Archiv für den Monat Februar 2017

Hine Rare VSOP Cognac Titel

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile – Hine Rare VSOP Cognac

Für eine lange Zeit hatten Blends, also die Vermischung unterschiedlicher Destillate zu einem Endprodukt, einen eher mäßigen Ruf bei Spirituosenfreunden. Ich führe das auf die Gewohnheiten des Branchenführers, des schottischen Whiskys, zurück – Single Malt war für viele immer das Maß der Dinge, ein Blended Malt (also eine Mischung verschiedener Single Malts, früher Vatted Malt genannt) oder gar ein Blended Whisky (mit Anteil von Destillaten aus ungemälztem Getreide) war ein gefühlter Qualitätsabstieg.

Nun stimmte das natürlich selbst zu Zeiten nicht, als es nicht, wie heute, ganz herausragend gute und leicht erhältliche Blends gab. Und bei anderen Spirituosengattungen, wie dem Cognac, war es eigentlich immer schon Tradition, nicht ein Einzeldestillat in die Flasche zu füllen, sondern einen Maître de chai seine schwierige Arbeit tun zu lassen, ein einmaliges, oft sehr wiedererkennbares Geschmacksprofil zu erzeugen, durch die Vermählung oder Marriage (oh, wie poetisch wir Schnapsliebhaber sind!) verschiedener gereifter Destillate. Eine Arbeit, vor der ich höchsten Respekt habe.

Beim Hine Rare VSOP haben wir entsprechend dieser Tradition einen Blend aus 25 eaux-de-vie vor uns, knapp mehr als die Hälfte der Traubenernte dafür kommt aus der Grande Champagne, der Rest aus der Petite Champagne – entsprechend findet man die Auszeichnung Fine Champagne auch auf dem Etikett, die nur für derart hergestellte Cognacs verwendet werden darf. Da der Cognac ein VSOP-Siegel trägt, muss selbst das jüngste dieser Lebenswässer mindestens 4 Jahre in einem Eichenfass gelagert worden sein.

Hine Rare VSOP Cognac Flasche

Na, wer sich nicht schon beim Betrachten der Flasche von der Farbe bezaubern lässt, dem kann ich nicht mehr helfen. Doch ach! Wie so oft gilt, dass man sich da leicht täuschen lässt. Cognac erlaubt diverse Aromenzusätze und Farbstoff. Wie meist üblich wird davon nichts auf dem Etikett erwähnt, doch da erlaubt muss man davon ausgehen, dass diese tolle Farbe dem Wundermittel E150a zuzuschreiben ist. Er liegt allerdings schön schwer im Glas, mit öliger Konsistenz und kupfernen Lichtreflexen.

Der Geruch überzeugt schon, bevor ich die Nase ins Glas halte, denn er verströmt schnell und üppig. Traubensaft, Rosinen, Papaya, leicht nussig, Vanille. Kein Ansatz von Ethanol oder Schwefel.

Im Antrunk ist der Hine Rare VSOP ölig, weich und superflauschig im Mund, den lässt man gern im Mundraum hin und her fließen. Kräftig und voluminös, dabei ohne jede Aggressivität, dicht und rund. Sehr süß, aber ohne Oberflächlichkeit, die Süße wirkt natürlich entstanden aus Rosinen, Feigen und Orangen. Insgesamt dennoch eine eher niedrige Komplexität.

Hine Rare VSOP Cognac Glas

Im Abgang ist er extrem lang, warm, nur wenig adstringierend, dafür leicht anästhesierend (40% Alkoholgehalt weist dieser Cognac auf), und ein mildes, dezentes pfeffriges Kribbeln sorgt dafür, dass er nicht langweilig wird. Rosinenaromen fliegen noch sehr lang im sauberen, klaren Nachhall mit. Leichte Dill- und Kümmelnoten beenden den Abgang.

Wer bei Cognacs nach spannenden, herausfordernden Eindrücken sucht, ist beim Hine Rare VSOP falsch. Hier wird nicht experimentiert, er ist vielmehr ein Idealtyp von weicher, schwerer Spirituose, die man schlürfen und ohne jedwede Störung im Geschmacksbild genießen kann. Die mangelnde Komplexität macht er durch seine perfekte Rundung locker wieder wett.

Zu dem nun folgenden Cocktail habe ich eine enge emotionale Beziehung. Die Bar, die mir den größten Teil dessen, was ich heute über Cocktails weiß, beigebracht hat, das ¿Qué Tal? in Saarbrücken, gibt es leider nicht mehr. Kurz vor Schließung entschlossen sich die Betreiber aber, jede Woche einen neuen Cocktail auf einer Sonderkarte anzubieten. Exotische, aufwändige und eher rar zu findende Mixturen waren da im Angebot. Darunter der Mata Hari – wer ihn einmal trinkt, verfällt ihm. Ein passender Name also für einen Cocktail. Und der Hine Rare macht sich ganz hervorragend in ihm.

