Archiv für den Monat September 2015

Fass 21 scheint recht groß zu sein – Vizcaya Rum Cask No. 21 VXOP

Viele hochqualitative Rums schrecken erstmal durch einen stechenden Klebstoffgeruch ab. Auch beim Vizcaya Rum Cask No. 21 VXOP, einem ca. acht Jahre gereiften Rum aus der Dominikanischen Republik (über die Marketingmasche mit der riesigen „21“ auf dem Etikett schweige ich mal aus), kommt diese zum Vorschein. Wie immer gilt, dass man nach dem Einschenken das Glas erstmal ein bisschen atmen (zynischere Naturen würden sagen „ausdünsten“) lassen sollte, falls einen das zu sehr stört.

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Die kurze Wartezeit lohnt sich aber – sehr milde, feine, zarte Geruchsaromen wabern dann im Glas. Man erkennt schon direkt am Geruch, in welche Richtung dieser Rum gehen wird, und das bestätigt sich dann im Mund: Sehr weich und süß, im ersten Augenblick praktisch kein alkoholischer Geschmack, dabei aber nicht klebrig oder übermäßig zuckrig. Im Abgang dann taucht der Alkohol auf, aber auch hier ist der Vizcaya ein Gentlemen und brennt nicht, sondern kribbelt nur ein wenig. Er erinnert mich insgesamt stark an den Zacapa 23.

Ein dermaßen milder, zarter Rum darf natürlich nicht in Cocktails mit deftigen Zutaten vermischt werden. Sehr fein passt er aber in einen Perfect Rum Manhattan.Perfect Rum Manhattan


Perfect Rum Manhattan
2 oz Rum (z.B. Vizcaya VXOP)
½ oz Trockener Wermut (z.B. Martini Extra Dry)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
2 Spritzer The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept adaptiert nach Carlos Cuenta]


Die massive Flasche ist von der Form her sehr hübsch, und lässt die fantastische braune Farbe des Rums sehr schön für sich wirken.vizcaya-etikett

Die restliche Aufmachung ist dagegen schwach – die goldfarbene Beschriftung war bei meiner Flasche schon stark abgerieben, das braune Etikett hebt sich kaum vom Flascheninhalt ab, der goldfarbene Korkdeckelaufsatz ist aus billigem Plastik und sieht auf dem Foto viel besser aus als in echt. Da ist deutliches Verbesserungspotenzial.

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Lecker scheint dieser Rum aber wohl durchaus auch deswegen, weil er, wie viele der sogenannten „Premium“-Rums, mit Zucker heimlich nachgesüßt wurde. 28g/L Zucker (also 19g/Flasche) sind durchaus eine Hausmarke, und deswegen reicht es, trotz gutem Geschmack, zu keiner überschwänglichen Endbewertung, denn der gute Geschmack ist nicht natürlich entstanden.

vizcaya-sugarWieder eine der Flaschen, die zwar noch ausgetrunken, aber ganz sicher nicht nachgekauft wird. Auch sehe ich diese Rums, darunter den Vizcaya, nicht mehr als Sipping-Rums – ich habe nun keinerlei finanzielle Gewissensbisse mehr damit, so teure Rums in Cocktails zu vermixen. Im Gegenteil: Die Rums, die von vielen „Kennern“ als Mixer runtergemacht wurden, und nicht nachgesüßt sind, landen nun erst recht pur bei mir im Glas – denn sie sind es, die den wahren Rumgeschmack repräsentieren, nicht die Rumliköre von Botucal, Zacapa, El Dorado und Vizcaya. Dann lieber einen ehrlichen Jamaikaner, Barbadianer oder rhum agricole. Schade, dass ich all das mit dem Nachsüßen erst erfahren habe, als ich schon hunderte von Euros in Rums investiert hatte, deren Hersteller mich und andere Konsumenten schamlos mit Zusatzstoffen zumüllen.

Eine „vergessene Zutat“ wiederbelebt – The Bitter Truth Violet Liqueur

Wenn man alte Cocktailbücher durchschaut, findet man hin und wieder einen Cocktail, den man bis vor kurzem kaum selbst mixen konnte, weil eine zentrale Zutat kaum mehr zu bekommen war: Veilchenlikör, auch bekannt als crème de violette oder crème d’Yvette. Es gibt von Monin einen Veilchensirup, doch für das authentische Rezept braucht man eben einen Likör und keinen Sirup. Daher muss man The Bitter Truth, der Firma, die uns wirklich viele großartige Mixzutaten beschert hat und diese teilweise vom Totenreich wieder ins Leben gerufen hat, wirklich dankbar sein.

