Archiv für den Monat Dezember 2016

Don Julio Tequila Blanco Titel

Höflichkeit ist nicht immer eine Tugend – Don Julio Tequila Blanco

In einer Zeit wie heute gibt es für Tequilatrinker eigentlich keinen echten Grund mehr, Mixtos zu trinken, also Tequila, der nicht zu 100% aus Agavenzucker fermentiert wurde. Mixtos waren über lange Zeit gerade in Deutschland die einzig erhältliche Form des Tequila; heute findet man selbst in Supermärkten 100%-Agave-Tequilas, zu nur unwesentlich höheren Preisen. Geschmacklich wird es einem der Gaumen danken; doch es gibt auch andere Gründe, auf die Massenmarkt-Mixtos zu verzichten.

Aktuell werden in Mexiko aufgrund diverser Faktoren die Agaven knapp. Die Ernte 2017 wird bereits jetzt erkennbar zu wünschen übrig lassen; darüberhinaus greifen auch andere Interessenten aus der Pharmaindustrie, getauft Los Mieleros, plötzlich nach dem hochwertigen Agavenzucker, um daraus Inulin und andere neue Produkte herzustellen, so dass es für Mezcal (wozu Tequila auch gehört) nicht mehr ganz so einfach wird, an das Basismaterial für den Brand zu kommen. Durch dieses neue Spannungsfeld verändern sich auch seit einiger Zeit die Aufzuchtmethoden der Agaven, die für Tequila genutzt werden; Biodiversität verschwindet, denn künstliche Ablegerfortpflanzung ersetzt immer häufiger die natürliche Bestäubung durch Fledermäuse. In diesem Playboy-Artikel (natürlich lese ich die Zeitschrift nur wegen der Artikel) wird das ganze Dilemma, das der aggressiv aufstrebende Mezcal und damit auch Tequila aktuell erlebt, sehr schön und lesbar aufbereitet. Ein Fazit unter anderen wiederhole ich für die Lesefaulen nochmals gern hier, das deutlich aufzeigt, dass man sich auch aus Umweltschutzgründen von Mixtos grundsätzlich fernhalten sollte, selbst wenn einem der Geschmack egal ist.

STICK TO 100-PERCENT-AGAVE SPIRITS
Mixto is a class of tequila that’s produced from a mix of agave and other, cheaper sources of sugar. If a distillery doesn’t use 100 percent agave, it’s also almost definitely not paying extra to ensure the agave it does use is sourced well.

Also, lassen wir alle Mixtos, die trotz der Flut der hervorragenden 100%-Agave-Tequilas immer noch den Einzelhandel beherrschen, im Regal, und schauen uns stattdessen lieber einen Vertreter der ordentlichen Tequilas an, den man statt dessen leicht ohne große Beschaffungsmühe beziehen kann – den Don Julio Tequila Blanco.

Don Julio Tequila Blanco Flasche

Die Farbe ist natürlich, wie man es von einem weißen (blanco, oder manchmal auch „Silber“ oder plata genannt) Tequila erwartet: klar. Die Flasche gibt dem Inhalt einen leicht bläulichen Touch, doch im Glas ist davon nichts mehr da. Dort erst ist auch eine minimale Viskosität erkennbar.

Bei Tequila habe ich mir tatsächlich angewöhnt, nicht von Geruch, sondern von Duft zu sprechen – dieses Wort trifft im Gegensatz zu den meisten anderen Spirituosen das, was die Nase wahrnimmt, einfach besser. Wie üblich bei ungereiftem Tequila ist da eine sehr florale Note, nach Rosen, Jasmin und Veilchen. Schnauft man tief ins Glas, erkennt man die seifigen Lösungsmittel-Charakteristiken eines ungereiften Schnapses – eine , die ich auch bei dem einen oder anderen weißen Rum, Gin oder Vodka entdeckt hatte.

Sehr süß und cremig liegt der weiße Don Julio im Mund. Blumig und malzig, zunächst nur wenig agavenwürzig. Etwas schokoladig. Und etwas vom Aquariumcharakter, den ich auch bei weißem Sotol erkannt hatte. Ein pfeffriges Brennen begleitet den eher kurzen Abgang, der sich langsam in eine starkmentholige Wärme auf den Seiten der Zunge entwickelt, mit leichtem Eisengeschmack, wie bei Zahnfleischbluten; dieser Eindruck bleibt dann noch eine ganze Weile vorhanden.

Insgesamt von der Aromatik her ein recht typischer weißer Tequila ohne großen Aussetzer, aber auch ohne hervorstechende Eigenschaften; persönlich ist er mir etwas zu langweilig ausgearbeitet. 38% ist für Tequila nicht ungewöhnlich, ein paar mehr Prozente (und damit Aromen und Charakter) hätten ihm sicherlich gut getan. So wirkt der Don Julio Blanco etwas dünn und kurzatmig. Höflichkeit ist für eine Spirituose eben nicht immer eine Tugend.

Unabhängig davon, dass er für den Purgenuss nur eingeschränkt empfehlenswert ist, dient er mir dennoch als hochwertige Spirituose für Tequilacocktails. The Woodberry Schooner weist keine anderen Zutaten auf, die das milde Tequilaaroma des Don Julio Blanco überdecken würden und ist daher ein sehr schönes Beispiel dafür, dass man selbst mit zurückhaltenderen Spirituosen ein tolles Mischergebnis erzielen kann.

The Woodberry Schooner


The Woodberry Schooner
1 oz weißer Tequila (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Weißer Wermut (z.B. Ferdinand’s Dry Saar Vermouth)
½ oz Zuckersirup
½ oz Zitronensaft
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
[Rezept nach Matt Ficke]


Tequilabehältnisse weisen oft eine sehr gedrungene Form auf, das scheinen die Mexikaner zu mögen. Auch hier ist die Flaschenform rund und kugelig, mit einem Echtkorken, der unter einem gut griffigen Plastikkopf verborgen ist. Das Etikett ist im Urkundenstil sehr altmodisch (oder sagt man „klassisch“?) gehalten, mit den verschnörkelten Linien, die aus dem „J“ des Namens wandern, ein Design, das mich entfernt an Asbach Uralt erinnert.

