Archiv für den Monat Januar 2016

Grappa Sibona Tennessee Whiskey Wood Finish Titel

Wohnraumbeschaffung für Grappa – Sibona Grappa Riserva affinata in Botti da Tennessee Whiskey

Der Philosoph Diogenes ist heute noch hauptsächlich dafür bekannt, dass er in einem Fass wohnte. Wir können ausschließen, dass es ein ausgebranntes Fass aus amerikanischer Weißeiche war, und auch leicht getoastete französische Limousineiche würde ich anzweifeln. Statt diesen beiden beliebtesten modernen Arten von Spirituosenholzfässern war es wohl eher eine Art Tongefäß, also nichts, in dem wir heutzutage unsere Spirituosen lagern würden, zumindest nicht, wenn wir uns eine Reifung und Aromatisierung davon versprechen.

Jean-Léon Gérôme: Diogenes
Jean-Léon Gérôme: Diogenes

Ab und an, in den letzten Jahrzehnten immer häufiger, passiert es dennoch auch heute noch, dass so ein Fass, das bereits ein Destillat enthalten hatte, einen neuen Bewohner bekommt – nicht einen griechischen Philosophen, sondern eine andere Spirituose. Gern nutzen schottische Whiskyhersteller inzwischen abgelegte Madeira-, Port- oder Sherryfässer, um dem Whisky ein oder zwei Jährchen zusätzlich zur normalen Fassreifung darin zu gönnen und ihm dadurch einen besonderen „finish“ zu verpassen; auf italienisch sagt man dann zu diesem Vorgehen „affinata“, und auch Grappa darf sich auf eine Verfeinerung in einem vorbewohnten Fass freuen, im Falle des Sibona Grappa Riserva affinata in Botti da Tennessee Whiskey, alternativ anglisiert Tennessee Whiskey Wood Finish, natürlich, wie der Name schon ankündigt, einem Ex-Whiskeybehältnis.

Welcher Tennessee Whiskey könnte das sein, der für den Grappa Sibona die Fässer liefert? Soviele Hersteller dieses Produkts gibt es nicht, und sie müssen genug Fässer befüllt haben, damit es sich lohnt, diese zu exportieren. Wahrscheinlich sind es entweder Jack Daniel’s– oder George-Dickel-Fässer; da erstere einst auch schon kubanischem Rum eine neue Heimat boten, würde ich darauf tippen.

grappasibonatennessee-flascheWie lange dauerte dieser Finish? Die Bezeichnung Riserva, die dieser Grappa trägt, sagt aus, dass der Grappa mindestens 18 Monate in Holz gereift ist, über die Zusatzbezeichnung affinata ist in der italienischen Wiki zu lesen: „Termini come ‚affinata‘ o ‚barricata‘ non danno nessuna indicazione del tempo di giacenza nei legni (…)“ – es würde also wohl schon reichen, den Grappa einige Minuten im Tennessee-Whiskey-Fass zwischenzulagern. Die Herstellerseite spricht aber von „weiteren Monaten“ in den Whiskeyfässern; manche Verkäufer in ihrem verkaufsorientierten Optimismus sogar von 2 Jahren. Nichts genaues weiß man nicht, wie so oft.

Ich trinke gern chinesischen Oolong-Tee, und ganz besonders die edle Sorte Da Hong Pao. Wer schonmal diesen Tee gerochen hat, weiß, wovon ich nun rede: Bei diesem Grappa meint man, einen guten Schuss des Da Hong Pao mit im Glas zu haben. Eine sehr starke Malzigkeit, sehr an halboxidierten Grüntee erinnernd, eine grasige Komponente.

Das setzt sich auch am Gaumen fort: Stark holzig, sehr entfernt etwas fruchtig und schokoladig, auf jeden Fall süß ist der Sibona Grappa Riserva „Tennessee Whiskey Wood Finish“, ein Eindruck vom Whiskey (mehr aber auch nicht) ist auch tatsächlich vorhanden. Leicht scharf brennt der Grappa auf der Zunge, und bleibt auch warm im Abgang, nach dem er Trockenheit im Mund zurücklässt.

Manchmal liegt eine Spirituose zu lang im Fass und wird dadurch bitter, holzig, tanninig. Dieser Grappa ist für meinen persönlichen Geschmack kurz davor, zu dieser Gruppe zu gehören. Arg viel mehr Holz will ich in einem Grappa nicht mehr schmecken müssen; hier ist es aber noch gut gegangen und macht die Spirituose sehr spannend für mich.

Ein anderes Thema – Cocktails. Schwieriges Thema bei Grappa. Warum? Auch wenn es Hersteller und Grappafreunde nicht gern hören, für die Bar ist Grappa ein „low-profile spirit“, der erst noch in der Barwelt ankommen muss. Whiskey wird seit es Cocktails gibt darin verwendet, Brandy und Rum ebenso, doch Grappa ist der Neuling, der zwar schon genausolang gern pur als Digestif getrunken wird, aber als Cocktailzutat sich seine Sporen erst noch verdienen muss. Ich wünsche ihm, dass er seinen italienischen Vorbildern Wermut, Maraschino und Campari nachfolgen kann. Bis dahin greife ich auf Empfehlungen der Grappahersteller zurück, auf einer deren Seiten ich das Rezept für den Moscato finden konnte.Moscato Cocktail


Moscato
4 Weinbeeren und 4 Limettenscheiben in einem Glas muddeln
1½ oz Sibona Grappa Riserva „Tennessee Whiskey Wood Finish“
½ oz Zuckersirup
mit Eis auffüllen


Die Präsentation punktet mit einem durchdachten, durchgängigen Design; die Flasche mit Skala auf der Seite und kleiner Ausgusslippe erinnert an ein ausrangiertes Labor- oder Apothekerfläschchen. Ein Plastikkorken verschließt dieses; zu kaufen erhält man es in einer schönen Kartondose in ähnlicher Farbe des Grappas. Ideal als Geschenk für Spirituosenfreunde geeignet.

Vom selben Hersteller gibt es auch gereifte Grappas mit Sherry-, Porto- und Madeirafinish. Ich werde mich nur mit Mühe davon abhalten können, mir diese auch noch zuzulegen, wenn das Fläschchen mit Whiskeyfinish aufgebraucht ist; bei zirka 23€ pro halbem Liter wäre der finanzielle Ruin gerade noch aufgeschoben, insbesondere, da man ja auch wirklich eine qualitativ und geschmacklich hochwertige Gegenleistung bekommt.

Viva la revolución! 1921 Tequila Añejo

Manchmal tut sich was in Sachen Imagepflege bei Tequila. Neulich hatte der mexikanische Agavenschnaps einen Gastauftritt in der VOX-Fernsehdoku „Das perfekte Dinner“, der durchaus dazu angetan war, zumindest ein paar der Vorurteile abzubauen. Ein Paar, sie Mexikanerin, servierten den Gästen mexikanische Hausmannskost, und erläuterten dabei die Wichtigkeit der Nationalspirituose Mexikos, und dessen soziale Komponente bei Feiern. Passend dazu hatten die beiden auch wirklich tolle Tequilas auf dem Regal für die Gäste bereit: Don Julio Reposado und Gran Centenario Reposado, wenn ich richtig gesehen habe.

Natürlich hadere ich mit der Präsentation dieser Genießertequilas in Shotgläsern, mit Salz und Limette. Ein Cognacschwenker hätte dem gut getan; auch waren die Kommentare der Gäste, allesamt in Richtung von „ich habe mir damals mit Tequila einen Ekel gesoffen“ und „mir schmeckt so scharfes Zeug nicht“, nicht wirklich dazu angetan, diesen Versuch der Imagepolitur wirklich effektiv zu machen. Schade um die verpasste Chance.