bittertruth-violet-flascheEine wunderbare, duftende Welle schlägt einem nach dem Öffnen der Flasche des Violet Liqueur ins Gesicht. Feines Veilchenaroma, an dem man sich kaum sattriechen kann. Der Geschmack ist ähnlich überwaltigend – natürlich überwiegt hier die extreme Süße, doch im Nachgang bleibt das Veilchen nett am Gaumen kleben. Man spürt den Alkohol kaum. Das ist nichts, was man pur trinkt, doch Cocktails wie dem Blue Moon oder den Aviation verleiht dieser Likör genau die Signatur, die sie von allen anderen unterscheiden.

bittertruth-violet-farbeSchon in der Flasche kann man das Farbenspiel zwischen dunkelblau, violett und lavendel bewundern, wenn man sie gegen das Licht hält (die Flasche ist tatsächlich durchsichtig und nicht gefärbt, allein der Inhalt macht sie so undurchsichtig, wie man sie auf dem Foto sieht).

Ein halber Liter wird wohl für das ganze Cocktailmischerleben reichen, wenn man nicht exzessiv plötzlich Cocktails wie den Blue Moon trinkt (auch wenns schwerfällt, bei einem Glas zu bleiben). Wer es noch etwas süßer will, ersetzt den Zitronensaft durch Lime Cordial, und gönnt sich damit einen Violet Gimlet.

Blue Moon


Blue Moon
2 oz Gin (z.B. Hendrick’s Gin)
½ oz Zitronensaft
½ oz The Bitter Truth Violet Liqueur


Mit Eis gut shaken und abseihen. Die übliche The Bitter Truth-Aufmachung ergänzt diese außergewöhnliche Remineszens an alte Zeiten: Eine schön geformte, dicke Flasche mit einem qualtitativen Schraubverschluss, ein elegant designtes Etikett. Kaiserin Sissi von Österreich, ein bekennender Fan von Veilchen-Produkten, wäre begeistert gewesen.

Turin macht nicht nur Autos – Carpano Antica Formula Wermut

Wermut galt lange Zeit als persona non grata in der Cocktaillandschaft, warum genau, das weiß heute wahrscheinlich niemand mehr – vielleicht eine Gegenreaktion der Cocktailwelt der 80er und 90er gegen eine der Standardzutaten der Cocktailwelt davor. Eine nette Anekdote wird über weißen Wermut immer wieder erzählt: Für einen Martini genüge es, Vodka ins Glas zu tun, eine Flasche Wermut fest zu packen, leise über den Vodka das Wort „Wermut“ zu flüstern, und dann die Wermutflasche wieder ins Regal zu stellen. Wenn Sie sich also je gefragt haben, was die gutgekleideten Herren und Damen auf den Cocktailparties der 60er in ihren Martinigläsern hatten: Es war gut gekühlter Vodka unter dem Decknamen Martini.

Die meisten kennen roten/süßen/italienischen Wermut (je nach Rezept wird zumindest eines dieser Adjektive zur Beschreibung dieser Art von Wermut benutzt) wahrscheinlich als Martini Rosso oder Cinzano Rosso. Und wenn die beiden Italiener heutzutage vielleicht die bekanntesten Vertreter der Gattung sind, ist Carpano doch der Erfinder. Und seine Antica Formula ist ein Wermut, den man nicht mehr vergisst, wenn man ihn mal probiert hat.

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Martini Rosso ist fruchtig, eher süßlich. Carpano Antica Formula ist geschmacklich tiefdunkel, würzig, bitter, holzig und gibt jedem Getränk ein brummendes, tiefes, hocharomatisches Gefühl. Ich mag Martini – aber ich liebe die „alte Formel“, die jeden anderen Wermut an Charakter klar übertrifft. Vermischen Sie ihn zum Beispiel in einem The Right Hand und spüren Sie den Unterschied am eigenen Leib. Ein Cocktail, so dicht, ich könnte drin baden.

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The Right Hand
1½ oz Dunkler Rum (z.B. El Dorado 12 Jahre)
¾ oz Carpano Antica Formula
¾ oz Campari
2 Spritzer Schokoladenbitter (z.B. von The Bitter Truth)


Die opulente Literflasche mit verschnörkeltem Etikett und dem roten Verschluss ist sehr repräsentativ, altmodisch und hat sich, passend zum Namen, nicht an die moderne, flashige Designwelt angepasst – gott sei dank. Auch wenn Carpano Antica Formula deutlich teurer ist als die anderen italienischen Wermuts (neulich habe ich aber sogar eine Halbliterflasche gesehen, als Kompromiss sozusagen), Sie sollten es riskieren. Jeder Cocktail, und damit Sie sich selbst, werden es Ihnen danken.

