmal auch so einen kleinen Lagerkoller, und muss das Haus verlassen und ein Bierchen trinken, so wie Mr Capp das regelmäßig tut. Wir haben nun, um dem schlimmsten Durst zu entgehen und mal einen anderen Bierstil auszuprobieren, hier einen kleinen Trip durch Europa vor uns – beginnend in Österreich arbeiten wir uns nach Norddeutschland vor, um in Schottland zu enden; aus diesen Ländern wollen wir je ein Lagerbier probieren. Die vorgestellten Biere sind also in dieser Reihenfolge das Raschhofer Tausendsassa Lager, das Mashsee Trainingslager und das Innis & Gunn Lager Beer.

Tausendsassa, Trainingslager und Innis&Gunn Lager Flaschen

Mein erster Kontak zu den österreichischen Raschhofer-Bieren war der Kalea-Adventskalender 2015; dort gefiel mir das Lebenskünstler Witbier dieses Herstellers eigentlich recht gut, und so musste ich nicht lang überlegen, als ich in der recht gut ausgestatteten Bierabteilung meines lokalen Galeria Kaufhof das Raschhofer Tausendsassa Lager stehen sah.

Optisch überzeugt es mich zunächst nicht übermäßig – blass von der Farbe her, stark und großblasig schäumend beim Eingießen, wonach der Schaum dann schnell fast komplett weg ist, mittelstarke Perlage. Ein sehr stark metallischer Geruch ist ebensowenig attraktiv, die etwas zitronige Beinote kann noch das schlimmste abwenden. Leicht hefig wirkt es.

Raschhofer Tausendsassa Lager

Im Mund ändert sich der grundsätzliche Eindruck dann kaum noch. Frisch und rezent, ohne Frage, und leicht süß im Antrunk. Dann aber etwas zu hefig im Hauptgeschmack, trotz einer gewissen Malzigkeit ein zu dünner Körper, und leicht kratzig und störend eckig im Mundgefühl. In Kombination mit der stark Karbonisierung wirkt das Tausendsassa unrund und unruhig. Im Abgang finde ich dann einiges an Eukalyptus, es ist gefällig minzig im Nachhall. Mildtrocken, mittellang.

Die Daten im Abriss: 5,1% Alkoholgehalt, Hopfen: Taurus und Malling, Malz: Pilsner. Das Raschhofer Tausendsassa Lager lässt mich, noch optimistisch formuliert, etwas unbeeindruckt zurück. Ein guter Durstlöscher, aber nichts, was im Gedächtnis bleibt.

Gehen wir daher direkt zum nächsten Verkostungskandidaten über, dem Mashsee Trainingslager. Ich bin ja immer etwas skeptisch, wenn Biere sich so Gags als Namen zulegen; das nutzt sich einerseits schnell ab, und andererseits erwartet man dann etwas besonderes im Glas, das einer so flippigen Namensgebung gerecht wird. Schafft das dieses Bier aus Hannover? Es ist zumindest schonmal spannend anzuschauen – dunkel für das, was wir sonst als Lager kennen, mit deutlicher Trübung, feiner Perlage, und stabilem, gemischtporigen Schaum.

Mashsee Trainingslager

Auch der Geruch ist erstmal sortenuntypisch, nach meiner Erfahrung: Sehr hopfig, zitrusfruchtig, vielleicht ein Hauch von Rauch. Bisher würde ich es für ein IPA halten. Und auch im Mund bleibt das Trainingslager extrem hopfig. Kantig-bitter, dabei deutliche Süße zum Ausgleich. Toll cremig und dicht im Mundgefühl. Schöne Rezenz, aber nur mäßig erfrischend.

Der Abgang ist schließlich sehr kurz, malzig und dabei noch deftig bitter. Im Nachklang scheint es erneut mehr „ale-ig“ als typisch „lager-ig“ zu sein: sehr trocken und adstringierend. Besonders hier erkennt man aber dann doch noch den Lagercharakter – die Klarheit, die Sauberkeit im Abgang, die viele untergärige Lagerbiere auszeichnet. Erst hier unterscheidet es sich deutlich von einem IPA. Ende gut, alles gut, möchte man den Lagerfreunden zurufen.