Wenn schon Mexikaner, wenn sie einen Fernsehauftritt haben, diese Gelegenheit für Werbung nicht wirklich nutzen, muss ich für sie in die Bresche springen. Der Tequila ist für mich die großartigste Spirituose überhaupt, und gleichzeitig die meistverkannte, weil in Deutschland lange Zeit nur unterdurchschnittliche Mixtos erhältlich waren. Inzwischen hat sich das geändert, und man bekommt relativ leicht auch so brillante Edeltequilas wie den hier vorgestellten 1921 Tequila Añejo.

tequila1921anejo-flasche

Im Glas ist dieser 12 Monate gereifte Single-Barrel-Tequila zunächst unscheinbar – ein blasses Goldgelb, doch wenn man an diesem Glas riecht, bekommt man eine hochattraktive Geruchsmelange, die alles zeigt, was gereifter Tequila hervorbringen kann: süßer Honig, würzig-pflanzliche Agave, kräftiger Karamell aus dem Fassholz und bunte Zuckerwatte. Lieber blass und diese Nase, als dunkel wegen Zuckerkulör.

Der erste Geschmackseindruck hört sich vielleicht etwas negativ an: Plastik. Das ist aber keineswegs so furchtbar, nur ein Eindruck, etwas ähnlich wie der Lackgeruch beim Bourbon. Am Anfang bleibt der 1921 Tequila Añejo sehr süß, voller Aromen von Honig, Ananas, Milchschokolade und Pralinen. Mit fortdauernder Verbleibdauer im Mund kommt dann aber ein mildes Brennen und eine gewisse Bittere im Hintergrund dazu. Das ist gut, denn reinsüßer Schnaps erkauft sich dies oft mit einem Mangel an Komplexität.

Im Abgang die Kehrtwende: eine überraschende pfeffrige Schärfe, die an der Zungenspitze kitzelt, gleicht die vorherige Süße aus. Im Rachen und Magen verbleibt der 1921 dann sehr warm und wohlig, aber ohne sich anzubiedern – wie ein echter Revolutionär gibt er seine Agavenwurzeln zu keinem Zeitpunkt zugunsten einer bequemen Geschmacklichkeit auf.

1921 Tequila Añejo Seitenansicht

Ein kleiner Tip für geduldige Genießer: Lassen Sie das Glas, aus dem Sie den 1921 Tequila Añejo getrunken haben, bis zum nächsten Tag ungespült stehen, und schnuppern Sie dann an den getrockneten Resten. Herrlich! Die ganze Süße, der Karamell und die Schokolade sind dann konzentriert im Glas vorhanden, mit einer feinen Blumennote. Ein Traum für alle Olfaktoriker!

Selbstverständlich ist dieser Tequila auch für Cocktails hervorragend einsetzbar. Im The Eclipse verbindet sich die süße Charakteristik des 1921 Tequila Añejo mit der Bittere des Aperols und der Rauchigkeit des aufgeschichteten Mezcals. Zwei mexikanische Spirituosen in einem Glas, ein wahrhaftiger Repräsentant des mittelamerikanischen Landes.

The Eclipse


The Eclipse
1 oz 1921 Tequila Añejo
¾ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¾ oz Aperol
¾ oz Zitronensaft
…und am Ende ¼ oz Mezcal (z.B. Mezcal Amores Joven) obenauf schichten


Die Flasche ist recht eigen designt und gefällt mir in ihrer verrückten Art und Weise, sie ist auch sehr griffig durch den langen Hals auf dem kastenförmigen Körper. Der Ausguss ist überraschend groß, wie man schon an dem riesigen Plastikstöpsel, der durch Siegelwachs überdeckt ist, erahnen kann. Das aufgesetzte Plastikschild mit Agavensymbol und der namensgebenden Jahreszahl (laut Hersteller erinnert der Name 1921 an das Ende der mexikanischen Revolution, passend dazu ist der grimmig vom Flaschenhals stierende Emiliano Zapata) wertet auf; im passenden Geschenkkarton geliefert ist dieser Tequila ein wirklich auch optisch was hermachender Zusatz für jede Hausbar mit Stil.

Es gibt ihn selbstverständlich auch in den kürzeren Reifegraden Blanco und Reposado; ein  besonderes Schmankerl für Tequilafreunde ist dann noch die sahnig-cremige 1921 Crema de México. Es lebe die 100%-Agave-Tequila-Revolution!

Boxing Hares Spirit Drink Titel

Yo Adrian, they did it! Boxing Hares Spirit Drink

In der Tier- und Pflanzenwelt herrscht beständiger Dauerkrieg. Spinnen fressen ihre Partner nach der Paarung, einzelgängerische Säugetiere wie Eisbären bekämpfen sich aufs Blut, wenn ein anderes Exemplar ihrer Gattung ihr Territorium betritt, und die Hierarchiekämpfe in Paviankolonien können übel ausarten.

Besonders sehenswert sind die den menschlichen Boxkämpfen so frappierend ähnlichen Auseinandersetzungen zwischen wilden Hasen. Sie stellen sich auf die Hinterbeine und schlagen sich gegenseitig mit den Vorderpfoten ins Gesicht, bis einer aufgibt. Da sie Tiere sind, und nicht Menschen, sind sie aber so klug, nicht so weit zu gehen, bis einer der beiden Kontrahenten kein Gesicht mehr hat – das ist etwas, was uns zivilisierten Primaten vorbehalten bleibt.

Diesen edlen Faustkämpfern zu Ehren wurde die neue Spirituose der extra für solche Experimente gegründeten Firma Whisky Union dann eben Boxing Hares Spirit Drink getauft. Eine Basis aus schottischem Grain Whisky, aromatisiert mit Hopfen und Malz – das beste aus Bier und Scotch vereint?

Wie bei so vielen Spirituosen, ist auch der Boxing Hares mit Zuckerkulör gefärbt, darum darf man die schöne Kupferfarbe, die schon fast ins Terracotta geht, nicht überbewerten. Der Geruch ist ansprechend: etwas rauchig, ein Weizenkorngeruch ist dominant, ein schwacher Lackgeruch, feuchtes Papier. Ich erinnere mich an den Lagerkorn, den ich vor einiger Zeit verkostet hatte – das ist schon verdammt ähnlich. Zu diesem Zeitpunkt ist von der Aromatisierung noch praktisch nichts erkennbar.

Boxing Hares Spirit Drink Flasche

Im Mund schlägt einem erstmal eine heftige Süße entgegen, die alles übertüncht. Von der Whiskybasis ist nichts mehr erkennbar, auch nichts vom errochenen Lagerkorn. Woher kommt diese extreme Süße? Das Malzaroma könnte dazu beitragen, aber ich bezweifle, dass Malz oder Grain Whisky allein für diese dickflüssige Klebrigkeit verantwortlich sein können. Ich vermute Zuckerzusatz, und sobald meine Meßinstrumente, die ich bestellt habe, angekommen sind, werde ich das vermessen.

[Nachtrag 28.01.2016: Tatsächlich weist das Aräometer statt den gelabelten 35% einen temperaturkorrigierten Alkoholgehalt von deutlich unter der unteren Skala meines Aräometers von 30% aus. Ich musste ein anderes Aräometer benutzen, das mir dann einen Wert von 9,2% (temperaturkorrigiert) anzeigte, was auf rund 75g/L Zusätze hinweist; der Löwenanteil davon wird Zucker sein. Ich finde es spannend und sehr aussagekräftig, dass der Hersteller bereit ist, Aromen und Stabilisatoren zu deklarieren, den riesigen Haufen an Zucker aber nicht.]