Mata Hari


Mata Hari
1¼ oz Cognac (z.B. Hine Rare VSOP)
1 oz Süßer, roter Wermut (kurz mit Kardamom, Nelken, Zimt und Schwarztee infundiert)
¾ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
½ oz Granatapfelsirup
Auf Eis shaken und mit Rosenblüte servieren.
[Rezept adaptiert nach Dushan Zaric & Jason Kosmas]


Die Flasche ist ein wirklicher Blickfang, ich kann meine Augen kaum abwenden – richtig schweres, dickes Glas, schöner Schliff und Form, und mit nur wenig Etikett versehen. Selbst dieses ist dann nur sparsam bedruckt und sorgt damit dann mit dem Holzstöpsel mit dem Firmenlogo, einem liegenden Hirsch, der einen Echtkorken verbirgt, für ein insgesamt sehr wertigen Eindruck. Der Karton, in dem die Flasche geliefert wird, ist in dunklem Bronzeton ähnlich zurückhaltend gestaltet.

Hine Rare VSOP Cognac Karton und DetailsDamit kann man wirklich beeindrucken, wenn man ein Geschenk für einen Spirituosenfreund sucht – und auch bei Leuten, die sonst nicht viel Schnaps trinken, wird dieser Cognac ganz sicher nicht lange herumstehen.

Offenlegung: Ich danke baroleo.de für die Kooperation bei diesem Artikel und für die Zusendung einer Flasche dieses Cognacs.

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González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez "Noé" Titel

Alter ist relativ – González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez „Noé“ Sherry

Vor einigen Jahren wurde bei Tequila eine neue Alterskategorie eingeführt – 3 oder mehr Jahre gereifter Agavenbrand darf sich nun das offizielle Etikett „extra añejo“, also extra-gereift, zuschreiben. Für einen Tequila ist das ein sehr hohes Alter, auch wenn man das in der modernen Altersempfindung, die von üblichen Reifungszeiträumen von Scotch geprägt ist, erstmal verstehen muss. Bei vielen anderen Spirituosen, wie Bourbon, schaut man entsprechend erst erstaunt auf, wenn sie 12 Jahre gelagert sind; bei wieder anderen schnalzt der Kenner mit der Zunge, wenn sie 30 Jahre alt sind.

Der Highend-Sherry-Genießer lächelt selbst dabei aber nur müde. Prestigesherries können bis zu 100 Jahre und mehr alt sein, und das kann man auf eine Produktionsmethode zurückführen, die ebenso schon sehr alt ist – das Solera-System (ich habe es grob bei meinem Artikel zur Solera-Flasche erläutert). Natürlich gilt es bei diesem System verschiedene Dinge zu beachten, die Altersangaben betreffend; das tatsächliche Alter ist eigentlich kaum wirklich mess- oder bestimmbar, und so muss man zunächst skeptisch sein, wenn ein Produkt wie der González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez „Noé“ sich mit einem Alter von 30 Jahren brüstet. Doch gibt es einen Hinweis, der deutlich macht, dass sich hier nicht einfach ein Hersteller eine Fantasiezahl aufs Etikett schreibt, wie das bei so einigen Rums passiert, sondern zumindest eine Prüfinstanz hinter dem Alter steckt. Der Noé weist nämlich eine offizielle Alterskategorie auf, die über die sonst bekannten VS, VSOP oder XO hinausgeht, nämlich das VORS (Vinum Optimum Rare Signatum). Ein sehr guter Artikel mit allen Details zu den Sherry-spezifischen Altersangaben VOS und VORS findet sich bei SherryNotes.

Doch, wie gesagt, Alter ist relativ und sagt in den seltensten Fällen grundsätzlich etwas über die sensorische Qualität einer Spirituose aus. Kann der Noé die hohen Erwartungen, die man trotzdem bei einer derartigen Reifedauer hegt, erfüllen? Ohne allzusehr vorgreifen zu wollen – ja.

González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez "Noé" Flasche mit Dose

Die Farbe ist sensationell. Espressofarben, mit goldenen Reflexen, dabei aber vollkommen blickdicht. Im Glas bewegt sich dieser Sherry sehr viskos, fast schon dickflüssig wie Sirup. Beim Schwenken hinterlässt er keine Beine, sondern einen braunen Schleier, als Beweis für die Dichte.

Man kann kaum erwarten, daran zu riechen. Kaffee, dunkler Kakao, Marzipan, getrocknete Pflaumen, getrocknete Feigen. Datteln. Rosinen. Ja, ganz stark nach Rosinen. Ein Anklang von Kräutern, Lavendel, Weihrauch, und dazu eine sehr ansprechende, leicht seifige Honigkomponente. Extrem komplex.

Das muss man erstmal verdauen. Nach einigen Minuten traue ich mich, den ersten Schluck zu nehmen. Im Mund ist der Noé wie Sirup (bei einer Restsüße von 400g/L nicht verwunderlich), mundausfüllend, samtig. Sehr dicht und schwer, süß, aber auch mit durchaus knackiger Säure vermählt. Höchstaromatisch, fast ein Sherry-Extrakt. Walnuss und Trockenpflaume, als hätte man das Konzentrat einer Tüte Studentenfutter im Mund. Sehr fruchtig, nach dunklem Trockenobst. Auch hier ganz stark im Vordergrund: Rosinen.

