Archiv für den Monat Juli 2016

Old Pascas Barbados White Rum Titel

Du trinkst ihn ahnungslos, schon ist der Teufel los – Old Pascas Barbados White Rum

Manche Länder sind untrennbar mit in ihnen hergestellten Produkten verbunden. Deutschland ist das Autoland, Frankreich die Heimat des Croissants. Persönlich ist Italien für mich das Land der Salami, und China das des Tees. Barbados ist diesbezüglich als Geburtsstätte des Rums mit dieser Spirituose auf Gedeih und Verderb verknüpft. Viele sehr hochwertige Rums stammen noch heute von dort, und mir ist bajanischer Rum (das ist eine umgangssprachliche Verkürzung für „aus Barbados stammend“) besonders sympathisch, denn dort ist die Manipulation des Destillats offiziell verboten. Rum aus Barbados ist also etwas Besonderes in der Spirituosenwelt, und wurde daher durchaus zu Recht von Gaby Baginsky in den 80ern besungen.

Schlagertexte sind ja notorisch simpel, doch konzentriert sich in ihnen manchmal eine tiefe Wahrheit.

Er sagte mir: „Ich trink ihn nie mehr pur,
ich kann ihn schon verkraften, aber nur
mit Cola und mit Eis.“

Meint Gaby damit, dass der Rum so stark ist, dass man ihn besser verdünnt? Oder dass er so grausig schmeckt, dass man ihn besser übertüncht? Gewichtige Fragen wirft so ein einfacher Songtext auf, und um herauszufinden, welche Interpretation die gültige ist, greife ich mir einen Rum aus Barbados aus dem Spirituosenregal, einen, den man in fast jedem Supermarkt für unter 10€ bekommen kann: Den Old Pascas Barbados White Rum.

Old Pascas Barbados White Rum FlascheBei der Farbe gibt es keine Überraschungen: klar, mit langen Beinen im Glas, fast dickflüssig. Geruchlich erkenne ich diese typische Lakritznote, die weißer Rum oft hat. Der Old Pascas White erinnert auch etwas an aromatischen Vodka in seiner leicht rauchigen Speckigkeit; dazu Diesel und Lack. Nicht wirklich sehr ansprechend.

Der Geschmack ist zunächst sehr süß, aber vergleichsweise neutral. Leichte Lakritze, etwas Speck, sehr ähnlich wie das, was man gerochen hat; keinerlei Komplexität, alles bleibt an der Oberfläche. Nach einigen Sekunden kommt etwas Feuer auf, eigentlich mehr ein leises Kokeln. Selbst die Alkoholnote ist enttäuschend schwach und langweilig. Der Abgang ist sehr kurz, trocken, hinterlässt eine leichte Bitterkeit auf der Zunge und am Gaumen.

Insgesamt erinnert mich dieser Rum sehr an einfachen polnischen Vodka; in einer Blindverkostung würde ich ihn wahrscheinlich auch für Vodka halten. Nichts von dem, was ich an Rum im Vergleich zu Vodka so schätze, ist vorhanden; die Aromalosigkeit fast schon trist. Da ich mich dagegen sträube, Spirituosen, die ich nicht auch pur trinken würde, in einem Cocktail zu verwenden, ist dieser weiße Bajaner für mich leider ein Komplettausfall.

Die Aräometermessung ergab temperaturkorrigiert 37,4%, das bedeutet, dass dieser Rum immerhin ungesüßt ist. Letztlich sind knapp 38% aber immer noch recht schwach für einen Rum und deutet auf Massenproduktion hin. Daher: wenn es unbedingt billig sein muss, würde ich in dieser Preisklasse dann eher zum nicht arg viel, aber doch erkennbar besseren Captain Morgan White, oder vielleicht direkt zum dreijährigen Havana Club, raten.

Old Pascas Barbados White Rum DetailsSehr gefällt mir aber das Flaschendesign des Old-Pascas-Sortiments, das vor einer Weile ein Facelift erfahren hatte, und nun mit einer tollen, schwungvollen, mit schönen Details versehenen Flasche punkten kann, und dazu mit einem sehr hübsch anzusehenden Etikett.

Verkauft wird dieser Rum natürlich als reiner Mixer. Meine Meinung dazu habe ich schon kundgetan; doch anstatt den Inhalt der Flasche wegzuschütten, brauche ich ihn dann halt in Cocktails, die Rum nur als Alkoholträger einsetzen, Stück für Stück auf. Im Aku Aku beispielsweise ist die Fruchtkomponente eh überwältigend, da passt der Old Pascas Barbados White Rum gut rein. Besonders spektakulär kommt dieser klassische Trader-Vic-Tiki-Cocktail natürlich rüber, wenn man ihn in einer ausgehöhlten, gefrosteten Babyananas serviert, deren Innenleben man auch direkt für den Cocktail einsetzen kann.

Aku Aku Cocktail


Aku Aku
1 oz Old Pascas Barbados White Rum
½ oz Pfirsichlikör
½ oz Zuckersirup
2 oz Ananasstücke
10 Blätter Minze
Alle Zutaten mit dem Pürierstab blenden


Durchaus spannend, dass dieser klare, ungereifte Verwandte des von mir durchaus geschätzten Old Pascas Ron Negro an diesen so überhaupt nicht heranreichen kann. Das liegt aber nicht an der Gattung „weißer Rum“ per se – da gibt es schon außergewöhnlich leckere Verteter, wie den Brugal Titanium oder den El Dorado 3 Jahre, von höchstköstlichem weißem rhum agricole wie dem La Mauny oder Dillon, oder dem jamaikanischen Aromenmonster Wray & Nephew, brauchen wir da gar nicht erst anzufangen.

Wie schon eingangs erwähnt, Barbados bietet viele Exportschlager in Sachen Rum. Leider gehört der Old Pascas Barbados White Rum nicht dazu.

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Brink's Rethymnian Bier Titel

Insel der Bierseligen – Brink’s Rethmynian Dark und Blonde

Ganz Kreta ist fest in Industriebierhand. Ganz Kreta? Es sieht fast so aus. Egal, wo man sich auf Ostkreta bewegt, man begegnet immer denselben Biermarken. Die holländischen Biergötter Heineken und Amstel beherrschen das Feld weitestgehend, begleitet von den griechischen Titanen Alfa, Mythos und Fix. Man mag denken, dass das halt in Touristenzentren so ist, dass die hereinströmenden Party-People ihr bekanntes Bier trinken wollen; aber selbst in kleinen Kneipen im Landesinneren, wo sich kein Tourist auf den hier so beliebten Quads jemals blicken lässt, ist der Kühlschrank gefüllt mit den Massenmarken. Alle diese Biere sind recht dünne Lagerbiere, schmecken sehr ähnlich leicht und aromenarm – ehrlicherweise muss man sagen, dass im heißen Klima Kretas sich sowas sehr gut und angenehm trinkt.

Ich stolperte nur zufällig in einem Supermarkt in der Kühltheke über die scheinbar eine Ausnahme auf Kreta: kretisches Bier, hergestellt im malerischen Ort Rethymnon, abgefüllt in Bügelflaschen, mit einem deutschen Namen – nun, vielleicht finde ich als Bierfreund hier die Abwechslung vom Lagereinerlei im Urlaub? Flugs jeweils eine Flasche der beiden erhältlichen Sorten, des Brink’s Rethymnian Dark und des Brink’s Rethymnian Blonde, eingepackt, im Hotelkühlschrank einen Tag wieder runtergekühlt und dann auf dem Balkon des Hotelzimmers gemütlich verkostet.

Brink's Rethymnian Bier Flaschen

Der erste Versuch war das Brink’s Rethymnian Dark. Ganz so dunkel ist es im Glas dann doch nicht – wahrscheinlich ist der Farbhinweis bezogen auf den Vergleich zum sehr hellen, sonst üblichen Lagerbier. Ich persönlich würde den Bernsteinton nicht als Dunkelbier erkennen. Eine leichte Trübung beweist den Hinweis, dass die Brink’s-Biere ungefiltert sind. Feiner Schaum, schnell abgebaut, krönt das Bier.