Don Julio ist hierzulande mit einer der verbreitetsten 100%-de-Agave-Tequilas, und bei vielen Bars in Deutschland gilt: Wenn sie einen Nichtmixto im Angebot haben (was schon für die meisten Bars nicht zutrifft, leider), dann Don Julio. Doch, und so leid mir das tut, für mich ist das Preisleistungsverhältnis bei diesem Produkt in der weißen Ausprägung relativ ungünstig (anders sieht es für Reposado und Añejo dieses Herstellers aus). Für dasselbe Geld bekommt man deutlich spektakulärere Blanco-Tequilas mit mehr Persönlichkeit. Dennoch bin ich der dieser Marke allein aufgrund der eben erwähnten Vorreiterrolle sehr dankbar; und ein Quantensprung zu weißen Mixtos ist sie natürlich ohne jeden Anflug von Zweifel, was es leichter macht, ein ethisches Verhalten an den Tag zu legen und handwerkliche Produkte statt Industriemassenware zumindest bei Tequila zu kaufen.

Metaxa 12 Stars Titel

Sterne über Griechenland, Teil 4 – Metaxa 12 Stars

Ich habe in dieser Reihe „Sterne über Griechenland“ um den griechischen Weinbrand Metaxa in all seinen Ausprägungen viele Querverweise zu Sternen gezogen und siderale Metaphern bemüht. Auch heute will ich in diesem 4. Teil meiner Miniserie um einen meiner liebsten Brände die Astronomie zur Einleitung gebrauchen. Wie bei Metaxa gibt es auch am Himmel einfache Konstellationen, die nur aus wenigen Hauptsternen bestehen – Krebs, Cepheus und Schwan sind Beispiele für Sternbilder, die einfach aufgebaut sind. Und es gibt auch komplexe visuelle Einheiten, wie Perseus, Herkules oder Draco, die ein Dutzend und mehr Lichtquellen in ihren vielgliedrigen, weite Bereiche des Nachthimmels umspannenden Figuren aufweisen.

Haben wir uns bisher, um in der Analogie zu bleiben, bis hierher bei Metaxa um erstere gekümmert, kommen wir heute zu der Form von Metaxa, die sowohl von Sternezahl als auch – ohne allzuviel vorwegnehmen zu wollen – gefühlter Sensorikkomplexität als die zentrale und wegweisende Ursa Major dieser Spirituosenmarke gelten darf: Metaxa 12 Stars. Augen weg vom Himmel, wir senken den Blick hinunter ins Glas.

Metaxa 12 Stars Flasche

Über die Farbe habe ich ja nun bereits genug erzählt, und das bei einer Spirituose, die mit Zuckerkulör künstlich nachgefärbt ist. Wenigstens bei diesen hochwertigen Varianten hätten sie es lassen können. Vielleicht ist da noch Hoffnung auf Besserung? Wenigstens die dicke, schwere Konsistenz im Glas sorgt dann für Optimismus.

Der Geruch – nun ja, was soll ich da noch sagen. Für mich persönlich der perfekteste, idealste, angenehmste und schönste Geruch, den es in der Spirituosenwelt gibt. Das schlägt noch mit Abstand die 7-Sterne-Variante, und versetzt mich in eine diesige Traumwelt voller Rosen, süßem Wein und mildwürziger Aromatik. Da ist kein Fehlklang mehr.

Und wir sind hier noch nicht am Gipfel angekommen. Im Mund wird das ganze noch getoppt – herrlich süß, blumig, trockenfruchtig und dabei noch mit einer hintergründig brummenden Würze. Im Mundgefühl flauschig weich, extrem dicht und körpervoll, ölig, und ganz ohne schwefelige Komponente. Der Abgang ist lang, heiß und temperamentvoll, ohne dabei zu kratzen oder zu brennen. Trocken und adstringierend, hält der Metaxa 12 lange am Gaumen vor. Die Rosennoten hängen selbst nach Minuten noch im Mund. Explosiv und dabei schmeichelnd – für mich gibt es nur wenig, was mich im Schnapsbereich mehr begeistern kann.

Metaxa 12 Stars Verpackung

Die übliche Frage stellt sich – lohnt sich das Upgrade vom 7-Sterne-Metaxa? Beim fast doppelt so hohen Preis ist es nicht mehr ganz so einfach wie bei den Vorgängern, wo ich zweifelsfrei laut „ja!“ sagen konnte. Dennoch muss ich auch hier klare Worte sprechen: Ja, auch hier lohnt sich das Upgrade, und zwar ganz besonders für die, die Metaxa pur trinken möchten. Natürlich ist für die, die Metaxa als Kochzutat kaufen, hier das Ende der Fahnenstange erreicht – das wäre massiver Overkill. Die Gyros-Sauce kann auch perfekt mit den niedrigeren Qualitätsstufen zubereitet werden.

Es gibt aber noch die, die sich diesen Griechen gern als Mixer zulegen. Für diese Einsatzbereich gilt, was für die meisten Weinbrände zutrifft: Ist der Metaxa nur Unterstützer in einem Rezept, braucht man nicht den 12er zu kaufen. Ist er aber eine Hauptbesetzung, dann ist es eine wahre Freude, die Dutzend Sterne in einem Cocktail unterzubringen. Ich will das Motto, dass einem edlen Cocktail ein edler Weinbrand angemessen ist, anhand des Scarlet Letter demonstrieren: Nur die besten Zutaten kommen hier zum Einsatz; neben dem 12er-Metaxa gesellen sich in dieser Mixtur seltener Trinidad-Rum, ein Klosterlikör und Edelfruchtbitter freundschaftlich zusammen. Ein Drink für einen schönen Anlass.

Scarlet Letter


Scarlet Letter
1 oz Metaxa 12 Stars
1 oz würziger Rum (z.B. Caroni 100% Trinidad Rum 12 Years)
½ oz Bénédictine
½ oz Orgeat
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Bonpland Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Martin Cate]


Auf diese unsäglichen Nachfüllstops im Flaschenhals könnte ich aber gut verzichten. Man findet sie immer wieder bei Spirituosen, bei denen der Hersteller befürchtet, die einmal geleerte Flasche könnte durch billige Nachahmerprodukte wiederbefüllt werden. Im Allgemeinen breche ich sie mit einem Schraubenzieher heraus, denn das teilweise unvorhersagbare Verhalten einer Flasche mit einem solchen Einsatz beim Eingießen (entweder Vollschwall oder nichts, aber kein Mittelweg) ist untragbar. Ein bisschen Gewalt, und schon gießt sichs entspannter. Es mag ja sein, dass die Hersteller, die so etwas einsetzen, nur den Markt vor illegaler Ware schützen wollen – es kann aber nicht sein, dass der Endkonsument mit so einer dysfunktionalen Pseudolösung leben muss. Weg damit, sage ich.

Nächsten Monat folgt ein weiterer Teil der Reihe „Sterne über Griechenland“ – allerdings verlassen wir dort dann den Sternenhimmel. Die vorerst letzte Installation der Reihe dreht sich dann um Metaxa Grande Fine, der keine Sternewertung mehr aufweist. Bis dahin werde ich gewiss noch den einen oder anderen Metaxa getrunken haben – und ich hoffe, ich habe meinen Lesern auch Appetit gemacht auf diesen griechischen Weinbrand.