González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez "Noé" Glas

Was wäre am Ende anders zu erwarten als ein sehr langer Abgang voll schwerer Süße und Rosinen. Zunge, Gaumen und Lippen sind von einem feinen, dauerhaften Aroma benetzt, man kann sich Minuten nach dem letzten Schluck noch die Lippen ablecken und erhält dadurch noch einen weiteren Hauch Genuss. Die enthaltenen 25,5% Alkohol sind nie auch nur ansatzweise erkennbar.

Ein Traum. Man lutscht sogar den letzten Tropfen aus dem Glas, kann gar nicht genug davon bekommen. Ein einzelner Tropfen davon enthält eine Welt aus Aromen und Abenteuer. Wer seinen Gästen ein delikates, garantiert jedem im Gedächtnis bleibendes Tröpfchen zum (oder vielleicht sogar statt?) Dessert servieren will, liegt hier genau richtig.

In den allermeisten Cocktails, in denen PX-Sherry eingesetzt wird, hat er nur unterstützende Aufgaben und dient als Süßer und Komplexitätsgeber. Ich habe mir einen herausgesucht, in der er eine Hauptrolle spielt – einem außergewöhnlichen Sherry wie dem Noé angemessen. Darüberhinaus ist der Cocktail deshalb interessant, weil er als Hauptspirituose endlich mal eine Abwechslung vom üblichen Gin, Whiskey, Tequila oder Rum bietet – Kirschwasser ist eine unterschätzte Randnotiz in der Mixologie.

Mr Kappes


Mr Kappes
2 oz Kirschwasser (z.B. Brucker Kirsch Eau-de-Vie)
1 oz Lillet Blanc
1 oz González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez „Noé“ Sherry
Alle Zutaten auf Eis rühren.
[Rezept nach Diana Haider]


Am Ende nochmal ein Rückgriff auf die Einleitung – es ist zu betonen, dass das VORS-Siegel für jede Flaschenabfüllung separat erworben werden muss, und nicht für eine Marke auf Dauer besteht. Ein Sherry, der sich damit gern schmücken würde, muss sich für jede Abfüllung erneut vor dem Consejo Regulador, das die Regeln für Sherry bestimmt, beweisen. Daher ist es auch wichtig, dass man beim Kauf eines solchen Sherrys darauf achtet, dass die Bezeichnung „VORS“ nicht nur auf dem Frontetikett steht, sondern das entsprechende offizielle Siegel mit einer Registrierungsnummer auch tatsächlich auf der Flasche aufgeklebt ist, wie im Foto unten zu sehen.

González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez "Noé" Alterssiegel

Hat man dies im Auge, steht dem Genuss einer derart hochwertigen Spirituose nichts mehr im Wege, außer vielleicht der Anschaffungspreis. Für 0,375 Liter legt man 25€ auf den Tisch, das erschreckt vielleicht den, der sonst den günstigen Medium-Sherry für 5€ im Supermarkt kauft. Doch in Wahrheit ist das sogar ein ausgesprochen hervorragendes Preisleistungsverhältnis – jeder Cent macht sich in traumhafter Schmackhaftigkeit bezahlt. Wer sich für einen guten PX-Sherry für die Heimbar interessiert, oder ein höchstwertiges, ausgefallenes Geschenk für einen Spirituosenfreund sucht, greife hier ohne jede Sorge zu.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Titel

Man lernt nie aus – Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey

Man darf sich als wahrer Spirituosenfreund nie von seinen Gewohnheiten, Vorurteilen und dem eingebildeten Wissensstand dazu verleiten lassen, bequem zu werden. Gewiss ist es ehrenwert, beispielsweise einem Bourbon, den man entdeckt hat und der einem gefällt, Loyalität zu erweisen und sich auf ihn zu konzentrieren – doch man verbaut sich dabei die Chance, noch großartigere Produkte zu entdecken; oder ganze Gruppen von Bränden, die man aus obigen Gründen ausgelassen hatte.

Mir ging das so mit irischem Whiskey. Dünkelhaft hielt ich ihn lange Zeit für den uninteressanten, buckligen Verwandten des edlen Scotches und des hübschen Bourbons. Wie üblich lag das an fehlender Erfahrung mit dem Gold der Grünen Insel. Was tut man dagegen? Man besucht eine Schulung und lernt. Ein guter Freund ermöglichte mir die Teilnahme an einem kleinen Seminar, abgehalten vom deutschen Schnapsguru Jürgen Deibel. Wer die Chance hat, an einem Termin, den er abhält, teilzunehmen, sollte nicht zögern: Deibel ist wirklich unterhaltsam und erzählt interessante Fakten, ohne trocken zu werden (im wahrsten Wortsinne, und die Zuhörer bleiben auch nicht trocken).

Welt der Whiskys Urkunde

Natürlich konzentrierte sich diese Verkostung mit Vortrag auch auf den strahlenden Scotch, doch für mich persönlich waren die irischen Whiskeys die Stars an diesem Tag; vielleicht auch, weil es so unerwartet kam. Der Ire, der mich sozusagen von einem Moment zum nächsten zum Fan irischen Whiskeys machte, war der Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey. Und als ob das nicht schon genug der Überraschungen wäre, haben mir meine Bürokollegen zum Geburtstag dann sogar eine Flasche dieses Whiskeys geschenkt, so dass ich sie heute hier vorstellen kann. Danke erneut dafür, werte Kollegen (selbst, obwohl ich auf der Grußkarte als „alter Heini vom Büro“ bezeichnet wurde)!