Auf der Lassithi-Hochebene auf Kreta kann man es aus erster Hand erfahren – Hitze führt dazu, dass Aromen verstärkt werden. Wer dort zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, wird überwältigt von all den Gerüchen, die die wildwachsenden Kräuter wie Rosmarin, Thymian und andere verströmen. Daher bin ich um so enttäuschter vom Geruch des Rethymnian Dark: Völlig neutral, nichts, aber überhaupt nichts ist da zu riechen. Auch als ich das Bier eine Weile aufwärmen ließ, konnte ich nichts entdecken.

Ist der Geschmack interessanter? Leicht malzig-süß, mild und weich. Eine überraschend starke Säure drängt sich schnell nach vorne, begleitet von einer extremen Kohlensäure. Selbst für mich, der ich gern Bier mit knackiger Sprudeligkeit mag, ist das viel zu viel, die Kohlensäure nimmt alles an Körper weg, was sonst vielleicht da gewesen wäre. Nach dem ebenso dünnen Abgang muss ich leider sagen: Das ist für mich keine Verbesserung zu den Industrielagern, eher sogar ein Rückschritt; ein Heineken ist da aromatisch interessanter und angenehmer zu trinken.

Brink's Rethymnian Dark Glas

Gehen wir etwas ratlos über zum anderen Bier, dem Brink’s Rethymnian Blonde. Der Name deutet schon an, was wir hier erleben werden. Schönes Gold mit minimaler Trübung, dazu eine sehr kräftige Perlage, die für feinen, dünnen Schaum sorgt. Achja, noch ein Lager, mag man nach den oben geschilderten Erfahrungen hier auf Kreta denken.

Der Geruch ist schonmal spannender als der des dunklen Brink’s. Immer noch zurückhaltend, entdecke ich hier zumindest Trauben und kretischen Rotwein, und eine leicht blumige Note. Mild dann im ersten Mundgefühl, süßlich, leider erneut kaum Aromen, aber überraschend hopfenbitter – endlich die Abwechslung, die ich im süßmilden Biereinerlei suchte. Eine gute Säure mit sehr hoher Rezenz macht das Bier erfrischend im kretischen Sommer, doch auch hier werde ich mit dem übermäßigen Einsatz von Kohlensäure erschlagen.

Der trocken-adstringierende Abgang des Rethymnian Blonde ist mittellang, und hinterlässt den Eindruck eines Biers, das in Deutschland allerhöchstens unter „ferner liefen“ gelistet werden würde, doch auf Kreta als gute Alternative zum holländisch-griechischen Massenmarkt funktionieren kann – als Bierfreund im Urlaub sollte man es definitiv probieren.

Brink's Rethymnian Blonde Glas

Rettet das Biosiegel das kretische Bier? Eigentlich nicht. Denn letztlich muss es sich am Geschmack messen lassen, da kann es so ökologisch hergestellt werden, wie es will. Es gibt nur wenige Bio-Produkte, die ich kaufe, bei denen mir die Produktion wichtiger ist als der Geschmack – Eier, beispielsweise. Zumindest ist es dann aber so, dass der Geschmack mit Produkten ohne Biosiegel leicht mithalten kann; hier, so leid es mir tut, sehe ich das nicht. Die Homepage bietet ein paar Einblicke in den schwierigen Start, den das junge Bierunternehmen seit 2001 hatte, und welche bürokratischen Stolpersteine dazu kamen – ich würde mich freuen, wenn sie ihr Produkt weiterhin verbessern und den ökologischen Gedanken weitertragen, um in Zukunft dem interessierten Bierfreund beides bieten zu können.

Mit dem Preis orientiert man sich dann aber doch am deutschen Preisgefüge – die Industrielagerbiere sind spottbillig für unter 1€ den halben Liter zu bekommen, das Brink’s setzt mit 2,50€ für 330ml dann schon ein mutiges Ausrufezeichen, ähnlich, wie das viele Craftbiere in Deutschland tun. Beide Biere haben denselben Alkoholgehalt von 4,8%.

Brink's Rethymnian Bier Rücketikett

Eine spannende Randnotiz findet sich dann noch am Ende des (leider etwas lädierten) Rückseitenetiketts – in einer Gesellschaft, in der die Dose und Einwegflasche völlig etabliert sind, und die meisten Kaltgetränke sogar aus der Plastikflasche getrunken werden, ist so etwas wie ein Pfand ein mutiges, leider fast schon utopisch anmutendes Konstrukt – mir ist unklar, wie in dem Umfeld, in dem ich mich in meinen Urlauben auf Kreta bewegt hatte, so etwas funktionieren soll. Ich hatte jedenfalls keine Lust, nochmal ins Taxi zu steigen, um zum Supermarkt zurückzufahren, nur um die Flaschen wieder zurückzugeben. So landeten sie wahrscheinlich im Müll, als das Zimmermädchen das Zimmer aufräumte, so leid es mir tut. Dennoch passt die Idee natürlich zum grundsätzlichen, ökologischen Grundkonzept des Biers und ist ganz sicher lobenswert – vielleicht ist die Situation in größeren Städten diesbezüglich besser. Und hoffentlich kann Brink’s hier weiter Pionierarbeit leisten, denn schlimmer werden kann die Müllsituation auf Kreta kaum – jede Plastikflasche, die nicht produziert wird, weil ein Mehrwegsystem entsteht, wäre ein Gewinn für die Insel.

Metaxa with Greek Honey Titel

Griff in den Honigtopf – Metaxa with Greek Honey

Man konnte es seit einiger Zeit beobachten: Die Regale des Einzel- wie des Fachhandels füllten sich mit Spirituosen bekannter Hersteller, die ihre Produkte leicht verändert hatten. Der Auslöser war wahrscheinlich erstmal die seit vielen Jahren betriebene Vermarktung von aromatisiertem Vodka – es gab eine Phase, wo man schon genau hinschauen musste, wenn man einen unaromatisierten Vodka kaufen wollte, dass man nicht aus Versehen doch einen Zitronen-, Himbeer-, Brombeer-, Vanille-, Mango-, Birne-, Pfeffer-, Kirsch- oder sogar Koriandervodka in den Warenkorb legte. Absolut war und ist dabei der Vorreiter.

Schnell erkannten auch die Rumhersteller, die eigentlich mit Spiced Rum in diesem Gebiet zuhause waren, dass hier mehr zu holen ist als mit einfacher Vanille; und dann begannen auch noch die fachfremden Hersteller, hauptsächlich amerikanische Whiskeyproduzenten, ihre vor aromatisierenden Zusätzen gesetzlich geschützten Produkte für die neugierige Konsumentenschaft etwas aufzupeppen. American Honey von Wild Turkey, Tennessee Honey von Jack Daniel’s, Jim Beam Honey und andere Sorten zeigten, wohin der Weg geht, wenn es um veränderten Whiskey geht – Honig ist das Mittel der Wahl.

Es gibt nun auch bei Weinbrand eine Marke, die schon seit ihrer Gründung ihr Alleinstellungsmerkmal in der Aromatisierung fand: Das griechische Traditionsprodukt Metaxa ist eine äußerst gelungene Mischung aus Süßwein, Weinbrand und Rosenblätteraromen. Damit sind sie hocherfolgreich, zurecht, wie ich meine, der ich ein riesiger Metaxa-Fan bin. Aber hinter der Welle der honigsüßen Whiskeyprodukte wollte dann eben auch ein solcher Hersteller nicht zurückbleiben. Geschah es nur, um das Markenimage lebendig zu erhalten, dass ein neues Produkt wie Metaxa with Greek Honey vorgestellt wurde? Wer schonmal in Griechenland war, wird jedoch bezeugen, wie stolz die Griechen auf ihren Honig sind. Während für Whiskey die Verbindung Spirituose-Honig vielleicht aus reinem Marketingkalkül entstand, ist sie für griechische Spirituosen eine ganz natürliche, selbstverständliche. Vielleicht bin ich zu romantisch veranlagt, doch die Honigmelange hat in Griechenland Tradition – rakomelo beispielsweise wird schon seit Jahrhunderten hergestellt.