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Titel

Die Sommerpause ist vorbei – Bonpland Bitters Stevnsbaer Cherry Pinot Noir

Die Fernsehwerbung hat uns viele fiktive Persönlichkeiten geschenkt, die das beworbene Produkt mit dem Anschein des echten Lebens versahen, es in ein gutbürgerliches Umfeld einbetteten. Karin Sommer sorgte mit ihrem guten Kaffee für gute Stimmung bei Familie und (damals wahrscheinlich noch wichtiger!) den Nachbarn, der gute Herr Kaiser dafür, dass man bei einem Unfall bestens versichert war, und Frau Antje brachte den holländischen Käse nach Deutschland. Doch nur wenige hatten es in den 90ern geschafft, sich so ins kollektive Gedächtnis einzubrennen wie die laszive italienische Kirschexpertin Claudia Bertani.

„Mit der Kirsche beginnt das Geheimnis“, das war einer der Slogans für die Kirschpraline Mon Cheri. Dabei ist es eigentlich kein Geheimnis, dass Kirschprodukte in Cocktails und Bars sehr gern eingesetzt werden – da gilt es vor allem wohl Maraschino-Likör und „Kirschbrandy“ (auch ein Likör, der nichts mit Brandy zu tun hat, und nicht zu verwechseln mit Kirschwasser ist) zu nennen, die in Mixturen eingesetzt werden, seit es das Konzept des Mischdrinks gibt. Kein Wunder, dass auch Bitters sich diese so beliebte Fruchtrichtung zunutze machen wollen – das jüngste Beispiel dafür sind die Bonpland Bitters Stevnsbaer Cherry Pinot Noir, die daneben noch eine Rotweinnote präsentieren wollen.

Rotwein und Kirsche, in einem Tropfen vereint – das hat zumindest vom Gefühl her schonmal was besonderes. Wer über das seltsame dritte Wort stolpert – es handelt sich um eine Edelkirschensorte, die besonders aromatische Früchte hervorbringt, aufgrund ihrer wenig industrialisierbaren Eigenschaften in Deutschland aber kaum verbreitet ist. Ausgesprochen wird der Name dieser dänischen Sorte übrigens wie das englische Wort „stonesbear“.

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Flasche

Farblich sind Rotwein und Kirsche schonmal gut zu erkennen: Ein leicht ins Bräunliche tendierendes, kräftiges Rostrot, blickdicht. Der Geruch ist zunächst, wenn man die ganze Einführung hier über Kirschen gelesen hat, etwas verwirrend – da riecht man keine Frucht, nur eine dunkle Würze, stark erinnernd an Underberg.

Der Geschmack lässt diese kurze Pseudoirritation aber wieder vergessen – Sauerkirsche, Rotwein, genau das, was man erwartet und erhofft; selten passen Erwartung und Ergebnis so passgenau aufeinander. Die schöne Säure ist gut eingebettet in das Geschmacksbild, und, und das ist für Bitters schon etwas besonderes, man kann sie ohne zu starke Zungenbetäubung auch gut pur probieren. Tatsächlich zögere ich leicht, dieses Produkt als „Bitter“ zu kategorisieren; es ist mehr eine Tinktur, ein Kirschextrakt. Erst im Abgang kommt eine gewisse milde Bittere zum Vorschein. Die klar dominierende Note ist und bleibt aber die Fruchtsäure.

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Farbklecks

Eine Sache muss unbedingt dringend erwähnt werden – die tiefrote Färbung dieser Bitters sorgt dafür, dass sie in den meisten Cocktails optisch nicht unentdeckt untergebracht werden können. Einerseits kann das ein Nachteil sein, da man nicht unbedingt einen stark rotgetönten Drink haben möchte; andererseits können die Bonpland-Bitters aber auch (wie Peychaud’s Bitters) für schöne Effekte dienen, wie zum Beispiel bei einer Shark’s Tooth-Variation. So kann man sie als Ersatz für die in der modernen Bar nicht mehr so wirklich sehr gelittene Grenadine hernehmen, um dem Haizahn einen schönen blutigen Zahnfleischansatz zu verpassen.

Shark's Tooth


Shark’s Tooth
2½ oz weißer, starker Rum (oder hier z.B. Clairin Sajous)
½ oz Zitronensaft
½ oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit Sprudel. Schließlich…
5 Spritzer Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry
…darauf tropfen und nach unten sinken lassen.

[Rezept abgewandelt nach Trader Vic]


Die Aufmachung der Bitter passt sich komplett in das überschwellende, detailverliebte, stellenweise fast schon leicht kitschige Gesamtkonzept der Bonpland-Reihe ein und punktet mit hübschem Design des kleinen Kartons, einer praktisch zu handhabenden dunkelgetönten 10cl-Flasche und einem Pipetteneinsatz im Drehverschluss zur perfekten Dosierung von Tropfen und Spritzern. 40% Alkohol weisen diese Bitters auf, und erhältlich sind sie für knapp 15€.

Persönlich bin ich der Meinung, dass eine Bar gar nicht genug Bitter aufweisen kann. Sie mögen in den meisten Drinks nicht wirklich herausschmeckbar sein, doch habe ich den Eindruck, dass ein passend platzierter Tropfen Bitter einem Drink eine leichten Twist geben kann – und wenn man zusätzlich zu den inzwischen schon zum Standard gehörenden Sortiment an Orangen- und Gewürzbittern nun noch sein Arsenal mit derart dichten Kirschbittern aufrüsten kann, um so besser!

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Titel

Der verflixte vierzehnte Buchstabe – Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale

Wer „Name“ und „nämlich“ mit „H“ schreibt ist dämlich. Das ist eine der Eselsbrücken, die ich in der Schule sehr früh gelernt habe. Die meisten anderen der deutschen Sprache Kundigen wahrscheinlich auch – und dennoch sieht man immer wieder „nähmlich“ irgendwo stehen. Ich gebe zu, ich bin ein Orthografaschist, mir springen viele Schreibfehler geradezu ins Gesicht (ich hoffe, auf meinem Blog halten sich diese in Grenzen – eigene Fehler sieht man nicht so gut wie fremde). Manche sind da wahrscheinlich entspannt; mich reißt ein solcher Fehler immer recht schnell aus dem Lesefluss. Und während ich bei einem Fließtext in Prosa noch relativ – zugegebenermaßen aber leicht herablassend – gnädig bin, darf so etwas unprofessionelles bei Produktnamen oder -beschreibung natürlich niemals passieren, ganz besonders nicht, wenn diese eh nur aus wenigen Wörtern bestehen.