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Flasche

Die sehr ölige, schwere Konsistenz sorgt für langsam abfließende Beine. Tatsächlich überzeugt der Black Barrel durch die strahlende, kräftige Bernsteinfarbe, die von sich aus zu leuchten scheint. Ein wirklich ausgesprochen attraktives Äußeres.

Er reifte in zweifach ausgebrannten Ex-Bourbon-Fässern, und das riecht man mehr als deutlich, wenn man die Nase vorsichtig ans Glas hält. Vanille, sehr hell und süß, mildfruchtig, aber auch eine schöne würzige Komponente nach Kardamom ist vorhanden. Erkennbar holzig ist dieser Jameson darüberhinaus, ich erwähne das nochmal explizit, obwohl die Fassbehandlung das schon jedem klarmachen sollte.

Geschmacklich übertrifft er dann noch meine durch diese Anfänge eh schon recht hohen Erwartungen: sehr mild, weich und flauschig. Dicht und voluminös, ohne dabei zu wuchtig zu werden. Viel Vanille, das erinnert mich in dieser Konsequenz deutlich an Bourbon, viel Trockenobst, Rosinen, Datteln.  Sehr süß, wahrscheinlich die Arbeit des Grain-Whiskey-Anteils in diesem Blend, aber mit unterschwelliger Würze, wie Kandiszucker und Honig, was die Süße auffängt und in ein unglaublich rundes, perfekt komponiertes Gesamtgeschmacksbild einbettet – hier scheint dann der Pot-Still-Anteil durch.

Jameson Select Reserve Black Barrel Irish Whiskey Glas

Am Ende taucht noch etwas Pfeffer auf, aber selbst das ist mild und fein. Der Abgang ist insgesamt warm und sehr angenehm, bei mittlerer bis kurzer Länge. Ein deutlicher Eisenton schwingt im Nachklang.

Irischer Whiskey im Allgemeinen ist ein gemütlicher Cocktailspieler, der sich ohne jede Schwierigkeit in jede Rezeptur einfügt, die nach Whiskey (durchaus auch Bourbon!) verlangt. Sein schönes Volumen gibt Kraft und Tiefe an Mixturen. Tatsächlich ist der Black Barrel im speziellen darin so gut, dass er ideal auch den Partner für eine interessantes Duo geben kann: Ein Pickleback mag sich für den einen oder anderen grausig anhören, aber diese Shot-Mischung funktioniert überraschend gut und sorgt für gute Laune!

Pickleback


Pickleback
1 Shot Jameson Black Barrel Irish Whiskey
½ Shot Gurkenlake mit einer kleinen Essiggurke
In separaten Shotgläsern servieren.
Zuerst den Whiskey, dann direkt die Gurkenlake trinken.

[Rezept nach unbekannt]


Die dunkelgrüne Flasche wird in einem aufklappbaren, stabilen Karton mit innen rund aufgespannter Einlage geliefert – hochwertig gemacht, das ganze, und mir gefällt die schwarzgoldlastige Gestaltung sehr. Wer auf klassisch-traditionelle Präsentation eines Whiskey steht, wird hier voll bedient, und das für den mäßigen Preis von rund 30€. Für mich persönlich ein Augenöffner und ein idealer Einstieg in die Welt des irischen Whiskeys – wer auf der Suche nach einem Whiskey ist, den man in jeder Gemütslage abends zum Entspannen von einem harten Tag langsam vor sich hin schlürfen kann, der nicht über- oder unterfordert, sondern einfach eine, wie man heute sagt, brilliante Drinkability hat, der muss nun nicht weiter suchen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Titel

Säulen der Rumgesellschaft – Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Wer sich für die Herstellung von Spirituosen interessiert, und nicht nur, ob es einem schmeckt, der stößt auf viele Variablen, die in so einem Produktionsprozess relevant sind. Vielleicht eine der wichtigsten, weil stark charaktermitbestimmend, ist die Wahl des Destillationsapparats. Viele Rumfreunde geben der klassischen Pot Still, die zum Beispiel für Scotch sogar vorgeschrieben ist, und bei vielen traditionell und handwerklich produzierten Spirituosen absichtlich eingesetzt wird, den Vorzug vor einer Säulendestillation. Grundsätzlich muss man allerdings bei letzterem oft etwas genauer hinschauen, denn es gibt zwei Hauptformen dieser Säulen: Einerseits die moderne kontinuierliche Multi Column Still, die hauptsächlich für die Erzeugung ultrareiner Spirituosen, wie Vodka oder Neutralalkohol genutzt wird, und darüber hinaus für viele Massenbereich-Schnäpse der Großhersteller; und andererseits die traditionelle Kolonne, von der eine Variante zum Beispiel in Martinique als „colonne créole“ bekannt und als Produktionsmittel laut AOC für den lokalen Rhum agricole vorgeschrieben ist.