Metaxa with Greek Honey Flasche

Die Farbe ist zwar schön, aber, wie bei allen Metaxa-Produkten, durch Zuckerkulör entstanden, daher sehe ich über sie hinweg. Über den Geruch allerdings kann ich nicht hinwegsehen – würziger Honig, als hätte man ein Glas Honig aufgeschraubt, blumiger, metaxa-typischer Rosenduft, Jasmin und ein winziger Hauch Lösungsmittel. Sehr ansprechend, und in keinster Form künstlich wirkend, wie das bei manchen anderen Honigspirituosen der Fall ist. Hier wirkt es aus einem Guss.

Im Geschmack kommt der Weinbrand deutlicher zum Vorschein, man ahnt die 33% Alkohol, die der Metaxa with Greek Honey aufweist, allerdings mehr, als man sie wirklich spürt. Deutlich ist der Metaxa mit seinen floralen Noten erkennbar, er wird aber vom vordergründigen kräftigen Honiggeschmack etwas überlagert. Eine Gewürznote (Nelken? Piment?) rundet das Bild in die Tiefe ab. Sehr angenehm zu trinken, doch das Erlebnis des Munds ist leider nicht mehr ganz so herzerfreuend wie das wirklich außergewöhnliche der Nase. Der Abgang ist warm, weich und mild, allerdings doch mit leichtem Schwefelcharakter, wahrscheinlich vom Weinbrand, von dem man dieses Geschmacksbild kennt. Am Ende verbleibt noch eine Weile eine milde, unklebrige Süße auf der Zunge und ein Gedankenbild von Honig.

Wie bei vielen aromatisierten Spirituosen denkt man sich zunächst, dass der Hauptzweck das Purtrinken ist; wozu sonst die Aromatisierung? Das entspricht dann auch der Verzehrempfehlung des Herstellers („neat, chilled or on ice“). In Cocktails könnte man ja schließlich die „reine“ Spirituose nutzen, und denselben Effekt mit einem Schuss Honig erreichen. Doch nun habe ich die Flasche nunmal, und obwohl der Metaxa with Greek Honey pur schon sehr lecker ist, will ich ihn doch mal in einem Cocktail einsetzen. Das Originalrezept des Athenian Diplomat verlangt nach Metaxa (without Greek Honey), doch die zusätzliche Süße und Milde des Honigweinbrands schadet natürlich nicht, insbesondere gegen die Säure der Zitrone – ich gehe davon aus, dass das auch für alle anderen Cocktails mit diesem griechischen Weinbrand gilt.

Athenian Diplomat


Athenian Diplomat
2 oz Metaxa with Greek Honey
¾ oz süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren und in ein eisgekühltes Glas geben.
[Rezept adaptiert nach einem Original von Sean Michael Whipkey]


Fast schon wundersam, im erfreulichen Sinne, ist die Zutatenliste auf dem Rücketikett. Alkohol, Muscat-Wein, Weindestillat, Zucker, Honig aus Griechenland (0,5%), Honigaroma, Zuckerkulör. Erfreulich deswegen, weil die Ehrlichkeit hier gewonnen hat: Es ist neben dem titelgebenden griechischen Honig zumindest auch Honigaroma drin. Andere Hersteller tun oft so, als wäre die Aromatisierung rein natürlich. Schön wäre es allerdings natürlich schon, wenn Metaxa daran noch weiterarbeiten könnte, nämlich auf den künstlichen Aromastoff, wie auch auf die zur Färbung dienende Zuckerkulör, komplett zu verzichten.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist dieser Likör nicht in Deutschland erhältlich, außer, ich habe ihn bei meiner Recherche übersehen. Erworben habe ich ihn im Duty-Free-Shop des Flughafens Heraklion (Kreta) für 25€ pro 700ml, wo eine riesige Wandwerbung an den Flugzeuggates unübersehbar auf ihn hinwies; ich hatte dies als einen Vorgeschmack darauf betrachtet, dass er bald auch in Deutschland im Einzelhandel zu kaufen sein könnte. Die entsprechende Metaxa-Produktseite ist dann aber doch deutlich: „Available exclusively in European Airports“.

Metaxa with Greek Honey Karton und Etiketten

Nun, einerseits ist das schade, denn das Produkt verdient es sicherlich, einem breiteren Kreis als den Airportshoppern bekannt gemacht zu werden. Andererseits ist es durch diese künstliche Verknappung natürlich ein tolles Mitbringsel für jeden Spirituosenfreund, insbesondere für Süßmäuler unter den Weinbrandfans. Da die amphorenähnlich gestaltete Flasche darüberhinaus mit einem sehr repräsentativen Etikett in englischer und griechischer Sprache geschmückt ist, und in einem ebenso geschenktauglichen Karton verkauft wird, rate ich jedem, der überlegt, was er seinen Lieben aus dem Griechenlandurlaub mitbringen soll, sich statt für die üblichen Scotches oder Vodkas, die man sonst so im Duty Free sieht, für den Metaxa with Greek Honey zu entscheiden!

Blondes Gift – Leffe Blonde

Dosenbier hat in Deutschland einen etwas zweifelhaften Ruf. Es gilt oft als der kleine hässliche Bruder der hübschen, stolzen Glasflasche, und wird an entgegengebrachter Wertschätzung nur noch vom Tetrapack unterboten. Die Dose gilt als Behältnis für proletenhafte Effekttrinker, die die Dose am Ende auf der Stirn plattdrücken. Doch die Zahlen zeigen, dass die Dose in der Realität eine sehr beliebte Verpackung ist. Das erhöhte Dosenpfand im Vergleich zur Flasche wurde eingeführt, weil die Mehrwegquote bei Getränken unter 72% fiel, und man von politischer Seite gegensteuern wollte, doch siehe da, trotz Pfand ist der Trend zum Blech ungebrochen – der Dosenanteil beim Bier nimmt immer mehr zu, der Glasanteil sinkt. Über die ökologischen Aspekte wird heiß diskutiert – ich empfehle die Lektüre des Artikels des Bierrezensionskollegen probier.tv.

Nun gibt es ja so manchen, der in seinem Dünkel meint, dass dasselbe Bier schlechter schmeckt, wenn es in Dose statt in Flasche abgefüllt wurde. Persönlich habe ich das noch nie festgestellt, doch ich kann mir gut vorstellen, dass es Unterschiede geben kann, wenn ein Bier längere Zeit in einer lichtdurchlässigen Flasche oder in einer lichtgeschützten Dose aufbewahrt wird – allerdings dann mit leichten Vorteilen fürs Aluminium. Eine höchstprofessionell durchgeführte Vergleichsverkostung bei unseren österreichischen Nachbarn vom ORF hat das bestätigt – oder auch nicht. Ich bin mir nicht sicher.

Bestärkung für die These, dass Aluminium Vorteile hat, gibt es von Herstellern, die die Dose durchaus schätzen; Greg Koch, CEO von Stone Brewing, sagt im Fachmagazin Meiningers Craft 02/2016 beispielsweise, dass die Dose eigentlich das beste Behältnis überhaupt für Bier sei, was Frische- und Transportaspekte angeht – er bringt gerade sein Stone IPA in der Dose auf den deutschen Markt, gebraut und blechummantelt in Berlin. Ich habe mir daher ein anderes Bier ausgesucht, eines, das es sowohl in Flaschen als auch in Dose gibt, um zu schauen, wie sich die Unterschiede äußern: Das belgische Leffe Blonde. Trinken wir zunächst aus der Dose.