Nach ein paar Schlucken, in denen ich versuche, die Süße geistig auszublenden, schmecke ich den Grain Whisky dann doch heraus, und im Abgang, der schärfer ist, als es das weiche Mundgefühl andeutet, auch eine gewisse Hopfigkeit. Bei weitem nicht so, wie ich es nach der Beschreibung erwartet hätte; wer schonmal ein IPA getrunken hat, weiß, wonach ich suchte. Dies ist beim Boxing Hares nicht vorhanden, nur Anklänge an die typischen, zitrusfruchtigen Hopfenaromen. Eine leichte, nur angedeutete Rauchigkeit und ein Hauch von Kaffee und Tabak bringen diese Spirituose zu einem durchaus spannenden Gesamtbild.

Persönlich ordne ich dieses Produkt unter den Likören ein, denn mit 75g/L Zuckergehalt ist das schon hart an den 100g/L, die für die Definition von Likör angesetzt sind, und auch geschmacklich ist es klar ein Likör. Freunde rauchiger, trockener, schottischer Single Malts wird es den Magen umdrehen, da bin ich mir sicher; wer aber Drambuie oder Irish Mist mag, wird auch die Boxing Hares mögen.

Ich werde diesen Whiskylikör entsprechend seiner Charakteristika dann eben auch als Ersatz für Drambuie einsetzen, zum Beispiel in dem Whiskylikör-Cocktail schlechthin: einem Rusty Nail. Um den Unterschied zum Original-Rezept deutlich zu machen, nenne ich ihn, den sich prügelnden Hasen auf dem Etikett zu Ehren, Lusty Cottontail.

Lusty Cottontail (Variation auf Rusty Nail)


Lusty Cottontail
1 oz Boxing Hares Spirit Drink
1 oz Blended Scotch (z.B. Monkey Shoulder Blended Malt Scotch)
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Flasche ist eine recht typische Scotchflasche mit dem bauchigen Hals; das Etikett ist wirklich witzig und sehenswert gestaltet, mit den sich mit glitzernden Augen anstarrenden titelgebenden Rammlern. Ich liebe diese Art von selbstironischen, modernen, humorvollen Etiketten. Das Boxing Hares-Etikett wird eigentlich nur noch vom Sparkle Donkey-Etikett übertroffen.

Die pugilistischen Hasen dürfen sich aus zwei Gründen nicht „Whisky“ nennen, obwohl ein Großteil des Inhalts schottischer Grain Whisky ist – einerseits muss ein Whisky 40% Alkoholgehalt aufweisen, die Hasen haben nur 35%; und andererseits darf einem Whisky kein Aromastoff zugefügt werden, wie dies hier geschieht.

Boxing Hares Spirit Drink Zutatenliste

Boxing Hares und Captain Morgan Spiced Gold werden wohl hauptsächlich wegen ihres niedrigen Alkoholgehalts als „spirit drinks“ deklariert, denn sonst hat der Konzern Diageo keine Probleme, seine Marken trotz eigentlich unerlaubter Zusatzstoffe nicht so zu benennen: Pampero und Zacapa, zwei bekannte Rummarken unter dem Dach des Diageo-Konzerns, süßen ihren Rum nachträglich und schreiben nichts davon aufs Label. Dies ist also wahrscheinlich kein Kriterium, solange es nicht offensichtlich ist – der Alkoholgehalt ist nun aber vor allem steuerrelevant, daher wird das sicherlich stärker kontrolliert als unerlaubte oder versteckte Zusatzstoffe; der EU sind gepanschte Nahrungsmittel relativ egal, solange die entsprechende Steuer korrekt entrichtet wird. Es wird Zeit, dass der EU-Behörde mal ein Hase auf die Nase haut!

Das Handwerk des Genießers – Der Trend zum Verkannten

Ich glaube, dass viele das dem Bier nicht zugetraut hätten. Die kleine Craftbeer-Szene hat den deutschen Biermarkt zum wackeln gebracht. Internationale Bierstile und nichtindustriell hergestellte Biersorten kratzen an den deutschen Pils- und Exportsockeln. Das deutsche Standardindustriepils ist zwar immer noch der unangefochtene Platzhirsch, doch die Genießer wenden sich Stück für Stück davon ab, hin zu Ale, Pale Ale, India Pale Ale, Stout, Porter und Imperial Stout. So weit ins Ausland muss man aber gar nicht gehen: Die Randerscheinungen Zwickel/Kellerbier, Eisbock, Weizenbock oder Rauchbier, zwar Bierfreunden immer schon ein Begriff und auch im Nischenhandel erhältlich, finden sich plötzlich auch in Getränke- und Supermärkten.

BraufactuM Kühlschrank

Auch im BBQ-Bereich ist seit wenigen Jahren ein Trend zum verkannten Produkt erkennbar, getrieben von jungen, modernen Grillern, die erkennen, dass das Rind eben nicht nur aus Filet und Hüfte besteht. Hanging Tender, auch Onglet oder Nierenzapfen genannt, landet bis heute in Deutschland oft im Hackfleisch. Dass man daraus ein herrliches, aromatisches, saftiges Steak zaubern kann, wird erst seit einigen Jahren wieder entdeckt. Ähnlich geht es anderen Teilen des Rinds, die im fleischkonservativen deutschen Bratenland zum genießerischen #Neuland gehören: Das Flank Steak erlebt eine Renaissance auf dem Grill, Tri Tip (Bürgermeisterstück) ebenso und sogar der langgeschmähte Ochsenschwanz ist wieder auf Restaurantkarten zu finden.

Aber nicht nur Carnivoren, auch Vegetarier (oder Fleischsättigungsbeilagensucher) orientieren sich neu im Gemüse- und Obstfach: Alte, nicht auf Ertrag getrimmte Kartoffelsorten bekommt man inzwischen auch im Supermarkt um die Ecke, ebenso Mangold, der als TK-Spinatersatz wiederbelebt wurde – oder Quitten, die bis vor kurzem höchstens in einer Marmelade punkten konnten, und inzwischen im deutschen Winter als Obst aus Spanien importiert werden, wie ich beim Obst- und Gemüsehändler meiner Wahl gestern sehen konnte. Pastinaken, deren Konsum für Carl-Barks-Übersetzerin Erika Fuchs noch eine herkulische Aufgabe für Onkel Dagobert darstellte, sind heute wieder in aller Munde.

Alle hassen Pastinaken
Carl Barks Onkel Dagobert, Band 3 © Disney

Wieder weg von den festen Nahrungsbestandteilen, zurück zur flüssigen Variante. Prohibition-Era- oder sogar Pre-Prohibition-Era-Cocktailrezepte sind wieder en vogue, die teilweise fast völlig vergessen waren oder als altmodisch abgelehnt wurden. In einer Folge der Fernsehserie Suits lässt die Yuppie-Anwaltssekretärin Donna einen Kerl in einer Bar abblitzen, weil er einen Manhattan trinkt, was sie für keinen Männercocktail hält. Flairbartending-Bombastbomben, die mehr dem optischen Effekt als dem Geschmack huldigten, hatten diese Perlen an vielen Orten verdrängt.

Die Rückbesinnung macht aber nicht bei Rezepten halt: feine, ausgewählte Zutaten, oft sogar hausgemacht, sind auch bei Cocktails im Trend. Man schaue sich die Gewinnercocktails diverser Mixologie-Wettbewerbe an; da ist keiner dabei, der nicht mindestens einen selbstgemachten Sirup oder selbstaromatisierte Spirituosenvariante verlangen würde – etwas, was vor 10 Jahren als unnötig gesehen wurde, schließlich gab es Industriesirups in allen Geschmacksrichtungen. Moderne Bars mit Anspruch infundieren oder mazerieren selbst, sie reifen Cocktails in Fässern nach oder benutzen Konzepte aus der Molekularküche für Mixgetränke. Wer etwas auf sich gibt, lässt die in den 80ern so beliebten Massenrums und -bourbons weg, nimmt statt dessen hochwertigere Small-Batch-Produktionen auf, verwendet frischgepresste Säfte statt dem Sweet-and-Sour-Mix und arbeitet ehrlich und unprätenziös, eben genau nicht wie Tom Cruise in jenem schrecklichen Bar-Horrorfilm.