Appareil continu - Modele Barbet (Rhum, eaux de vie de canne D Kervegant - 1946)

Bild verwendet mit freundlicher Genehmigung von http://www.rhum-agricole.net

Kupfer statt Edelstahl, eine statt fünf Säulen. Man merkt schon, dass es hier nicht darum geht, möglichst schnell möglichst Hochprozentiges durch die Anlage zu schleusen. In zwei solchen traditionellen Kupferkolonnenanlagen wird der Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. an seinem Produktionsort in Macouba (Martinique) aus hauseigenem Zuckerrohr destilliert und dann 6 Jahre (die Abkürzung X.O. steht entsprechend natürlich für „extra old“ – rhum agricole bedient sich da der Cognac-Altersklassifikationen) in Ex-Bourbon-Fässern gereift, die für diesen Zweck erneut ausgebrannt wurden.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Flasche

Farben sind bei Spirituosen in den meisten Fällen dank der Erlaubnis, E150 einzusetzen, Schall und Rauch und man sollte sich von ihr nicht beeinflussen lassen. Bei diesem Rum fällt es einem aber schwer – dunkel, kräftig, tiefer Kupfer, sehr attraktiv. Er bleibt seiner Herkunft als Zuckerrohrsaftrum verbunden und wird nur leicht ölig.

Mildfruchtig, vanillig und mit Anklängen nach Toffee und dunklem Kakao – das steigt einem beim Schnuppern in die Nase. Rosinen und Datteln im Hintergrund kommen dazu. Und viel, viel Holz – für den einen oder anderen mag das schon zu wuchtig und holzig sein, mir gefällt es aber sehr.

Im Geschmack verliert sich diese extreme Holzigkeit dann aber etwas – der Haupteindruck ist süß und sehr rund, besonders weich im Antrunk. Tropfenfrucht und die agricole-typische Grasigkeit verbinden sich aufs edelste. Der Rhum J.M. X.O. ist sehr körpervoll und dicht, mit Anklängen nach Honig und Muscovadozucker, und weist ein spannendes süß-sauer-Verhältnis auf. Komplex und interessant, ein Rum zum explorieren und erforschen, da die Aromen nicht offensichtlich sind wie bei vielen anderen Spirituosen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Glas

Der Abgang wird dann ultra-trocken, mit nun doch sehr viel Holz, dabei dann mehr als nur ein Anflug von Pfefferschärfe. Gewürze blitzen kurz auf, ohne dabei das vorherige Bild eines süßen, aber beeindruckenden Rums zu berühren. Der Nachhall ist lang und sehr warm.

Schon von Beginn an setzten die Erfinder der Tiki-Bewegung rhum agricole in ihren Cocktailkreationen ein, meist als eine Rumsorte unter mehreren in einem wilden, tiefen Gemisch. Für den Rhum J.M. X.O. habe ich auch einen Tiki-Cocktail ausgewählt, dem ein Rhum von den französischen Antillen verdammt gut steht: der Pago Pago. Ananas und Rum gehen ja immer gut zusammen, wenn dann noch die brutale Kräutergewalt des grünen Chartreuse dazukommt, brechen bei mir alle Dämme: davon trinke ich immer mindestens zwei. Daher beim Mixen am besten direkt von Anfang an die angegebenen Dosen verdoppeln!

Pago Pago


Pago Pago
2 Ecken Ananas im Shaker muddeln.
1½ oz Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.
½ oz Chartreuse Verte
½ oz Crème de Cacao hell (z.B. Giffard)
½ oz Limettensaft
½ oz kühles Wasser
Auf Eis shaken, nur grob strainen.
[Rezept adaptiert nach Jeff Berry]


Kurz noch ein Exkurs bezüglich des Namens – viele Martinique-Rhums benennen sich nach den alten Familiennamen der Gründer der Destille. Rhum J.M. ist da keine Ausnahme, hier wurde allerdings auf die Initialen des Gründers, Jean-Marie Martin, zurückgegriffen, der 1790 als Dorfpfarrer die Destillerie anlegte: Erneut ein Beispiel dafür, dass die religiösen Stände Talent für (und Affinität zu) Alkohol haben.

Geliefert wird der Rhum J.M. X.O. in einem Karton, der mit kleinen Details über den Herstellungsprozess und das Umfeld von Rhum J.M. bedruckt ist; ansonsten hält sich die Präsentation sehr zurück und protzt lieber über den Inhalt der Flasche als mit dem Äußeren.

Dieser Rhum ist das genaue Gegenteil dessen, was auch heute noch die Masse an verkauftem Rum repräsentiert, der süß und möglichst belanglos ist, um allen zu gefallen. Der Rhum J.M. X.O. hat sehr viel Charakter und Wiedererkennungswert und stört sich nicht daran, ob Süßrumfans einen Hustenanfall bekommen könnten, weil sie soviel Kraft nicht gewohnt sind. Wer aber wirklich guten, hochwertigen und unmanipulierten Rum, der sich nicht anbiedert, schätzt, wird sich hier direkt wie zu Hause fühlen – da können sich so einige Pot-Still-Rums eine große Scheibe abschneiden.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Juniper Jack London Dry Gin Titel

Queen Gin und ihr erster Ritter – Juniper Jack London Dry Gin

2016 stand stark im Trend der Craftisierung der Spirituosen- und Bierwelt. Man bewegte sich etwas weg vom kurz zuvor alles beherrschenden Trend der Premiumisierung – der Unterschied ist größer, als die zwei Beschreibungen es auf den ersten Blick aussagen. Die Premiumisierung litt ganz stark darunter, dass sie sich nicht selten nur durch das Wort „Premium“ auf dem Etikett ausdrückte; der Inhalt der Flasche war meist derselbe, den man auch schon vor 20 Jahren hätte kaufen können. Ich bin sehr positiv davon überrascht, dass die zahlende Kundschaft sich nur in sehr begrenztem Umfang davon einfangen ließ. Das Wort ist nun verbrannt, und für mich persönlich sind Spirituosen, die das Wort „Premium“ auf dem Etikett aufweisen, grundsätzlich eher skeptisch zu betrachten.