Bei diesem Bier stellt man sich erstmals die Frage – was ist hier der Unterschied zwischen Lager und IPA? Klar, ersteres ist untergärig, zweiteres obergärig, doch wie man hier sieht, muss die Vertikale die Bierwelt wenigstens geschmacklich nicht in zwei Hälften teilen. 5,5% Alkohol, 36 IBU, 33cl für 2€ sind noch die harten Fakten. Mir gefällt das Mashsee Trainingslager sehr, es ist eine schöne Mischung aus dem, was man von einem Lager erwartet, und dem, was man von einem IPA erwartet. Sehr trinkbar und ohne Allüren.

Womit wir direkt und ohne Umschweife zum letzten Kandidaten dieser Runde kommen, dem Innis & Gunn Lager Beer aus Schottland. Während hier der Name noch sehr bodenständig, fast schon einfallslos ist (so flatterhaft sind wir Rezensenten! Erst flippige Namen anmeckern, dann unflippige Namen anmeckern!), macht das Etikett und die typische I&G-Flaschenform eine sehr gute Figur.

Innis & Gunn Lager Beer

Wie schon beim Vorvorgänger empfinde ich den Geruch als extrem metallisch und etwas hefig. Da ist nur eine leichte Hopfennote, sowie ein Anflug von Malz. Im Antrunk fühle ich mich an meine Pils-Verkostungsreihe zurückversetzt. Feinherb, mildbitter, ja, das könnte ich für ein Pils halten. Sehr rezent, aber cremig im Mundgefühl. Das Metall überträgt sich auch in den Mund, wie ein Stahlnagel wirkt das, in dieser extremen Form habe ich das selten erlebt, obwohl ich den Eindruck von anderen Bieren, insbesondere oft bei Bockbier, kenne. Bock ist es allerdings definitiv keiner, bei 4,6% Alkohol. Lässt man das Bier etwas wärmer werden, kommt eine sehr schöne malzige Note zum Vorschein, die das Metall etwas abmildert.

Der Abgang allerdings ist dann doch süßer, als es der Antrunk vermuten läst. Nur eine dezente Bittere, milde Trockenheit, kaum eine Kante. Insgesamt ist der Abgang aber lang und sehr befriedigend, mit viel Malz und etwas Hopfenzitrus. Besonders am Innis & Gunn Lager ist, dass Hafer („naked golden oats“) enthalten ist.

Das oben schon angesprochene hübsche Flaschen- und Etikettendesign ist für mich leider im Fazit auch schon das spannendste am Bier. Etwas langweilig und undefiniert, geht unter in der Masse der erhältlichen Lagerbiere, vor allem, wenn man den Preisfaktor (3€ für 330ml) mit einberechnet.

Viele moderne Lagerbiere protzen nicht gerade mit Aromen, und sind für mich daher auch in Cocktails eher zweite Wahl. Manche Rezepte allerdings brauchen Bier nicht wegen des Aromas, sondern für die Bittere und die Kohlensäure – die Californian Michelada wäre ein Beispiel dafür, dass man selbst mit auf sich gestellt nur mäßig begeisterndem Bier noch einen tollen, hocharomatischen und unterhaltsamen Cocktail mischen kann.

Californian Michelada


Californian Michelada
½ oz Limettensaft
2 Tropfen Tabasco-Sauce
2 Spritzer Worcestershire-Sauce
1 Prise schwarzer Pfeffer
1 Prise Selleriesalz
Alle Zutaten umrühren. Dann mit hellem, leichten Bier aufgießen
(z.B. Raschhofer Tausendsassa)

In einem Glas mit feiner Salz-Cayennepfeffer-Kruste und einer Limettenspalte servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Was ziehe ich als Fazit aus dieser kleinen Testrunde? Mir gefällt das Lager, das aufgrund seiner Aromatik etwas aus der Reihe tanzt, am besten. Nachdem ich in der Zwischenzeit noch ein paar unterschiedliche bayerische „Helle“, die auch in die Kategorie Lager fallen, und weitere Sorten probiert habe, stelle ich einfach fest, dass dieser Bierstil für mich nur zum reinen Durststillen dienen kann. Das ist natürlich für mich, der einen Blog mit dem Namen „schlimmerdurst“ betreibt, schon eine ehrenwerte Aufgabe für sich – doch so richtig befriedigen kann ein klassisches Lager den Bedarf nach feinem, gut schmeckenden und vielleicht sogar überraschenden Bier einfach nicht, und so halte ich mich in Zukunft lieber an andere Stile, die das besser tun.

Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac Titel

Kurz und bündig – Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac

Heute verkosten wir in dieser Ausgabe der „Kurz und bündig“-Serie, in der ich reine Tasting Notes veröffentliche, einen Cognac – Jean Fillioux XO So Elegantissime, um genau zu sein. Dieser Cognac weist neben der XO-Alterskategorie noch die Titel Vieille Grande Champagne, 1er Cru de Cognac auf, die das Herkunftsgebiet kennzeichnen (die eaux-de-vie aus der Grande Champagne gelten unter Kennern als die feinsten).

Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac

Das leidige Thema der Farbe ist wie üblich bei den allermeisten Spirituosen zu betrachten – einerseits hofft man, dass bei einem XO-Cognac, dessen jüngster Bestandteil immerhin mindestens 6 Jahre (für Abfüllungen ab 2016 dann 10 Jahre) im Eichenfass lagerte, diese attraktive Haselnussfarbe aus Holzeffekten entsteht. Andererseits sind bei Cognac Farbstoffe erlaubt und werden daher wohl auch verwendet.

Der Geruch bezaubert schonmal – dunkel, würzig, getrocknete Bananen und Pflaumen. Pfirsich. Sandelholz. Etwas Eukalyptus. Im Antrunk ist der So Elegantissime zunächst sehr weich und sehr süß , wird dann aber stärker und stärker, immer würziger, dann leicht pfeffrig und warm. Viel Volumen und große Dichte. Insgesamt überraschend hell und klingelnd im Ton. Sehr elegant (der Name sagt es ja schon aus!) und leicht, und nicht allzu komplex. 41% empfinde ich als perfekt eingebunden, und weder in der Nase noch im Mund spürbar.

Der Abgang ist wirklich extrem fruchtig, deutlichst erkennbar sind Pfirsich, Mango, Honigmelone und Aprikosen. Mittellang, warm und rund, nicht zu trocken, aber trotzdem stark adstringierend. Ein leicht mentholiger Nachklang, in dem etwas Hubbabubba-Kaugummi und dunkle Schokolade mitschwingt.

Ein wirklich angenehmer Cognac, schön zum Nippen und Schwelgen, dabei nicht in der Perfektion bereits langweilig, wie es manchen seiner Artgenossen ergeht. Ich würde mir persönlich aber doch noch etwas mehr Komplexität wünschen.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample. Die 700ml-Flasche des Jean Fillioux XO kommt preislich auf ungefähr 100€; das Preisleistungsverhältnis empfinde ich persönlich hauptsächlich wegen des letzten Kritikpunkts als durchschnittlich.

Destillerie Armand Guy Pontarlier Liqueur de Sapin, Anisée und Absinthe Titel

La France spirituelle – Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Vielleicht kennt das der eine oder andere meiner Leser aus eigener Erfahrung: Die Jahreszeiten, dabei insbesondere die Außentemperatur und die Dauer des Sonnenlichts, beeinflussen ganz stark, welche Spirituosen ich bevorzuge. Im dunklen Winter trinke ich gern schwere, süße Brandys oder Bourbons, im Frühjahr entdecke ich plötzlich meine Liebe für den leichteren Tequila wieder, im Herbst sind es oft Liköre, die mich begeistern. Der Sommer aber, insbesondere der so richtig derb heiße Hochsommer, bei dem die Luft flirrt und sich kein noch so kleines Windchen regt, lässt mich zu Anisées und Anisettes greifen.