Die Konsumenten wurden durch die aufkommende Lebensmittelindustrie bereits in den 1950ern auf Fleischsorten, Gemüse und Getränke, die leicht industrialisiert herstell- und vertreibbar sind, getrimmt – es galt lange Zeit ja als modern, Tiefkühlkost und Fertiggerichte Frischkost vorzuziehen. Gleichzeitig wurde uns in den 80ern und 90ern vermittelt, dass „das Auge mitisst und -trinkt“, mit dem Effekt, dass nur noch das Auge zählte. Sobald eine Zutat einen kleinen, scheinbaren optischen Mangel aufwies (Fettadern in Fleisch, Trübung in Bier, nicht perfekte Obstform, kleine Cocktails statt im Halbliterglas) wurde sie als minderwertig wahrgenommen, und die tatsächlich minderwertigen Zutaten stattdessen bevorzugt, weil sie hübscher anzusehen waren. Dekoration über Funktion war das Motto – heutzutage sind die einst so beliebten mit Balsamicoessig vollgespritzten Teller in der Gourmetküche tabu.

Das ganze ist, so vermute ich, einfach eine zyklische Angelegenheit: Das Pendel hat in den späten 1990ern und frühen 2000ern seine maximale Auslenkung hin zum Industrielebensmittel hin erreicht, und beginnt nun, langsam aber stetig, seinen Rückschwung. Die Wiederermächtigung des Konsumenten und der verkannten Zutaten ist ein Trend, der nicht mehr aufzuhalten ist, wir als bewusste Alltagsgourmets wollen uns nicht mehr von sterilen Laboren und genussfernen Lebensmitteldesignern unser täglich Brot, fest oder flüssig, vorschreiben lassen.

So mancher Industrieriese hat das erkannt, und will mit auf den Zug aufspringen, und druckt nun einfach auf seine immer noch genauso wie vorher hergestellten Produkte die Buzzwords dieser Rückbesinnungsbewegung auf. Wir als Konsumenten müssen inzwischen doppelt vorsichtig sein, denn gelogen wird in der Lebensmittelindustrie was das Zeug hält. Die Industrie verlässt sich immer noch auf den großen Anteil von desinteressierten oder uninformierten Käufern, und basisinteressierte Käufer werden durch Werbungslügen, in denen als Reaktion auf das plötzliche Hinterfragen der Zutatenliste die Namen chemischer Zusätze in natürlich klingende Wörter gewandelt wurden, geködert – es wird noch lange dauern, bis ein echtes Verständnis seitens der Hersteller einsetzt. Wahrscheinlicher als Einsicht ist aber, dass die Lebensmittelindustrie denselben Weg wie aktuell die großen Energieerzeuger, die man auch für unverzichtbar hielt, gehen wird: Sehenden Auges, in der Vergangenheit lebend, in den Untergang.

Das heutige Interesse an Methoden (und deren Ablehnung), die die Spirituosenindustrie jahrelang ungescholten durchführen konnte, wie die heimliche Nachzuckerung, die undeklarierte Verwendung von künstlichen Aromastoffen und Zusätzen zur Geschmacks- und Qualitätsverschleierung, das Färben von Spirituosen mit Zuckerkulör sowie das Filtrieren von Bier und Spirituosen, das dem Aussehen eines Getränks einen höheren Stellenwert einräumt als dem Geschmack (hübsch verkauft sich besser), ist ein gutes Zeichen. Dennoch ist da im Spirituosenbereich noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten; bei einem großen Rumversandhändler waren unter den 10 meistverkauften Rums des Jahres 2015 (was der Verkäufer spannenderweise mit „besten Rums 2015“ synonym sieht) laut ihrem Januar-Newsletter 9 manipulierte Rums, und einer, von dem ich keine Daten habe – kein einziger nachgewiesenermaßen reiner Rum also. Ich würde mir für 2016 andere Zahlen wünschen.

Wir Genießer haben die Pflicht, diese Einstellung weiterzutragen, wie es auch die kleinen Craftbrauer und -destillierer, viele Sterne-Fernsehköche, moderne Barchefs und andere, an Qualität interessierte Gourmets tun. Wir dürfen uns nicht in unser feines, edles, elitäres Wolkenkuckucksheim zurückziehen und herablassend auf die uninformierten Massen herabblicken, sondern müssen vermitteln, dass es beispielsweise sinn- und genussvoller ist, eine gut ausgewählte Flasche für 40€ zu kaufen, als 4 im Vorbeigehen eingepackte für je 10€ – lieber gutes und dafür weniger, als viel und dafür schlechtes. Und wir dürfen uns von den Pseudogenießern, die sich lustig über die Aufklärungsversuche machen (was habe ich mir schon anhören müssen!), nicht abschrecken lassen, denn: Nichts ist weiter vom wahren Genuss entfernt als der Satz „hauptsache, es schmeckt, egal was drin ist“. Wer nicht zumindest im Ansatz weiß, wie das, was er isst, trinkt und sonst genießt, hergestellt wird, genießt nicht wahrhaftig, sondern konsumiert.

Olando Pfefferminz Likör Titel

Selbst mit Pfefferminz ist er kein Prinz – Olando Pfefferminz Likör

Minze gehört zum Cocktail seit es ihn gibt. In einem der allerersten Cocktailrezepte, dem Mint Julep, ist Minze ein grundlegender Bestandteil; im Whiskey Smash definiert Minze den Geschmack klar mit; in vielen anderen Cocktails wird ein Minzblatt als essbare Dekoration eingesetzt. In Deutschland sind wir bis vor wenigen Jahren kaum aktiv mit verschiedenen Minzvarietäten in Kontakt gekommen. Der Hobbykoch und -bartender hatte einen Topf einer meist nur undifferenziert als „Pfefferminze“ bezeichneten Pflanze auf dem Fensterregal – in den USA war die Unterscheidung zwischen beispielsweise Spearmint und Peppermint schon immer ein Thema (und wenn es nur über die entsprechenden Kaugummisorten von Wrigley’s war).

Diese Zeiten sind vorbei – in meinem Gartenmarkt bekomme ich inzwischen, je nach Saison, unterschiedlichste Minzsorten, von der dickblattigen Bernstein-Minze über die marokkanische und japanische Minze bis hin zur klassischen Spearminze, und sogar aromatisierte Sorten, wie Chocolate Mint. Gerade im Sommer ist ein großer Topf selbstgezogener Minze auf dem Balkon für den Freund frischer Zutaten im Cocktail (und das sollten wir alle sein!) unerlässlich, dabei äußerst pflegeleicht und meistens sogar mehrjährig.

Hin und wieder braucht man aber auch den Minzgeschmack in flüssiger Form. Da kommen dann Liköre ins Spiel, wie der Olando Pfefferminz Likör. Olando (nicht Orlando wie der Schauspieler, die Stadt oder der furiose Ritter!) ist eigentlich die Hausmarke des Großmarkts Metro – man bekommt den Likör aber auch in Supermärkten.

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Eine süßliche Kombination aus Minze und zuckrigem Sirup zeigt geruchlich schon, dass wir hier keinen puren Minzextrakt vor uns haben – das wäre aber auch schwer herzustellen und zu konservieren. Ein Hauch dunklerer Töne, wie von Schokoloade, lässt die Mischung an Schokominzplättchen erinnern. Ein Tick Spülmittelgeruch dämpft die Freude wieder.

Im Mund findet man all diese Eindrücke wieder, für mich persönlich aber in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst der Spüli-Geschmack (ja, ich habe schonmal einen Tropfen Geschirrspülmittel im Mund gehabt, wenn auch nicht absichtlich), dann die Schokoladensüße, schließlich der Minzeindruck. Letzterer kommt sehr künstlich daher, er hat nichts von der Frische eines von der Pflanze geernteten Minzblatts, und auch nichts von der Schärfe eines Pfefferminzkaugummis; es ist eine unnatürliche, seltsam charakterlose Minzigkeit. Wenigstens der mentholige Hauch ist vorhanden.