Es ist einer der beliebtesten Fehler, die man in der Bierwelt findet, und für den es leider keine Eselsbrücke gibt: Ein IPA ist kein „Indian Pale Ale“, sondern ein „India Pale Ale“. Das Bier, das Brauer Stefan Sattran bei Maisel & Friends eingebraut hat, scheint auf den ersten Blick genau diesem Fehler aufgesessen zu sein – doch bei genauerem Hinsehen ist es dann wohl doch Absicht, den 14. Buchstaben unseres Alphabets ans Ende des ersten Worts des Namens dieses Biers zu stellen. Die Verwirrung ist damit nicht komplett zu Ende – das Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale ist je nach Lesart der Angaben auf der Homepage des Herstellers eine „Interpretation eines India Pale Ales“, oder „inspiriert von englischem Pale Ale“. Nun, finden wir selber heraus, was es nun ist!

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Flasche

Direkt beim Öffnen des Kronkorkens verströmt sich schon ein sehr angenehmer Duft nach Herbst. Banane, Erdbeeren mit Sahne, Milch, Milchschokolade, Karamell, Vanille. Aber auch etwas brotig. Außergewöhnlich und sehr attraktiv. Als sehr trübes Safran, mit vielen Schwebeteilchen, gießt sich das Bier dann ins Glas. Leichte, feine Perlage besorgt den dichten, festen Schaum, und eine dünne Schaumkrone bleibt für ein Ale, das man meist als wenigbeschaumt kennt, vergleichsweise lang auf dem Bier.

Der erste Geschmackseindruck ist dann „Zitrone“. Überraschende Säure, besonders nach diesem eher süßen Geruchsbild. Tatsächlich ist das Stefan’s Indian Ale im Antrunk nur wenig süß, dafür, wie auf dem Rücketikett erwähnt, auch recht blumig und vielleicht sogar etwas grasig, nach Heu. Fruchtmarmelade – und im Verlauf kommt dann eine wuchtige, schwere Süße doch plötzlich zum Vorschein, zusammen mit einem überragend cremigen, dichten Mundgefühl. Erkennbar bitter im Abgang, bei 40 IBU kein Wunder, und stark adstringierend mit Noten von Grapefruit.

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Glas

Mir gefällt der extrem lange Nachhall mit im Mund und am Gaumen verbleibenden, sehr aktiven Hopfenaromen: selbst 10 Minuten nach dem letzten Schluck ist noch ordentlich Aroma im Mund. Zu guter letzt kommen nochmal die heuigen, grasigen Komponenten ganz stark in den Vordergrund und sorgen für einen sehr würzig-kräuterigen Ausklang.

Kommen wir zurück zur Frage – IPA oder Pale Ale? Persönlich tendiere ich eher zu ersterem, mit leichten Einschlägen zu letzterem. Zwar wirkt das Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale genauso bitter, dann aber nicht so aggressiv wie ein IPA, irgendetwas mildert und spült die Kanten weich. Ein außergewöhnliches, hervorragendes Bier, eines, das meinem Geschmack sehr entgegenkommt. Die Zahlen dazu: 7,3% Alkoholgehalt, gekauft in 750ml Abfüllgröße für rund 5€.

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Glas Schwebeteilchen

Man sieht auf dem Detailfoto, wenn man genau hinschaut, die Schwebeteilchen. Diese setzen sich nach längerer Lagerzeit natürlich am Boden der Flasche ab; wer auf diese Trübungsstoffe verzichten will, sollte daher beim Eingießen vorsichtig sein. Persönlich würde ich sie aber nicht außen vor lassen wollen.

Bei einer 750ml-Flasche ist es recht wahrscheinlich, dass man nicht den kompletten Inhalt in einer Trinksitzung wegziehen kann oder will. Was macht man mit dem Rest, der in der Flasche übrig bleibt, wenn man seinen Bierdurst gestillt hat? Ganz klar – einen Biercocktail. Perfekt passt das Stefan’s Indian Ale in eine Abwandlung eines uralten Tequila-Klassikers, den IPA Sunrise. Fruchtig, grasig, erfrischend und süß, das ist ein Genuss, für den man sich nach dem Resteaufbrauchen garantiert in naher Zukunft die nächste Flasche Bier allein dafür öffnen wird.

IPA Sunrise


IPA Sunrise
1½ oz Tequila Blanco (z.B. Agavita Platinum)
1½ oz Orangensaft
2 Teelöffel Agavendicksaft
mit 6 oz IPA (z.B. Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale) aufgießen
…und mit 1 Spritzer Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro) verzieren


Maisel & Friends gehört mit der Rückendeckung des traditionellen Betriebs im Hintergrund zu einem der gewichtigeren Player im deutschen Craftbier-Markt. Dem einen oder anderen Craft-Fanatiker ist das bereits zu industrienah, zu groß, zu professionalisiert, um noch wirklich in der Nische des Craftbereichs anerkannt zu werden; letztlich geht es aber um die Qualität, nicht um irgendeine Zuordnung in einen Bereich. Persönlich habe ich nur gute Erfahrungen mit dem Bier dieses Herstellers gemacht. Das eine oder andere Produkt traf vielleicht nicht so ganz meinen Geschmack – dafür gab es dann immer einen Ausgleich in Form von ganz hervorragenden anderen Bieren. Und das Stefan’s Indian Ale ist dann für mich persönlich durchaus eine Perle im Sortiment von Maisel & Friends.

Meukow VSOP Cognac Titel

Pack den Tiger in den Tank – Meukow VSOP Superior Cognac

Man kann schon immer kaum den Fernseher einschalten, ohne nicht auf mindestens einem Kanal mit einer Dokumentation über Raubkatzen berieselt zu werden. Der grundsätzliche Tenor einer solchen Tierdoku ändert sich immer wieder mal – früher waren sie die Jäger, stolz, wild, edel, und die Gnus und Gazellen fielen diesem König der Wildnis leicht zum Opfer. Jagd- und Verfolgungsszenen beherrschten die Filme. In letzter Zeit schaue ich solche Dokus nicht mehr gern, denn oft sind sie heute schrecklich deprimierend geworden. Verhungernde Jungen, verletzte Katzen, die sich nur noch herumquälen, wochenlang erfolglose Jagden, Geparden, denen die hart erkämpfte Beute von anderen Tieren abgenommen wird. Das ist mir alles, so ehrlich bin ich, zu nah an der Realität, als dass ich das noch als Fernsehunterhaltung genießen will. Es muss ja wirklich nicht das überdrehte Kasperletheater von „Die Wüste lebt“ sein, aber diese Echtwelt-Kälte, die viele modernen Tierfilme ausstrahlen, will ich mir nicht geben. Dann kann ich gleich Nachrichten schauen.