Leffe Blonde Dose

Optisch erinnert das Leffe Blonde stark an ein minimal trübes Kristallweizen mit gröberer Perlage; tatsächlich blubbert das Bier aber selbst nach einer guten Weile noch vor sich hin, ohne dabei eine großartige Schaumkrone zu erzeugen. Eine wirklich fantastische Farbe, passend zur Dosenfarbe.

Das erste, was mir in der Nase auffällt, ist ein Bananenaroma. Leichte Fruchtigkeit, nach reifem Pfirsich oder Aprikosen, und Nelken. Wirklich ansprechend, vor allem weil gut gekühlte Biere sonst ihre Duftstoffe eher zaghaft abgeben, und ich das Leffe wirklich mit den empfohlenen 5°C verkoste.

Geschmacklich wirkt es zunächst eine ganze Weile recht süß. Gewürzkomponenten sind dabei eindeutig vorhanden, ich bilde mir ein, etwas Glühweingewürz zu erkennen. Nein, ich bilde mir das nicht ein, ich fühle mich irgendwie zurück auf den Weihnachtsmarkt versetzt. Im Nachgang ist das Leffe leicht fruchtig, nicht wie ein hopfenlastiges IPA nach Zitronen und Orangen, mehr nach Aprikosen und Bananen.

Leffe-border

Im Abgang wirkt es recht trocken, vielleicht etwas klebrig am Gaumen. Der Abgang ist dann auch der schwächste Teil dieses belgischen Biererlebnisses; ich gieße schnell noch einen Schluck nach, um die mir eigentlich eher unangenehme Süßklebrigkeit aus dem Rachen zu bekommen. Doch es hilft nichts: selbst einige Minuten nach dem letzten Schluck ist mein Rachen verpappt. Schade, das ruiniert das ansonsten gelungene Geschmacksbild etwas.

Trinken wir nun zum Vergleich einige Schlucke aus der braunen 750ml-Glasflasche. Edel gestaltet ist sie schonmal und macht mehr her als die Dose; doch uns interessiert im Moment der Inhalt. Was soll ich sagen? Persönlich schmecke ich keinen Unterschied. Wenn es Differenzen gibt, dann gehen diese meiner unerheblichen Meinung nach im Schwankungsbereich der Herstellungschargen unter. Eventuell ist der Unterschied bei länger gelagertem Bier deutlicher. Oder es ist doch die Atmosphäre, in der man Bier trinkt, die einen Einfluss auf das Geschmackserlebnis hat? Ich vermute einfach mal letzteres, lasse mich gern aber eines besseren belehren.

Leffe Blonde Glasflasche

Ein deutlich erhöhter Alkoholgehalt von 6,6% ist nicht schmeckbar, aber nach einer Weile fühlbar, wie man es von Bockbier kennt. Dem fanatischen Anhänger des deutschen Reinheitsgebots rate ich von diesem belgischen Bier ab, denn es ist Mais und Zucker enthalten; persönlich glaube ich, völlig unabhängig von einem Reinheitsgedanken, dass zumindest letzteres gern eingespart werden könnte, um die unangenehme Abgangsüße loszuwerden. Und es wäre grundsätzlich wünschenswert, wenn diese unerwarteten Zusatzstoffe auf dem Etikett ausgewiesen werden würden, selbst beim bekanntermaßen experimentier- und zusatzstofffreudigen belgischen Bier. So muss man Dänisch können, denn zumindest auf der Flasche sind in dieser Sprache mehr Inhaltsstoffe angegeben als auf Französisch oder Englisch.

Süße und dabei noch würzige Biere sind ideale Cocktailzutaten. Sie sorgen für Blubber im Glas, eine gewisse Bittere und Körper. Und, und das sollte man nicht unterschätzen, Bier ist ein sehr sozialer Gast in Cocktails, es passt zu praktisch allen Spirituosen. Im Confidence Trick tun sich Bier, Rum und Marmelade aufs freundlichste zusammen und bieten eine attraktive Performance für den Biercocktailfreund.

Confidence Trick


Confidence Trick
1½ oz Jamaika-Rum (z.B. Hampden Estate Gold)
¾ oz Zuckersirup
1 oz Zitronensaft
4 Spritzer Zitronenbitter
Alle Zutaten gut shaken, in ein Glas geben und mit…

4 oz Leffe Blonde toppen.
Zum Schluss noch…
1 Teelöffel Orangenmarmelade auf den Boden des Glases geben.
[Rezept nach Chris Edwards]


Wie viele belgische Biere stammt auch das Leffe aus einer Abtei. „Ex opere messis“ ist das Motto der Abbaye Notre-Dame de Leffe, die allerdings selbst das Bier nicht mehr braut, sondern das Braugeschäft an den Branchenriesen InBev abgegeben hat – unter der Bedingung, dass Leffe weiterhin so traditionell gebraut wird wie im 13. Jahrhundert, als dort das erste Mal Bier hergestellt wurde (wo damals der inzwischen eingesetzte Mais herkam, bleibt das Geheimnis von InBev). Wörtlich übersetzt „die Ernte folgt aus dem Werk“, etwas freier vielleicht „die Früchte der Arbeit“, passt das Motto wunderbar auf ein Produkt wie Bier, das sich definiert durch Geduld beim Warten nach der Aussaat, die harte Arbeit bei der Ernte und die erforderliche Erfahrung des Brauens selbst, um am Ende für all diese Mühe bei einem kühlen Umtrunk entschädigt zu werden.

Hayman's Old Tom Gin Titel

Die Zeiten ändern sich – Hayman’s Old Tom Gin

The Times They Are a-Changin‘ – so kehrreimte Bob Dylan in einem seiner bekanntesten Lieder. Wie alle Lieder, die so lange Zeiten überdauern, dass wir sie nach Jahrzehnten heute noch hören, hat der Song eine 1964 wie heute drängende Botschaft in sich: als Aufforderung an die Gesellschaft, den Wandel zu akzeptieren und sich ihm zu öffnen.

Der Wandel an sich ist ja erstmal keine positive oder negative Sache. Die Zustände, die aus ihm entstehen, können dann aber schon besser oder schlechter sein als vorher; und, um wegzukommen von sozialen und politischen Änderungen wieder hin zum Kernthema dieses Blogs, auch die Barwelt macht so ihre Wandlungen durch. Mal zum Schlechten, wenn Auswüchse wie Zucker im Rum, überindustrialisiertes Bier und exzessives, oberflächliches Flairbartending einem den Spaß am Schnaps nehmen; aber auch mal zum Guten, wie die aktuelle Craftbierbewegung oder das neue Qualitätsbewusstsein vor und hinter der Theke.

Am offensichtlichsten merkt man das, wenn man alte Cocktailrezepte liest. Da tauchen gern Spirituosennamen auf, bei denen selbst der erfahrenste Mixologe hin und wieder stockt, weil sie heutzutage praktisch unbekannt sind. Spirituosen steigen in der Beliebtheit oft plötzlich, und sterben dann wieder aus, meist nur einzelne Marken innerhalb einer Sorte, hin und wieder aber auch die ganze Sorte – wie geschehen beim Old Tom Gin, der vom London Dry Gin völlig weggefegt wurde.

Um so erfreulicher ist, dass der Wandel eben nicht nur solche katastrophalen Schnapskataklysmen mit sich bringt, sondern sie auch wieder behebt: Das Interesse an Gin im neuen Gincraze des 21. Jahrhunderts sorgt dafür, dass auch die schon totgeglaubten Ginsorten wie Plymouth Gin und eben der Old Tom Gin wieder auferstehen. Die erfahrenen Ginbrenner von Hayman’s haben sich 2007 des letzteren erbarmt, einige Hersteller folgten ihnen, und so finden wir heute Old Tom Gin wieder in den Spirituosenregalen der Welt, wie den Hayman’s Old Tom Gin.