Die Farbe selbst ebenso: natürlich künstlich. Also künstlich, natürlich. Selbst wenn man Minze auspresst, ist das ätherische Öl nicht so giftgrün. Mit dieser Färbung kommt man genau uns, den Cocktailmixern, entgegen – für den einen oder anderen Minzcocktail benötigt man halt so eine Farbe. Wem es im Gegensatz dazu darauf ankommt, zwar eine starke Minznote, aber nicht diese grelle Farbe im Glas zu haben, kann auf die ebenso erhältlichen weißen Minzliköre zurückgreifen: Das Stichwort ist statt dem deutschen Begriff Minzlikör oft, beachtenswerterweise besonders auch im englischen Bar-Sprachgebrauch, Crème de Menthe.

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Für den Miami Cocktail, den ich hier präsentiere, brauche ich aber tatsächlich beides: Geschmack und Farbe. In belanglos-weiß wäre er nur halb so schrill. Doch es ist nicht nur ein Effektcocktail, wie man deswegen meinen könnte, nein, er schmeckt auch wunderbar erfrischend und minzigsüß. Ein Dessertcocktail, den man statt (oder zusammen mit?) kleinen After-Eight-Minztäfelchen servieren kann.

Miami Cocktail


Miami Cocktail
1½ oz Weißer Rum (z.B. Brugal Titanium)
½ oz Olando Pfefferminz
1 Spritzer Zitronensaft


Der Olando-Likör schlägt mit 20% Alkohol zu Buche, die natürlich völlig im Zucker geschmacklich untergehen, und bewegt sich damit am mittleren bis unteren Ende des Alkoholgehalts dieser Likörgattung. Die Inhaltsstoffe weisen darauf hin, dass dieser Likör kein einziges Minzblatt zu Gesicht bekommen hat.

Ich gebe ja gern zu, dass man diese Art Likör selbst bei ausgiebiger Mixertätigkeit eher seltener braucht, doch die lange Haltbarkeit in Verbindung mit dem sehr niedrigen Preis von rund 4€ macht so ein Kunstprodukt dann zu einem einmaligen Einkauf, der nicht sonderlich weh tut. Ich werde mir, wenn (oder eigentlich eher falls) die Flasche des Olando Pfefferminz leer ist, dennoch lieber mal ein weniger künstliches Produkt aussuchen – was ich auch jedem empfehle, der sich nach Pfefferminzlikören umschaut. Ich selbst wäre für Tips für Pfefferminzliköre, egal ob weiß oder grün, die mehr echten, natürlichen Minzgeschmack aufweisen, sehr dankbar.

Hacienda de Chihuahua Sotol Silver Titel

Von Fischen und Wüstenpflanzen – Hacienda de Chihuahua Sotol Silver

Ich bin ein großer Fan von Aquarien. Ich sehe einem naturnah und klug gestalteten Aquarium mit unterschiedlichen Fisch- und Krustentierarten gern zu. Selbst hatte ich auch mal ein Aquarium, doch gerade bei solchen Installationen sind „gern ansehen“ und „besitzen und pflegen“ zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ein Aquarium ist eine einfache Sache, denken sich viele, das legt man einmal an, Fisch rein und fertig. Doch so leicht ist es keineswegs: Die Wasserqualität ist um so schwerer zu halten, je kleiner das Aquarium ist, Algen machen einem das Leben schwer, die Fische müssen wohlausgewählt sein (wer einmal einen Barsch tagelang kleinere Fische verfolgen und anknabbern sehen hat, weiß, wovon ich rede), und wenn man die Pflege nur wenige Tage schleifen lässt, rächt sich das langfristig, oft ohne eine Chance, den Schaden wiedergutzumachen.

Ich persönlich stelle mir daher kein Aquarium mehr in die Wohnung, sondern schaue sie mir in Zoos an; oder auf Youtube, wo es eine unendliche Menge an Profiaquarien in guter Streamingqualität zu bestaunen gibt, und das ganze ohne die Mühe des Wasserwechsels, Filterreinigens und Urlaubsfütterungsvertretungsuchens.

Wie komme ich zu diesem zugegebenermaßen etwas seltsamen Einstiegs in diesen Artikel über den Hacienda de Chihuahua Sotol Silver?

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Mir sprang beim ersten Verkosten sofort eine Erinnerung in den Kopf, aber ich musste lange in meinem Gedächtnispalast nach dem entsprechenden Wortgegenstück zum Geschmackseindruck suchen, bis ich ihn fand. Das mag jetzt wirklich abstrus klingen – wer aber schonmal ein Aquarium hatte, und das nach einiger Zeit gereinigt hat, kennt diesen seltsamen, fischig-algigen Geruch. Genau so schmeckt dieser Sotol – aquariumig.

Beginnen wir aber am Anfang. Farblich ist er natürlich weit davon entfernt, ein brackiges Süßwasserfischbiotop zu sein, im Gegenteil: Jeder Fisch würde sich in so kristallklarer Umgebung gewiss wohlfühlen. Die Flasche macht sich das zu nutzen und präsentiert den Sotol Silver in seiner ganzen Transparenz. Selbst das aufgeklebte Etikett ist großteils durchsichtig. Eine schöne, konsequente und blickfängerische Präsentation.

Geruchlich tauchen dann erste Assoziationen auf. Sehr pflanzlich, vegetal, aber nicht nach Kräutern. Eher gemüsig, dazu ein Anflug des rauchigen Geruchs, den man von Mezcal kennt, aber sehr zurückgenommen und nicht so aggressiv wie bei diesem Landsmann des Sotol. Eine leichte Alkoholnote ist auch da.

Im Mund passiert dann genau das, was ich oben ansprach: Feuchtes Kies, Algen, Wasserpflanzen. Mineralisch, etwas steinig und Sellerie. Ein außergewöhnliches Geschmacksbild, gewiss in Ansätzen verwandt mit Tequila und Mezcal, aber doch völlig eigenständig. Insgesamt ist der Hacienda de Chihuahua Sotol Silver recht süß, cremig und angenehm zu trinken, mit nur leichtem Alkoholbrand; im Abgang kommt grüner Pfeffer, eine gewisse Schärfe, die sich aber schnell wieder legt, zum Vorschein, und eine stark an Lakritz erinnernde Bitterwürze.

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Nochmal zurück zur Flasche: Ein dekoratives Lederband hält durch eine geschickte Knotenkonstruktion den echten Korken auf der Flasche, man kann es zur Seite schieben um den Korken zu lösen, und danach wieder darauf drücken. Ein Siegel hält das Band an der Seite der Flasche, über den Detailangaben, ebenso auf transparentes Plastik gedruckt: 100% Agavacea del Deserto de Chihuahua, hergestellt in Mexiko. Während für Tequila die blaue Weberagave und für Mezcal die Espadín-Agave benutzt werden, ist es für Sotol also keine Agave, sondern Dasylirion, eine Verwandte des Spargels, einer Wüstenpflanze, die äußerlich aber einer stacheligen Agave ähnelt. Die biologische Klassifikation Agavacea auf dem Etikett ist, wenn ich Wikipedia richtig lese, wohl in den letzten Jahren durch neue Forschung aufgelöst worden.