Trotz dieses Wandels in Tierdokumentationen sind Großkatzen immer noch höchstbeliebte Werbeträger – hier können sie noch die Königinnen und Herrscher über das Tierreich sein, ganz oben in der Nahrungskette stehen und stolz ihren perfekten Körper darstellen, selbst wenn sie ihn für banale Dinge wie Eiskrem, Sportwagen oder Staubsauger verschwenden müssen. Es gibt aber auch Produkte, für die so ein wunderbares, wildes und elegantes Tier auch vom Eindruck her perfekt passt – wie beispielsweise der Meukow VSOP Superior Cognac. Dort prangt auf Karton und selbst im Glas der Flasche eine mächtiges Exemplar der Familie der Felidae. Hier hört aber meist das Interesse des Marketings auf, denn was das nun tatsächlich ist, was wir da auf der Flasche sehen, wird schnell zum Gegenstand der Spekulation. Manche Werbetexte halten es für einen Tiger, andere für einen Puma. Tatsächlich stellt es einen Panther dar. Meukow hat ihn sich ausgesucht, weil der Cognac ähnliche Charakteristiken aufweisen soll wie ein Panther: „Ce superbe animal symbolise à la perfection la force, l’élégance et la souplesse qui sont les qualités intrinsèques des cognacs Meukow.

Die komplett etikettenfreie Flasche präsentiert ohne viel Federlesen den Inhalt: Glühendes Terracotta, mit strahlenden goldenen Reflexen. Eine wirklich höchstattraktive Farbgebung, da muss ich dem Farbdesigner, den diesen Ton mit Zuckerkulör kreiert hat, gratulieren. Schade allerdings, dass sowas sein muss; bei Cognac ist es aber wie bei vielen anderen Spirituosen erlaubt. Schöne, schnell entstehende und langsam ablaufende Beine verzieren das Glas beim sanften Schwenken.

Meukow VSOP Cognac Karton

Wir haben aber trotz all der Katzenmetaphorik keinen stinkigen Kater vor uns, sondern ganz im Gegenteil. Süßer Traubenmost, Portwein, Vanille, Rosinen. Mandarinen. Frisch gekochter Langkornreis. Höchstmild und zart, nicht angreifend, mehr zurückhaltend, auch nur wenig Fasseiche. Nur bei sehr tiefem Schnuppern eine leichte Alkoholnote. Kein Schwefel, der sich bei Brandys sonst oft in den Vordergrund drängt.

Der Meukow VSOP schmiegt sich wie eine Kuscheldecke an den Gaumen und die Zunge. Weich, rund, kandiszuckersüß, mit Erinnerungen an Nougat: Bei diesem Cognac ist das Mundgefühl das Herausragende. Die weiteren Aromen von Rosinen, Vanille, mildem Zitrusobst, Haselnuss und Kokosnuss sind allesamt zurückgenommen und bilden mehr einen hochflorigen Geschmacksteppich, aus dem keine Komponente ausfranselt. Ein sehr schön komponiertes Aromenspektrum.

Im Abgang fährt der Panther doch noch etwas seine Krallen aus. Eine warme Ingwerschärfe und eine feine Lakritzwürze entsteht im Mund. Im Rachen und Kehle heiß wie Lava, aber ohne auch nur den Hauch eines Kratzens. Schließlich trocken und sehr adstringierend. Süße Vanille-Eiche-Lakritz-Kombination bleibt extrem lange am Gaumen; wer auf supermilde, warme, süße Spirituosen steht, findet hier sein Nirvana. Und das mit nur mindestens 4 Jahren Lagerzeit (VSOP). 40% Alkohol enthält dieser Blend.

Sobald Cognac in einem Cocktail die mengenmäßig größte Zutat ist, und keine Fruchtsäfte im Rezept enthalten sind, empfehle ich immer den Einsatz eines hochwertigen VSOP-Cognacs. Der Philadelphia Fish-House Punch zeigt, dass sich diese Mühe auszahlt – der uralte Cocktail profitiert enorm von der zusätzlichen Tiefe und Komplexität, die so ein Destillat mitbringt. Dasselbe Rezept, hergestellt mit einfacherem Hennessy VS, wirkt dagegen erkennbar flacher und weniger aufregend. Zwei davon sind aber auch schon die Höchstmenge, die ich einem Gelegenheitstrinker empfehlen würde: Da ist Bums drin, den man kaum schmeckt, dann aber umso stärker fühlt.

Philadelphia Fish-House Punch


Philadelphia Fish-House Punch
2 oz Cognac (z.B. Meukow VSOP)
1 oz Jamaica-Rum (z.B. Appleton Estate 12)
1 oz Pfirsichschnaps
1 oz Zitronensaft
20g Zucker
½ oz Wasser
Alle Zutaten auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Kurz noch zum Namen – Meukow klingt nicht wirklich französisch. Doch die Cognac-Welt ist eine kosmopolitische, schließlich haben wir neben dieser ursprünglich aus Russland stammenden Herstellerfamilie unter anderem auch Iren (Hennessy), Engländer (Hine) und Schweizer (Davidoff).

Es passiert nicht so wirklich oft, dass das Mixology Taste Forum und ich klar einer Meinung sind, doch diesmal muss ich den Verkostern in Berlin zustimmen: der Meukow VSOP hat seinen ersten Platz dort (siehe auch Printausgabe 06/2015) voll verdient. Die Raubkatze hat sich ihren glorreichen Platz an der Spitze der Nahrungskette wieder, trotz aller Versuche der traurigen Verweltlichung der Depri-Tierdokus, zurückerobert und erstrahlt in vollem Glanze, wie es sich für diese Gattung gehört.

Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Titel

Raus aus dem Pilseinerlei – Mashsee Beverly Pils, Welde Pepper Pils und Rittmayer Bitter 42

Ich will es nicht ruhen lassen, das Thema „Pils“. Der wahrscheinlich beliebteste Bierstil Deutschlands, der von sehr vielen Konsumenten dazu noch als Synonym zu Bier gesehen wird, hat mir immer schon Sorgen bereitet. Zu langweilig, zu bitter, zu aromenlos – von allen Biersorten fand ich persönlich das Pilsner als Bier, wie es nicht sein soll, ein reiner Durstlöscher, ohne Spannung. Entsprechend habe ich über das Pils an sich immer schlimm hergezogen. Dabei kannte ich, so ehrlich muss ich dann sein, praktisch nur die Fernsehpilsner, industriegetrimmt, vereinheitlicht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Biertrinker Deutschlands gebracht und damit verflacht. Irgendwann musste selbst ich erkennen, dass ich dem Bierstil mit meiner starken Meinung, entstanden aus nur begrenztem Wissen, Unrecht tue. Und so habe ich mich auf eine Pilsreise begeben, abseits eben der großen Fernsehbiere. Mein erstes Erfolgserlebnis hatte ich dann mit dem Vier Vogel Pils – das spornte mich an, mehr von dieser Welt kennenzulernen.