Ouzo war dabei oft das Gift der Wahl, in letzter Zeit habe ich für derartige Bedürfnisse auch türkischen Rakı für mich entdeckt. Ein Gläschchen Sambuca zeigt, dass neben Griechen und Türken auch die Italiener guten Anisbrand herstellen – und nun beginne ich auch, langsam die Fühler in Richtung Frankreich auszustrecken, um deren Anisées kennenzulernen. Gerade in Frankreich sind diese Anisschnäpse und -liköre Kinder der Not; nachdem der dort äußerst beliebte Absinthe praktisch weltweit auf einen Schlag zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten wurde, war der Bedarf nach einer Alternative groß, und man versuchte, den Wunschgeschmack anders herzustellen als über die als wahnsinninduzierend verschrieenen Wermutkräuter mit ihrem hohen Thujon-Gehalt (wie sich herausstellte, war es banalerweise aber wohl eher der hohe Alkoholgehalt in Verbindung mit maßlosem Konsum, der zu geistigen Ausfällen führte). Enter: Anis.

Eines der drei Produkte aus der Destillerie Armand Guy, von denen mir Importeur Lion Spirits unaufgefordert und kostenlos je 10cl zum Testen zur Verfügung stellte, ist genau so ein Anisschnaps, der Anisée Pontarlier Anis Ponsec. Darüberhinaus will ich hier noch die anderen beiden vorstellen –  den Tannennadellikör Le Vert Sapin, und den Absinthe La Pontissalienne.

Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Beginnen wir beim vielleicht ungewöhnlichsten des Trios – beim Le Vert Sapin handelt es sich um einen Tannennadellikör: Frisch gepflückte Tannentriebe werden angesetzt und destilliert, und danach nochmal 2 Wochen mit getrockneten Trieben mazeriert. Die Farbe ist giftig neongrün, passend eigentlich zu den gelbgrünen Tannennadeltrieben, die ich zum Vergleich gesammelt habe (siehe Foto). Irgendwie habe ich aber trotzdem so meine Zweifel daran, dass diese Farbe natürlich ist, ein paar Tropfen Farbstoff würde ich vermuten, insbesondere, da grüne Naturfarbe in Spirituosen nach meiner Erfahrung meist nicht sehr beständig ist und schnell graubraun wird. Manchmal muss man einen Rückzieher machen – eine Rücksprache mit dem Importeur hat ergeben, dass diese Spirituosen alle nicht künstlich nachgefärbt sind.

Der Geruch ist ein Traum – eine Mischung aus Chartreuse und Fichtenwald und Kräuterbeet im Hochsommer, mit Harz, Holz, Apfelessig und leichten orangigen Komponenten. Sehr spannend und komplex, da kann man lange dran schnuppern und neues entdecken.

Le Vert Sapin Likör

Ich habe den Geschmack von frisch gepflückten Tannennadelsprossen neulich erst, bei einem Waldspaziergang, probiert – es ist eine Mischung aus Zitrone und Petersilie, wenn man mich fragt, eigentlich sehr angenehm, gut erfrischend zum Draufrumkauen, wenn man mit dem Hund unterwegs ist. Je hellgrüner sie sind, um so zitroniger; je dunkler sie werden, um so harzig-tannig-holziger werden sie. Der Geschmack des Le Vert Sapin gleicht diesem tatsächlich etwas, allerdings ist die Süße des zugesetzten Zuckers natürlich erstmal überwältigend. Harz, Holz, Orange, ein Touch von Rauch, Rosmarin, Basilikum und schließlich Minze im Ausklang – oh, das ist ein gefährlicher Tropfen, bei dem man gern den letzten Tropfen aus dem Glas lutscht. Der Abgang ist leicht pappig, mindestens aber süß, recht kurz und unaufgeregt, mit sehr milder Wärme, die den immerhin 40%-igen Alkoholgehalt kaum erkennen lässt. Aufgegossen mit etwas eiskaltem Sprudel oder Tonic Water ist der Le Vert Sapin übrigens ein ganz herausragendes Erfrischungsgetränk mit viel Charakter für den angesprochenen heißen Sommer.

Wir verlassen den Tannenwald, kommen auf die Einleitung zurück und schauen uns das nächste Produkt aus derselben Destillerie an – den Pontarlier Anis Ponsec. Die Franzosen (wie viele Mittelmeeranrainer) sind sehr viel anisverliebter als wir Deutschen, man kennt ja vielleicht den Pastis Ricard oder den Anisée Pernod aus dem Urlaub. Die Besonderheit hier im Gegensatz zu Pastis ist, dass hier nicht nur eine Kräutermazeration, sondern eine Redestillation eines Anis-Alkoholgemischs erfolgt, und keine Lakritzaromen zugefügt werden.