Die Craftisierung dagegen zielt auf den Inhalt ab. Bier hat es vorgemacht – der moderne Konsument ist bereit, deutlich mehr Geld für ein Produkt auszugeben, das handwerklich, in kleinen Mengen, ehrlich und mit Leidenschaft hergestellt wird. 5€ für eine Flasche Craftbier sind keine Seltenheit, und es verkauft sich dennoch wie geschnitten Brot. Auch Spirituosen folgen dieser Spur; insbesondere, da es gerade für ungereifte Spirituosen ein Weg ist, sich in eine Nische vorzuarbeiten, die sonst meist nur von langjährig fassgereiften Bränden besetzt wurde. So mancher neuer weißer Rum erreicht diese Nische nun und emanzipiert sich vom Image des Mixers; ehrlicher, echt komplett selbstgebrannter Vodka statt redistilliertem, gezuckertem Industrieneutralalkohol ist ein weiteres Beispiel dafür.

Doch nicht nur die Produkte selbst, auch Onlineshops streben danach, sich zu craftisieren und nicht einfach nur die Standard-Industrieprodukte anzubieten. Startups wie hiddentaste.com spezialisieren sich entsprechend auf ein kleines, individuelles Sortiment und hoffen dadurch, die Klientel an sich zu binden, die sich erst gar nicht durch die Massenprodukte, die es sonst überall gibt, wühlen will um im riesigen Angebot die Perlen zu finden. Eine der Perlen, die man auf diese Weise leichter entdeckt, die sonst vielleicht im Vielklang des inzwischen riesigen und vollkommen unüberblickbaren Gin-Angebots untergehen könnte, ist der Juniper Jack London Dry Gin aus Dresden.

Juniper Jack London Dry Gin Flasche

Was erwartet man von der Farbe eines Gin – nichts, natürlich, und die Flasche versteckt auch nichts davon. Völlig transparent ist er also, dieser London Dry Gin, aber leicht ölig, mit Beinen beim Schwenken im Glas.

Viele moderne Gins lösen sich von der Definition des Gin – einer mit Wacholder aromatisierten Spirituose, und legen andere Geschmäcker in den Vordergrund. Der Juniper Jack dreht den Spieß um, und kehrt zurück zur Wurzel: Hier ist Wacholder die ganz klar dominante Note. Schon beim Eingießen verströmt sich sehr starker Wacholderduft, und zwar nicht nach milden Beerchen, sondern volle Pulle, als hätte man eine Handvoll Wacholderbeeren in der Hand zerdrückt. Im Hintergrund liegen noch Zitrusnoten und milde Kräuteraromen, die allerdings nur die dezenten Backgroundsänger für den Star Wacholder geben.

Der Geschmack ist trocken, kräuterig, darüber hinaus sehr holzig und harzig – sensationell, diese letzterwähnte Komponente liebe ich am Juniper Jack am allermeisten. Wacholder ist natürlich dauerpräsent, auf eine Wacholderbeere zu beißen könnte nicht mehr Aromen abgeben. Kümmel und Orange tauchen deutlich auf. Eine höchstinteressante Eisbonbon-Kühle kippt nach einer Weile um in eine milde Wärme, den 46,5% Alkohol angemessen, und komplettiert damit ein außergewöhnliches Geschmacksbild, das zeigt, dass es nicht immer Dutzende von in Ginsprech „Botanicals“ genannten Kräutern sein müssen – die 10 verwendeten reichen völlig aus.

Der Abgang ist extrem lang, und Eukalyptus, Wacholder, Lavendel, viel Kümmel und etwas Süßholz liegen noch sehr lange im Mund. Man muss allerdings sehr vorsichtig sein, wenn man vor hat, an einem Termin mehrere Spirituosen zu verkosten. Nach diesem Gin hat kaum ein anderer Schnaps noch eine Chance, echt gewürdigt zu werden. Selten kann man das von einem Gin sagen – der Juniper Jack hat soviel Nachhall, dass er alles, was folgt, dominiert, und das locker über eine Stunde und länger. Das Wacholderaroma legt sich selbst über kräftigen Rum; und es ist selbst nach 2 Stunden noch am Gaumen erkennbar. Ich habe gewarnt!

Im Palm Beach zeigt der Juniper Jack, wie schön sich eine so dominante Wacholdernote auch in Cocktails macht. Sie überstrahlt zwar deutlich den Ananassaft und den Wermut, sorgt aber auch für eine hauchig-kräuterige Note in diesem ansonst vielleicht eher süßlichen Cocktail. Eine nahezu ideale Kombination, die lange im Mund hängen bleibt und für den einen oder anderen Aha-Effekt bei Cocktailtrinkern, die sonst mit Gin nicht viel anfangen können, sorgen wird.