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Wermut verliert durch Oxidation relativ schnell seine Aromen und verdirbt. Idealerweise benutzt man daher eine Weinpumpe, um die Oxidation zu verlangsamen.

10 Flaschen Bier an der Wand – Die Hausbar, Kapitel 3: Ein Heim für Flaschen

Nun haben wir also ein paar Flaschen eingekauft, und uns etwas Handwerkszeug zugelegt. Schnell stellt sich die unausweichliche Folgefrage: Wo lagern wir das ganze Zeug? Persönlich bin ich ein Fan davon, zu zeigen, was man hat. Also käme für mich kein „Giftschrank“, also eine Vitrine mit geschlossener Tür, in Frage. Ein Traum wäre natürlich eine professionelle Bar, mit Deckenschiene und verspiegelter Auslage. Doch das ist selbst für den ambitionierten Normalbürger meist nicht realisierbar. In diesem Artikel möchte ich daher eine preisgünstige, aber dennoch optisch was hermachende und dabei auch funktionale Lösung vorstellen.

Ein Blick in den umfangreichen Katalog eines großen schwedischen Möbelhauses liefert das Grundgerüst. Das Ikea-KALLAX-Regal ist eine perfekte Basis für ein dezent zurückhaltendes Spirituosenregal. Für 79€ bekommt man das Regal mit 4×4 Fächern, in den Abmessungen 147×147 cm – da sollte genug Platz für viele Flaschen sein. Ein Fach ist hoch genug für Standardflaschen – solche Türme wie Galliano, Brugal Titanium oder Boven’s Arrak passen aber nicht rein, das wäre auch zuviel verlangt. Der Aufbau ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Es ist wirklich empfehlenswert, eine zweite Person als Hilfe dabeizuhaben. Und man darf auch den Platzbedarf beim Aufbau nicht unterschätzen!

Ist das Regal mal aufgebaut und an die Wand gestellt, kann man auch schon direkt beginnen, es mit den gesammelten Flaschen zu befüllen. Man muss sich überlegen, wie man die Ordnung organisiert – Flaschen, die man oft braucht, sollten nicht hinten stehen; Flaschen, die man besonders präsentieren möchte, sollten oben auf dem Regal stehen; und eine Ordnung nach Spirituosengattungen ist vielleicht empfehlenswert, damit man nicht so lange nach einer Flasche suchen muss. Die alte Supermarktregal-Regel gilt auch hier: In Augenhöhe die guten Sachen; ganz unten, wo man sich bücken muss, die Sirups, Säfte und andere unedle Ware.

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Besonders spektakulär wirkt so ein Raumtrenner-Regal natürlich, wenn man den Platz hat, es auch als Raumtrenner einzusetzen. Wenn dann noch das Licht durch die Fächer und darin aufbewahrten Flaschen strahlt… Nun, ich habe leider nicht so viel Platz. Aber auch an der Wand macht sich das Regal gut.

hausbar-regale3Um die Baratmosphäre zu komplettieren, kann man eine LED-Lichterkette am Rand des Regals installieren. Die „blaue Stunde“ hat bei mir dadurch inzwischen eine ganz eigene Bedeutung bekommen!

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Das Kallax-Regal gibt es in unterschiedlichen Formen und Farben. Ich habe mir gleich noch einen 2×2-Würfel geholt, den ich als Arbeitsfläche und Abstellregal für Gläser nutze. Ist zwar manchmal ein bisschen eng, aber es geht schon. Die Fläche habe ich teilweise mit Barmatten ausgelegt, um auch mal was zum Abtropfen hinstellen zu können, und überlaufende Gläser nicht dazu führen, dass klebrige Flüssigkeit am Rand runterlaufen kann.

hausbar-kleinesregalDie Fächer können, wie gesagt, zum Gläsereinstellen genutzt werden. Ikea bietet auch Einschiebfächer und Kästchen an, die man ins Regal schieben kann als Schüttraum; richtig stylish wird die Bar aber, wenn man Kartons von beliebten Spirituosen als Schüttfächer benutzt. Dazu einfach im nächsten Supermarkt nachfragen, ob man einen der Kartons, bevor die ihn wegwerfen, mitnehmen kann. Jack Daniel’s Old No. 7-Kartons beispielsweise passen perfekt in das Kallax-Regal.

hausbar-schublade1Dazu schneidet man dann nur oben die Klappflächen ab, und kann dann Ausgießer, kleine Nutzflaschen oder anderes Zeug in den Karton werfen und elegant verstauen.