Und so stehe ich heute hier und präsentiere weitere, tapsige Schritte auf meinem Weg, dem Pils endlich die Ehre zukommen zu lassen, die es eigentlich verdient. Unterstützt werde ich dabei von drei Pilsnern, wie sie unterschiedlich kaum sein könnten: dem Mashsee Beverly Pils aus Hannover, Welde Pepper Pils aus Baden und Rittmayer Bitter 42 aus Franken.

Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Flaschen

Fangen wir einfach mal im Norden an, mit dem Mashsee Beverly Pils. Der Name ist ein Beispiel dafür, wie verspielt die modernen Craftbrauer mit ihren Produkten umgehen – kaum vorstellbar, dass ein solcher Biername auf dem Etikett einer traditionellen Brauerei erschiene. Mir geht das stellenweise aber schon etwas zu weit, solche Gags nutzen sich recht schnell ab. Die Erfahrung im Bekanntenkreis zeigt auch, dass Biere mit so „lustigen“ Namen nicht wirklich ernst genommen werden. Also Vorsicht damit!

Die Pilsner aus der Industrie sind meist filtriert und strahleklar. Das Beverly Pils sieht schonmal ganz anders aus – helles Gelbgold, naturtrüb, feinster, wolkiger Schaum, gespeist aus regelmäßige Perlage. Auch der Geruch überrascht den Fernsehbiertrinker – extrem fruchtig. Orange, Himbeeren, Kirschen, Bananen, Grapefruit. So eine Kalthopfung macht halt aus jedem Bierstil einen Obstkorb. Höchstattraktiv und gefällt mir außerordentlich – schöner als so manches Pale Ale oder IPA.

Mashsee Beverly Pils

Die Bierstile gehen heutzutage immer mehr ineinander über und verschwimmen. Die klassische, strenge Ausprägung ist oft vom Industriestandard geprägt, und davon wollen die modernen Brauer eben weg. Daher muss man sich daran gewöhnen, dass auch ein Pils mal im Antrunk sehr fruchtig nach Orange, leicht grapefruitbitter und insgesamt etwas süßer und weicher als gewohnt daherkommt. Erst im Abgang merkt man Pilscharakter, dann aber so richtig mit Wumms: Trocken, herb, bitter, dabei aromatisch dann stark zurückgenommen. Der Bitterhopfeneffekt ist es, der hier das Kommando übernimmt. So entdecken wir dann doch noch das Pils im Beverly Pils. Mit 4,7% und 30 IBU fallen wir rein zahlenmäßig nicht aus dem Rahmen. Wirklich interessant, und dieses Pils könnte für so manchen Pilsfanatiker ein Aha-Erlebnis sein, da bin ich mir sicher.

Wir machen einen Sprung nach Südwestdeutschland, nach Baden. Das dort beheimatete Welde Braukunstkeller Pepper Pils wird bei Reinheitsgebotsfanatikern für Zähneknirschen sorgen, denn es hält sich nicht daran. Statt dessen propagiert es auf dem Etikett eine andere Form der Bierregel: „Das Natürlichkeitsgebot von 2016 umfassst alle natürlichen und weitestgehend unbehandelten pflanzlichen Lebensmittel.“ Die Abgrenzung zum industriefreundlichen RHG, das alles mögliche an Chemie erlaubt, solange es nachher im Bier nicht nachweisbar ist, ist deutlich. Schmeckt man den eingesetzten, titelgebenden, nachhaltig angebauten und fair gehandeltem rosa Pfeffer? Ist das so dann noch ein Pils?

Welde Pepper Pils

Die Farbe ist erstmal sehr dunkel für ein Pils. Dazu naturtrüb. Kräftige Perlage. Dünner, aber feiner Schaum. Der Geruch ist frisch und luftig, fruchtig nach Banane, Mango, Litschi, aber auch nach Heu und Kräuterwiese. Hefe. Und ein Touch von Linseneintopf, so blöd es sich anhört. Geschmacklich kommt dann das Fruchtige nicht mehr ganz so zum tragen, sondern eine sehr blumig-kräuterige Komponente, die wahrscheinlich durch den rosa Pfeffer entsteht. Veilchen und Jasmin, sehr ungewohnt, aber auch höchstattraktiv. Dazu eine knackige Zitronensäure mit hohem Erfrischungsfaktor. Eine Grundwürze ist da, aber ich würde es keinesfalls „pfeffrig“ nennen, wie es der Hersteller auf dem Vorderetikett tut. Ein leicht schales Mundgefühl ist schon das Negativste, was ich finden kann.

Im Abgang ist das Pepper Pils zitronig-sauer, sauber, bitter und edelherb: Schön eingestellt, und dann doch pilstypisch. Eine feine Trockenheit bleibt noch eine ganze Weile, wie auch die Kräuteraromen. Ein ordentlicher Rülpsfaktor selbst nach kleinen Schlucken zeigt, dass hier ordentlich Kohlensäure eingesetzt ist. 4,8% Alkohol finden wir vor. Ah, und ich habe dem Pfeffer unrecht getan – ganz am Ende liegt doch etwas feines, hauchiges Kribbeln auf der Zunge. Sehr ansprechend: Ein Spitzenbier, sicherlich eins der interessantesten und angenehmsten, die ich bisher getrunken habe. Applaus!

Als letzte Station dieser Pilsreise machen wir in der Nähe von Nürnberg halt, wo das Rittmayer Bitter 42 hergestellt wird. Von den drei vorgestellten Bieren weist es das pilstypischste Aussehen auf: Nur minimale Trübung, blasses Gold. Sehr feiner Schaum, ebenso ausdauernd wie die starke Perlage.

Rittmayer Bitter 42

Bitterhopfen dominiert die Nase. Sehr angenehme, herbe Würze; ansonsten recht zurückhaltend. Im Mund dann eine kräftige Bittere, ohne aber in Extreme auszuschlagen (die namensgebenden 42 IBU sind dennoch schon ordentlich). Sehr klares, kantiges Geschmacksbild. Kaum Frucht oder sonstige sortenuntypischen Einschläge – wer sich immer darüber beschwert, dass modernes Bier nicht mehr nach Bier schmeckt, wird hier fündig. Das ist archetypischer Pilsgeschmack. Am Gaumen sind minimalste Fruchtaromen, aber nur so dezent, dass sie das Gesamtbild unterstützen, es nicht prägen. Sehr süffig und erfrischend bei 5,5% Alkohol.