Palm Beach


Palm Beach
2½ oz Gin (z.B. Juniper Jack London Dry Gin)
½ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)

1 oz Ananassaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach unbekannt]


Das ist nun schon die zweite Flasche, die ich erlebe, die mit einem Glasstöpsel aufwartet. Diese Art von Verschluss hat manchmal das Problem, sich nur schwer öffnen zu lassen; beim Juniper Jack Gin geht der schwarz eingefärbte Glasstopfen aber leicht und ohne Mühe mit einem sanften „Klick“ vom Flaschenhals und ebenso wieder darauf. Auch der Rest des Designs kann sich sehen lassen – eine etwas rundliche, bauchige Flasche mit schwerem, dicken Glasboden und ohne aufgeklebtes Etikett, mit einem leicht jugendstiligen Motiv. Passend zum Motiv ist die Botanicals-Liste in einer Art dramatis personae gehalten: Das gefällt mir als Literaturfreund sehr.

Juniper Jack London Dry Gin Detail

Die Flasche, die mir vorliegt, hat die Identifizierung „Batch L 2, Flasche 1494 von 1736“. Zunächst erfreut es mich außerordentlich, diese Angaben vorzufinden, insbesondere sogar die Flaschennummer. Wer sich über die seltsame Batchgröße von 1736 Flaschen wundert – dies ist nicht willkürlich, sondern passt sich in das umfassende Storykonzept dieses Gins ein, das sich auf einen Protest-Theaterstück-Author bezieht, der 1736 unter dem Pseudonym „Jack Juniper“ gegen den Gin Act 1736 Stimmung machte.

Kommen wir vom durchweg positiven Gesamteindruck zum Zwacken, das als einziger Grund den potenziellen Konsumenten vom Erwerb abhalten könnte – der Preis von rund 50€ für 700ml ist schon eine sehr deftige Hausnummer für eine ungereifte Spirituose. Gin-Aficionados, die das nicht stört, sollten sich den Juniper Jack London Dry Gin unabhängig davon definitiv anschauen, denn er ist schon ungewöhnlich und ganz sicher eine Bereicherung für jede Gin-Heimbar (und auch professionelle Bar); diese Kenner sind wohl auch die Zielgruppe dieses Craft-Schnapses.

Offenlegung: Ich danke hiddentaste.com für die Vermittlung einer kostenlosen Probeflasche dieses Gins, die mir vom Hersteller des Gins, Independent Spirit, zugesandt wurde.

Jigongshan Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 2 – Jigongshan Baijiu 鸡公山白酒

Das gemeinsame Trinken und Essen von Gast und Gastgeber nimmt eine zentrale Stelle in der chinesischen Kultur ein. Bereits in meinem persönlichen Lieblingsbuch, dem chinesischen Klassiker 水浒传 (Shuihuzhuan, wahlweise auf englisch übersetzt als Outlaws of the Marsh, All Men are Brothers, The Marshes of Mount Liang oder leider nur sehr suboptimal auf deutsch als Die Räuber vom Liang Schan Moor) aus dem 14. Jahrhundert stolpern die Helden, die sich gegen eine verbrecherische Regierung aufsässig zeigen, von einem Trinkgelage ins nächste – wie Shi Jin, der Neunfach Drachentätowierte, einem der ersten der späteren Banditenfürsten, denen wir im Buch begegnen. Das stark ritualisierte Anstoßen mit Wein und Schnaps wird genutzt, um Gast-Gastgeber-Beziehungen und auch Hierarchie in einer Gruppe zu definieren, und ist allgegenwärtig in diesem herrlichen, unterhaltsamen, spannenden und lehrreichen Buch, das ich jedem an Literatur Interessierten allerärgstens ans Herz legen möchte.

Shi Jin received them and they exchanged courtesies. The young squire invited them to the rear garden, where a banquet had been spread. He asked them to take the seats of honor. He sat down opposite, and told his vassals to bolt the front and rear gates of the manor. As host and guests drank, attendants kept refilling their cups and carving the sheep. By the time several cups were drained, a full moon was rising in the east.
They drank and enjoyed the Mid-Autumn Festival, and chatted about old things and new.
水浒传, Outlaws of the Marsh, Übersetzung von Sidney Shapiro

Aus der Ming-Dynastie, in der das Buch entstand, zurück in die Gegenwart: Zhu Xiaojun, Geschäftsführer der Destillerie Jigongshang Baijiu in Xinyang, ist überzeugt davon, dass auch es auch heute noch der Respekt gebietet, dem Gast einen guten Tropfen (idealerweise natürlich einen aus seiner Produktion) vorzusetzen und mit ihm anzustoßen. Doch die aktuelle Parteiführung in Peking will mit diesem Jahrtausende alten Ritual brechen und wenigstens seine Kader dazu verdonnern, es mit dem Schnaps etwas ruhiger angehen zu lassen. Ob eine Regierung eine Tradition verändern kann? Man wird sehen, ich persönlich bezweifle es, prohibitive Ansätze haben nie auf die Dauer funktioniert. Bis endgültige Ergebnisse dieses Trockenlegungsexperiments vorliegen zeigen wir uns rebellisch wie die Banditen des Liangschan-Moor und gönnen uns nun einen Tropfen von Herrn Zhus Klarem, dem Jigongshan Baijiu.