hausbar-schublade2Ich bin mit dieser Lösung sehr zufrieden. Bei mir wird der Platz allerdings schon wieder knapp, und ich bin am Hin- und Herräumen. Die Rums, die früher oben auf dem prestigeträchtigen Regaldach standen, mussten nun den Bourbons Platz machen, und sich mit darunterliegenden Fächern begnügen. Eine Idee, um noch mehr aus der Tiefe des Regals herauszuholen, ist, die Kartons und Geschenkdosen, in denen manche Flaschen verkauft werden, als zusätzliche Ebene einzusetzen. Das würde ich aber nur empfehlen, wenn das Regal wirklich an der Wand steht.

hausbar-schachtelnalsebeneIst man mit der Einrichtung und Dekoration fertig, ist so ein Barregal ein echter Blickfang, der jeden Gast in seinen Bann zieht. Kenner suchen direkt nach ihren Lieblingsspirituosen, Uneingeweihte sind baff und es entsteht sofort ein Gespräch darüber. Und auch selbst, das garantiere ich, steht man immer wieder mal vor dem Regal und schwärmt, ganz privat, für sich, vor sich hin…

Sierra Tequila Silver Mixto Titel

Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

Für viele ist das Wort Tequila synonym zu Sierra Tequila. Kein Wunder, als Marktführer in Deutschland mit einem absolut unverkennbaren Markenzeichen, dem Hut auf dem Drehverschluss (nein, er ist keine Zitronenpresse und hat auch sonst keine Funktion außer zu dekorieren!), und einiger verrückter, einprägsamer Werbespots läuft die Marketingmaschine rund – und in jedem Supermarkt ist er, meist als einziger Tequila, zu finden.

Und dennoch kommt entgegen der Werbung oft die entsetzte Antwort, dass man natürlich keinen Tequila probieren will, wenn man Neulingen etwas vorsetzen will – denn sie kennen nur Sierra Tequila, und das meist aus einem Umfeld, in dem man keinen Schnaps gut erinnert: Billige mexikanische Imbissrestaurants, Saufparties, Studentengelage oder All-you-can-drink-Events, bei denen es eigentlich egal ist, was man trinkt, solange es knallt. Dieses Image belastet jeden Tequila in Deutschland bis heute, und Sierra trägt leider einen nicht unerheblichen Anteil daran, selbst wenn es vom Hersteller gar nicht unbedingt beabsichtigt sein muss.

Sierra Tequila Silver Mixto Flasche

Dass Sierra Tequila entsprechend für viele Tequilaconnoisseure mit „Rachenputzer“ gleichgesetzt wird, ist sehr schade und tut diesem Mixto (zu diesem Begriff siehe weiter unten mehr) etwas unrecht, denn so schlecht ist er nicht – ja, das ist kein Tippfehler. Manch einer mag sich erinnern, wie sehr ich den Blanco in einer früheren Version dieses Artikels runtergeputzt hatte („Bremsflüssigkeit“, „widerwärtig“ und „eklig“ waren von mir verwendete Wörter, für die ich mich eigentlich entschuldigen sollte). Nach einer von Schnapsfreunden praktisch erzwungenen Wiederbesichtigung dieses Brands hebe ich nun leicht zerknirscht die weiße Flagge und mache einen Teilfrieden mit Sierra Tequila.

Insgesamt und erneut betrachtet hat Sierra Tequila Mixto Blanco mit einem wahrhaft guten Tequila für mich persönlich aber immer noch nicht so arg viel zu tun außer dem Namen. Schon beim Öffnen der Flasche springt einem ein säuerlich-metallischer Geruch entgegen, der mit dem Duft, den ich sonst mit Tequila verbinde, nicht wirklich vergleichbar ist. Eine milde, sehr süße Obstfruchtigkeit ersetzt die sonst von mir geliebte würzige Agavennote. Im Geschmack ist es dann ähnlich – etwas metallisch, grasig, eine erkennbare Alkoholnote. Trotz seiner ansprechenden Weichheit und Cremigkeit ist er mir zu körperarm und flach, dafür mit einem angenehmen Feuer im Abgang. Letzterer ist sogar mittellang und recht prägnant, wenn auch leicht seifig. Man sieht, meine wilde, zornige Ablehnung habe ich etwas überdacht; ein gewisses Desinteresse ersetzt sie.