Pontarlier Anis Ponsec

Der Anis Ponsec ist leicht gelbgrün, passend zum verwendeten grünen Anis (wobei auch hier, wie schon zuvor, wahrscheinlich künstlicher Farbstoff mit im Spiel ist nein ist er nicht). Wie auf dem Foto zu sehen, verkoste ich den ihn auf die Art und Weise, wie er üblicherweise getrunken wird – mit etwas Eiswasser. Dabei sieht man auch schön den Louche-Effekt, der die eigentlich gelbgrüne Flüssigkeit in blickdichtes Weiß verwandelt.

Die Nase ist in diesem Zustand oberflächlich sehr stark lakritzlastig (selbst wenn diese nicht, wie erwähnt, verwendet wird), mehr noch als die meisten Ouzos oder Rakιs, die ich kenne. Leicht mentholig, sonst nicht viel – der Anis übertüncht alles andere ohne Gnade. Der Geschmack ist süß und dicht, auch hier natürlich mit Anis im Vordergrund. Der Anis Ponsec ist zwar kein Anisette (also Anislikör), dennoch ist er leicht gezuckert. Ein recht cremiges Mundgefühl sorgt für eine schöne Trinkbarkeit selbst für mich, der bei Anisées eine eher zurückhaltende Lakritzdichte mag – das kreide ich dieser Spirituose natürlich nicht an, denn, so wie bei Gin definitorisch der Wacholder im Vordergrund stehen muss, muss bei Anisée der Anis vorherrschen. Der Abgang ist trotz der Verdünnung mit Wasser angenehm alkoholisch (die 45% Alkoholgehalt sorgen dafür), salzig, sehr lang und perfekt rund. Im Nachhall verdeutlichen sich schließlich erneut Anis und Fenchel.

Persönlich ist mir dieser Anisée klar zu eindimensional anislastig, da ist kaum etwas anderes zu riechen oder zu schmecken. Etwas mehr Komplexität wäre wünschenswert, so ist er für mich persönlich, verdünnt mit Wasser, ein netter Aperitiv, mehr aber nicht.

Zu guter letzt kommt der Dritte im Bunde zum Zuge: La Pontissalienne ist als Absinthe das, was die Destillerie Armand Guy ursprünglich eigentlich als ihre Domäne auszeichnete, bis die Gesetzgebung zuschlug, um die Menschen vor dem Wahnsinn der „grünen Fee“ zu bewahren. Erst 2011, nach der Aufhebung des unsinnigen und willkürlichen Absintheverbots, wurde diese Spirituose wiederbelebt, nachdem sie 100 Jahre scheintot vor sich hindämmerte.

La Pontissalienne

Ohne Wasserzusatz ist dieser Absinthe hellgrün, mit starken gelben Reflexen. Im Glas ist nur eine leichte Viskosität erkennbar, die entstehenden Beine beim Schwenken laufen schnell ab. Wie bei Absinthes üblich, haben wir hier einen erhöhten Alkoholgehalt von 56% vor uns – da man ihn praktisch nicht pur, sondern meist mit Eiswasser trinkt, ist dies auch gut so. Das flashige Ritual mit dem flambierten Zuckerwürfel, das wohl erst am Ende des 20. Jahrhunderts in Tschechien als Marketingmaßnahme entstanden ist, brauchen wir wahren Genießer nicht. Mit langsam eintröpfelndem Wasser wird der La Pontissalienne langsam trübe, behält aber, im Gegensatz zum Anisée, der komplett blickdicht und weiß wird, eine gewisse Transparenz und seine gelbgrüne Farbe.

Unverdünnt rieche ich Fenchel, eine sehr kräuterlastige Oberfläche (ich gehe davon aus, dass dies das Wermutkraut ist – leider hatte ich noch keine Gelegenheit, das Kraut außerhalb von Spirituosen zu riechen), Zitronenschale, eine leichte fleischige Komponente und deutlich Ethanol. Nach der Verdünnung werden Fenchel und Wermutkraut noch dominanter, und die Zitrone beginnt zu leuchten. Sehr angenehm.