Hayman's Old Tom Gin Flasche

Was ist der Unterschied zwischen London Dry Gin und Old Tom Gin? Die Farbe ist es offensichtlich schonmal nicht, denn auch der Hayman’s Old Tom Gin kommt völlig transparent daher, unterscheidet sich auch in der Viskosität kaum von anderen, modernen London Dry Gins. Er könnte sich nicht Gin nennen, wäre nicht auch der Geruch sehr stark von Wacholder direkt im Vordergrund geprägt. Aber schon gleich ist die Nase begleitet von einer Reinigungsbenzinsnote, Zitrone und einer deutlich floralen Komponente, nach Lavendel. Und, so meine ich, man erkennt nun einen ersten Unterschied: da ist etwas süßliches im Geruch vorhanden.

Der erste Schluck wischt dann die Zweifel, ob es sich hier wirklich nicht nur um eine Unterart des London Dry Gin handelt, weg: Der Geschmack ist sehr süß, da ist viel Kandiszucker, etwas Orange, etwas Kräuter, und die Gin-„Botanicals“, die man heute in unendlicher Menge findet, ganz dezent im Hintergrund. Ein Tick Anis komplettiert das Geschmacksbild.

Der Abgang des Hayman’s schließlich ist warm und mild, auf der Zunge etwas brennend, trotz der Süße recht trocken, und sehr kurz. Er hinterlässt ein leichtes Brummen im Mundraum.

Die Unterschiede zwischen Old Tom und London Dry sind schon klar erkennbar, auch wenn sich die Differenzen meines Erachtens zumindest beim Hayman’s hauptsächlich auf die Süße beziehen. Braucht der interessierte Heimbarkeeper diese Sorte Gin? Es kommt drauf an. Ein wahrer Ginaficionado sollte sein Ginrack ganz sicher mit einem Old Tom Gin anreichern, allein schon der Geschmacksweiterbildung wegen; und der auf echte Authentizität von Rezepten bestehende Mixologe natürlich auch. Wer aber nicht zu diesen Gruppen gehört, kann sich statt der (mäßig teuren) Investition auch mit der Kombination London Dry Gin plus etwas Zuckersirup behelfen, wenn man auf eine entsprechende Angabe in einem Cocktailrezept stößt.

Der Cocktail, für den ich mir fast schon exklusiv diese Flasche einer Randspirituose zugelegt hatte, ist der Martinez, ein uralter Klassiker, den schon Jerry Thomas in seinem Buch aufgeführt hatte. Die Wandlungen, die für Spirituosensorten gelten, gelten auch für Cocktailrezepte, und auch der Martinez wird heute in unterschiedlichen Rezepturen, die meist das Verhältnis zwischen Old Tom Gin und Wermut variieren, angeboten. Ich bevorzuge das Mischverhältnis aus O.H. Byron’s Vorschlag von 1884: Eins zu eins.

Martinez


Martinez
1½ oz Hayman’s Old Tom Gin
1½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
⅓ oz Maraschino-Likör
2 Spritzer Orangenbitter
[Rezept nach O.H. Byron]


Vom Design her gefällt der Hayman’s Old Tom Gin durch das Retrodesign. Die Flasche hat eine interessante, eckige Form, mit viel Text direkt im Glas eingelassen (sowas liebe ich ja), und einem an die alte Zeit des ersten Gincraze erinnernden Etikett. Was hat die Katze damit zu tun? „Old Tom“ ist ein Spitzname für eine schwarze Katze (auch die Brauerei, die das Old Tom Strong Ale herstellt, hat einen Old Tom as Maskottchen), und diese war damals auf der Verkleidung einer Apparatur abgebildet, durch die man per Münzeinwurf von der Straße aus sich eine Dosis Gin abfüllen lassen konnte, ohne eine Kneipe betreten zu müssen.

Nun, um den Bogen zurück zum Thema „Wandel“ zu schließen: heute hat Gin ein anderes Standing als damals, und wir müssen nicht mehr in den Untergrund, um guten Gin zu genießen – der Wandel bringt also wirklich hin und wieder Verbesserungen mit sich.

Weihenstephan & Samuel Adams Infinium Titel

Unendliche Bierweiten – Weihenstephan & Samuel Adams Infinium

Der Bierraum – unendliche Weiten… Wir schreiben das Jahr 2010. Dies sind die Abenteuer des Bierprojekts Weihenstephan & Samuel Adams, das mit seiner mutigen Brauerbesatzung lang unterwegs ist, um neue Geschmackswelten zu erforschen, neues Bier und neue Sude. Viele Lichtjahre von der Biertradition entfernt, dringen Weihenstephan & Samuel Adams in Biergalaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat…

Die älteste Brauerei der Welt tut sich also mit dem zweitgrößten Craftbrauer der Welt zusammen (ist das nicht ein etwas seltsamer und paradoxer Titel? Kann man mit fast 5 Millionen Hektolitern Ausstoß wirklich noch ein Craftbrauer sein?), und will so die Bierwelt umkrempeln. Nun, so revolutionär wie manche Aspekte des Raumschiff Enterprise ist die Herstellung des Weihenstephan & Samuel Adams Infinium dann aber doch nicht, selbst wenn die amerikanisch-bayerischen Gemeinschaftsproduzenten marketingfrohlockend einen Zeitenwandel ausriefen, als das Infinium 2010 auf den Markt gebracht wurde. Der Brauprozess unterscheidet sich schon etwas vom Standardbier: 2 Tage Maischen statt wenigen Stunden, und das bei sehr niedrigen Temperaturen. Bringt es was für den Geschmack?

Weihenstephan & Samuel Adams Infinium Flasche

Wie bei Flaschengärung üblich, ist der erste Eingießvorgang mit Vorsicht durchzuführen – eine extrem starke Schaumentwicklung bringt das Verfahren mit sich. Ein grobporiger, fester Schaum krönt ein herrlich goldene Farbe. Kristallklar ist das Bier dazu; auch wenn ich eigentlich ein großer Verfechter der Naturtrübe bin – bei diesem Bier hätte das nicht gepasst.

Im Gegensatz zu anderen Spezialbieren in Flaschengärung erkennt man hier beim Riechen sofort das Bier. Dennoch liegt auch hier eine hefig-herbe Champagnernote vor, und ein etwas metallischer Geruch. Ich rieche darüberhinaus eine schöne Ananasnote.

Das Weihenstephan & Samuel Adams Infinium fährt im Mund zunächst eine klare Kante, herb-sauer. Auch das Metall ist wieder sofort präsent. Doch schnell kippt das Geschmackserlebnis um in eine kräftige, bananige Süße, mit sehr dezenten Fruchtaromen von Ananas und Orange (keinesfalls so stark wie bei einem Pale Ale), begleitet von einem sehr dichten, samtigen Mundgefühl. Eine Bittere, nicht von schlechten Eltern, begleitet die Mundraumsüße am hinteren Gaumen – spannend, wie räumlich zweigeteilt das Geschmackserlebnis ist. Vorne süß, hinten bitter.

Weihenstephan & Samuel Adams Infinium Glas

Der Abgang ist trocken, minimal bitter, und es verbleibt eine für meinen Geschmack etwas zu pappige Süße. Da der Abgang relativ kurz ist, fällt dieser süße Nachhall umso mehr ins Gewicht. Schade, das entdecke ich in letzter Zeit bei vielen Bieren, dass sie im Abtrunk zu klebrig wirken.

Wie oft habe ich nun in diesen paar Sätzen das Wort „süß“ oder Synonyme dafür verwendet? Ich will es nicht zählen; es sollte aber einen Eindruck davon vermitteln, in welche Richtung dieses Bier geht. Es ist kein Bier als Durststiller oder Essensbegleiter für ein üppiges, herzhaftes Dinner; das ist ein Dessertbier, passend zu Kuchen und Crème Brulée.

Oder natürlich als Cocktailzutat. Wer das Infinium als Grundlage hernimmt, braucht sich um einen voluminösen Cocktailkörper nicht weiter zu sorgen. Ergänzt man das süße Bier mit einem fruchtigen irischen Whiskey und sorgt weiterhin für etwas Säure über Grapefruitsaft, hat man eine perfekte Genusskombination zusammen: den Bitter Sweet Beer Cocktail.