Sierra Tequila Blanco und Reposado (auch vereinfachend als „silber“ und „gold“ bekannt) fallen in die Kategorie der Mixtos, also der Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden, sondern mit bis zu 49% auch aus anderen, dann halt praktisch immer billigeren, Zuckerarten wie Rohrzucker hergestellt werden kann. Das ist legal und im mexikanischen Tequila-Gesetz auch so geregelt: Es darf sich dann immer noch „Tequila“ nennen. Da der Geschmack natürlich von der Agave kommt, ist bei einem Mixto immer ein Einschnitt diesbezüglich zu erwarten. Meist werden Mixtos zur Kostenreduktion in Bars eingesetzt, und da der deutsche Kunde kaum weiß, wie ein Tequila zu schmecken hat, geht das auch meistens durch. Leider, denn man muss klar sagen: Ein Mixto, egal welchen Herstellers, ist eine Minderqualität des Tequila, mit der man sich nicht zufrieden geben sollte.

sierratequila-sortenZur Flasche – mir gefällt das Flaschendesign, ehrlich. Sierra lässt sich auch hin und wieder was neues einfallen, wie die komplett geschwärzten Sonderausgaben. Wenn sie nun noch Etiketten machen könnten, die nicht so arg simpel daherkommen (die etwas lasche Karikatur eines Mexikaners mit der Gitarre vor dem Kaktus), und diesen dümmlichen Sombrero von der Flasche nehmen würden, könnte ich mich mit dem Markenimage anfreunden. So passt sich einfach alles in das Saufgelage-mit-Quantität-statt-Qualität-Schema ein.

Leute, tut Euch den Gefallen, und kauft, selbst wenn es nur um die Wirkung geht, einen 100%-Agave-Tequila, den man für nur minimal mehr Geld bekommt – wenn man noch nie einen guten 100%-Agave-Tequila getrunken hat, wird man Bauklötze staunen, wie groß dieser Qualitätsunterschied ist. Wenn man unbedingt sparen muss und billigen Schnaps benötigt, wäre es aus meiner Sicht dann vielleicht sogar besser, komplett auf Tequila zu verzichten, denn Mixtos haben in der Regel auch ein schlechteres ökologisches Profil als 100%-Agave-Tequilas und andere negativen Eigenschaften, auf die man als moderner, interessierter Spirituosenfreund gern verzichtet.

Benchmark-Bourbon – Maker’s Mark Kentucky Straight Bourbon Whisky

Es gibt Spirituosen, die findet man fast in jeder Bar, und in jedem Restaurant mit halbwegs vernünftiger Getränkekarte. Der Maker’s Mark Kentucky Straight Bourbon Whisky (das amerikanische „e“ fällt laut Etikett hier weg) ist eine davon. Für viele definiert er, wie ein guter Bourbon zu schmecken hat – ein Bezugspunkt in Diskussionen, denn diesen Whiskey hat jeder schon getrunken, der sich mit der Materie auch nur ansatzweise ernsthaft auseinandersetzt, und seine leichte Erhältlichkeit in fast jedem Supermarkt trägt auch dazu bei.

makersmark-flascheFür meinen Geschmack hat er ein bisschen eine zu säuerliche Note, ich mag meine Bourbons karamelliger und süßer – der Einsatz von Weizen statt Roggen in der Mash Bill des Maker’s Mark ist wahrscheinlich nicht der Grund dafür, denn Weizen ist eher für eine Milde zuständig. Dennoch ist der Maker’s Mark ein Beispiel dafür, dass man bereits mit 20€ in das hochklassige Segment amerikanischen Whiskeys vorstoßen kann, etwas, das beispielsweise bei schottischen Single Malts völlig undenkbar ist.

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Ein grundsolider Bourbon also, der bei mir mit seinen 45% als Cocktailzutat beste Dienste leistet; für den puren Genuss gibt es für mich aber dann doch attraktivere Whiskeys. Was allerdings die Aufmachung angeht, mit dem sehr gelungenen Flaschendesign, durch das man die Flasche sofort auf jedem Barregal erkennen kann, dem dezenten aber eleganten Etikett sowie dem Markenzeichen, dem roten Siegellack, der den Plastikschraubverschluss verdeckt, hat die Beam-Tochtergesellschaft alles richtig gemacht.

Wer das alte Herrengedeck noch kennt und schätzt, fühlt sich beim Beggar’s Banquet sicherlich wohl, auch wenn der Name nicht wirklich politically correct ist. Ich mag Biercocktails; dies ist ein besonders leckerer, der amerikanische Destillier- mit saarländischer Brau- und kanadischer Baumsaftabzapfkunst zu einem großen Ganzen vereint.