Ich würde einen Sotol Silver in allen Cocktails nutzen, die nach weißem Tequila verlangen, und könnte mir vorstellen, dass er auch spannend als Gin- oder Vodkaersatz wirkt. Ein sehr aromatisches Beispiel dafür ist der eh schon recht flexible Daisy Cocktail, den man mit allem mixen kann, was die Bar hergibt; und mit Hacienda de Chihuahua Sotol Silver erhält man ein sehr vegetales Wüstengänseblümchen, weswegen ich ihn Desert Daisy getauft habe.

daisy-cocktail


Desert Daisy Cocktail
2 oz Hacienda de Chihuahua Sotol Silver
1 oz Zitronensaft
1 Teelöffel Grenadine
½ Teelöffel Gomme Sirup
Auf Crushed Ice servieren und mit eisgekühltem Sprudel aufgießen


Wer seine Hausbar um einen wirklich sehr besonderen, und zugegebenermaßen etwas seltsamen, auf jeden Fall aber unikalen neuen Hausgeist bereichern will, mit dem man Trinkfreunde und Gäste überraschen kann, sollte einen Sotol in Betracht ziehen, und da es in Europa kaum andere Marken gibt, entsprechend dem Hacienda de Chihuahua Sotol Silver eine Chance geben. Ihn gibt es auch als Reposado (also leicht gereift) und als Añejo (also stärker gereift) – ich werde mir eventuell den älteren Sotol noch holen, denn ich bin sehr interessiert daran, wie Fassreifung sich auf eine derart pflanzliche Spirituose auswirkt. Insbesondere Freunde von Tequila und Mezcal kommen um diese neue Geschmacksvariante der mexikanischen Pflanzendestillation aber eh kaum herum.

Jim Beam Rye Titel

Der Kundenfänger im Roggen – Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey

Beam ist so eine seltsame Firma. Einerseits produzieren sie herausragende Small-Batch-Bourbons, die jedem Test ohne Mühe standhalten; andererseits überschwemmen sie den Markt mit minderwertigem White-Label-Sprit, der nur den Wirkungstrinkern mit viel Cola den Hals runterläuft.

Wozu gibt es diese Billiglinien in einem Produktportfolio? Für uns Genießer stellt sich diese Frage. Doch die Menge an verkauftem Billigsprit gibt Beam recht: Es sind eben nicht alle Whiskeytrinker automatisch auch Genießer. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf den Rausch aus, und gibt herzlich wenig auf Genuß beim Trinken – knallen muss es, nicht schmecken. Und so versorgt Beam eben beide Gruppen von Trinkern mit Stoff. Ich würde mir wünschen, dass die Effekttrinker zahlenmäßig weniger werden und die Genusstrinker dafür mengenmäßig zulegen könnten; das wird aber ein frommer Wunsch bleiben, denn die Welt ist so wie sie ist. Persönlich freue ich mich dennoch über jeden Whiskeytrinker, den ich zur Hellen Seite der Schnapsmacht bekehren kann.

Es wird vielen wie mir gehen, die sich nicht sicher sind, ob sie ein neues Produkt in dieser Billigproduktlinie wirklich testen wollen – der White-Label-Schatten liegt über allem und schreckt zunächst ab, insbesondere, wenn das neue Produkt das Beam-bewährte Flaschen- und Etikettendesign mit billigem Blechschraubverschluss nutzt. Dennoch dürfen wir mit der Bekehrungsmission direkt bei diesem unerwarteten Kandidaten beginnen: beim Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey kann man als Kenner und Einsteiger in den Roggenwhiskey durchaus einen Blick und Schluck riskieren.

jimbeamrye-border

Farblich ist der Jim Beam Rye relativ blass. Im Glas riecht er wie ein Bourbon – vanillig und mild. Der erste Mundgeschmack ist für mich etwas unangenehm, hefig, zu malzig; das wird schnell abgelöst durch eine angenehme Süße, die am Ende in ein leichtes Brennen übergeht. Von der Würze, die ich mir von einem Rye erwarte, ist nur kaum etwas spürbar. Da muss man wohl der Zielgruppe Eingeständnisse machen, und Würzexperimente passen vielleicht wirklich eher in die Small-Batch-Produktionslinien, bei denen man davon ausgehen kann, dass der Käufer nicht nur möglichst gestreamlinete Produkte verkosten möchte. Nur 51% Roggen in der Mashbill, das absolute Minimum dafür, dass sich dieser Whiskey Rye Whiskey nennen darf, spricht auch dafür.

Roggenwhiskey-Cocktails sind gerade en vogue. Besonders die amerikanischen Bars entdecken ihren verlorenen Sohn wieder neu, und Rye knabbert ganz gewaltig an der Dominanz des Bourbon als Whiskeyvariante Nummer 1, wenn es um Cocktails geht. Alte Rezepte aus der Zeit vor der Prohibition werden wieder hervorgeholt; neue Rezepte mit den wie Pilze aus dem Boden sprießenden Ryemarken erschaffen. Eines der alten, klassischen Rezepte mit Rye Whiskey, das nun wieder in die Bars Einzug hält, ist das des Ward Eight.

Ward Eight Cocktail


Ward Eight
2 oz Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey
¾ oz Orangensaft
¾ oz Limettensaft
1 Barlöffel Grenadine


Es ist keine Altersangabe auf dem Label vorhanden. Man kann daraus in Kombination mit dem Wörtchen „straight“ aber ablesen, dass dieser Rye mindestens 4 Jahre reifen konnte. Was Geschmack angeht und die Art, mit der Beam diesen Whiskey präsentiert, gehe ich davon aus, dass es aber auch nicht viel mehr sein wird als diese 4 gesetzlichen vorgeschriebenen Jahre für einen Straight Whiskey ohne Altersangabe.

Wer den White Label nie abkonnte, sollte diesem Yellow Label trotzdem eine Chance geben. Das ist ein passabler, einfacher Einstieg in die Welt der Rye Whiskeys, preislich durchaus interessant und geschmacklich nicht ganz so wild wie manche andere Ryes. Positiv gesehen als Gebrauchsrye in einer Heimbar, negativ gesehen als Ausstellungsstück dafür, wie unroggig ein Roggenwhiskey sein kann.

Wer aber den vollen Roggengeschmack haben will, muss natürlich zu anderen Sorten greifen, die Beam, wie im Vorwort schon angesprochen, auch anbietet: Ich empfehle als totales Kontrastprogramm den Knob Creek Straight Rye Whiskey.

Beertransparency International untersucht – Köstritzer Kellerbier

Die „neuen alten“ Biersorten kommen in die Gänge. Musste man bis vor ein paar Jahren nach Zwickelbier und anderen Spezialitätenbieren eher mühselig suchen, sind sie nun im Supermarkt angekommen. Das ist ein zweischneidiges Schwert – einerseits ist es natürlich zu begrüßen, dass der geneigte Bierkonsument größere Auswahl nicht nur an Marken, sondern auch an Sorten hat; vielleicht wird der eine oder andere Standardpilstrinker dadurch angeregt, auch mal was anderes auszuprobieren.

Andererseits sind es meistens die großen Industriebrauereien, die ihre einem angenommenen Massengeschmack angepassten Biere in die Supermärkte transportieren, nicht die kleinen Brauereien, die statt auf Massengeschäft lieber auf Qualität schauen. So hält dann der angesprochene Standardpilstrinker halt ein  Kellerbier einer Industriebrauerei in der Hand, das vom typischen Zwickelcharakter praktisch nichts mehr aufweist, was ihn nicht dazu ermutigt, weiter auszuprobieren. Ich habe nichts gegen Industriebier per se – als Alltagsbier und anspruchsloser Durststiller tut es seine Aufgabe billig und gut; solange es nicht vorgibt, es sei ein Produkt für Genießer.

Das Köstritzer Kellerbier ist inwischen in fast allen Märkten, in denen ich unterwegs bin, erhältlich – vielleicht sind meine Vorurteile gegen die plötzliche industrielle Liebe zu den rareren Biersorten, die ich auch schon bei Beck’s Gehversuchen in dieser Richtung geäußert hatte, wenigstens beim Multimillionen umsetzenden Köstritzer fehl am Platze?