Das Rittmayer Bitter 42 weist zum Schluss noch einen kurzen, sauberen Abgang ohne Reste oder Effekte auf. Trocken und mit erkennbarer Adstringenz. Sicherlich mit weitem Abstand das pilsigste Pils dieser Verkostungsreihe. Das ist ein perfekter Durstlöscher, von dem man gern mehr als ein Gläschen wegziehen will – und das sage ich, als ausgewiesener Pilsverächter. Naja, Ex-Pilsverächter, muss in nun sagen: Ich habe meine Meinung zu diesem Bierstil überdacht.

Für Cocktails passte ein Pils aber für mich schon immer ideal – genau das, was ich sonst am Pils ablehnte, macht es ideal als Cocktailzutat – oder als Filler in einem Longdrink. Beim Sexy Tequila Beer haben wir eine Mischform: es handelt sich praktisch um einen fertigen Cocktail, der dann aber noch mit Bier aufgegossen wird. „Aufgießen“ ist dabei immer nicht ganz wörtlich zu nehmen, wenn man ein Halbliterglas dafür hernimmt, bleibt vom Tequila geschmacklich nicht viel übrig. Daher empfehle ich hier ein 1:1-Verhältnis aus Cocktailbasis und Bier. Das ist dann im Ergebnis gar kein Vergleich zu den industriellen Mixgetränken wie Desperados.

Sexy Tequila Beer


Sexy Tequila Beer
1 oz Tequila Blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)
1 oz Orangensaft
1 oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
1 TL Agavendicksaft
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
hellem Bier (z.B. Rittmayer Bitter 42)
In einem Glas mit gemischter Zucker-Salz-Kruste servieren.
[Rezept nach unbekannt]


„Die endgültige Antwort auf die Frage nach dem wahren Pils“ steht selbstbewusst auf dem Etikett des Rittmayerschen Pilses. Natürlich muss man hier abwägen, was man von einem Pils erwartet, um die Frage für sich persönlich zu beantworten – wer es gern traditionell, klassisch, stiltypisch und unaufgeregt hat, für den ist das Rittmayer Bitter 42 das richtige. Wer eigentlich eh lieber ein Pale Ale statt einem Pils trinkt, greift zum Mashsee Beverly Pils. Und wer experimentierfreudig ist, und sich bei jedem Schluck überraschen lassen möchte, ist beim Pepper Pils am besten aufgehoben.

Für jeden etwas – die moderne Craft-Pilswelt ist eine vielgestaltige, spannende, die sehr deutlich aufzeigt, wie sehr vereinheitlicht dieser Stil durch die Bierindustrie inzwischen leider wurde. Wer sich dann abseits der Fernsehpilsner umschaut, findet viele unterschiedliche Interpretationen, bei denen Pilsfreunde viel erleben können, ohne ihren Lieblingsstil verlassen zu müssen. Wer da immer nur bei seinem Industriepils bleibt, verpasst sehr viel.

Revolte Rum Titel

Obstmezcal aus Rheinland-Pfalz – Revolte Rum

Es gibt Geschäfte, die sind personengetrieben, obwohl es eigentlich gar nicht nötig oder üblich in der Branche ist. Apple war schon immer Steve Jobs, Virgin ist in egal welcher Schattierung des Konzerns nichts ohne Richard Branson, und der FC Bayern München fühlt sich ohne seinen alten Präsidenten so missmutig, dass man ihn, kaum aus dem Knast,  sofort wieder per Akklamation ins Amt hievt. Die tatsächliche operative Arbeit dieser Menschen ist leicht zu delegieren oder weiterzugeben. Was ganz und gar nicht übertragbar ist, ist deren Aura und Persönlichkeit, die am Ende den oft gar nicht so kleinen Unterschied zwischen gutem Erfolg und Weltspitze ausmacht.

Bei Spirituosen denkt man auch zunächst direkt, dass es doch nur darauf ankommt, wie der Brand schmeckt, der aus der Destille läuft – da geht es um gute Basismaterialien, um gute Ausstattung, um vernünftiges Handwerk. Was soll da die Persönlichkeit des Brenners noch groß mit reinspielen? Meiner Meinung eine ganze Menge – es wandert ein Stück des Brenners mit in sein Produkt, wenn die Firma entsprechend aufgebaut ist. Jede Entscheidung, die auf dem langen Weg vom zarten Zuckerrohrpflänzchen bis der Korken auf der Flasche sitzt getroffen wird, entstammt der Persönlichkeit des Master Distillers. Was wir trinken, ist nicht ein schnöde zusammengebrautes Rezept, sondern die flüssige Essenz der Vision eines Menschen.

Selten ist so ein Brenner allerdings bereit, öffentlich Details über seinen Produktionsprozess zu erzählen – das Geheimnisvolle trägt schließlich oft mit zu der Aura bei. Felix Georg Kaltenthaler dagegen plaudert in einem Interview mit der Hamburger Bargröße Jörg Meyer dermaßen offen aus dem Nähkästchen und berichtet allerlei spannende, witzige und erstaunliche Details, dass es eine wahre Freude ist, den beiden zu lauschen. Wen also die Herstellung und Geschichte von Revolte Rum interessiert, sollte sich dringend dieses launige Interview anhören.

 

Ja, der Brenner wirkt sympathisch, keine Frage. Doch wollen wir uns als vollkommen neutrale, objektive und höchstkritische Schnapsblogger (gibt es sowas wirklich?) nicht von derartiger Sozialkompetenz blenden lassen, nein, wir wollen die Brennkompetenz prüfen, und ob der Inhalt der für Rumverhältnisse zumindest schonmal ungewöhnlich gestalteten Flasche, die mit teilvereister Oberfläche, strengem Etikett und so ganz ohne die in dieser Branche sonst üblichen Allüren wie Piraten, Plantagen oder Pseudokaribikflair eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt, auch genauso unterhaltsam rüberkommt.  Schauen wir uns also mal den Revolte Rum im Glas an!