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Beggar’s Banquet
2 oz Maker’s Mark
¾ oz Ahornsirup
¼ oz Limettensaft
2 Spritzer Angostura
Auf Eis schütteln, und dann mit Bier (z.B. Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle) aufgießen


Gerade Einsteiger in den Bourbon können hiermit sichere erste Schritte machen. Auch als Referenz gegenüber dem Massenmarkt bildet er das Tor zur gehobenen Klasse, und die paar Euro, die er mehr kostet als z.B. der Jim Beam White Label oder andere Massenwhiskeys sollte jeder investieren, der nicht nur auf die reine Alkoholwirkung aus ist; denn der Qualitätsunterschied ist dann doch schon enorm.

Und wer diesen Whiskeystil mag, sollte auch mal einen Blick nach Deutschland werfen: Sasse Münsterländer Lagerkorn wird auch aus Weizen hergestellt und ist nicht schlechter als der Maker’s Mark.

Wenn einer eine Reise tut – The Bitter Truth Cocktail Bitters Traveler’s Set

Cocktail Bitters sind so langsam wieder im Kommen. Waren sie lange vergessen, tauchen sie hin und wieder auf Cocktailkarten guter Bars auf, und für den distinguierten Cocktailmixer gehören sie selbstverständlich nun auch im Privatgebrauch zur Pflicht, um dem Mischgetränk den letzten Schliff, den leichten Twist oder die endgültige Rundung zu geben.

Selbstverständlich ist ein Cocktail Bitter nicht dazu gedacht, ihn pur zu trinken – man muss sich den Geschmack in etwa vorstellen wie doppelt konzentrierten Underberg. Ein Tropfen auf die Zunge, und man schmeckt eine halbe Stunde lang nichts mehr; daher kommt ein Bitter auch nur in Tropfen- oder höchstens Spritzerform zum Einsatz, weswegen die kleinen Flaschen, die in diesem Set enthalten sind, durchaus lange halten.

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In einer schön gestalteten, dicken Blechdose, die man am oberen Ende öffnen kann, finden sich 5 Sorten Cocktailbitter, die als Grundausstattung in jede auch noch so kleine Hausbar gehören. Jeder ist in einer kleinen Tropfenflasche mit Schraubdeckel, Dosiereinsatz und einem wunderschönen, wenn auch wegen der Winzigkeit schwer lesbaren Etikett. 30% Alkohol sind auch nicht von schlechten Eltern.

Original Celery Bitters
Diese nutze ich für Getränke, die eine leichte Gemüsenote vertragen können.

Orange Bitters
Die feine Orange gibt fruchtige, frische, helltönige Klänge an jedes Getränk.

Créole Bitters
Ein durchaus passabler Ersatz für die schwer zu bekommenden Peychaud’s Bitters, eine Zutat für den klassischen Sazerac. Haben auch einen ähnlichen Färbeeffekt. Bittersüßlich.

Old Time Aromatic Bitters
Eine geheimnisvolle, helle Würze, erzeugt durch diesen Bitter, macht selbst aus einem einfachen Manhattan ein Spektakel voller Nelken und anderen Backgewürzen.

Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Das sind aromatische Bitter nach dem Originalrezept des Großvaters aller Cocktails, ultra-bitter und vom Geruch her an die Maggi-Flüssigwürze erinnernd. Sind die Old Time Aromatic Bitters hell, dann sind diese Bitter hier tiefstdunkel. Für Cocktails, die einen bösen kleinen Kick vertragen können.

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Ich werde diese Bitter auf jeden Fall auf jede längere Reise mitnehmen, denn sie machen aus einem mittelmäßigen Cocktail, und die meisten Hotelbars bieten leider nur mittelmäßige Cocktails (wenns gut läuft!), einen passablen Cocktail, und aus einem guten einen sehr guten.

Meist setzt man die Bitter einzeln ein; hin und wieder findet man auch Rezepte, die mehrere der Bitter gleichzeitig verwenden, um die Gesamtkomplexität des Drinks noch zu steigern und in Nuancen zu verändern. Ein Beispiel dafür ist der Metropole.

Metropole


Metropole
1½ oz Cognac (z.B. Hennessy VS)
1½ oz französischer Wermut  (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
1 Spritzer The Bitter Truth Orange Bitters
2 Spritzer The Bitter Truth Créole Bitters


Viele dieser Bitter gibt es auch als 200ml-Flasche; das ist dann für den häufigeren Gebrauch, wenn man seinen Lieblingsbitter gefunden hat. Daher kann dieses Set auch als Einstiegs- und Entscheidungshilfe dienen.

Raus aus dem Brunnen, Drachenkönig – Tea Pavilion Lung Ching Grüner Tee

Der Drachenbrunnen-Tee, chinesisch 龙井 [longjing], ist wahrscheinlich einer der berühmtesten Grüntees der Welt. Tea Pavilion bevorzugt leider bei ihrem Etikett die veraltete Wade-Giles-Transkription (bei ihren anderen Tees halten sie sich dann aber an Pinyin) und schreibt daher „Lung Ching“ auf den silbernen Aromabeutel.