Unverdünnt ist der Geschmack stechend, anislastig, auch hier leicht fleischig oder umami. Im Abgang kommt Zitrone zum Vorschein; der Abgang ist kurz, dabei kurz heiß aufflammend und dann schnell wieder verlöschend. Sehr rein und klar wirkt der La Pontissalienne dabei. In Wässerung verbreitert sich das Profil, wird weicher und weniger vom Anis dominiert. Die grundsätzlichen Eindrücke bleiben aber erhalten – umami, Zitrone, Fenchel. Der Abgang verlängert sich um das vielfache und ist viel aromatischer als zuvor; ein sehr schöner Effekt, der zeigt, dass Wasser hier nicht verdünnt, sondern die Spirituose sich erweitern lässt. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser weiche Absinthe sich wunderbar als Glasaromatisierung in einem Sazerac-Cocktail macht.

Das leitet über zum nächsten Thema. Aktuell sind schwarz gefärbte Cocktails ein kleiner, geheimer Trend. Viele greifen zu Sepia oder Kohle, um die Schwärze herzustellen; man kann, wenn man sich mit einem dunklen Grau zufrieden gibt, auch die Kombination nutzen, die im Violetta die zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftige Farbe entstehen lässt – der Louche-Effekt bringt die Blickdichte mit sich. Veilchenlikör und Anisée passen überraschend gut zueinander, und der Ananassaft sorgt für etwas Schaum und Körper.

Violetta


Violetta
¾ oz Anisée (z.B. Pontarlier Anis Ponsec)
 ¾ oz Veilchenlikör (z.B. The Bitter Truth Violet Liqueur)
1½ oz Ananassaft
½ Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Sprudel
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ein Gesamtfazit kann man hier natürlich nur schwer ziehen, dazu sind diese drei Spirituosen zu unterschiedlich. Was man definitiv sagen kann ist, dass hier bei der Herstellung nicht geschlampt wird, und man hochwertige Qualität aus einer bis heute familiengeführten, traditionsreichen Destillerie bekommt, die sogar offen mit Information umgeht. Für mich persönlich ist insbesondere der Le Vert Sapin ein sehr aufregender und im Gedächtnis bleibender Likör, von dem ich sicherlich, wenn das Sample aufgebraucht ist, eine volle Flasche akquirieren werde. Allen frankophil veranlagten Trinkern unter meinen Lesern kann ich aber praktisch ohne Bedenken alle drei hier vorgestellten Produkte empfehlen, als hochwertiger Ersatz für die etwas gewöhnlichen Massenprodukte Ricard und Pernod, wenn einen die Sommerhitze einmal niederstreckt und man einen kräuterig-wilden Gemütsaufheller und Munderfrischer braucht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung dieses Probesets an Spirituosen.

Didao Yunnan Fenjiu Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 6 – Didao Yunnan Fenjiu 地道云南

Wir haben in meiner Blogserie „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ nun eine erste Runde durch drei der vier Hauptaromen, die es beim Baijiu gibt, gedreht, und ein Fachbuch über diese Spirituose gelesen. Mit dem bis hier aufgesammelten Wissen wollen wir im sechsten Teil nun eine erneute Rundreise starten – und ähnlich wie bei Runde 1 beginnen wir die Tour mit einem Baijiu mit „leichtem“ 清香-Aroma: dem Didao Yunnan Fenjiu (地道云南).

Der Unterschied zum ersten Leichtaroma-Baijiu, den wir in Teil 1 dieser Reihe besprochen hatten, dem Erguotou, ist, dass Fenjiu, eine weitere Subkategorie der Leichtaroma-Baijius, eine längere Fermentation (in etwa dreimal so lange) benötigt und dazu dann noch einen zweiten Fermentations- und Destillationsschritt durchmacht, den es bei Erguotou nicht gibt. Die Lagerdauer in Keramiktöpfen ist bei Fenjiu auch mindestens 1 Jahr, bei Erguotou in der Regel maximal 1 Jahr. Der Aufwand ist also erheblich größer, was sich dann natürlich auch im Preis und der Wertschätzung niederschlägt. Wir bewegen uns produktionstechnisch also weg vom anspruchslosen Massensprit und hin zu einer höherwertigen, feineren Mittelklasse-Spirituose.