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Das ganze beginnt schonmal sehr vielversprechend: Ein überaus üppiger Schaum beim Eingießen erfreut den barttragenden Biertrinker. Leider wars das aber auch schon mit der Glorie: Ein nicht ganz so erfreuender metallischer Geruch, den man öfters von Bockbier oder anderen starken Biersorten kennt, übertönt alles, was an Aromen sonst vorhanden sein könnte.

Passend dazu ist der stark zurückgenommene Geschmack, leicht bitter, leicht malzig, nix ganzes und nix halbes. Ich finde in diesem Bier außer der schönen Schaumkrone nichts Herausstechendes – ein recht langweiliges Gebrauchsbier, als Beilage zum Essen recht brauchbar, für Genießer auf der Suche nach besonderen Biereindrücken dagegen völlig ungeeignet.

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Halt, doch, ich finde doch noch was ansprechendes: Die Flasche selbst. Wirklich schönes Design, schwungvoll und ungewöhnlich. Man bekommt in ihr einen halben Liter mit 5.4% Alkohol.

Oft trinke ich die Reste eines Biers in einem Cocktail. Ich liebe Biercocktails, und selbst ein eher unterdurchschnittliches Bier wie das Köstritzer Kellerbier kann als Teamplayer dann doch Stärken zeigen, die es in einer Einzelsportart nicht hätte. Zum Beispiel in einer Caipbeerinha.

Caibeerinha


Caipbeerinha
2 oz Cachaça (z.B. Velho Barreiro Gold)
2 Viertel Limette, 2 Viertel Zitrone, 6 Blätter Minze muddeln
½ oz Agave-Sirup
1 oz Helles, bitteres Bier (z.B. Köstritzer Kellerbier)


Über eins bin ich mir am Ende unschlüssig. Kellerbier oder Zwickel ist eigentlich unfiltriert. Das Köstritzer Kellerbier strahlt in fast perfekt transparentem Glanz. Entweder ich oder der Hersteller verstehen das Konzept des Kellerbiers offensichtlich nicht. Vielleicht ist das Köstritzer aber auch so industriell perfektioniert, dass gar keine große Trübung auftritt, die man ausfiltern müsste – oder besser könnte.

Für mich ist das erneut, wie so oft bei großen Konzernen, letztlich eine Verkaufsmasche, Hauptsache, man kann eine exotische Bezeichnung aufs Etikett schreiben. Schade, dabei hatte ich das Witbier dieses Herstellers über den grünen Klee gelobt. War das ein Ausrutscher? Ich werde irgendwann noch eine dritte Biersorte von Köstritzer verkosten müssen, die dann das Zünglein an der Waage sein wird.

 

Asbach vs Chantre Titel

Man genießt den feinen Geist des Weines – Chantré Weinbrand vs Asbach Urbrand

Wer in den späten 80ern aufgewachsen ist, kennt sie, die Werbungssprüche der großen deutschen Weinbrände. Am Geschmack erkennen soll man sie, fein und weich, mit Geist und was besonderes für besondere Gäste und Anlässe. So massiv wurden sie beworben in Fernsehen und Radio, dass der eine oder andere Spruch es über die Jugendkultur in den deutschen Sprachschatz geschafft hat; meist eher parodierend allerdings, und Asbach beispielsweise ist heutzutage gar nicht mehr wirklich glücklich darüber, dass ihr Produktname herablassend synonym für etwas total veraltetes gebraucht wird.

Chantré wechselte den Werbespruch immer wieder mal, doch das „nicht irgendeinen!“ blieb bei mir am meisten hängen. Man fühlt sich direkt in die Zeiten von „Ich heirate eine Familie“, „Diese Drombuschs“ und den großartigen Adventsvierteilern im Fernsehen versetzt, wenn man sich diese Spots anschaut.

Weg mit der Nostalgie, hin zum aktuellen Produkt. Auf Fernsehwerbung müssen die beiden Platzhirsche des deutschen Weinbrands, Asbach und Chantré, inzwischen verzichten. Sie sind aber immer noch sehr präsent in unserem modernen Blickfeld, nämlich an fast allen Supermarktkassen der Republik in kleinen Dosen. Ich habe mir für diesen Vergleichstest dann an eben so einer Edeka-Kasse jeweils einen 100ml-Flachmann von Asbach Urbrand (man beachte die Namensänderung)* und Chantré Weinbrand geholt.

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Der Asbach Urbrand ist zumindest von außen schonmal etwas aufwändiger aufgemacht. Ein schönes, schwungvolles Flaschendesign wirkt gut selbst bei dieser winzigen Größe. Dazu die Plastikkappe, die wohl neben dem Schutz des echten Korkens, einem wahren Luxus bei dieser Flaschengröße, auch als Trinkbecher dienen kann.

Optisch gefällt mir auch der Inhalt, die schöne Schlierenbildung im Glas weiß ich zu schätzen. Ich nehme einen Hauch von Fruchtnote wahr, leicht alkoholisch, insgesamt aber schwach und undefiniert, praktisch kaum riechbar.

Am Gaumen ist der Asbach Urbrand süßlich, zu Beginn sehr weich und cremig, später deutlich brennend auf der Zunge, dann wieder dezenter im Abgang. Geschmacklich ähnlich wie schon in der Nase zurückhaltend fruchtig, etwas schokoladig, ein Touch von Korn. Das Böse kommt zum Schluss: der Weinbrand hinterlässt eine leichte Bittere am Gaumen, und je länger man wartet, um so fuseliger wird er – nach ein paar Minuten ist der Asbach eher unangenehm trocken-bitter, schwefelig, erinnernd an kalten Zigarettenrauch.

Ich fasse zusammen: In der Nase praktisch nichtexistent, im Antrunk sehr angenehm süß, im Abgang fast schon schlimm.

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Der Chantré spart am Äußeren: ein Blechschraubverschluss und ein einfacheres Etikett mit hässlichem Barcode.

Der Geruch: Traubenmost, überreife Ananas, Anis, und eine leicht unangenehme fuselige Note. Keine sehr ansprechende Kombination, da muss ich schon zweimal riechen, um das positive zu erkennen. Der Geschmack dagegen entschädigt für die seltsame Nase: Er schwingt von sehr hell und fruchtig um auf süß, schokoladig, im Abgang trocken, etwas bitter. Im Vergleich zu spanischen Brandys, die geschmacklich ähnlich gelagert sind, hat aber auch der Chantré, wie der Asbach, enttäuschend wenig Körper.

Für den interessanten Geschmack gibt es dann aber wiederum einen Negativausgleich: ein sensationell kurzer Abgang, kaum runtergeschluckt ist der Chantré auch schon aus dem Geschmacksgedächtnis verschwunden. Auch hier verbleibt eine etwas störende bitter-trockene Schwefeligkeit: wie ich vermute ein Kennzeichen der Massenproduktion, das ich auch schon beim Carlos I entdeckt hatte.

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Ich scheue mich davor, einen der beiden für Cocktails zu empfehlen. Ihre körperlose Art bringt nichts für einen Cocktail, in dem dichter Cognac- oder Brandygeschmack gefragt ist, und der Fuselcharakter müsste durch kräftige Mitspieler ausgeglichen werden (die dann aber wiederum den eh schon zurückhaltenden Geschmack völlig übertünchen würden).

Fazit. Eigentlich haben wir hier keinen Gewinner. Der Chantré ist für mich aromatisch etwas vielschichtiger und weicher, aber letztlich enttäuschen beide Produkte. Der Asbach Urbrand hat die klar schönere Verpackung und Farbe, aber der Abgang ist grausig. Der Chantré erlaubt sich keinen ganz so schlimmen Ausrutscher, doch auch keine Eigenschaft, die ihn besonders macht – ein Langweiler vor dem Herrn. Keinen von beiden würde ich einem geschätzten Gast vorsetzen.