Revolte Rum Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkle, leicht graue Flasche – die Farbe ist klar, ohne Anflug von Tönung. Kaum ist der interessante Vollkorkenstöpsel aus der Flasche, bewegt sich der Revolte Rum im Glas leicht viskos, mit vielen Beinen. Der Geruch steigt dann dann nach diesem langsamen Start voll in die Eisen: Teer, Erdbeeren und Kirsche. Tolle Kombination, man sollte es kaum glauben, ist aber wahr. Rauchig und auch leicht speckig, nach Schwarzwälder Schinken. Insgesamt aber weich; erinnert mich etwas an Mezcal.

Auch im Mund erleben wir eine kleine Rumrevolution. Sehr süß, weich und zart, cremiges Mundgefühl, und, und das ist der Knüller, mit deutlichem Obstlercharakter – ein buntes Potpourri verschiedener gebrannter Früchte, Aprikose, Pfirsich, Kirsch, Birne. Den leichten Ethanoltouch können wir, da trotz 41,5% sonst kein Brennen auffällt, gern akzeptieren. Leicht buttriger Ansatz. Im Abgang quietscht er nochmal durch die Kurve – der Abgang ist sehr kurz, mildpfeffrig, mit einem Anflug von Lakritz und Butter, die Zunge bleibt noch etwas betäubt. Im Nachklang entsteht ein angenehmer, warmer Alkoholhauch mit etwas rauchigem Hall.

Ein sauberer, klarer Rum, mit einem Twist: Mir gefällt diese geschmackliche Anlehnung an Obstbrand sehr. Viele weiße Rums, die ich kenne, explodieren entweder vor starken Aromen (rhum agricole und jamaikanischer Overproof), oder orientieren sich fast schon an Vodka in ihrer Neutralität und leben nur vom Mundgefühl (Brugal Titanium). Hier ist ein schöner Mittelweg gefunden worden, mit feinen Aromen, ohne dabei überwältigend zu werden – man spürt das Handwerk, das in ihn geflossen ist. Sehr gut pur zu trinken.

Revolte Rum Batches

Die strenge, kühle Aufmachung der Halbliterflasche hatte ich ja bereits oben angesprochen; ein interessantes kleines Detail fällt einem erst auf, wenn man die Flasche zur Seite dreht. Dort ist die Batch-Nummer (also die Nummer der Produktionscharge) handschriftlich eingetragen, und dazu die Flaschennummer. Meine Flaschen sind also die 416. von den 500, die im ersten Produktionsdurchlauf abgefüllt wurden, und die 170. aus dem 12. Durchlauf. Wir erfahren daraus die Batchgröße (250 Liter, vielen großen Hersteller, die sich gern auf „small batch“ berufen, wäre das wahrscheinlich nicht mal das Anfahren der Abfüllanlage wert), und dass sich hier noch jemand wirklich die Mühe macht, jede Flasche einzeln anzufassen um sie zu nummerieren.

Schmecken die Batches unterschiedlich? Da zwischen diesen meinen Abfüllungen rund ein Jahr lag, und sich der Brenner in dieser Zeit ja auch weiterentwickelt hat (erinnert man sich noch an die Einleitung?), sollte man mit Geschmacksunterschieden rechnen. Ein Selbstversuch ergab: Im Vergleich zu Batch 1 ist bei Batch 12 dieser geruchliche Anklang an rauchig-teerigen Mezcal fast komplett weg, statt dessen ist der Obstbrandcharakter extrem verstärkt. Auch geschmacklich könnte man Batch 12 fast für einen Birnenbrand halten, hier ist die Butter verschwunden und durch eine reinere Klarheit ersetzt worden. Tatsächlich wirkt Batch 12 etwas erwachsener und reifer, aber dafür etwas weniger funky und frech. Man erkennt noch die grundsätzliche Verwandschaft der beiden Abfüllungen; im Blindtest, da bin ich sicher, würden viele selbst diese nicht mehr anerkennen. Grundsätzlich ist das, das muss man klar sagen, eigentlich eine tolle Sache, so ein lebendiges Produkt – wir als echte Craft-Spirit-Interessierte können damit gut leben, dass die Sensorik sich von Abfüllung zu Abfüllung durchaus ändert. Wer immer genau dasselbe will, muss sich halt an mindestens halbindustrialisierte Hersteller wenden.

„Vodka cocktails will never teach you anything“, diese von mir bereits vielzitierte Meinung Ted Haighs teile ich voll. Auch wenn es inzwischen eine Fahrt aufnehmende Bewegung gibt, Vodka weg vom neutralen Effekttrinkerstoff hin zu einer höherwertigen Spirituose zu bringen, meide ich die Verwendung von Vodka in Cocktails aktuell noch, solange ich nicht wirklich eines besseren belehrt werde. Wenn es dann doch mal ein reizendes Rezept gibt, ersetze ich darin gern den Vodka durch einen aromatisch interessanteren Brand, und der Revolte Rum ist nahezu ideal dafür. Der Beweis ist der Basil Watermelon Cooler, der durch die zusätzliche Obstaromatik des Revolte Rums deutlich an Tiefe und Komplexität gewinnt im Vergleich zur Vodkavariante.

Basil Watermelon Cooler


Basil Watermelon Cooler
3 große Blätter Basilikum
1 Stück geschälter Ingwer
1 Stück Wassermelone
½ oz Zuckersirup
…diese Zutaten muddeln, dann…
2 oz weißer Rum (z.B. Revolte Rum)
½ oz Limettensaft
…dazugeben und shaken und schließlich toppen mit…
Ginger Ale
[Originalrezept nach Nick Mautone, der allerdings Vodka benutzt]


So ein milder, aromatisch feiner Rum ist aber dann doch nicht unbedingt für alle Zwecke geeignet. Aus der Kaltenthaler-Schnapsschmiede folgt entsprechend aktuell eine Abhilfe für all die, die gern etwas mehr Wucht im Drink hätten – der Revolte Overproof. Eine Flasche steht schon im Regal bei mir bereit, eine Besprechung dieses Revolutionsgenossen folgt auf diesem Kanal in naher Zukunft. Wenn wir schon bei Varianten sind, muss ich einen vorweihnachtlichen Wunsch an den Brenner äußern – gern würde ich diesen Rum auch mal fassgereift erleben, ich könnte mir vorstellen, dass dabei recht Spannendes herauskäme, wenn er ein paar Jahre in einem Holzfass statt den aktuellen 6 Monaten in einem Steingutkrug liegen dürfte (der Rum, nicht der Brenner).

Today, the flag for European rum is flown by Ron Montero, based in Motril, Andalucía.

Der Spirituosenautor Dave Broom schrieb das in seinem Buch Rum: The Manual. In einer eventuellen Neuauflage seines Buchs sollte Broom das ändern. Denn rein von der Spannung her weht die europäische Rumfahne heute eigentlich über Westhofen, Rheinland-Pfalz.