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Die Tees von Tea Pavilion aus Berlin sind von hervorragender Qualität. Ganze Blätter, teilweise leider etwas abgebrochen, fast ohne Ausschuss wie Stengel oder Krümel, mit einer sehr schönen, kräftigen, aber immer noch grünen Farbe. Den Longjing von Tea Pavilion kann man guten Gewissens 2-3 mal aufbrühen.

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Einen edlen Tee wie den Longjing muss man vorsichtig behandeln. Ich bereite den Tee in einer kleinen Yixing-Keramik-Teekanne tassenweise zu, nach den Empfehlungen auf dem Aromabeutel, mit 80° Wassertemperatur. Nur relativ kurz ziehen lassen, 2-3 Minuten, sonst wird er schnell extrem bitter, wie das bei allen Grüntees der Fall ist.

Bereitet man ihn korrekt zu, ist der Longjing ein wunderbar erfrischender, grasig-holziger, nussiger, angenehm bitterer Tee mit leichtem Stroharoma und einem fantastischen Volumen im Mund. Wie bei allen Qualitätstees aus China, die nicht im Beutel kommen, muss man auch hier nicht nachsüßen: Diese Tees bringen von sich aus genug Aromen und Süße mit sich. Der Longjing-Tee ist etwas für den ganzen Tag, als Kaffeeersatz in seiner Würze gut geeignet, weniger für den Morgen oder Abend, da will ich lieber was cremigeres.

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Natürlich hat diese Qualität ihren Preis. Doch man sollte sich klarmachen: Alles, was man im Beutel kauft, aber auch der meiste Losetee in der Riesendose aus dem Teehandel, ist mindere Qualität, oft der Ausschuss, der nach dem Aussortieren der höheren Handelsklassen übrigbleibt. Für halbwegs guten chinesischen Grüntee muss man im absoluten Minimum 10€/100g rechnen – da ist man mit knapp 15€/100g bei Tea Pavilion nur wenig drüber.

Vier Körner sollt ihr sein – Koval Four Grain Single Barrel Whiskey

Die vier namengebenden Getreidesorten sind bei dem Koval Four Grain Single Barrel Whiskey Hafer, gemälzte Gerste, Roggen und Weizen. Bis auf den Hafer erstmal nichts wirklich ungewöhnliches; viele Bourbons verwenden neben Mais noch Gerste und Weizen (wie Maker’s Mark) oder Gerste und Roggen (wie Basil Hayden’s), doch selten findet man alle drei auf einmal in einer mashbill. Wenn dann noch ein für den Whiskeyfreund praktisch unbekanntes Getreide, der Hafer, dazukommt, ist das schonmal per se spannend und muss dringend verkostet werden.

Koval Four Grain

Geruchlich erinnert der Four Grain deutlich eher an Jack Daniel’s Old No. 7 als an einen Bourbon oder Rye. Die beworbene Bananennote ist klar erkennbar – kommt sie vom Hafer? Noch grünliche Banane, würde ich sogar sagen, es ist eine minimale Grasigkeit mit in der Nase. Eine deutliche, aber nicht unangenehme Alkoholnote bringt die Nasenhärchen zum zittern.

Im Mund auf der Zunge erstmal ein paar Sekunden sehr süß und weich, bis plötzlich die Bombe platzt und der Whiskey seine 47% freisetzt – dann explodiert er am Gaumen, mit sehr viel Würze, Holz und Eiche, und einem in seiner Plötzlichkeit sehr überraschenden Alkoholbrennen. Speichelfluss versucht, die geschockten Aromaknospen wieder zu beruhigen, was ihm auch recht schnell gelingt – und die betörende Süße kommt zurück und verbleibt eine respektable Weile in den Backentaschen, am Zahnfleisch und im Rachen. Ein leichtes Kitzeln bleibt ebenso zurück.

Ein außergewöhnliches Mundgefühl. Ich kann mir vorstellen, dass das manchen zu drastisch ist; auch der wirklich hochinteressante Wechsel zwischen Süße und Würze ist bestimmt nicht jedermanns Sache – ich finde das alles großartig. Das ist ein Whiskey, der alles hat – runde Süße, deftige Schärfe, tiefe Würze, und diese Eigenschaften wie ein Daumenkino vor einem aufblättert.