Jigongshan Baijiu Flasche

Natürlich ist ein Baijiu, wie der chinesische Name schon sagt, klar. Dieser spezielle hier ist dazu minimal viskos mit wenigen dünnen, schnell ablaufenden Beinen. Beim Jigongshan Baijiu handelt es sich um Baijiu mit „starkem“ Aroma (浓香 nóngxiāng), der zweiten der vier Hauptgruppen der Baijiu-Aromatik, die wir kennenlernen. Bei starkaromigen Baijius ist die Nase sehr typisch: fermentierte Pfirsiche, vergorene Ananas, Salmiak, Anis – mich erinnert das ganz stark an eine hyperverstärkte Version des Geruchs von weißen Gummibärchen. Sehr durchdringend und ungewohnt.

Der Geschmack ist dann aber noch durchdringender, und noch ungewohnter. Sauer und teerig ist das erste, was mir einfällt – selbst wer teerige Rums oder Mezcal mag, wird hier überrascht. Verbranntes Plastik, weiße Gummibärchen, Anis und Lakritz sind Folgegeschmäcker. Mildsalzig, vom Mundgefühl her warm und weich, die 52% Alkohol sind kaum auffällig. Es gibt bei den westlichen Spirituosen, die wir ja gut kennen, nichts, was auch nur ansatzweise so schmeckt – am ehesten noch vielleicht der weit entfernte, wilde, aggressive, gnadenlose Verwandte des Ouzo, wenn man überhaupt einen Vergleich ziehen will.

Der Abgang ist lang und dann überraschend mild. Wie schon beim Hongxing Erguotou, den ich in der ersten Folge dieser Reihe vorgestellt hatte, ist der Abgang für mich das beste am Gesamterlebnis – der Nachhall ist mildwürzig, noch leicht säuerlich, voller Lakritz, insgesamt spannend, wenn auch nicht wirklich gaumenschmeichelnd.

Ich wohne am Waldrand und habe 3 unterschiedliche Hühnerscharen (ist das das richtige Wort für eine Gruppe von Hühnern?) in der Nähe. Die Hähne dieser Scharen übertreffen sich immer gegenseitig beim frühmorgendlichen Weckruf. Sonnenaufgang und Hahn gehören also zusammen, ganz besonders im aktuellen Jahr des Feuerhahns, und passend zum Bild des durch sein Gekrähe die Nacht verscheuchenden Hahns hier ein Cocktail, der den frühen Morgen zelebriert: Der Xinyang Sunrise. Ob er allerdings wirklich was fürs Frühstücksbuffet ist, lasse ich mal dahingestellt. Er zeigt aber, dass Baijiu und Campari eine interessante Kombi abgeben, und Zitrusfrucht sowieso.

Xinyang Sunrise Cocktail


Xinyang Sunrise
½ Orange, gestückelt
4 Minzblätter
2 Teelöffel Honig
Diese Zutaten zusammen muddeln. Dann dazugeben:
2 oz Jigongshan Baijiu
1 oz Campari
3 oz Grapefruit-Saft
…und mit Eis verrühren.
[Rezept adaptiert nach dem Original „Santorini Sunrise“ des Molyvos Restaurant, NYC]


Die spektakuläre goldene Geflügelskulptur in der Flasche spielt auf den Namen des Produkts an – 鸡公山 (jigongshan) bedeutet „Berg des Hahnenfürsten“, und eben diesen Gockelkönig sehen wir wohl in der Flasche auf einem Stück angedeuteten Fels stehen. Der Rest der Flasche, die im Urnenstil gehalten ist, ist ähnlich pompös gestaltet: Goldapplikationen (aus Plastik) am Flaschenhals, ein schwerer Glasstopfen und direkt aufs Glas aufgebrachte Schriftzeichen.

Jigongshan Baijiu Details

Viele Baijius, das werden wir in dieser Reihe noch öfters erleben, geben sich so üppig-überschwallend in der Dekoration. Während im Westen oder Japan oft inzwischen bei hochwertigen Spirituosen ein dezentes Understatement angesagt ist, darf der Chinese noch beim Betrachten der Flasche ins Schwärmen geraten. Ich wage nicht zu beurteilen, welcher Trend besser oder vernünftiger ist – ich mag beides, solange die Qualität im Behältnis auch stimmt. Tatsächlich ist eben das aber für mich zur Zeit noch sehr schwer zu beurteilen, selbst wenn der Jigongshan Baijiu eine Silbermedaille beim Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2016 gewonnen hat – auch ich muss mich erst noch in die extrem eigene Aromatik des Baijiu eintrinken. Es ist offensichtlich nichts, was einem auf Anhieb schmecken wird, soviel als Warnung an meine Leser, doch das ist mit vielen Lebensmitteln so, und der ernsthafte Genießer gibt nicht auf, nur weil etwas am Anfang nicht genehm ist, oder?

Nächsten Monat folgt diesem Motto entsprechend eine weitere Folge aus der Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, wo wir die dritte Hauptkategorie des Baijiu, das Sauce-Aroma, kennenlernen werden.

Offenlegung: Ich danke der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.