Man bekommt, wofür man bezahlt. Zwischen 10€ und 15€ für den Liter bei einem Weinbrand, es ist klar, welche Zielgruppe damit angesprochen wird: Der anspruchslose Effekttrinker, ganz im Gegensatz zu den Werbeversprechen. Auch die Platzierung der kleinen Flaschengrößen an der Supermarktkasse und ihre Flaschenform deutet darauf hin. Ich finde das Angebot dieser kleinen Abfüllmengen grundsätzlich immer gut, man kann dadurch probieren, bevor man die Schnapskatze im Dreiviertellitersack kauft, doch in dem Fall dieser Weinbrände steckt natürlich eine andere Motivation dahinter. Eins muss aber auch gesagt werden: Wir sprechen hier von den absoluten Basisprodukten dieser Hersteller, der niedrigsten Qualitätsstufe. Kein Hersteller bekleckert sich in dieser Qualitätsregion mit Ruhm. Zumindest Asbach hat noch ein paar deutlich attraktivere Weinbrände im Angebot.

Nach diesem etwas enttäuschenden Vergleichstest werde ich mir nun einen erfreulicheren Weinbrand eingießen, um nicht mit negativen Gedanken den Verkostungstag zu beenden. Wie sagt die Werbung doch so schön? Darauf einen Dujardin oder Mariacron, wenn der Tag zur Ruhe kommt!

* Nachtrag 07.01.2016: Ein Leser hat mich darauf hingewiesen, dass der Asbach Urbrand tatsächlich ein vom Asbach Uralt verschiedenes Produkt ist, und es sich nicht um eine Namensänderung handelt. Die Homepage von Asbach bestätigt das: Asbach Urbrand gibt es nur in kleinen Portionsgrößen (0.02l und 0.1l, dazu die „halbe“ Flasche mit 0.35l). Wenn ich die Seite richtig lese, ist der Asbach Urbrand ein einzelner Brand, während der Asbach Uralt ein Blend ist. Was ich über den Geschmack des Urbrands gesagt hatte, lasse ich aber so stehen. Vielleicht bekommt der Uralt noch irgendwann eine Chance; der 15 Jahre gereifte Spezialbrand ganz sicher.

Ein italienischer Traum – Martini & Rossi Martini Rosso Wermut

Der Titel ist etwas klobig, das gebe ich zu. Letztlich ist das aber der korrekte Name eines Getränks, das die allermeisten von uns irgendwoher kennen. Martini Rosso (italienisch für „roter“ Martini) ist der Name des Produkts, Martini & Rossi der Name der Firma, die diesen süßen Wermut seit mehr als 150 Jahren in Turin herstellt. Zusammengesetzt: Martini & Rossi Martini Rosso. Ein moderner Namensdesigner hätte sich vielleicht nicht unbedingt so einen Hirnverschwurbler ausgesucht, aber so ist das halt mit organisch gewachsenen Unternehmen und deren Produkten. Und dann gibt’s ja auch noch einen Cocktail, der auch Martini heißt… was hat der denn nun damit zu tun?

Dem Ursprung des Martini-Cocktails hat Cocktailhistoriker David Wondrich in seinem Buch Imbibe! ein komplettes Anhangkapitel gewidmet. Der „King of the Cocktails“ hat wie kaum ein anderer eine Legendenbildung um Herkunft und Namen erzeugt, und, wie üblich, ist das meiste davon zumindest unwahrscheinlich. Wondrich legt sich selbst nach extensiver historischer Forschung nicht fest; spannend zu lesen sind die möglichen Varianten auf jeden Fall, ich lege dieses Kapitel in Wondrichs Buch jedem Cocktailfreund ans Herz. Man kann nur festhalten: Der Name des Cocktails ist geheimnisumwittert, hat aber definitiv nichts mit dem Wermut zu tun – es ist reiner Zufall, dass der Wermut und der Cocktail gleich heißen.

Ich gieße nun noch ein bisschen Öl ins Feuer: Im Extremfall ist Martini-Wermut, z.B. Martini Extra Dry, hergestellt bei der Firma Martini & Rossi, dann sogar Bestandteil eines Martini-Cocktails. Man muss schon mit beiden Beinen fest in der Spirituosenwelt stehen, um das einem Laien dann noch auf die Schnelle in einer Bar, mit zwei, drei Drinks intus, verständlich erklären zu können.

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Zurück aber zum roten Wermut. Die Flasche ist klassisch, ikonisch, hat sehr hohen Wiedererkennungswert. Italienisch schwungvoll und mit großer Halsöffnung. Das Logo ist allgegenwärtig in der Barwelt – kaum ein Laden kommt ohne die großartigen, künstlerisch hochwertigen Werbeplakate vergangener Zeiten aus.

Farblich geht der Martini Rosso dann ins braunrot, fast schon bernstein. Eine wirklich ausgesprochen schöne Farbe, mit herrlichen Reflexen. Wie Name und Farbe schon andeuten, gehört der Martini Rosso zur Gruppe der italienischen/roten/süßen Wermuts, im Gegensatz zu den französischen/weißen/trockenen Wermuts. Diese Gruppierungen schließen sich nicht gegenseitig aus, es gibt beispielsweise auch weiße italienische Wermuts, doch letztlich ist das die Sprechweise im Cocktailbetrieb, wenn man eine der beiden Spirituosen meint.

Martini Rosso im Glas

Wenn man die Nase ins Glas hält, riecht man den typischen, unverkennbaren Wermutgeruch, der aus dem Wermutkraut und der (natürlich geheimen) Kräuterkombination entsteht. Es erinnert mich an Sherry, vielleicht auch einen milden Tawny-Porto – die Verwandschaft (alles sind verstärkte Weine) ist also sensorisch erkennbar.

Die Weinbasis ist dann auch beim Verkosten deutlich schmeckbar. Die Ähnlichkeit zum Sherry ist auch hier vorhanden, die Geschmacksfarbe wird aber durch eine deutliche Bittere am Gaumen und die Trockenheit abgeändert – die Kräuter würzen das ganze schließlich auf eine sehr eigene Art. Auch ist eine leichte Säure vorhanden, die der Kräuter-Wein-Mischung eine gewisse Frische gibt. Im Gegensatz zu einem anderen roten italienischen Wermut, dem Carpano Antica Formula, ist der Martini Rosso leichter, fruchtiger, heller.

Der rote Martini ist  einfach so, mit einem Spritzer Zitrone, ein herrliches Getränk: Nicht zu stark, dennoch aromatisch, ein idealer Aperitif. Aber auch der Cocktail The New Fig Leaf lässt den Wermut glänzen. Hier ist Martini Rosso der Hauptbestandteil und wird durch andere Zutaten unterstützt, ein herrlich dichtes Gesamtbild zu erzeugen – Wermut at its best, sozusagen.

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The New Fig Leaf
1½ oz Martini & Rossi Martini Rosso
¾ oz Dunkler Rum (z.B. Ron Mulata 7 Años)
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer The Bitter Truth Aromatic Bitters


Wermut ist eine vergleichsweise verderbliche Spirituose. Idealerweise kauft man sich daher möglichst kleine Flaschen, und bewahrt diese dann im Kühlschrank auf. Wer auf Nummer Sicher gehen will, versiegelt die Flasche sogar mit einer Weinpumpe – allerdings benötigt man eine, die auch mit der großen Flaschenöffnung umgehen kann, die deutlich größer als die einer Standardweinflasche ist.

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Martini & Rossi hat natürlich noch andere Wermuts im Angebot. Martini Bianco, und Extra Dry gibt es schon seit längerem; vor einiger Zeit wurden dann noch Sondervarietäten eingeführt, wie Martini d’Oro und Rosato, sowie die Edelvariante des gereiften Gran Lusso. In Kürze (erstes bis zweites Quartal 2016) wird das Portfolio noch um die Sorten Ambrato und Rubino ergänzt. Man sieht, der Wermut ist nicht totzukriegen.