Bitter Sweet Beer Cocktail


Bitter Sweet Beer Cocktail
1½ oz Irischer Whiskey (z.B. Bushmills Black Bush)
¾ oz Campari
¾ oz Grapefruit-Saft
3 oz Weihenstephan & Samuel Adams Infinium
[Rezept nach einem Cocktail auf der Jameson-Whiskey-Homepage]


Gemälzte Gerste, Sommerweizen und Hafer bilden die Basis für dieses Bierexperiment, mit Hallertauer Mittelfrüh, Spalt Spalter, Tettnanger und Hersbrucker wird gehopft, so dass das Infinium den Bitterwert von 10 IBU erreicht. Eine belgische Hefe sorgt für ordentlich knallenden obergärigen Bierspaß mit 10,3%.

Zu guter letzt will ich die Präsentation ansprechen. Man ist als Biertraditionalist ja die Standardflaschen gewohnt, aber selbst innovative Brauereien verlassen sich auf Longnecks oder Stubbis. Da tut es gut, hin und wieder mal eine Abwechslung zu sehen, wie beim Infinium diese schwere 750ml-Sektflasche.

Weihenstephan & Samuel Adams Infinium Korken

Das ganze ist konsequent durchgezogen – die nur leicht blickdichte Flasche ist mit schönen, verschlungenen, goldfarbenen Ornamenten und einem verschnörkelten Schriftzug verziert. Der Sektkorken wird von einem Drahtgitter auf der Flasche gehalten; ein Umhänger enthält Details über das Bier und dessen kooperative Herstellung. Diese Präsentation allein hebt das Bier schon über die Masse der Experimentalbiere hinaus – und sorgt am Ende dafür, dass ich den Preis von knapp 17€ gerade noch so mit leicht schlechtem Gewissen akzeptieren kann. Luxusartikel kosten eben etwas mehr, manchmal allein, weil sie Luxusartikel sind – wer es sich als Bierfreund leisten will, sollte es mal ausprobieren, vielleicht zu einem passenden Anlass, wenn all die anderen einen langweiligen Sekt zum Anstoßen auspacken.

Clairin Casimir, Sajous & Vaval Titel

Weiß und heiß – Clairin Casimir, Sajous und Vaval

Wer öfters in Hotels unterwegs ist, kennt sie – die Minibar. Der Charme dieser Sammlung von Miniaturfläschchen ist, dass man eine passende Dosis einer Spirituose bekommt, und nicht gleich eine ganze 0,7l-Flasche erwerben muss. Nun hängt es natürlich davon ab, wie ambitioniert der Hoteleigner ist, und wie er seine Gäste einschätzt – in vielen Hotels findet man oft genug nur Billigvodka und Massenwhiskey; mit viel Glück hat der Hotelier ein Faible für Scotch, so dass der Abend der Geschäftsreise im Hotelzimmer nicht ganz trocken enden muss.

Eine alternative Weise, solche Miniaturen zu nutzen, ist es, Verkostungsproben mit Gleichgesinnten zu teilen. In vielen Foren und Facebook-Gruppen gibt es eine lebendige Flaschenteilungs- und Sample-Kultur, die es ermöglicht, unterschiedlichste Spirituosen in kleinen Mengen, oft sogar zum Selbstkostenpreis, zu kaufen. Für Leute wie mich, die gern viele unterschiedliche Spirituosen ausprobieren wollen, ist das perfekt: Die ideale Möglichkeit, Spirituosen zu verkosten, die man sich sonst nicht leisten könnte oder wollte, denn teilweise 100€ und mehr für eine 700ml-Flasche auszugeben ist nur in den seltensten Fällen drin.

Ich war sehr interessiert an den Clairins, die aktuell die Schnappsbloggerszene begeistern. Und, wie es der Zufall wollte, bot sich justament in der Facebook-Gruppe „Der Rum-Club“ ein ebenso Interessierter an, für drei Clairins eine solche Flaschenteilung durchzuführen. Statt über 100€ für die drei Clairins auszugeben, ohne zu wissen, ob man diese Art Spirituose überhaupt wirklich trinken kann, habe ich mir also dort 15cl jeder Sorte zum Gesamtpreis von 30€ gesichert. Damit ist das Spektrum abgedeckt, zu einem kleinen Preis. Tolle Sache, die ich jedem empfehlen kann, der öfters mal was neues im Glas haben will.

Die Proben des Clairin Casimir, des Clairin Sajous und des Clairin Vaval kamen sehr zeitnah in neutralen Probefläschchen an; ich danke Marcus Stock von 4finespirits für das Foto der Originalflaschen und der Kartons, in denen sie normalerweise ausgeliefert werden, das er extra für mich angefertigt hatte.

Clairin Casimir, Sajous & Vaval Flaschen

Was ist nun aber Clairin? Letztlich ist es ein Verwandter des Rum. Hergestellt in Haiti, basiert Clairin wie Rum auf der Destillation von frischem Zuckerrohr. Eigentlich ist Clairin daher eine Untergattung des rhum agricole. Ein gewichtiger Unterschied in der Herstellung ist aber, dass die Maische nicht mittels Zuchthefen fermentiert wird, sondern durch Spontangärung durch die lokalen, freien Hefen, wie es beispielsweise bei belgischem Lambik-Bier auch passiert. Dadurch ist der Charakter des Clairin durchaus vielgestaltig und lokal differenzierbar – von der Art der Herstellung und Verortung in kleinen, sehr lokalen Destillen ist er diesbezüglich näher an Mezcal oder amerikanischem Moonshine als Rum, obwohl die Aromatik natürlich klarer auf Rum hindeutet. Ein sehr bodenständiges Produkt, ohne Marketingmaschinerie oder Lobby. Wer mehr darüber erfahren will, sollte den sehr spannenden und lehrreichen Artikel von Christian Kopp der Fachzeitschrift Mixology lesen.

Auch wenn die drei Flaschen Clairin ähnlich aussehen und unter einem gemeinsamen Thema (von gelb über orange nach rot, und ähnliche Gestaltung der Kartons)  in Deutschland verkauft werden, so stammen sie doch aus unterschiedlichen Destillerien. Daher ist trotz der äußeren Ähnlichkeit auch keine „Ordnung“ oder „Reihe“ aufstellbar. Die Nachnamen der Brenner bilden den Namen der Spirituose – Faubert Casimir von der Destillerie Douglas Casimir (Barraderes), Michael Sajous von der Destillerie Chelo (Saint Michel de L’Attalaye) und Fritz Vaval von der Destillerie Arawaks (Cavaillon) sind die geistigen Väter dieser Brände, die wir nun im folgenden nacheinander verkosten wollen.

Optisch ist der Clairin Casimir erstmal nicht von weißem Rum zu unterscheiden – transparent, aber schon deutlich viskos. Ich meine, einen minimalsten Touch von Farbe erkennen zu können, eine Ahnung von Strohigkeit, vielleicht bilde ich mir das aber auch ein.

Clairin Casimir Glas

Die Nase ist da schon viel eindeutiger. Da muss man nicht tief ins Glas riechen, der Casimir kommt einem wuchtig entgegen. Süß nach einer Vielzahl von Fruchtestern, Kandiszucker, Anis, Nelken, praktisch kein Alkohol, dafür aber ausgeprägt Lösungsmittel. Erinnert an Cachaça, ungereiften rhum agricole, oder einen weißen Overproof-Jamaikaner.

Unverdünnt, bei 54% ein kleines Abenteuer, folgt der erste vorsichtige Schluck. Ich erwarte eine starksüße, fruchtige Aromenwelle – doch ich werde überrascht, es trifft fast das Gegenteil ein. Supersalzig, umami, Meeresaromen. Überraschend wenig Feuer für die Alkoholstärke, statt dessen eine wallende, pulsierende Wärme. Die Frucht erinnert nun mehr an Kompost (das hört sich unangenehmer an, als es ist). Im langen Abgang kommen Gemüsenoten zum Vorschein, Artischocke vielleicht, Getreide, und Thymian.