Dass der Didao Yunnan Fenjiu eine Silbermedaille beim Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2016 gewonnen hat, will ich mal nicht allzu hoch hängen – zumindest wird es nicht meine Geschmacksprobe beeinflussen (so hoffe ich, das Unterbewusste hat da aber natürlich immer sein Wörtchen mitzureden).

Didao Yunnan Fenjiu Baijiu Flasche

Der Geruch geht schon fast etwas in Richtung Tequila, vielleicht auch Pisco, um mal ein paar Vergleichsbeispiele zu nennen, die vielleicht bekannter sind als Baijiu selbst. Pflanzlich, grasig, mit einer klar erkennbaren Würze in Richtung Sojasauce. Im Vergleich zu vielen anderen Baijius sehr zurückgenommen und westlich genehm.

Auch geschmacklich würde ich die Parallele zu Tequila, eventuell eher noch sogar seinem nahen Verwandten Sotol, aufrechterhalten wollen. Deutlich alkoholischer natürlich, aber aromatisch durchaus verwandt. Sehr pflanzlich und vegetal, leicht salzig, Anklänge von Traubenmost, Wermutkraut, Thymian sowie die bereits angesprochene Sojasauce. Eine milde Säure begleitet das Ganze; die 46% Alkohol sind kaum spürbar. Der Abgang ist leicht mentholig, sehr aromatisch, zwar etwas kurz, vom leicht betäubenden Effekt auf die Zunge gesehen aber lang. Ein dichter, würzig-kräuteriger Nachhall hängt noch eine Weile im Mundraum.

Tatsächlich fehlen diesem Baijiu all die Extreme, die die Kategorie sonst für den westlichen Gaumen so kompliziert machen: er ist nicht so alkoholisch, fermentierlastig und fremdartig, kurz – nicht so ungewohnt. Das kann man Gästen vorsetzen, die unerfahren in Baijiu sind, und muss nicht mit verzerrten Gesichtern rechnen, im Gegenteil. Damit kann man überzeugen, zum ersten Mal in dieser Reihe wirklich uneingeschränkt. Eine tolle Spirituose, die mir außerordentlich gefällt, bei der es richtig viel Spaß macht, sie zu genießen – von allen Baijius, die ich bisher verkostet habe, ist dies mit einigem Abstand der attraktivste.

Der Chinese Snapdragon (der originale Snapdragon wird mit weißem Tequila gemacht) öffnet mir die Augen dafür, dass Baijiu und Weintrauben eine brilliante Kombination ergeben. Wenn dann noch das florale Element des Holunderblütenlikör den leichten Baijiu ergänzt, haben wir einen ungewöhnlichen, aber außergewöhnlich leckeren Cocktail vor uns. Höchstfaszinierend, und er wird auch noch mit jedem Schluck interessanter.

Chinese Snapdragon


Chinese Snapdragon
10 helle (grüne) Weintrauben muddeln
2 oz Leichtaroma-Baijiu (z.B. Didao Yunnan Fenjiu)

1 oz Holunderblütenlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken, doppelt abseihen.

[Rezept abgewandelt nach Delicious Drinks]


Die Flasche ist vergleichsweise einfach gestaltet, ohne viel Schnickschnack; der Didao Yunnan erlaubt sich als einzige Extravaganz einen etwas wuchtig wirkenden Schraubverschluss (der allerdings, auch wenn er sehr edel wirkt, tatsächlich nur aus mäßig wertigem, goldfarbenen Leichtplastik besteht).

Ich finde es angemessen, bei so exotischen Produkten auch auf den fremdsprachigen Namen einzugehen. Didao Yunnan Fenjiu, übersetzt „Echter Yunnaner Fenjiu“ (Yunnan ist eine Provinz in Südwestchina), ist dann aber doch nicht so exotisch, wie es sich zunächst anhört – das ist eigentlich recht analog zu den Gepflogenheiten vieler westlicher Hersteller, die ihre Produkte „Echter Nordhäuser Doppelkorn“ oder „Echter Leipziger Allasch“ nennen.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.