Koval Four Grain Etikett

Eine etwas blasse, senfgelbe Farbe kommt in den kleinen 0,1l-Fläschchen etwas wenig zur Geltung. Etikett und Aufmachung sind zurückhaltend; auf dem Rückseitenetikett steht die Fassnummer, eine Pflichtangabe bei Single-Barrel-Abfüllungen (meine Abfüllung stammt aus Fass #411).

Auch für den Four Grain gilt der griffige Marketingspruch der Koval-Distillerie, der eigentlich fast alles zusammenfasst, was man über deren Bio-Whiskeys wissen muss.

Small Batch. Single Barrel. Unfiltered. Heart cut. Organic.

So sieht für mich die Zukunft des Whiskeys aus. Wenn einem dieser Whiskey schmeckt, kann man übrigens auch mal einen Blick auf die anderen Sorten der Koval-Distillerie werfen, wie den Millet Whiskey, oder den Single Barrel Bourbon.

Ich bin der Mann des bleichen Ales nicht – BraufactuM Palor Hopfenbetontes Pale Ale

Man soll ja als ehrlicher Rezensent angeben, woher man eine Probe des getesteten Produkts hat – das fällt mir hier leicht: Ich habe diese Flasche BraufactuM Palor Hopfenbetontes Pale Ale von meinem geschätzten Kollegen Gerhard erhalten, als kleine Geburtstagsaufmerksamkeit. Da er neben seiner Arbeit auch noch ein hervorragender Fotograf ist, hat er gleich noch einen künstlerischen Eindruck des Biers, besser als ich es je schnappschießen könnte, mitgeliefert.

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Foto © 2015 Gerhard Müller

Zur Flasche selbst fällt einem das schöne 50er-Jahre-Retro-Etikett auf, im Briefmarkenstil mit etwas Informationen zu verwendeten Zutaten. Die neue, in diesem Bier scheinbar erstmals in Deutschland verwendete Hopfensorte Polaris wird darauf angepriesen. Sie dient wohl als Aromahopfen, der, oft in Kaltstopfung, nur dem Aroma des Biers dienen soll, nicht, wie der Standardbitterhopfen im Pils beispielsweise, der Haltbarmachung und reinen Bitterkeit.

Die Hopfensituation wurde im Barmagazin Mixology 4/2014 sehr interessant erläutert – fast die Hälfte des weltweit gebrauchten Hopfens ist inzwischen für Craftbier reserviert (hauptsächlich dann halt Aromahopfen), wobei Craftbier selbst nur unter 10% der gesamten Bierherstellung ausmacht. Die neuen Biere sind so hopfenintensiv, da wird der Markt so langsam knapp. Fast die Hälfte des weltweit verfügbaren Hopfens wird in Bayern produziert – da sieht man, was Bier angeht, ist in Deutschland noch lang nicht Hopfen und Malz verloren.

Genug gelabert, Flasche geöffnet und eingegossen. Die Farbe strahlt schonmal, ein kräftiges Terracotta erfreut die Optik. Die Bezeichnung „Pale“ des Pale Ale scheint ad absurdum geführt – nein, bleich ist ein Pale Ale nur im Vergleich zu den britischen Brown und Dark Ales, die es lang vor den Pale Ales gab.

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Im Glas macht sich ein feiner Schaum breit, die dünne Schaumkrone bleibt lang stehen. Feinperlend blubbert das Ale lange vor sich hin. Ein Duft nach Blumen, Hopfen, leichter Zitrusgeruch ist wahrnehmbar.

Entsprechend der Biersorte ist dann eine klare Bitterkeit bereits im Mund vorhanden, Grapefruitnoten drängen in den Vordergrund, insgesamt wirkt das Bier aber dennoch eher dunkeltönig. Ein kraftwürziger, deftiger Abgang, nicht mild wie andere hopfenbetonten Biere, komplettiert das Geschmacksprofil.

So weit, so gut: Doch es gibt auch was zu meckern. Die Bitterkeit bleibt lange am Gaumen, aber fast kein Geschmack. Dazu fehlt mir etwas Körper oder Volumen. Die Aromen und Geschmäcker sind oberflächlich und gehen nicht in die Tiefe, wie ich das von anderen Pale Ales, gar nicht zu sprechen von IPAs, kenne. Das Palor erinnert mich mehr an ein stark gehopftes Pils.

Ein interessantes Bier, aber vielleicht ist Polaris als Hopfen nicht mein Geschmack. Da ich noch nicht äußert viel Erfahrung mit Pale Ales habe, will ich das Bier aber gar nicht abwerten; es muss ja nicht immer die Aromaexplosion sein, manchmal ist ein zarteres Bier auch eine wünschenswerte Alternative.