So starke Spirituosen öffnen sich oft durch ein paar Tropfen Wasser, die ich nun zugebe. Ein schöner Marmoreffekt und ein leichtes Louche entsteht, als sich der dickflüssige Alkohol mit dem Wasser verbindet. Am Geruch ändert sich erstmal nichts – der Geschmack ist nun natürlich milder und zahmer, weniger extremsalzig, insgesamt aber noch recht vergleichbar, nur etwas reduziert. Der Clairin Casimir reagiert auf Wasser scheinbar nicht wirklich, es wirkt nur verdünnend.

Spannend ist er dennoch, insbesondere die Salzigkeit und die Wärme ohne Alkoholbrennen muss ich hervorheben; das ist in dieser Konsequenz für mich neu in der Spirituosenwelt. Ein echter Schnapsaficionado muss das probieren, da lege ich mich fest.

Ich schnuppere als nächstes am Clairin Sajous, und denke erstmal: Uff. Fruchtnoten und Ester ohne Ende, erinnernd an einen hochprozentigen weißen Jamaika-Rum. Da ist aber noch etwas anderes, eine Metallkomponente, die erheblich säuerlich-gischtig, vielleicht sogar leicht fleischig riecht. Leichter Plastikkleber im Hintergrund. Insgesamt sehr charakterstark, fast schon aufdringlich.

Clairin Sajous Glas

Ich nehme trotz den 53,5% auch hier einen kleinen Schluck davon ohne Wasserzusatz. Sauer und bitter, Apfelessig und Limettenschale, dann aber auch eine erdige Note nach Brot, Getreide, oder trockenes Müsli. Im Nachgang kommt ein süßer, rauchiger Anklang zum Vorschein. Definitiv ungewohnt, aber deswegen auch sehr spannend.

Im Abgang scharf und heiß, zungenbetäubend und salzig. Danach entsteht eine wohlige Wärme im Mund- und Rachenraum. Ein wirklich ausgesprochen angenehmes Gefühl, und Fruchtaromen wallen nochmal kurz auf. Außergewöhnlich und wunderbar.

Pur kein Gaumenschmeichler, ganz gewiss nicht. Daher der Test mit Wasser – 3:1 verdünnt. Der Geruch nimmt natürlich ab, das bringt das Verdünnen mit sich, dafür kommt diese brotige Komponente stärker zum Vorschein, die ich schon bei Prichard’s Corn Whiskey zu erkennen meinte. Nun ist der Clairin Sajous plötzlich gezähmt – süß und fruchtig, fast schon lieblich, samtig und edel, erinnernd an Cognac. Trotz Wasser bleibt der beschriebene Abgang erhalten. Kaum zu glauben, dass das dieselbe Spirituose ist.

Ein echter Volltreffer, ganz besonders im Vergleich von mit und ohne Wasser. Eine echte Spitzenspirituose, die ein dermaßen breites Panorama auffächert, dass man gar nicht genug davon bekommen kann.

Der dritte im Bunde ist schließlich der Clairin Vaval. Auch dieser Clairin ist völlig transparent, ohne den Hauch einer Farbe.

Clairin Vaval Glas

Süß, malzig, erinnernd an Genever. Grasig und grünholzig. Kardamom. Wie schon beim Sajous ist auch hier eine brotig-hefige Note da. Beim Schwenken taucht eine deftige Lösungsmittelkomponente auf, dazu esterige alte Bananenschale, vergorene Ananas. Sehr komplex im Geruchsbild.

Zunächst weich und geschmeidig, durchaus süß, aber schon mit leichtem Salzcharakter, dann würzig und leicht kratzig, immer weniger süß, immer mehr umami (wer schon immer mal wissen wollte, wie sich umami anfühlt, sollte diesen Clairin probieren – das ist ein Paradebeispiel dafür, eine seltsame Mischung aus süß und salzig) voller Gewürz- und Frucht-Esteraromen, und schließlich explosiv feurig und heiß auf Zunge und im Rachen, dunkelschokoladig, süßholzig, trockenobstig, holzig. Eine sehr überraschende Entwicklung in kürzester Zeit. Hochkomplex.

Am Ende noch ein langer, körpervoller Abgang voller Wärme und Estern, die sich ausdauernd am Gaumen festklammern. Eisen, als hätte man Zahnfleischbluten, und Malz hängen nach. Der Vaval muss trotz der 52,5%, womit er der schwächste des Trios ist, nicht verdünnt werden.

Soweit also die Purverkostung dieser drei Geschwister der großen Clairin-Familie. Weißer Rum im Allgemeinen hat ja nun dann aber doch den Ruf, eigentlich mehr als Mixer in Cocktails zu taugen denn als alleinstehender Genuss. Auch wenn das so einseitig für Clairins nicht zutrifft (und für viele hochqualitative weiße Rums übrigens auch nicht!), so sollte man doch auch die Mixability betrachten.

Und was soll ich sagen – auch in einem Cocktail lässt ein Clairin seine Muskeln spielen. Mit ein bisschen Salz und Schokoladenbittern wird die würzige Komponente des Clairin noch etwas betont, während Orangenlikör und Wermut die Wucht etwas einbremsen. Ein tolles Team, zu begutachten im Alicante.

Alicante


Alicante
1 oz Clairin (z.B. Clairin Casimir)

1½ oz Grand Marnier Cordon Jaune
1 oz trockener Wermut (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
2 Spritzer Orange Bitters
2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren, mit Orangenzeste und etwas Salz auf einem Eiswürfel servieren.
[Rezept nach Scott Holliday]


Ich bin sehr fasziniert von dieser Art Zuckerrohrbrand. Wenn man betrachtet, dass es sich hier um eine recht bäuerlich-robuste Spirituose handelt, nicht um eine hochglanzpolierte wie Cognac oder mancher Scotch, so ist die Komplexität, die man hier erhält, ganz ohne Reifung, um so erstaunlicher. Mein persönlicher Favorit unter den drei ist der Sajous, vor allem leicht verdünnt – ein Traum.

Die aromatische Nähe zu rhum agricole ist unverkennbar, und das kommt mir persönlich geschmacklich sehr entgegen. Leider, und das ist der kleine Wermutstropfen, ist Clairin dadurch vielleicht nicht so übermäßig massenkompatibel, im Gegenteil, er stößt den Rumlaien vor den Kopf, wenn er ihn das erste Mal probiert – schon weißer rhum agricole hat dieses Startproblem bei Anfängern, und Clairin legt diesbezüglich noch eine Schippe drauf. Wenn man ihm nicht die Zeit gibt, und sich ihm öffnet, bleibt er ein Rätsel. Und man würde was verpassen.

Sodastream Blondie Titel

Wie faul darf man sein? Sodastream Blondie Bier-Konzentrat

Sie ist eine der Sieben Todsünden, galt schon immer als Charaktermangel und wird auch heute noch aufs übelste geschmäht: Die Faulheit. Wer sie in sich trägt, gilt als nutzloser Parasit, als Belastung für die Gesellschaft. Doch in Wahrheit muss man sie loben und preisen, denn ohne sie würde unsere Gesellschaft heute anders aussehen. Ein Großteil der Erfindungen, die uns das Leben leichter machen, und die wir heute als selbstverständlich betrachten, entstanden aus einem Faulheitsgedanken – ich will nicht mehr zu Fuß herumlaufen müssen, nicht mehr den schweren Krug zum Brunnen und zurück schleppen, nicht mehr im Winter mich dauernd um Feuerholz kümmern. Faulheit ist für mich daher eine Form der alltäglichen Lebenseffizienz, und ich gebe gern zu, dass ich gerne ein noch viel fauleres Leben führen würde.

Für manche faulen Bierfreunde, die sich das Bier in größeren Mengen auf einmal zulegen, wäre es bereits eine enormer Fortschritt, wenn sie nicht schwere Bierkästen in den dritten Stock schleppen und dann das Leergut zurücktransportieren müssten. Das Gewicht des Biers, plus der Glasflaschen und des Kastens, da muss doch eine elegantere Lösung möglich sein? Sodastream und andere Firmen haben bereits für diesselbe Problematik mit Sprudelwasser und Limonaden eine Lösung parat – Leitungswasser aus dem Hahn, mit einem Gerät aufgesprudelt, und vielleicht nach Geschmack mit Sirup in verschiedensten Geschmacksrichtungen versetzt, ersetzt den Mineralwasserkasten. Von da ist der Sprung zur Idee, das auch aufs Bier zu übetragen, nicht weit – und so kann der moderne Homo Sapiens Prokrastinens sich mit dem Sodastream Blondie Bier-Konzentrat 3 Liter Pils mit einer Hand ins Haus holen. Oder liefern lassen, um den Faulheitsquotienten noch zu erhöhen.

Sodastream Blondie Flasche

Erstmal pur etwas vom Konzentrat ins Glas. Beim Öffnen der Plastikflasche zischt es, denn die sirupartige Flüssigkeit hat etwas Kohlensäure. Die Farbe ist dunkler als das Standardpils, muss ja aber schließlich verdünnt gut aussehen. Im Geruch ist es säuerlich, erinnert etwas an Sekt, leicht bitterhopfig, sehr malzig. Ein Anklang von Rauch, Speck und Muffigkeit sorgt für ein erstes Stirnrunzeln. Eine durchaus schon erriechbare Alkoholnote wischt Zweifel darüber hinweg, ob das Blondie nicht am Ende alkoholfrei sein könnte. Pur genippt schmeckt es wie – Überraschung! – abgestandenes Starkbier. Leicht bitter, sehr süß und mit einem nur extrem kurzen, trockenen, etwas adstringierendem Abgang.

Sodastream Blondie Bier-Konzentrat pur

Doch das ist natürlich nur das Vorgeplänkel eines interessierten Bierfreunds; pur trinkt das niemand, wäre auch nicht dafür geeignet, obwohl ich mir das für Cocktails als Zutat für später im Hinterkopf behalte.

Nun also eines der beigepackten Gläser herangenommen, bis zum unteren Eichstrich mit gut gekühltem Blondie Bier-Konzentrat gefüllt, und dann mit sehr kaltem Gerolsteiner Sprudel aufgefüllt, also gemäß der auf Karton und Flasche aufgedruckten, bebilderten Anleitung. Doch vorsicht dabei! Schnell sprudelt das Bier über. Denkt man erstmal, dass soviel Schaum schon ein gutes Zeichen ist, ist man kurz darauf ernüchtert – der Schaum hält sich vielleicht eine Minute.

Sodastream Blondie Bier-Konzentrat gemischt

Auf dem Foto erkennt man ein Problem – eigentlich müsste man das Gemisch umrühren, da sich die Vermischung ungleich verteilt, oben fast nur Wasser, unten das sirupartige Konzentrat. Doch dabei geht natürlich etwas Blubber verloren.

Sollen wir mal am Ergebnis riechen? Malzig, Karamell, dieser abgestandene, muffige Ton. Ich ahne nun schon, wohin mich dieses Mischexperiment führen wird. Doch es kommt schlimmer – das schmeckt nach überhaupt nichts. Ein stark sprudellastiges saures Radler, wenns hoch kommt. Seltsam süß and der Oberfläche, eine minimale, sehr eckige Bittere, etwas metallisch und heuig im Nachklang, praktisch kein Körper; liegt es am Mischverhältnis? Ein zweiter Versuch mit etwas mehr Konzentrat bringt keine wirkliche Verbesserung. Man blickt sehnsüchtig auf das auf der Flasche abgedruckte Bild eines Biers im Glas, das leider so gar nichts mit der Sodastream-Realität zu tun hat. Definitiv hat das Blondie, wenn man überhaupt von Biercharakter sprechen kann, mehr von einem sehr dünnen Lager als von einem Pils (das Etikett preist das Blondie als Pils an), Export oder Märzen – von Ale brauchen wir gar nicht erst anzufangen.

Zutaten sind Brauwasser, Gerstenmalz, Glukosesirup und Hopfenextrakt – durch den Zuckeranteil entspricht das Instantbier natürlich nicht mehr dem Reinheitsgebot. 5,1g Zucker pro 100ml im Konzentrat sorgen dafür, dass fast 3½ Gramm Zucker in der vorgeschlagenen Verzehrgröße von (aufgegossen) 0,2l enthalten sind; das ist in etwa 1 Stück Würfelzucker.

Sodastream Blondie Geschenkpackung

Zu erwerben gibt es das Konzentrat in einem Geschenkkarton mit 1 Literflasche und zwei durchaus dekorativen Gläsern mit Markenaufdruck für 10€ plus Versand; der Liter Konzentrat allein ist auch erhältlich und kommt dann auf 3€ – damit kann man dann nach Adam Riese 3 Liter Bier herstellen.

Doch trotz dieser Ergiebigkeit ist das entstandene Bier ja nicht wirklich genießbar, daher Versuch Nummer 3 – taugt das Blondie Bier-Konzentrat vielleicht als Cocktailzutat? Ich mische mir geschwind einen Hops & Dreams an. Normalerweise müsste man sich den dafür benötigten Biersirup selbst einkochen, aus Bier und Zucker; das Blondie bietet sich nun dafür natürlich direkt an und nimmt einem die Arbeit ab. Ja, so könnte das funktionieren; dennoch glaube ich, dass die Eindimensionalität und Einfachheit des Bier-Konzentrats von Sodastream nicht der Weisheit letzter Schluss für Biersirups ist.

Hops & Dreams


Hops & Dreams
2 oz Rye Whiskey (z.B. Bulleit 95 Rye Frontier Whiskey)
½ oz Zitronensaft
1 oz Biersirup (z.B. Blondie Bier-Konzentrat)
¼ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¼ oz Amaro (z.B. Fernet Branca)
Alle Zutaten auf Eis shaken, und mit…
2 Spritzer Angostura
…dekorieren.
[Rezept leicht angepasst nach Brian Means]


Ist das Bierkonzentrat nun eine echte Alternative für Bierfreunde? Nein. Schon allein der Zuckerzusatz macht es für mich zu einem No-Go, aber auch sensorisch ist das Blondie kein Konkurrent für selbst das billigste Discounterbier. Gewiss könnte man noch mit unterschiedlichen Mischverhältnissen und Sprudelsorten experimentieren, um zu schauen, ob sich dadurch der Geschmack verbessert – allein, mir fehlt die Lust dazu. Und grundsätzlich, von allen geschmacklichen und transportlogistischen Aspekten unabhängig, muss man sich die Frage stellen, ob man wirklich ein dermaßen hochindustrialisiertes Kunstprodukt völlig ohne Seele konsumieren will, wenn gerade auf dem Craftbiermarkt so unglaublich fantastische Biere jeder Couleur zu haben sind, die handwerklich hergestellt werden und Charakter aufweisen. Für mich ist es das Bieräquivalent zu Tütenbolognese – ein künstliches Produkt, das kein Mensch braucht, und das nur verwendet, wer kein Interesse an natürlichen Aromen hat.

Die Lieferzeit wird aktuell auf der Homepage von Sodastream, der gerade einzigen Bezugsquelle, mit 10 Tagen „aufgrund der hohen Nachfrage“ angegeben. Ich gehe sehr stark davon aus, dass diese Nachfrage fast nur aus experimentierfreudigen Bierfreunden besteht, die kein zweites Mal bestellen werden. Für mich war es ein spannender Versuch – aber nicht alles, was man probiert, muss man auch ein zweites Mal versuchen. Das Blondie ist ein Gag für eine Party prokrastinierender Pilsfreunde, mehr nicht.